Kélonia: die Schildkrötenstation von Saint-Leu

Riesenschildkröte Bulldozer lebt dauerhaft in Kélonia und liebt es, unter dem Kinn gekrault zu werden. Foto: Jasmin Menrad
Die Riesenschildkröte Bulldozer lebt dauerhaft in Kélonia und liebt es, unter dem Kinn gekrault zu werden. Foto: Jasmin Menrad

Von Jasmin Menrad

Bulldozer (51) frisst am liebsten Chicorée, rasierten Kaktus und Maniok-Zweige. Als er mit zunehmendem Alter und Größe aber 30 Kilo am Tag davon fraß, wandte sich seine Familie 2006 an die damals neu eröffnete Schildkrötenstation Kélonia in Saint-Leu.

Als sie den Schildkröten-Buben zu sich geholt hatten, dachte seine Familie, er würde tellergroß werden. Heute wiegt Bulldozer 240 Kilo, aber wenn er an seinem Ziehharmonika-Hals unter dem Kinn gekrault wird, vermittelt er den Eindruck eines zufriedenen Riesenbabys.

Der Eingang zeigt deutlich, um wen sich hier alles dreht: Schildkröten. Foto: Jasmin Menrad
Der Eingang zeigt deutlich, um wen sich hier alles dreht: Schildkröten. Foto: Jasmin Menrad

Bulldozer ist einer von etwa tausend Tieren, die temporär oder dauerhaft in Kélonia ein Zuhause gefunden haben. Er ist zugleich  die einzige Riesenschildkröte in der Beobachtungsstation, die sich auf den Erhalt, Schutz und die Pflege von Meeresschildkröten spezialisiert hat.

Vier von weltweit sieben Meeresschildkrötenarten leben dort. Es sind die Grüne Karettschildkröte, die Echte Karettschildkröte, die Unechte Karettschildröte und die Oliv-Bastardschildkröte sowie zwei Landschildkrötenarten – die Madagaskar-Strahlenschildkröte und die Aldabra-Riesenschildkröte, namentlich Bulldozer.

Der Blick vom ehemaligen Korallenverbrennungsturm über die Becken zum Schildkrötenstrand. Foto: Jasmin Menrad
Der Blick vom ehemaligen Korallenverbrennungsturm über die Becken zum Schildkrötenstrand. Foto: Jasmin Menrad

Das weitläufige Gelände an der Westküste von La Réunion hat eine dunkle Geschichte. Davon erzählt noch heute der Turm, von dem aus Besucher und Besucherinnen die großen Becken und kleinen Krankenwannen überblicken können.

Ab 1940 wurden in dem Steinturm Korallen verbrannt, um ein kalkhaltiges Pulver zu gewinnen, mit dem Wände verputzt wurden, aber auch Zuckerrohrsaft gereinigt wurde. In den 70er-Jahren machte importierter Kalk aus der Métropole, dem französischen Mutterland, das Korallenverbrennen unrentabel.

Stattdessen wurde 1977 eine Schildkrötenzucht für Fleisch, Leder und Accessoires auf dem Gelände eröffnet. Die Tiere wurden in qualvoller Enge gehalten. Doch erst 1994 wurde die Schildkrötenzucht in Frankreich komplett verboten.

Die kleine Sulli leidet unter einer Hautkrankheit. Foto: Jasmin Menrad
Die kleine Sulli leidet unter einer Hautkrankheit. Foto: Jasmin Menrad

Bis heute werden in Kélonia von Ehrenamtlichen Souvenirs aus den Panzern der damals getöteten Schildkröten gefertigt und zertifiziert verkauft. Mit dem Erlös wird der Schutz der Meeresschildkröten unterstützt. Im selben Jahr wurde aus der ehemaligen Zucht eine Pflege- und Forschungsstation für Schildkröten. Nach dem Umbau wurde Kélonia in seiner heutigen Form 2006 eröffnet.

