L'Isle-sur-la-Sorgue. Foto: Hilke Maunder
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Die Kreativen von L’Isle-sur-la-Sorgue

Überall plätschert und gurgelt es. Glasklar fließt die Sorgue über die Grasbetten im Fluss. Sie treibt alte Schaufelräder an, hüpft über ein kleines Wehr, rauscht unter Brücken hindurch und umarmt das alte Herz von L‘Isle-­sur­-la­-Sorgue. Kleines Venedig der Provence nennt sich das Städtchen im Vaucluse. Und auch: La Venise Comtoise.

Es ist herrlich, durch die Straßen von L’Isle-sur-la-Sorgue zu schlendern, wo das Rauschen des Wassers nie weit  ist. Zwischen Schaufelrädern und Street-Art, Terrassencafés und Trödelshops ist  L’Isle-sur-la-Sorgue wie geschaffen dazu, die Seele baumeln zu lassen, zu schauen und sich inspirieren zu lassen.

L'Isle-sur-la-Sorgue. Foto: Hilke Maunder
Die Sorgue umarmt die Altstadt von L’Isle-sur-la-Sorgue. Foto: Hilke Maunder

Frankreichs Trödel-Hochburg

Das provenzalische Städtchen gilt nach Paris als der wichtigste Trödel­- und Antiquitätenmarkt Frank­reichs. Mehr als 300 ständige Antiquitäten- und Trödelhändler haben hier das ganze Jahr über geöffnet. Händler wie Bruno Langlois verkaufen Schränke und Tische, Stoffe und Textilien, Gemälde und Grafiken in Geschäften, die mit­unter bis unter die Decke mit Altem und Antiken vollge­stopft sind.

Die Île aux brocantes vereint 40 Antiquitätenhändler. Fast doppelt so groß ist das Village des Antiquaires mit rund 70 Ausstellern. Es ist der größte und älteste Trödelmarkt von L’Isle-sur-la-Sorgue.

L'Isle-sur-la-Sorgue. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Frankreichs Antiquitäten-Fest

Doch das ist noch lange nichts im Ver­gleich zum großen Antiqui­tätenfest, das L’Isle­-sur-­la-Sorgue seit 1966 zweimal im Jahr – zu Ostern und zu Mariä Himmelfahrt am 15. August – feiert: die Foire Internationale des antiquités et de la brocante ! Von edlem Antiken bis zu teurem Nippes gibt es bei den ausstellenden Händ­lern (fast) alles.

1966 initierten Albert Gassier, René Légier und ihren Ehefrauen die erste Messe. 14 Händler nahmen damals mit Mobilar und Kunst an der Messe teil. Heute  zeigen 200 Aussteller aus Frankreich und Europa gemensam mit den rund 250 Antiquitäten-, Kunst- und Dekogeschäften der Stadt im Parc Gautier und in den Antiquitätendörfern ihre Objekte und hoffen auf zahlreiche Käufer unter den 100.000 Besuchern der Messe.

L'Isle-sur-la-Sorgue, la Manufacture. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Für die Schätze von einst ist der Geburtsort des Dichters René Char (1907 – 1988), der in der Résistance gegen die deutsche Besatzung kämpfte, berühmt.

Chrystèle Gavelle sorgt dafür, dass auch die aktuelle Kreation und das Schaffen der Kunsthandwerker und Künstler wahrgenommen wird.

L'Isle-sur-la-Sorgue, la Manufacture. Foto: Hilke Maunder
An der Straßenecke, aber auch direkt vor La Manufacture stehen die Hunde. Foto: Hilke Maunder

Sie hat ungewöhnliche Hunde an die Hausecke der Rue de la République gestellt, große schwarze Kläffer aus Kautschuk-Stiefeln. Jeden Tag putzt sie die „Haustiere“.

Die Hunde sollen Neugierige in den Impasse Hôtel de Palerme locken. Dort versteckt sich, ganz am Ende der Sackgasse, La Manufacture. 23 Designer haben sich dort zusammengetan. Der concept store zeigt ihre Werke.

L'Isle-sur-la-Sorgue, la Manufacture. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

La Manufacture: Schaufenster der Kreativen

Fantasievolle Drahtskulpturen von Isabeau Chirat tummeln sich auf der weißen Wand. Simbolocci hat Blüten, Blätter und Brokkoli getrocknet, vergoldet und in Glashauben gestellt – poetische, zarte Kompositionen des Lebens.

