Frankreichs Kampf ums Wasser
Dürre im Sommer und kein ergiebiger Regen im Herbst, Winter und Frühjahr: Frankreich dürstet nach Wasser. Nicht nur im mediterranen Süden, sondern im ganzen Land. Seit Jahren sinkt der Grundwasserspiegel, wie Daten des französischen Ministeriums für ökologischen Wandel und Solidarität belegen.
Besonders in den nördlichen und östlichen Teilen Frankreichs ist der Grundwasserspiegel gesunken, zeigen die Zahlen. Schuld daran ist die zu hohe Ausbeutung des Grundwassers durch die Landwirtschaft und die Industrie. Der Klimawandel verstärkt das Problem durch immer geringere Niederschläge.

Immer weniger Grundwasser
In einigen Regionen Frankreichs war in den Dürrejahren 2020-2023 das Grundwasser so weit erschöpft, dass die Grundwasserleiter nicht mehr in der Lage waren, sich auf natürliche Weise zu regenerieren. Der regenreiche Sommer des Jahres 2024 wie auch die hohen Niederschläge von Herbst 2024 bis Frühjahr 2025 haben indes dafür gesorgt, dass die Grundwasserstände in einem Großteil Frankreichs wieder zufriedenstellend sind, teilweise sogar bis zu 61 Prozent über dem Werte über den monatlichen Normen liegen. Allerdings bleibt die Lage im Roussillon weiterhin kritisch.
Grundwasserleiter sind poröse oder durchlässige Gesteinsschichten oder Sedimente wie zum Beispiel Sandstein, Kalkstein, Schiefer und Sand, die in der Lage sind, Wasser aufzunehmen und zu speichern. Sie sind damit eine wichtige Quelle für Grundwasser.
Die Schädigung der Grundwasserleiter hat bereits zu einer verstärkten Abhängigkeit von Oberflächenwasserquellen geführt, die ebenfalls anfällig für Trockenheit und Verschmutzung sind. Die Dürre bedroht auch die Bausubstanz. Aufgrund der Trockenheit sind landesweit rund zehn Prozent der Häuser einsturzgefährdet.
Frankreichs Wassernetz
Frankreich verfügt über eine umfangreiche Wasserinfrastruktur. 19.000 Wasseraufbereitungsanlagen reinigen das Wasser und machen es trinkbar. 1.300 Reservoirs speichern das Wasser für trockene Zeiten.
Zu den größten Stauseen des Landes gehören der Lac du Der-Chantecoq im Nordosten Frankreichs mit einer Fläche von etwa 48 Quadratkilometern, der 29 Quadratkilometer große Lac de Serre-Ponçon in den Südalpen und der Lac de Sainte-Croix am Verdon mit rund 22 Quadratkilometern.
Der größte Wasserverbraucher ist die Landwirtschaft mit einem Anteil von etwa 70 Prozent am Gesamtwasserverbrauch, gefolgt von der Industrie mit etwa 20 Prozent und den privaten Haushalten mit etwa zehn Prozent.
Frankreichs Wassertürme
Überall sichtbar im Land ist die Wasserinfrastruktur durch ihre Wahrzeichen. 16.000 Wassertürme erheben sich dort – und damit achtmal so viele wie in Deutschland. Die meisten von ihnen wurden zwischen dem späten 19. Jahrhundert und den 1960er-Jahren erbaut.
Sie fungierten als Speicher für das Wasser, das von der Wasseraufbereitungsanlage gepumpt wurde. Ihre erhöhte Lage gestattete, den Wasserdruck in den Leitungen zu erhöhen – und damit die Versorgung der Haushalte und Unternehmen zu erleichtern.
Die meisten dieser Wassertürme sind heute nicht mehr aktiv als Wasserreservoir. Einige wandelten sich zu Wohnungen, Büros oder öffentlichen Einrichtungen. Andere blieben als Wahrzeichen der Gemeinde erhalten. Oder wurden Werbeträger – wie der Werbeturm der Drôme an der Route du Soleil.
Der Streit um Saint-Soline
Für Schlagzeilen im Streit ums Wasser sorgte in Frankreich am 25. März eine nicht genehmigte Demonstration. Zwischen 7.000 bis 10.000 Franzosen protestierten an jenem Samstag trotz des Versammlungsverbots gegen das geplante Meta-Becken im Département Deux-Sèvres.
