Epernay: Kreisel am Auftakt der Avenue de Champagne. Foto: Hilke Maunder
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Épernay: die prickelnde Avenue

Épernay! Die Stadt mit einem der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Frankreichs lebt vom Prickeln. In ihren Kellern reifen weltberühmte Champagner heran. Dicht an dicht säumen weltberühmte Champagnerhäuser die Avenue de Champagne.

Mehr als einen Kilometer lang ist diese schicke Allee, und seit 2015 gehört sie zum Welterbe. Überirdisch wie unterirdisch ist das Kulturerbe außergewöhnlich und einzigartig.

Épernay: Champagne Michel Gounet. Foto: Hilke Maunder
Champagne Michel Gounet. Foto: Hilke Maunder

Labyrinth in der Kreide

Vom frühen 18. Jahrhundert und während des gesamten 19. Jahrhunderts wurden unter der Straße lange Stollen angelegt. In diesen Kellern lagern auf mehr als 1100 Kilometer Länge mehr als 200 Millionen Flaschen Champagner. Einige der Keller sind direkt mit dem Kanal oder mit der Gleisstrecke der Eisenbahn verbunden.

Erst im 19. Jahrhundert entstanden die prachtvollen Residenzen im Stil der Neorenaissance neben den Produktionsstätten. Besonders prachtvolle Residenzen heißen in Épernay châteaux.

Épernay: Moët & Chandon . Foto: Hilke Maunder
Bereits 1743 errichtete das Champagnerhaus Moët & Chandon seinen Stammsitz an der Avenue de Champagne. Foto: Hilke Maunder

Der älteste Keller von Épernay

Größtes und ältestes Haus der Straße ist das eindrucksvolle Domizil von Moët & Chandon. Das Champagnerhaus, das seit 1987 zum Luxusgüterkonzern LVMH gehört, errichtete bereits 1743 seinen Stammsitz an der berühmten Straße.

Seine Ursprünge liegen nicht in der Herstellung, sondern im Handel. Firmengründer Claude Moët (1683–1760) hatte begonnen, Wein aus der Champagne nach Paris zu exportieren.

Sein Enkelsohn Jean-Rémy Moët (1758–1841) erstand im Jahr 1794 das ehemalige Kloster Hautvillers, in dem Dom Pérignon als Mönch einst die Herstellung des vom ihm „erfundenen“ Champagners verfeinert hatte.

Épernay: Moët & Chandon. Foto: Hilke Maunder
Auch diese Bauten gehören zum riesigen Komplex von Moët & Chandon. Foto: Hilke Maunder

Champagner-Siege

Bereits 1781 hatte Jean-Rémy Moët einen Mann kennengelernt, der viele Jahre später zum berühmtesten Botschafter und Werber der Marke wurde: Napoléon Bonaparte.

Als Jean-Rémy Moët den späteren Kaiser der Franzosen kennenlernte und mit ihm Freundschaft schloss, besuchte jener noch in der Champagne die Militärschule von Brienne-le-Château. Später nahm Napoléon I. auf seinen Feldzügen stets nur den Champagner von Moët mit – und machte ihn so weltberühmt.

Épernay: Bei Moët & Chandon erinnert an Denkmal an den Mönch Dom Perignon. Foto: Hike Maunder
Bei Moët & Chandon erinnert an Denkmal an den Mönch Dom Perignon. Foto: Hike Maunder

Das Riesenfass

Bei Mercier steht in der Eingangshalle ein Holzfass. 1.600 Hektoliter fasst es. Eugène Mercier hatte es extra für die Weltausstellung 1889 mit 20 Ochsenpaaren nach Paris transportieren lassen – als die Attraktion Frankreichs. Das Fass von Mercier erhielt den zweiten Preis nach dem Eiffelturm!

Von dort geht es nach einem Einführungsfilm mit einem Audioguide in deutscher Sprache auf dem Kopf in den Aufzug. 30 Meter tief im Kreideboden von Épernay wartet eine kleine elektrische Bahn auf euch.

Mit dem Zug fahrt ihr durch den 18 km langen Keller, seht kunstvolle Wandfriese und Lagerräume. „Champagner für alle bei stets hoher Qualität“ war das Credo bei Mercier. Ob dies bis heute gilt, könnt ihr bei der Verkostung selbst einmal durchprobieren.

Prickelnde Aussichten

Épernay: De Castellane. Foto: Hilke Maunder
De Castellane an der Rue de Verdun. Foto: Hilke Maunder

Nicht an der Avenue de Champagne, aber in Sichtweite, findet ihr an der Avenue Verdun ein Haus, das bereits optisch ein echter Hingucker ist: De Castellane. Sein 66 m hoher Turm eröffnet weite Ausblicke auf die umliegenden Weinberge. Die Produktionsanlagen erstrecken sich 200 Meter lang entlang der Eisenbahnlinie Paris-Straßburg.

