Mein Frankreich: Monika Dudeck-Possiel

Monika Dudeck-Possiel und ihr Mann Manfred Possiel in der Bar Le Templier von Collioure. Foto: Daniel Possiel
Monika Dudeck-Possiel und ihr Mann Manfred Possiel in der Bar Le Templier von Collioure. Foto: Daniel Possiel

“Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Diesmal verrät es Monika Dudeck-Possiel.

Monika Dudeck-Possiel und Manfred Possiel bereisen das Languedoc-Roussillon seit 2004 und haben in Canet-en-Roussillon eine zweite Heimat gefunden. Beide wohnen seit mehr als 30 Jahren in Hannover.


La douce France

Meine Liebe zu Frankreich wurde schon im Elternhaus geweckt. Mein Vater hörte in den 60er Jahren französische Chansons, vorgetragen von Interpreten wie Dalida oder Adamo. Ein Auftritt von Gilbert Bécaud in unserem Schwarz-Weiß-Fernseher ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Monsieur 100000 Volt besang eine ominöse Nathalie aus Russland; lässig mit Zigarette und Cognacglas – für meinen Vater und seine sechsjährige Tochter der Inbegriff des französischen savoir vivre. Obwohl mir der Begriff damals noch total fremd war, wusste ich, der Sänger ist besonders.

Einige Jahre später begann meine Schwester,  an der TU Braunschweig Romanistik zu studieren und vertiefte ihre Sprachstudien an der Universität von Orléans. Von ihrer Begeisterung für das Land, die Sprache, die Kultur, die Musik angesteckt, entwickelte sich Französisch zu meinem Lieblingsfach in der Schule.

Aprikosenblüte bei Rivesaltes. Foto: Joseph Raynal
Die Aprikosen blühen. Foto: Manfred Possiel

Zu meinem Glück wurde es von einer außergewöhnlichen Lehrerin unterrichtet, die mich motivierte, mich sowohl mit politischen Themen als auch mit französischer Literatur zu beschäftigen. Nathalie Sarraute mit ihren “Tropismen”, die Gedichte des senegalesischen Poeten und Politikers Léopold Senghor, “Le silence de la mer” von Vercors standen auf dem Programm.

Tagesaktuell setzten wir uns mit den Problemen der Migrantenkinder auseinander, die in den Vororten von Paris wohnten. “En marche de la societé” – warum kam es dort immer wieder zu Brandanschlägen, zu Übergriffen durch die Polizei? Warum Ausgrenzung statt Integration? Für mich als politisch denkende Jugendliche der 1970er-Jahre waren das interessante Fragestellungen.

Natürlich war ich total begeistert, als mich meine Schwester zu einer vierwöchigen Reise durch Frankreich einlud. Zusammen mit ihrem koreanischen Freund fuhren wir mit einem R4 kreuz und quer durch Frankreich. Entlang der Loire mit ihren Schlössern, bis in die Provence nach Vence, Grasse, an die Côte d’Azur nach Nizza und Monaco und zurück über Paris ging die Reise.

Aprikosenblüte bei Rivesaltes. Foto: Joseph Raynal
Aprikosenblüte bei Rivesaltes. Foto: Joseph Raynal

Für mich als Jugendliche waren das unbeschreibliche Eindrücke, die mir noch heute in bester Erinnerung sind. Sowohl meiner Schwester als auch meiner Französischlehrerin bin ich von Herzen dankbar, dass sie meine Sehnsucht nach Frankreich geweckt und mein Leben dadurch nachhaltig beeinflusst haben.

Im “Wilden Süden” Frankreichs

Das Frankophile habe ich an meinen Mann und meine Kinder weitergegeben. In zahlreichen Reisen durch die Provence konnten wir immer neue Eindrücke aufnehmen. Diese Fahrten mit Flugzeug und Bahn führten uns über Monaco, Nizza bis Menton und ins italienische Ventimiglia. Von diesen beschwerlichen, aber nachhaltigen Abenteuerreisen wird noch heute begeistert im Familienkreis erzählt.

Die vielen positiven Erlebnisse führten dazu, dass meine älteste Tochter ein Jahr in Aix-en-Provence die Schule besuchte und später zwei Jahre in Marseille studierte.

Anfang 2000 bekam ich von einer Freundin den Tipp, doch einmal die nach Spanien gelegene Mittelmeerküste zu besuchen. So kamen wir ins Roussillon, wo wir uns für ein halbes Jahr häuslich niederließen. Unsere jüngere Tochter und unser Sohn studierten hier bzw. gingen ins lycée.

Bereits im Spätsommer beginnt die Lese. Foto: Joseh Raynal
Bereits im Spätsommer beginnt die Lese. Foto: Joseh Raynal

Jahre später lernte ich an der Uni Perpignan Joseph kennen, einen an der deutschen Sprache und Literatur begeisterten Weinbauern aus der Region. Mit ihm und seiner Familie verbindet uns eine tiefe Freundschaft, die mittlerweile über zehn Jahre besteht und alle räumlichen Trennungen überstanden hat.

Was lieben wir besonders am Roussillon? Wir waren sofort begeistert von der rauen Schönheit der Landschaft, dem nicht gefälligen Charme, den starken Winden, die uns schon oft durchgepustet haben und der geschichtsträchtigen Landschaft.

Weinernte auf dem Feld. Foto: Joseph Raynal

Hier gibt es zahlreiche Stätten zu erkunden, die ich an dieser Stelle nur stichwortartig vorstellen möchte.

Das, im spanischen Port Bou von dem kürzlich verstorbenen Architekten Dani Karavan errichtete Denkmal passages für Walter Benjamin, stellte für meinen, architektur- und philosophiebegeisterten Ehemann einen besonderen Anreiz da. Immer wieder fotografierte er die Erinnerungsstätte.