Gegen Mittag stürmten Hunderte von Demonstranten den von der Polizei errichteten Zaun um das Wasserbecken. An vorderster Front sollen Aktivisten Wurfgeschosse und Molotowcocktails geworfen haben. 3000 Polizisten waren vor Ort im Einsatz.
Um 12.45 Uhr gingen einige Transporter in Flammen auf. Die Bilder der Rauchschwaden auf dem Feld schockierten. Am Ende des chaotischen Tages gab es 47 Verletzte, darunter zwei Schwerverletzte. Innenminister Gérald Darmanin kündigte an, den Verein Les Soulèvements de la Terre, Mit-Organisator der Demonstration, auflösen zu wollen.
Das geplante Meta-Bassin
Das Reservoir bei Sainte-Soline ist Teil eines Wassermanagementprojekts im Einzugsgebiet der Flüsse Sèvre Niortaise, Boutonne, Thouet und Argenton. Seine 16 Becken sollen die landwirtschaftliche Bewässerung sichern.
Das auf zehn Hektar Land geplante Staubeckenprojekt im Département Deux-Sèvres sieht den Bau von 16 Becken vor, die insgesamt 720.000 Kubikmeter Wasser fassen. Dies entspricht mehr als 1.500 olympischen Schwimmbecken. 18 Kilometer Rohre sollen das Wasser verteilen.
Die Kritikpunkte der Umweltschützer
Die Umweltschützer kritisieren bei diesem Projekt nicht nur die Größe. Sie weisen auch darauf hin, dass keiner der Landwirte auf den bewässerten Flächen auf Pestizide verzichten will, die so ins Grundwasser gelangen.
Indem sie Wasser speichern, das sonst in den Boden versickert oder in Flüsse gerieselt wäre, entziehen Meta-Bassins den umliegenden Ökosystemen eine lebenswichtige Ressource, sagt Greenpeace. Die Beckn verwandeln die ursprüngliche fließende Ressource in stehendes Wasser, das verdunstet und verschwindet. Bis zu 60 Prozent der Wassermenge können die Verluste durch Verdunstung betragen, so Greenpeace.
Doch der größte Kritikpunkt aller Umweltverbände und Bürgerinitiativen ist die Art und Weise, wie die Becken befüllt werden sollen.
Gefahr für das Grundwasser?
Die Landwirte stehen hinter dem Vorhaben. Sie geben an, dass sie mit den Becken künftig im Sommer 70 Prozent weniger Grundwasser für die Bewässerung der Felder brauchen. Doch dies ist nur die eine Seite der Medaille. Denn das Wasser für die Meta-Bassins von Sainte-Soline soll durch ein Pumpsystem direkt aus dem Grundwasser entnommen werden – im Winter.
In der kalten Jahreszeit würde sich die Grundwasservorkommen mit dem abfließenden Regenwasser ja füllen, lautet die Argumentation. Doch der letzte Winter zeige: Auf ergiebigen Regen ist kein Verlass. Ohne Regen jedoch würde sich das Grundwasser durch die Meta-Bassins von Sainte-Soline noch viel rasanter verringer, als dies bereits der Fall ist.
Frankreichs Wasserprobleme
Frankreich steht bei der Wasserversorgung und -bereitstellung vor gleich mehreren Herausforderungen. Eines der Hauptprobleme ist die ungleiche Verteilung der Wasserressourcen. Einige Regionen haben einen Wasserüberschuss, während andere mit Wasserknappheit zu kämpfen haben.
Lecks im Wassernetz
Große Probleme bereitet die veraltete Wasserinfrastruktur. Fast eine Milliarde Kubikmeter (genau: 937 m³), und damit 20 Prozent des produzierten Trinkwassers, gehen in Frankreich durch Lecks im Wassernetz verloren, gab Anfang 2023 das französische Amt für Biodiversität bekannt. Das entspricht dem Jahresverbrauch von 18 Millionen Einwohnern – oder genau der Menge, die die Regionen Île-de-France und Okzitanien pro Jahr gemeinsam nutzen.