L'Isle-sur-la-Sorgue, la Manufacture. Foto: Hilke Maunder
Filigrane Natur, eingefangen unter Glas von Simbolocci. Foto: Hilke Maunder
L'Isle-sur-la-Sorgue. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Doch nicht nur ästhetische Deko- und Designobjekte verkauft La Manufacture. Sondern auch Dinge, die tagtäglich den Alltag verschönern. So wie die Unikate von MOOM-Design.

Seine Geldbörsen sowie seine kleinen und großen Taschen sind bewusst minimalistisch gestaltet und klar in der Form. So betonen seine Kreationen die Schönheit des Materials: die Maserung des Leders und die feinen Oberflächen von Stoff.

L'Isle-sur-la-Sorgue, la Manufacture. Foto: Hilke Maunder
Die Recyclingleuchten von Poub’Art. Foto: Hilke Maunder

Upcyclling gang stylisch

Poub’Art hat Küchenreiben, Telefone und andere Objekte recycelt zu ungewöhnlichen Leuchten. Brillen aus Holz findet ihr bei Ludovic Donat-Magnin von Arka Creations. Seit seiner Kindheit ist der gelernte Tischler von Holz fasziniert. Heute fertigt er daraus Filigranes. Neben Brillen-Unikaten gehören dazu auch Fliegen und Manschettenknöpfe fürs Herrenhemd.

Chrystèle Gavelle fertigt aus Gold, Silber und Edelsteinen stilvollen Schmuck. Auch bei ihr, der Gründerin von LadyBird Créations, sind die meisten Schmuckstücke Unikate. Ihren Keramikschmuck brennt sie bei einer Temperatur von 1000 bis 1300 Grad. In den Ton mischen sich Materialien, die sie auf ihren Reisen hier und da gesammelt hat: Stoff, Glas, Holz und Samen.

L'Isle-sur-la-Sorgue, la Manufacture. Foto: Hilke Maunder
Chrystèle Gavelle. Foto: Hilke Maunder

Schmuck und Mode

Feminin und zeitlos nennt Christelle Laydevant ihre Mode, die sie seit 2010 für ihre Label SONGO in Marseille in kleinen Serien hergestellt und in L’Isle-sur-la-Sorgue bei La Manufacture ausstellt. Als Accessoires fertigt sie dazu zarten, farbenfrohen Schmuck aus Halbedelsteinen per Hand.

Für eine typisch provenzalische Note sorgen die Lavendel-Präsente von Elsa Lenthal bei La Manufacture. Was dort an jungem, frischem Design zu sehen ist, ist in Vielfalt und Qualität erstaunlich!

L'Isle-sur-la-Sorgue, la Manufacture. Foto: Hilke Maunder
Einfach dufte: die Lavendel-Präsente von Elsa Lenthal. Foto: Hilke Maunder

Was für Märkte!

La Manufacture ist ein Kleinod in L’Isle-sur-la-Sorgue, wo  Gassen und Kanäle sich verflechten. Treppen führen hinunter zu den Waschhäusern. Cafés und Restaurants haben die Kais am Fluss erobert.

L’Isle-sur-la-Sorgue ist trotz allen Trubels ein wahrhaft bezaubernder Ort. Donnerstag- und Sonntagvormittag könnt ihr euch entlang der Kanäle mit Obst und Gemüse, regionalem Käse oder Wein eindecken.

Einmalig ist der Markt, der alljährlich am ersten Sonntag im August stattfinet. Dann könnt ihr auf dem schwimmenden Markt von L’Isle-sur-la-Sorgue die besten lokalen Produkte erstehen. Und dabei auch die Nego Chin, die typischen Boote des Dorfes, bewundern.

L'Isle-sur-la-Sorgue. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Zeitreise mit Lichtplatte

Immer wieder überrascht L’Isle-sur-la-Sorgue. Und so habe ich bei einem meiner Besuche auch gleich neben La Manufacture einen Fotografen entdeckt, der Menschen wie zur Urgroßvaters Zeiten fotografiert.

Artur Loboda nimmt für seine Aufnahmen historische Plattenkameras, wie sie Ende des 19. Jahrhundert in Mode kamen. Diese nutzten Glasplatten, die hauchdünn mit einer Emulsion beschichtet waren.