Die Bahngleise sind bis heute sein wesentliches Kapital. Sie erlauben dem Champagne de Castellane, alle Produktionsanlagen am selben Standort unterzubringen: vom Bottichraum bis zur Flaschenabfüllung und dem Versand, einschließlich der sechs Kilometer Keller, die in den Hügel von Épernay gegraben wurden. Und auch hier endet jede Führung mit einer berauschenden Degustation.

Épernay: Schmucke Villa an der Avenue de Champagne. Foto: Hilke Maunder
Schmucke Villa an der Avenue de Champagne. Foto: Hilke Maunder

Welterbe mit Hinterstube

Épernay vereint exemplarisch alles, was die Champagnerherstellung ausmacht. Im Ort sind alle Elemente traditionell handwerklicher wie auch moderner industrieller Champagnerherstellung vereint. Die Produktions- und Vertriebsketten des Luxusgetränks sind durchgängig hier zentralisiert, und das seit Jahrhunderten.

Ihr findet hier Kalksteinkeller, die seit der Antike für die Weinherstellung genutzt wurden – erst für gallo-römische Tropfen, dann für mittelalterliche Weine, später für die Champagnerherstellung.

Épernay: Boizel. Foto: Hilke Maunder
Boizel an der Avenue de Champagne. Foto: Hilke Maunder

Épernay zeigt zudem eindrücklich, wie sehr die Champagnerhäuser Einfluss hatten auf die städtebauliche Infrastruktur. Dort, wo es wichtig war, Macht und Einfluss zu zeigen, ist alles prachtvoll und repräsentativ: die Villen, die Parks, die sichtbaren Bereiche der Champagnerherstellung, die öffentlich zugänglichen Keller.

Doch jenseits der prachtvollen Avenue de Champagne und den nahen, von Mauern umgebenen Gärten des prunkvollen Rathauses ist Épernay eine Stadt, die deutlich zeigt, dass nicht alle am Wohlstand teilhaben.

Viele Straßen, durch die man beim Bummeln Richtung Bahnhof oder Parkplatz kommt, sind charmefrei. Nüchterner Beton, mitunter verwahrlost. Hinterstuben im Herzen der Champagnerstadt.

Das Rathaus von Épernay. Foto: Hilke Maunder
Das Rathaus von Épernay. Foto: Hilke Maunder

Wiege des Champagners: Colline Saint-Nicaise

Die herrliche Lage macht dies mehr als wett. Épernay liegt direkt an der Marne. Jenseits des sich sanft schlängelnden Flusses säumen seit vielen Jahrhunderten Weinhänge die Colline Saint-Nicaise. Als Wiege des Champagners gelten die Rebhänge zwischen Cumières und Mareuil-sur-Aÿ.

Auch dort findet ihr die gesamte Palette an Zeugnissen der jahrhundertealten Wein- und Champagnerherstellung: Weinpressen und Winzerhäuser, Genossenschaften und Champagnerhäuser … entdeckt sie auf der Route du Champagne durch das Tal der Marne!

Ich trinke Champagner, wenn ich froh bin, und wenn ich traurig bin. Manchmal trinke ich davon, wenn ich allein bin; und wenn ich Gesellschaft habe, dann darf er nicht fehlen. Wenn ich keinen Hunger habe, mache ich mir mit ihm Appetit, und wenn ich hungrig bin, lasse ich ihn mir schmecken. Sonst aber rühre ich ihn nicht an, außer wenn ich Durst habe.

Madame Lily Bollinger
Épernay: Colline Saint-Nicaise. Foto: Hilke Maunder
Die Colline Saint-Nicaise. Foto: Hilke Maunder

Hintergrund: die méthode champenoise

Die feinen Perlen des Champagners beschert die zweifache Flaschengärung. Nur Schaumweine, die aus dem genau festgelegten Anbaugebiet der Champagne stammen und traditionell hergestellt wurden, dürfen sich Champagner nennen.

Côte des Bars: Öfen sollen die Weinberge vor Frost schützen. Foto: Hilke Maunder
Im Winter wird in großen Öfen das Feuer entzündet, um die Weinberge der Champagne vor Frost zu schützen. Foto: Hilke Maunder

Die erste Gärung

Für Champagner fermentiert der Grundwein traditionell in Eichenfässern bei Temperaturen von 20-22° Celsius.  Danach wird er abgesogen und lagert in kühlen Kellern, bis er klar ist.