Altes Wassernetz
875.000 Kilometer groß ist das Trinkwassernetz im Hexagon, 900.000 Kilometer lang inklusive der Überseegebiete. Rund 60 Prozent der Leitungen wurden in den 1970er-Jahren verlegt und sind damit um die 50 Jahre alt. Nach französischer Sicht ist das Netz nicht überaltert. Die Behörden rechnen mit einer Lebensdauer von bis zu 80 Jahren. Doch es gibt starke regionale Unterschiede. So ist das Wassernetz in den 36 Départements im Westen, das der Agence de l‘eau Loire–Bretagne untersteht, deutlich jünger als die Rohre im Osten des Landes.
Die Deutsche Vereinigung für Gießereiwesen (DVGW) empfiehlt, die Wassernetze mindestens alle 30 bis 60 Jahre zu erneuern, je nach Art des verwendeten Materials der Rohre und der örtlichen Umweltbedingungen. So haben beispielsweise Rohre aus Polyethylen (PE) oder Polyvinylchlorid (PVC) in der Regel eine längere Lebensdauer als solche aus Eisen oder Stahl.
Steigender Wasserbedarf
Frankreichs Bevölkerung wächst. Das lässt auch den Wasserbedarf explodieren. Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts betrug die Bevölkerung Frankreichs etwa 41 Millionen Menschen. Bis 1950, nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs, war die Bevölkerung auf etwa 41,5 Millionen Menschen angewachsen.
In der Nachkriegszeit jedoch ließen bessere Hygiene, Einwanderung und höhere Lebenserwartung die Zahlen explodieren – 1968 auf 50 Millionen, 2004 auf 60 Millionen, 2023 auf 68,1 Millionen, so das nationale Institut für Statistik und Wirtschaftsstudien (INSEE).
Wasserverschmutzung
Ein weiteres großes Problem ist die Wasserverschmutzung. Industrie und Landwirtschaft, Verstädterung und Abfallwirtschaft haben die Wasserqualität in vielen Teilen des Landes deutlich verschlechtert.
Als Reaktion darauf hat Frankreich diverse politische Maßnahmen und Initiativen zum Schutz und zur Erhaltung seiner Wasserressourcen ergriffen. Vier große Wasser-Gesetze (1964, 1992, 2004, 2006) regeln die Wasserpolitik im Land. Sie sind eingebettet in Wasserrahmenrichtlinie der Europäischen Union (EU).
Die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL)
Die Wasserrahmenrichtlinie (WRRL) ist eine Richtlinie der EU, die im Jahr 2000 verabschiedet wurde, um einen Rahmen für den Schutz und die nachhaltige Bewirtschaftung der Wasserressourcen in der EU zu schaffen.
Die WRRL ist eine der wichtigsten EU-Rechtsvorschriften im Bereich Wasser und soll sicherstellen, dass alle EU-Mitgliedstaaten darauf hinarbeiten, einen guten Wasserzustand für alle Oberflächen- und Grundwasserkörper zu erreichen.
Gemäß der WRRL muss jeder EU-Mitgliedstaat für jedes Flusseinzugsgebiet in seinem Hoheitsgebiet einen Bewirtschaftungsplan für die Einzugsgebiete erstellen.
12 Wassereinzugsgebiete
Frankreich hat zwölf bassins hydrographiques definiert. In Kontinentalfrankreich gehören dazu die Wassereinzugsgebiete Adour-Garonne, Artois-Picardie, Loire-Bretagne, Rhein-Maas, Rhône-Méditerranée, Seine-Normandie und Korsika.
In den Überseegebieten sind es Guadeloupe, Guyana, Martinique, La Réunion und Mayotte.
Der Bewirtschaftungsplan für diese Gebiete umfasst eine ausführliche Bewertung des aktuellen Zustands der Wasserressourcen, eine Analyse der Belastungen, die sich auf die Wasserqualität und -quantität auswirken, sowie Maßnahmen und Ziele, mit denen innerhalb einer bestimmten Frist ein guter Gewässerzustand erreicht werden kann.
Macrons Wasserplan
Am 30. März stellte Präsident Emmanuel Macron in Savines-le-Lac (Hautes-Alpes) am Stausee von Serre-Ponçon seinen „Wasserplan“ vor.