L'Isle-sur-la-Sorgue, la Manufacture. Foto: Hilke Maunder
Artur Loboda fotografiert wie zu Großvaters Zeiten. Foto: Hilke Maunder

Die lichtempfindliche Platte kam in die Kamera. Die Fotos, die Artur damit heute fertigt, scheinen völlig aus der Zeit gefallen – und wirken doch modern. Sie sind das wohl ungewöhnlichste Souvenir aus dem Sorgue-Städtchen!

L’Isle-sur-la-Sorgue: meine Reise-Infos

Artur Loboda

Sein Name verrät es: Artur Loboda wurde in Polen geboren. Dort wuchs er mit Familienfotoalben auf. Als Schüler erhielt er seine erste 6×6-Kamera: die „Start“. Mit ihr begann eine große Leidenschaft. Artur studierte Fotografie an der Akademie der Schönen Künste in Poznan, schloss das Studium mit einem Master of Photography ab und ging nach Schottland, wo er Grafikdesign studierte.

Nach drei Jahren dort merkte Artur: Mir fehlte das Licht. Alred zog es in den Süden, in die Provence, das Mekka der Fotografie! Dort gründete er bodart studio – Boda nannte ihn bereits seine Mutter. Auf Spanisch bedeutet ‚boda‘ heiraten – und seit 2011 hat Artur mehr als 200 Hochzeiten fotografiert.
• Bodart Studio, impasse de l’hôtel de Palerme, Tel. 06 73 23 31 90, www.bodartstudio.com

La Manufacture

L'Isle-sur-la-Sorgue, la Manufacture. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

• 21, impasse de l’hôtel de Palerme, 84800 L’Isle-sur-la-Sorgue, Tel. 04 32 62 11 13, www.lamanufacture84.com, April – August tgl. 10 – 19 Uhr, Sept. – Dez., März Di – So.

Schlemmen & genießen

Le Café de France

Das Café de France ist eine Institution – und sehr beliebt, seit Willy Ronis das älteste Café des Städtchens auf seinen Bildern verewigt hat. Der berühmte Pariser Fotograf hatte sich 1972 in L’Isle-sur-la-Sorgue niedergelassen.
• 14 place de la Liberté, 84800 L’Isle-sur-la-Sorgue, Tel. 04 90 38 01 45, https://cafedefrance-cafe.business.site

Le Jardin du Quai

In einem wunderschönen Garten verwöhnen euch Stéphanie und Daniel Hébet mit kreativer Provence-Küche. Im Sommer blüht der Oleander!
91, Avenue Julien Guigne, 84800 L’Isle-sur-la-Sorgue, Tel. 04 90 20 14 98, www.jardinduquai.com

Foto: Hilke Maunder

Le Vivier

Le Vivier ist das Sternelokal der Stadt und erfreut sich einer Terrasse direkt an der Sorgue. Patrick Fischnaller hatte lange in Großbritannien für Lokale der Conran-Gruppe gearbeitet, ehe er 2005 mit seiner Frau Céline nach Frankreich zurückkehrte. Seine Küche ist so raffiniert wie kreativ. Jedes Gericht ist auch für die Augen purer Hochgenuss.
• 800, Cours Fernande Peyre, 84800 L’Isle-sur-la-Sorgue, Tel. 04 90 38 52 80, www.levivier-restaurant.com

Le Carré d’Herbes

Traditionelle provenzalische Küche mit Forelle, Rind, Schwein und Lamm.
• 13, Avenue des quatre otages, 84800 L’Isle-sur-la-Sorgue, Tel. 04 90 38 23 97, https://www.lecarredherbes.fr

Schlafen

La Maison sur la Sorgue*

Marie-Claude und Frédéric waren einst Marketingberater in Paris. 2002 kauften sie im Geburtsort von Marie-Claude ein Stadtpalais aus dem 17. Jahrhundert und verwandelten es in das  schönste und edelste Boutiquehotel der Stadt. Es versteckt sich hinter hohen Mauern. Ein schweres Tor öffnet sich zu einem Innenhof mit einer eindrucksvollen Platane.