Er setzte sich mit der Biographie von Walter Benjamin auseinander, las sich in die Literatur über seine letzten Tage im spanischen Exil ein, seine dramatische Flucht über die Pyrenäen von Frankreich nach Spanien. Die Ausweglosigkeit seiner Situation, die ihn schließlich in den Selbstmord trieb, dargestellt in den „Passagen“

Passages von Dani Karavan.
Passages von Dani Karavan. Foto: Manfred Possiel

Immer wieder wurden wir mit Zeugen der deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkrieges konfrontiert. Wir besuchten das ehemalige Internierungslager Camp Joffre, in dem u.a. in den 1940er-Jahren Juden, die vor den Nazis aus der „Besetzten Zone“ geflohen waren, festgehalten wurden.

Das Internierungslager Camp Joffr. Foto: Manfred Possiel
Das Internierungslager Camp Joffre. Foto: Manfred Possiel

Wie sollte nach der Schließung dieser Anlage, in der bis 2007 Flüchtlinge untergebracht waren, mit dem Terrain umgegangen werden?  Verkauf des Geländes oder teilweise Bewahrung als Gedenkstätte, z.B. durch den Bau eines Museums, wofür sich u.a. auch die Familie Klarsfeld einsetzte? Dessen gelungene Umsetzung ist seit der Einweihung 2015 zu besichtigen.

Das Memorial de Rivesaltes: Der Innenraum. Foto: Manfred Possiel
Das Mémorial de Rivesaltes: der Innenraum. Foto: Manfred Possiel

Da sowohl mein Mann als auch ich Kunstliebhaber sind, besuchen wir häufig Collioure. Im templier trinken wir unseren Pastis und Espresso, werden durch Fotos daran erinnert, dass schon Picasso hier verkehrte und bewundern die an den Wänden hängenden Bilder zeitgenössischer Künstler.

Wir wandeln auf den Spuren von André Derain und Henri Matisse, die sich im Sommer 1905 hier aufhielten und zu den Gründungsmitgliedern der fauves gehören.

Diese Erlebnisse ließen in uns den Entschluss reifen, uns ein eigenes Haus in der Region zuzulegen. Für meinen bereits pensionierten Mann war die Entscheidung einfach. Ich musste dafür allerdings meine geliebte Schule verlassen.

Canet-en-Roussillon:  Unsere zweite Heimat

Ich weiß nicht mehr, wie viele Häuser wir besichtigt haben. Teilweise Bauruinen, teilweise verwinkelte Häuser, in denen der Ausgang nur schwer zu finden war… Etliche Besichtigungen und Enttäuschungen später sind wir schließlich in Canet fündig geworden.

Mein Mann und ich haben uns bewusst für das village entschieden. Wir schlendern durch die kopfsteingeplasterten, alten Gassen, halten ein Pläuschchen mit unseren Nachbarn Denise und Gerard oder mit George und Bernadette am Gartenzaun. In unserem Haus, das sich zwischen der Kirche Saint-Jacques und dem château vicomtal befindet, kommen wir zur Ruhe.

Die Kirche Saint-Jacques. Foto: Monika Dudeck-Possiel
Die Kirche Saint-Jacques. Foto: Monika Dudeck-Possiel

Wenn uns nach Gesellschaft zumute ist, treffen wir uns mit unseren deutschen und französischen Freunden in der brochetterie von Michel, wo wir auf der mit Platanen bestandenen Terrasse mit einem Glas vin blanc oder vin rouge das Essen genießen.

Häufig sitzen wir abends auf dem Balkon unseres Hauses und lassen mit einem Glas Pastis den Tag ausklingen. Unter sternenklarem Himmel zieht der Geruch der crème catalane aus Michels Restaurant zu uns herüber.

Mit unseren Kindern Lisa, Sarah und Daniel kommt die nächste Generation zu Besuch in unser „Familienhaus“. Sie teilen mit uns das Gefühl von Freiheit und französischer Lebensart. Ich bin sicher, mein Vater wäre stolz auf mich.


Der Beitrag von Monika Dudeck-Possiel ist ein Gastartikel in einer kleinen Reihe, in der alle, die dazu Lust haben, ihre Verbundenheit zu Frankreich ausdrücken können. Ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken. Ich freue mich, wenn dieser Aufruf viele von euch zum Mitmachen inspiriert.

Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik: Schickt mir den Text per Mail – und die Fotos bitte immer in Originalgröße (!!). Sind es viele, sendet sie bitte per WeTransfer.com. Oder hängt sie einzeln an die Mails. Merci ! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht.

Merci fürs Teilen!

4 Kommentare

  1. Guten Tag Hilke, erneut ein herzliches Merci für Deine Seite. Großartig!
    Wir sind nun wieder im Département Var und befürchten wegen der ansteigenden Infektionszahlen Schließungen von Museen und Stränden.
    Stimmt es, dass jede Kommune über Einschränkungen selbst befinden kann ?
    Wenn ja, wo kann ich wegen St.Raphael/ Frejus nachschauen.
    Vielen Dank und liebe Grüße
    Berthold

  2. Hallo Monika
    Super Artikel mit vielen Inputs für mich. Danke! Zu welcher Jahreszeit ist das Bild mit den Aprikosenblüten in Rivesaltes aufgenommen?
    Lieben Gruss Roberto

  3. Dass diese über Jahre intensiv gelebte Passion für das Land Frankreich endlich ein Zuhause gefunden hat, lässt mich aufatmen. Endlich agekommen!
    Toller Bericht.

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