Der Eingang zur Metrostation Sentier. Foto: Hilke Maunder
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Le Sentier in Paris: die Metamorphose

Le Sentier, das alte Viertel der Billigschneider aus Fernost, ist heute eines der angesagtesten Viertel des 2. Arrondissement von Paris.

Rue d’Aboukir, du Caire, du Nil. Schon die Straßennamen wecken Fernweh –  und die Erinnerung Napoleons Ägyptische Expedition (1798 – 1801). Versteckt zwischen dem Boulevard Sébastopol und der Rue Réaumur, bilden die Straßen das Quartier du Sentier.

Im Mittelalter war das Viertel als eines der gefährlichsten und ärmsten von Paris berüchtigt, insbesondere durch das berüchtigte Cour des Miracles. Selbst die Polizei traute sich damals nicht hier herein. Ab dem 19. Jahrhundert wandelte sich Le Sentier zum Zentrum der Pariser Textil- und Modeindustrie. Viele Einwanderer fanden hier Arbeit in kleinen Ateliers und Werkstätten.

Das Viertel entwickelte sich zum Herz der französischen Konfektions- und Stoffbranche und wurde als „El Dorado“ für Neuankömmlinge und Zentrum der Billigschneider aus Fernost bekannt. Bis in die 1980er Jahre galt Le Sentier als Synonym für das Pariser Mode- und Textilgewerbe, das zahlreiche Generationen von Unternehmern und Handwerkern prägte.

Heute ist Le Sentier im 2. Arrondissement von Paris ein Synonym für Trendiness und Innovation. Schicke Boutiquen, hippe Cafés und avantgardistische Kunstgalerien prägen das Bild des Viertels. Die Straßen sind belebt, und die Atmosphäre ist kosmopolitisch und kreativ. Viele Nebenstraßen sind verkehrsberuhigt.

Blumenkübel haben hier und da die Gehwege im Sentier erobert und zaubern eine geradezu dörfliche Atmosphäre ins Großstadtgetriebe. Enge Gassen, alte Gebäude und kleine Werkstätten prägen die Architektur von Le Sentier. Viele der Gebäude stammen aus dem 19. Jahrhundert und sind im typisch Pariser Haussmann-Stil erbaut – mit symmetrischen Fassaden, dekorativen Balkonen und großen Fenstern.

Pionier: Rue Montorgueil

Vorreiter der Gentrifizierung war die Rue Montorgueil, heute eine kleine Fußgängerzone mit Feinkostläden, gut sortierten Gemüsehändlern, Szenecafés und Restaurants. Hier findet ihr in Haus Nr. 51 auch die älteste Konditorei der Stadt: Stohrer.

Als Ludwig XV. die Tochter des polnischen Königs Stanislas Leszczynski heiratete, brachte diese den begnadeten polnischen Konditor ihres Vaters mit: Nicolas Stohrer, gebürtig aus Wissembourg im Elsass.

Hier wurde die berühmte Baba au Rhum erfunden, ein Dessert, das sogar Marie Antoinette zu schätzen wusste. Weitere Klassiker, die ihm zugeschrieben werden, sind die Réligieuse, die Tarte Chiboust und die Puits d’amour. Heute interpretiert Chef-Pâtissier Jeff Cagnes die klassischen Rezepte mit veränderten Zutaten aufs Köstliche neu. Das opulente Interieur der Pâtisserie gestaltete ein Schüler des berühmten Malers Paul Baudry, der auch für das Dekor des Opéra Garnier verantwortlich war.

Wie branché das Schneiderviertel als Silicon Sentier heute ist, zeigte auch das Engagement von David Lynch. In der Rue Montmartre eröffnete er 2011 seinen privaten Club Le Silencio. Hinein kamen nur Gäste mit Klubkarte. Covid-19 brachte 2020 die Schließung.