Laut Macron sind die erneuerbaren Wasserressourcen im Vergleich zu den Jahren 1990 bis 2001 in den Jahren 2002 bis 2018 in Kontinentalfrankreich um 14 Prozent zurückgegangen. Neuer Zahlen liegen auch 2025 noch nicht vor.
Die GIEC Groupe d’experts intergouvernemental sur l’évolution du climat rechnet in ihren Szenarien, so der Staatschef weiter, mit 10 bis 40 Prozent weniger Wasser in Frankreichs Flüssen, 15 bis 25 Prozent weniger Regen im Sommer, 10 bis 25 Proeznt weniger Grundwasser sowie trockenere Böden.
L‘exceptionnelle sécheresse qu’on a connue l’été dernier (2022) ne sera pas exceptionnelle par rapport à ce qu’on va connaître dans le futur
Die außergewöhnliche Trockenheit, die wir im letzten Sommer (2022) erlebt haben, wird im Vergleich zu dem, was wir in Zukunft erleben werden, nicht außergewöhnlich sein.Emmanuel Macron, 30. März 2023
Ein 53-Punkte-Plan soll Frankreich langfristig das Land vor dem Verdursten retten. Zum 2023 beschlossenen Maßnahmenpaket gehörten:
- Einführung einer Wasser-Écowatt-App analog zur Stromspar-App, die während der Energiekrise eingeführt worden war.
- Einsparungen beim Wasserverbrauch von zehn Prozent bis 2030. Der Wasserpreis soll dazu steigen. Die ersten Kubikmeter sollen zum Selbstkostenpreis angeboten werden, um Sauberkeit und Ernährung zu sichern. Jenseits der existenziellen Grundsicherung werden die Preise pro Kubikmeter gestaffelt steigen: Kurzes Duschen bleibt günstig, das Befüllen des Pools soll deutlich teurer werden.
- Auch die Landwirtschaft soll ihren Wasserverbrauch um zehn Prozent senken.
- Für die Beseitigung von Lecks und die bessere Verwertung von Grauwasser stellt die Regierung 180 Millionen Euro zur Verfügung.
- Geprüft wird, in welchen Bereichen statt Trinkwasser Grauwasser und Schwarzwasser genutzt werden kann. Die Nutzung von Abwasser soll insgesamt um zehn Prozent steigen bis 2030.
Frankreichs Kampf ums Wasser: Links & Infos
Weiterführende Infos
Macrons Wasserplan
www.elysee.fr/emmanuel-macron/2023/03/30/presentation-du-plan-eau
Ministère de la Transition écologique et de la Cohésion des territoires /Ministère de la Transition énergétique
www.ecologie.gouv.fr/gestion-leau-en-france
GIEC (Groupe d’experts intergouvernemental sur l’évolution du climat)
Der Zwischenstaatliche Ausschuss für Klimaänderungen (Intergovernmental Panel on Climate Change, IPCC) wurde 1988 gegründet, um umfassende Bewertungen des wissenschaftlichen, technischen und sozioökonomischen Kenntnisstands über den Klimawandel, seine Ursachen, mögliche Auswirkungen und Bewältigungsstrategien zu liefern. Weltweit berühmt wurde der IPCC dank Al Gore, dem damalige Vize-Präsidenten der USA und engagiertem Umweltschützer.
www.ipcc.ch
Initiatives pour l’Avenir des Grands Fleuves (IAGF)
Die IAGF ist ein gemeinnütziger Verein, der auf Initiative des Energieversorgers CNR Compagnie Nationale du Rhône gegründet wurde. Ihr Vorsitzender Erik Orsenna ist der Wirtschaftswissenschaftler und Mitglied der Académie française. Das Kollektiv engagiert sich weltweit für die Rettung der großen Ströme dieser Erde.
www.initiativesfleuves.org
Investigativer Journalismus zum Thema Wasser (Mediapart u.a.)
www.wereport.fr/waterstories
Wie ist der aktuelle Stand der Trinkwasser-Verfügbarkeit vor Ort? Diese Webseite gibt Auskunft: https://vigieau.gouv.fr.
Bürgeriniativen und Umweltverbände
Bassines non merci !
https://bassinesnonmerci.fr
Les Soulèvements de la Terre
https://lessoulevementsdelaterre.org
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