Hinauf zu den Gästezimmern führt eine alte Steintreppe mit schmiedeeisernem Geländer. Auf der Galerie weicht es einem modernen Eisengeflecht von Yannick Peyronnet. Pflanzen inspirierten das originelle Design des Kunstschmieds aus Pernes-les-Fontaines. So wie an der Treppe verschmelzen modernes Design und altes Erbe auch in den geräumigen Zimmern, in der Lobby und dem Speisesaal. Heraus kommt ein edles, einzigartiges Wohlfühlambiente.
• 6, rue Rose Goudard, 84800 L’Isle-sur-la-Sorgue, Tel. 06 87 32 58 68, www.lamaisonsurlasorgue.com

L'Isle-sur-la-Sorgue. Foto: Hilke MaunderL'Isle-sur-la-Sorgue. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Maison Artishow*

Mitten in der Stadt und direkt am Ufer des Flusses verwandelten Zahara und Marc-Antoine  ein Stadtpalais aus dem 12. Jahrhundert in ein  außergewöhnliches Gästehaus. Eine steinerne Wendeltreppe führt hinauf zu vier luxuriösen Suiten, geräumige 60 bis 80 Quadratmeter groß.  Zum Standard der vier Suiten gehören 2 x 2 Meter große Betten, WLAN, TV, Zimmersafe und Kühlschrank

Mobiliar und Deko sind ausgesucht im Design: Vorhänge von Piero Fornasetti, Nachttischlampen von Arne Jacobsen, Schaukelstühle von Eames….

Im letzten Stock führt die Treppe auf eine Terrasse mit Whirlpool und Liegefläche mit Blick auf die ganze Stadt und die Region. Wer mag, schwimmt im überdachten, beheizten Schwimmbad gegen den Strom.
• 9, Rue Denfer Rochereau, 84 800 L’Isle sur la Sorgue, Tel. 04 32 61 07 95, mobil 06 30 08 68 55, www.maisonartishow.com

Geöffnet vom 15. April bis 15. November. Das Haus  kann wochenweise komplett  gemietet werden. Bei Bedarf ist ein Haushalts‐ und Kochservice verfügbar. Parkplatz in der Nähe.

Noch mehr Betten*

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Nicht verpassen

Villa Datris

Das einstige Stadthaus der für ihre Textilien bekannte Maison Biehn wandelte sich im Juni 2011 zur Villa Datris. Als Stiftung für zeitgenössische Kunst präsentiert sie in ihrem typisch provenzalischen Stadthaus aus dem 19. Jahrhundert am Ufer der Sorgue jedes Jahr eine neue Ausstellung mit Werken zeitgenössischer Kunst.

Hinter der Stiftung stehen Danièle Marcovici, Geschäftsführerin einer Verpackungsfirma, und ihr Lebensgefährte, der Architekt Tristan Fourtine. Beide hegen eine große Leidenschaft für das aktuelle Kunstschaffen.

Auf 1700 Quadratmetern sind Arbeiten von anerkannten Künstlern als auch von Nachwuchstalenten zu sehen. Ihre zeitgenössischen Skulpturen aus allen Materialien sind draußen im Hof und den Gärten sowie drinnen auf zwei  Stockwerken zu bewundern.
•  7, avenue des Quatre Otages, 84800 L’Isle-sur-la-Sorgue, 04 90 95 23 70, www.fondationvilladatris.com

In der Nähe

Fontaine-de-Vaucluse

Nur rund 15 Minuten von L’Isle-sur-la-Sorgue entfernt liegt das Dorf, das dem Département seinen Namen gab: Fontaine-de-Vaucluse. Dort entspringt auch die Sorgue in einem Quelltopf. Nach Regenfällen ist das Sprudeln der Sorgue im Gouffre de la Fontaine-de-Vaucluse besonders beeindruckend. Die Quelle ist die stärkste Frankreichs und die fünftstärkste weltweit.

Weiterlesen

Im Blog

Alle meine Beiträge aus dem Vaucluse vereint diese Kategorie.

Im Buch

Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Provence*

DuMont Bildatlas Provence 2021

In meinem DuMont-Bildatlas „Provence“* stelle ich in sechs Kapiteln zwischen Arles und Sisteron die vielen Facetten der Provence vor. Ihr erfahrt etwas vom jungen Flair zu Füßen der Montagne Saint-Victoire, vom Weltstadttrubel an der Malerküste, dem weißen Gold aus der Pfanne oder einer Bergwelt voller Falten.

Neben Aktivtipps, Hintergrund und Themenseiten präsentiert die Rubrik “Ja, natürlich” zahlreiche Tipps für nachhaltige Erlebnisse und Momente. In “Urlaub erinnern” stelle ich Andenken, Eindrücke und Erinnerungen vor. Mit ihnen bleibt der Urlaub daheim noch weiter lebendig. Hinzu kommen Serviceseiten mit allen Infos, persönlichen Tipps und großer Reisekarte. Wer mag, kann den Band hier* direkt bestellen.

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