Für eine Cuvée wird der Champagner mit anderen Weinen verschnitten, für einen Jahrgangschampagner nicht. Nach der Abfüllung in Flaschen wird die liqueur de tirage aus Zucker, Wein und Hefe beigefügt.

Zweite Gärung

Côte des Bars: Diese Depot wird beim Rütteln entfernt. Foto: Hilke Maunder
Dieses Depot wird beim Rütteln entfernt. Foto: Hilke Maunder

Die Flaschen lagern im kühlen Keller. Die Hefe wandelt den Zucker in Alkohol und Kohlensäure um und lagert sich ab. Die schräg liegenden Flaschen werden täglich maschinell oder per Hand gedreht und gerüttelt (remuage).

Dadurch wandert das Hefedepot in den Flaschenhals. Für das dégorgement mit dem Entfernen der Hefe wird der Flaschenhals eingefroren. Beim Öffnen drückt die Kohlensäure in der Flasche den Eisklotz mit den Ablagerungen aus der Flasche.

Côte des Bars: Das Werkzeug für das Degorgieren per Hand. Foto: Hilke Maunder
Das Werkzeug für das Degorgieren per Hand. Foto: Hilke Maunder

Mit etwas Zuckersirup, der liqueur d’expédition, wird die Flasche wieder aufgefüllt und die Süße reguliert. Dann kommt statt des Kronkorkens der Kork- oder Plastikkorken auf die Champagnerflasche. Und die Flasche wandert wieder in den Reifekeller. Mehrjährige Lagerung erhöht die Qualität!

Côte des Bars: Hier reift der Champagner "sur les lattes". Foto: Hilke Maunder
Hier reift der Champagner sur lattes. Foto: Hilke Maunder

Épernay: meine Reisetipps

Musée du vin de Champagne et d’Archéologie régionale

Seit 2011 wird das Château Perrier für rund 23 Millionen Euro zum Regionalmuseum mit Schwerpunkt Wein/Champagner und Archäologie umgebaut. Im Herbst 2020 soll es eröffnen.
• 13, avenue de Champagne, 51200 Épernay, https://archeochampagne.epernay.fr

In der Nähe

Le Pressoir

Im Herzen des Weinbaugebietes von Aÿ-Champagne enthüllt Le Pressoir ab April 2021 die spielerisch,  interaktiv und multisensorisch die Geheimnisse des Champagners . In einer ehemaligen Kelterei des Champagnerherstellers Pommery könnt ihr auf 24000 Quadratmetern nicht nur viel über die Herstellung und die Weingärten erfahren, sondern auch die Menschen kennenlernen, die ihn herstellen.

Spielerisch und interaktiv taucht ihr ein in den Rhythmus der Jahreszeiten, entdeckt, wie es unter der Erde aussieht, und erfahrt alles über die Arbeit im Weinberg und am Wein.
• 2, rue du Moulin, 51160 Aÿ-Champagne, Tel. 03 26 52 60 87

Hier könnt ihr schlafen*

 

Épernay. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Weiterlesen

Im Blog

• Weniger berühmt als die Champagnerhäuser von Épernay und Reims sind die Keller der Côte des Bar. Entdeckt die unbekannte Champagne hier.

• Ihr sucht Verkostungstipps für Champagner? Dann klickt  hier für die schönsten bulles der Champagne!

• Kostengünstiger als Champagner sind die Crémants, die u.a. an der Loire, im Burgund und im Elsass nach der tradierten méthode champenoise herstellt werden.

Zu den großen Namen des elsässischen Schaumweins gehört Wolfberger. In Éguisheim durfte ich hinter die Kulissen der Crémant-Herstellung gucken. Neugierig? Dann klickt einmal hier.

Troyes: Daniel Phelizot. Foto: Hilke Maunder
Für Daniel Phelizot kann es nie genug Champagner geben. Foto: Hilke Maunder

Im Buch

Klaus Simon, Hilke Maunder, Roadtrips Frankreich*

Roadtrips Frankreich

Das zweite gemeinsame Werk mit Klaus Simon stellt euch die schönsten Traumstraßen zwischen Normandie und Côte d’Azur vor. 14 Strecken sind es – berühmte wie die Route Napoléon durch die Alpen oder die Route des Cols durch die Pyrenäen, aber auch echte Entdeckerreisen wie die Rundtour durch meine Wahlheimat, dem Fenouillèdes.

Von der Normandie zur Auvergne, vom Baskenland hin zu den Stränden der Bretagne und dem wunderschönen Loiretal laden unsere Tourenpläne ein, Frankreich mobil zu entdecken – per Motorrad, im Auto, Caravan oder Wohnmobil. Hier* gibt es das Fahrtenbuch für Frankreich!

