Die Verwandlung der Friche

Es sind nur ein paar Schritte vom Bahnhof Saint-Charles nach Belle de Mai und hin zu einem Medien-, Kultur- und Kreativzentrum, das längst langst landesweit Strahlkraft entwickelt hat: La Friche. Einst eine Tabakfabrik, ist s ie heute der Hotspot der alternativen Kultur- und Kunstszene von Marseille. Und fast schon ein eigener Stadtteil. Mit Ausstellungs- und Veranstaltungsräumen und Ateliers, Buchhandlung und Büros, Kinderkrippe und Skaterparcours, Café und Restaurant.

Tabak & Theater

Fast 540 Arbeiter waren bei Seita mit der Verpackung und dem Versand von Tabakblättern beschäftigt. 1990 schloss die Zigarettenfabrik Manufacture des Tabacs de Marseille. Weitere 40.000 Quadratmeter gesellten sich zu den industriellen Brachflächen der Hafenstadt, die damals einen starken Bevölkerungsrückgang erlebte. 700 ha Land nahmen die Altlasten damals ein. Was tun?

Die Antwort kam von den Kreativen: Sie besetzten die leeren Räume und begannen, sie als Werkstätten und Eventflächen zu nutzen. Christian Poitevin, Beigeordneter für Kultur von Bürgermeister Robert Vigouroux, erkannte das Potential und handelte. Unterstützt von der Politik, gründete er zusammen mit den Theatermachern Philip Foulquié, damals Direktor des Massalia-Theaters, und Alain Fourneau, bis Juni 2015 Direktor des Théâtre des Bernardines, den Verein „Système Friche Théâtre“ (SFT). Sein Ziel : Künstler mit Flächen zu versorgen, um die freie Entfaltung und Präsentation von Kunst jenseits von Kommerz zu sichern.

1992 zog der Verein in die einstige Fabrik, 1995 wurde Jean Nouvel Präsident des Projektes. Erste Künstler kamen zur Friche, darunter der Schweizer Maler Pierre Gattoni. 2001 wurden Matthieu Poitevin und Pascal Reynaud von ARM Architecture mit der Gesamtplanung betraut. Ihr Ansatz: Öffnung des Areals für alle und Umnutzung als Kulturzentrum bei wenig Änderungen an der Bausubstanz und geringen Kosten.

Sie verwandelten die riesige, einst dunkle Produktionshalle mit Oberlichtern in eine Ausstellungshalle und schufen mit Wanddurchbrüchen, teils mit Glas, teils mit transparenten Polycarbonatplatten verkleidet, das Restaurant Les Grandes Tables Seit der Eröffnung 2006 ist es ein angesagter Treffpunkt. 2009 folgte die Einweihung des Skaterparks, Bereits 2002 fertig gestellt war der Theatersaal des Cabaret Aléatoire.

Aussichten & Einsichten: Tour-Panorama

Zum Kulturhauptstadtjahr 2013 erhielt La Friche schließlich sein Wahrzeichen „La Tour-Panorama“ – eine neue,  4 000 Quadratmeter große Ausstellungsfläche für Gegenwartskunst, bekrönt von einer 8.000 Quadratmeter großen Dachterrasse mit Bar und Belvédère über den Westen der Stadt, die Küste und ihr Hinterland. Im Oktober 2013 folgte  die Einweihung der Plateaux, zwei Sälen für  370 und 150 Personen.

Triangle France: Inkubator für zeitgenössische Kunst

Aus einem Künstlerworkshop in Upstate New York mit drei Teilnehmerländern – Kanada, USA und Großbritannien – entstand ein Netzwerk, das heute als „Triangle“ in mehr als 40 Ländern weltweit zeitgenössisches Kunstschaffen fördert. In Frankreich sitzt die Non-Profit-Organisation  in La Friche Belle de Mai, wo sie im März 2015 ihr 20-jähriges Bestehen mit der Gruppenausstellung „Moucharabieh“ in der Ausstellungshalle „Panorama“, Performances und einem Round-Table-Gespräch feierte.

Triangle France besitzt als Cluster der zeitgenössischen Kunst Frankreichs international einen exzellenten Ruf. Es fördert den Austausch mit Artist-in-Residence-Programmen, holte internationale Künstler und Ausstellungen nach Marseille, unterstützt Produktionen oder gibt sie in Auftrag – und hilft Künstlern und Galerien, sich erfolgreich zu vermarkten.

Für Durchblick sorgen die zahlreichen Publikationen von Triangle France. Stars wie Turner-Preisträger Simon Starling und Laure Prouvost sowie den Schotten Jim Lambie hat Triangle France bereits nach Marseille gehört – und damit auch Kuratoren aus aller Welt angelockt, die zum Talent Spotting die Mittelmeer-Metropole besuchen.

Film, Funk & Fernsehen

Bereits ein Jahr nach Schließung der Tabakfabrik, und kurz nach dem Journal Taktik, zog der Stadtsender Radio Grenouille in La Friche.Heute sind dort auch noch die städtischen Archive, das Cabinet des Monnaies et Médailles, der Pôle Multimédia mit dem Bureau du Cinéma und Studios für Filmaufnahmen,  das CICRP (Centre Interrégional de Conservation et de Restauration du Patrimoine) sowie das Archiv des Institut National de l’Audiovisuel untergebracht.

La Friche: immer anders, immer spannend

Eine Fundgrube für alle, die Literatur zu Frankreichs Kreativszene suchen, ist die hervorragende Buchhandlung im Erdgeschoss. Ebenfalls im großen Saal untergebracht ist ein Café, das bei gutem Wetter seine Stühle draußen aufs Pflaster stellt – ein herrlicher Ort, um den Besuch von La Friche zu beenden, noch ein wenig den Skatern und Sprayern zuzuschauen und im Programm zu blättern, das in der Friche immer abwechslungsreich und überraschend ist.

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Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas „Provence“

In meinem DuMont-Bildatlas „Provence“ stelle ich in sechs Kapiteln zwischen Arles und Sisteron die vielen Facetten der Provence vor. Ihr erfahrt etwas vom jungen Flair zu Füßen des Malerberges, vom Weltstadttrubel an der Malerküste, dem weißen Gold aus der Pfanne oder einer Bergwelt voller Falten. Specials und Themenseiten verraten euch, welche großen Probleme der Lavendel hat, wo ihr Slow Food genießen – oder ihr ganz aktiv das Sonnenreich im Süden erleben könnt: beim Mountainbiken, Malen, Paddeln, Wandern oder Wildbaden. Hinzu kommen Serviceseiten mit allen Infos, persönlichen Tipps und großer Reisekarte. Wer mag, kann den Band hier * direkt bestellen.

Hilke Maunder: Provence – das Licht des Südens. Ostfildern: DuMont Reiseverlag 2018. ISBN 978-3770193943.

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4 Kommentare

  1. sehr cool, das gefällt mir! Das letzte Mal, als ich in Marseille war, habe ich einen ganzen Tag in der Villa Méditerranée verbracht. Nun weiß ich ja, wo ich beim nächsten Besuch hingehe.

1 Trackback / Pingback

  1. 72 Stunden Marseille - Mein Frankreich

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