Wer Glück hat, kann bei seinem Besuch die Physiotherapiestunden beobachten, die einige der verletzten Schildkröten in Vorbereitung auf ihre Auswilderung mit ihrer Pflegerin regelmäßig absolvieren. Die Pflegerin macht eine Übung vor und lockt die Schildkröte mit Futter, die rasch versteht, was sie tun muss, um die Belohnung zu erhalten. Dienstag ist Waschtag. Dann rückt das Team von Kélonia mit dem Schrubber an und säubert die Panzer der Schilddkröten. In freier Wildbahn erledigen dies die Putzerfische.

Bei Kélonia dürfen in den Becken keine Tiere aktiv angesiedelt werden, sondern nur verletzte und kranke Tiere aufgenommen werden. So wie die etwa einjährige Sulli, die an einer Hautkrankheit leidet und noch in einem der Einzelbecken leben muss.

Oder Boucan, der nur noch 29 Kilogramm wog, als er 2009 nach Kélonia kam. Er hatte bei einem Haiangriff eine Flosse verloren und kann wegen dieses Handicaps nicht ausgewildert werden. Boucan wurde im hauseigenen Schildkrötenkrankenhaus operiert und bewegt sich mittlerweile wieder munter durch sein Becken.

Der Biogeograf Thiébaut Lévi-Funck ist für die pädagogische Arbeit und Wissensvermittlung in Kélonia verantwortlich. Foto: Jasmin Menrad
Der Biogeograf Thiébaut Lévi-Funck ist für die pädagogische Arbeit und Wissensvermittlung in Kélonia verantwortlich. Foto: Jasmin Menrad

So wie Boucan leben acht weitere Meeresschildkröten dauerhaft in Kélonia, etwa weil sie blind oder gelähmt sind. Jene Tiere, die eine Chance haben, auch in Freiheit zu überleben, werden ausgewildert: 14 Schildkröten mit GPS folgt das 29 Team aus 29 Mitarbeitenden und auch der Biogeograf Thiébaut Lévi-Funck, der für die pädagogische Arbeit und Wissensvermittlung in Kélonia verantwortlich ist.

Er erzählt von den Schildkröten, die von zu schnell fahrenden Booten schwer verletzt werden und zieht in der umfangreichen Ausstellung rund um die Schildkröten in Kélonia jene Schublade auf, in der die 222 Plastikteile liegen, die im Magen von „Lolo“ gefunden wurden. Und er berichtet von dem Gleitschirmflieger, der unglücklich im großen Becken von Kélonia gelandet ist und sich innerhalb von Sekunden von neugierigen Schildkröten umzingelt sah.

Wer ihn fragt, warum es nicht erlaubt ist, Putzerfische anzusiedeln, aber sich rund 80 verschiedene Fischarten in den riesigen Aquarien mit den Schildkröten tummeln, erfährt, dass diese der Zufall nach Kélonia gespült hat – um genau zu sein, die Pumpe, die Fischeier vom nahen Meer ins Becken gepumpt hat.

Besonders merkwürdig ist das bei einer Truppe Monodactylus, silbrige Fische mit schwarzen Streifen und gelben Flossen, die nicht auf La Réunion heimisch sind, da sie ausschließlich in Mangroven leben – und die gibt’ es in diesem französischen Übersee-Département nicht.

Dafür hat Levi-Funck rund um die Schildkrötenstation wieder Samtblatt gepflanzt. Der immergrüne Baum weist mit seinem Geruch den Schildkröten den Weg zur Eiablage. Diesem Geruch folgt auch Gaby, die alle drei Jahre zu dem schmalen Strandstreifen kommt, der direkt vor Kélonia liegt und ihre Eier ablegt.

Nur alle sechs Jahre erreicht statistisch gesehen eine der Schildkröten aus dem Gelege das geschlechtsreife Alter, nachdem sie sich sechs bis zehn Jahre mit offenem Mund durch die Meeresströmungen hat treiben lassen und so groß und stark geworden ist. Dann kehrt sie zu jenem Strand zurück, an dem sie geboren wurde, um dort selbst ihre golfballgroßen Eier im Sand zu verscharren.