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Die Avenue de Champagne in Épernay in Bildern

Épernay: Avenue de Champagne. Foto: Hilke Maunder
Gut bewacht: die Champagnerkeller an der Rue de Champagne. Foto: Hilke Maunder
Épernay: Pol Roger. Foto: Hilke Maunder
Pol Roger. Foto: Hilke Maunder
Épernay: Pol Roger. Foto: Hilke Maunder
Pol Roger. Foto: Hilke Maunder
Épernay: Michel Gounet. Foto: Hilke Maunder
Michel Gounet. Foto: Hilke Maunder
Épernay: Collard-Picard. Foto: Hilke Maunder
Collard-Picard. Foto: Hilke Maunder

9 Kommentare

  1. In der Vorweihnachtszeit ist die Avenue de Champagne am schönsten beleuchtet. Jedes Champagnerhaus setzt dann seinen ganzen Ehrgeiz darein, sich mit besonders originellem Gebäudeschmuck von der Konkurrenz abzuheben.

    1. Lieber Herr Dr. Traub, dann muss ich dort unbedingt noch einmal hin im Advent. Merci für diesen Tipp!

  2. In der Avenue de Champagne spät abends spazieren, wenn die Champagnerhäuser illuminiert sind – den Anblick vergisst man nie. Da der Atomstrom nachts verbraucht werden muß, sind viele historische Gebäude / Denkmäler / Plätze im ganzen Land farbig illuminiert. Bummel lohnt sich überall, auch in kleinen Orten finden sich dadurch tolle Fotomotive.

    1. Hallo Astrid,
      ja, die Illumination der frz. Städte ist wunderschön. Und sehr gerne wird dazu Blau gewählt. Das hat nicht nur einen patriotischen, sondern auch einen praktischen Grund. Blaues Licht vertreibt Drogensüchtige. Das blaue Licht macht die Venen weniger sichtbar und erschwert somit die intravenöse Injektion.
      Die Energie für die Illuminationen liefert heute nicht mehr nur Atomstrom, was die Beleuchtung noch schöner macht. 2015 beschloss die Regierung in Paris, den Atomstrom-Anteil am Energiemix zu senken und erneuerbare Energien auszubauen. Zwar ist Atomstrom immer noch die Nummer eins im Energiemix mit rund 70 Prozent aus. Wichtigster regenerative Energie ist die Wasserkraft mit elf Prozent. Stark ausgebaut und forciert wird die Energie-Gewinnung mit Sonne und Wind seit 2015.
      https://de.statista.com/statistik/daten/studie/182173/umfrage/struktur-der-bruttostromerzeugung-in-frankreich/
      In Toulouse gibt es noch ein Unikum: Dort soll künftig das Laufen der Fußgänger auf dem Bahnhofsvorplatz die Energie für die Leuchten liefern. https://www.alumniportal-deutschland.org/global-goals/sdg-07-energie/der-mensch-als-alternative-energiequelle/
      Herzliche grüße! Hilke

  3. Ach, das gute alte Epernay! Ich erinnere mich gut an die „Montagne de Reims“ – als ich vor gefühlten hundert Jahren während meiner Studienzeit und Lehrtätigkeit in Reims nach Epernay geradelt bin … da kommt man nämlich ganz schön ins Schwitzen. Das Champagnertrinken habe ich da auch gelernt und das Champagnerflaschenöffnen. Wozu Frankreich doch so alles gut ist, gell. Danke für Ihre immer tollen Artikel!

    1. Oh, wie schön, solche Erinnerungen! Und das Flaschenöffnenüben war bestimmt sehr genussreich! Viele Grüße von unterwegs – diesmal im Anjou! Hilke

  4. Zu den Kapseln ist noch hinzuzufügen, dass einige Champagnerhäuser die kleinen Blechteile höchst sorgfältig gestalten, Serien produzieren lassen. Teilweise sogar beide Seiten bedrucken lassen.

    1. Ja, Carl, das stimmt – es gibt sogar echte Sammler und richtige Tauschbörsen dazu. Madame vom Haus Marc Vézien hatte mir davon in Celles erzählt.

  5. Netter Beitrag. Aber….. einen Champagner mit Plastikkorken habe ich, trotz jahrelanger Suche, noch nicht gefunden.

    Die Flaschenkorken werden vielfach auch mit Metallhütchen, Kapsel, verschlossen. Und diese Kapseln werden gesammelt, getauscht und verkauft. Aber nicht mit einem Plastikverschluss.

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