An diesem von Samtblatt gesäumten Strand bei der Forschungsstation legt Gaby alle drei Jahre ihre Eier ab. Foto: Jasmin Menrad
An diesem von Samtblatt gesäumten Strand bei der Forschungsstation legt Gaby alle drei Jahre ihre Eier ab. Foto: Jasmin Menrad

Kélonia nimmt an verschiedenen wissenschaftlichen Aktivitäten zur Beobachtung von Meeresschildkröten teil, unter anderem an Migrationsstudien, Genetik und Bevölkerungsüberwachung und bildet weltweit Dorfgemeinschaften im Schutz von Meeresschildkröten aus.

Diese Arbeit zeigt Früchte: Wurden 1998 bei Überflügen an der Westküste von La Réunion zwischen Saint-Paul und dem 25 Kilometer entfernten Saint-Leu noch fünf Schildkröten gesichtet, waren es im vergangenen Jahr 46. Dabei bleibt die Methode unverändert: Mehrmals im Jahr werden jene Schildkröten gezählt, die Claire Jean, Wissenschaftlerin in Kélonia, bei einem Überflug von oben sieht.

Beim Schildkrötenzählen können sich allerdings alle beteiligen, die eine Unterwasserkamera und etwas Schildkröten-Glück haben: Wer beim Tauchen oder Schnorcheln rund um La Réunion eine Schildkröte fotografiert, sollte das Bild an photoid.kelonia@museesreunion.re schicken.

Die Zeichnung am Kopf des Tieres ist so einzigartig wie der menschliche Fingerabdruck und bildet die Grundlage für eine Schildkröten-Datenbank der Insel. Wer zum Schnorcheln ins Wasser geht, sollte vorab prüfen, ob Schilder an Land vor Haien warnen. La Réunion ist bekannt für Haiangriffe, viele Strände sind aber geschützt und sicher.

Nach dem Tauchen sitzen bei Acquabull Plongée noch alle gemütlich beisammen. Foto: Jasmin Menrad
Nach dem Tauchen sitzen bei Acquabull Plongée noch alle gemütlich beisammen. Foto: Jasmin Menrad

Sicher unterwegs sind Neugierige mit den Profis vom Aquabull-Tauchcenter in Saint-Leu. Die Chefin Sophie spricht sogar Deutsch. Eine Garantie, Schildkröten zu sehen, gibt es hier freilich nicht.

Die gibt es nur in Kélonia, wo sich 30 Schildkröten auf ihre Auswilderung vorbereiten und neun Meeresschildkröten plus ein sehr großer Bulldozer für immer bleiben dürfen.

Kélonia: die Infos

• Pointe des Châteaux, 46 Rue Général de Gaulle, 97436 Saint-Leu Réunion, Tel. +26 22 62 34 81 10, https://museesreunion.fr/kelonia; täglich 9 bis 18 Uhr,  Führungen ohne Aufpreis um 10 Uhr, 11.30 Uhr, 14 Uhr, 15.15 Uhr und 16.30 Uhr. Diese Führungen werden nur auf Französisch angeboten; Audioguides in weiteren Sprachen


Jasmin Menrad. Foto: privat
Jasmin Menrad. Foto: privat

Die bayrische Journalistin Jasmin Menrad lebt in München, liebt und engagiert sich für Tiere –  und macht Urlaub auf der ganzen Welt.

Am liebsten verbringt sie sie auf französischen Inseln mit Temperaturen um die 30 Grad.

Regelmäßig fährt sie in die Bretagne, wo es nicht so nass und kalt ist, wie häufig erzählt wird. Anfang 2022 besuchte sie die Île de la Réunion.

Jasmin Menrad hat diesen Beitrag als Gastautorin exklusiv für MeinFrankreich.com verfasst. Wenn er euch gefallen hat, freut sie sich über ein virtuelles Trinkgeld als PayPal-Spende auf:

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