Angesagt: die Rue du Nil

Als echte Konkurrenz zur Rue Montorgueil hat sich die Rue du Nil etabliert. Dort haben die Schulfreunde Alexandre Drouard und Samuel Nahon mit Terroirs d’Avenir einen One-Stop-Schlemmer-Point mit drei Geschäften unter einem Dach gegründet:  Schlachter, Fischhändler und Gemüsehöker.

Alle drei arbeiten direkt mit den Bauern der Region und anderen örtlichen Produzenten zusammen und beliefern inzwischen 45 Restaurants wie das Septime oder Le Meurice im Luxushotel Dorchester.

Gregory Marchand durchlief die Küchen von Jamie Oliver, kam aus New York nach Paris, machte die Quebec-Kanadierin Caroline Loiseleux zur Sommelière und eröffnete 2009 sein Lokal Frenchie in der Rue du Nil Nr. 5. Bereits im Eröffnungsjahr zum „Besten Koch des Jahres 2009“ vom Guide du Fooding erwählt, wurde Frenchie rasch so erfolgreich, dass Gregory mit seiner Frau 2011 die Bar à Vin eröffnete. Dort schenkt Aurélien Massé zu Tapas und ein, zwei kleinen Gerichten exzellente Weine aus.

Koffein-Träume

Und jetzt ein Koffeinkick? Was Hippolyte Courti seit Sommer 2013 in seinem L’Arbre à café in der 10, rue du Nil, aus der Arabica zaubert, lässt träumen. Jede Bohne ist ein Hauch Fernweh, sonnengetrocknet in Tamil Nadu, in der brasilianischen Halbwüste von l’Espirito Santo gezogen. Oder ist zubereitet aus der Bourbon Pointu-Laurina, der braunen Grand Cru-Bohne des Piton des Neiges auf La Réunion.

Die Oase von Aboukir

2013 schraubte Patrick Blanc auf eine Fassade der Rue d’Aboukir ein 25 Meter hohes Trägersystem, befestigte daran 7600 Pflanzen aus 237 Arten, darunter, Moose, Farne und blühende Pflanzen, und schuf die erste große grüne Wand von Paris: die Oase von Aboukir. Ein automatisiertes Bewässerungssystem sorgt dafür, dass die Pflanzen ohne manuelles Gießen ausreichend Wasser erhalten.

Das Projekt, das damals viele für eine verrückte Spinnerei abtaten, hat heute längst bewiesen, wie gut es der Stadt tut. Die grüne Wand verbessert das lokale Klima, filtert die Luft, vermeidet Hitzeinseln und bietet Lebensraum für Insekten.

Heute ist der vertikale Garten nicht nur ein Hingucker im Stadtbild des Sentier-Viertels, sondern auch eine der berühmtesten best practices, die Kunst, Natur und nachhaltige Stadtplanung verschmelzen. Und dies macht der mur blanc im Wandel der Jahreszeiten so schön, dass er zum Instagram-Hotspot aufstieg.

Stylisch schlummern

Stark ist auch das Design des Hôtel Edgar, ein Retrotraum in Türkis mit Holz und Marmor. Einst barg das Gemäuer an der 31, Rue d’Alexandrie eine Schneiderwerkstatt. Heute sind zwölf Fantasien von Persönlichkeiten und Künstlern hier zu finden. Wer Hunger hat, speist bei Xavier Thiery frisch gefangenen Fisch auf der Terrasse.

Huhn, Lachs und Rind, oder ganz vegetarisch eine fette Scheibe Mozzarella, kommen auf die Gourmet-Burger von Blend in der Rue d’Argout. Wie gut, dass es inzwischen auch zwei tolle Spas im Sentier-Viertel gibt– den funktionell gestylten, weiß-modernen Hamman Paris in der 23, Rue des Jeûneurs und das orientalisch-romantische Spa der Sultane de Saba in der 8, rue Bachaumont.

Kult: diese Bäckerei in der Rue d'Aboukir. Foto: Hilke Maunder
Kult: diese Bäckerei in der Rue d’Aboukir. Foto: Hilke Maunder

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Hilke Maunder, Baedeker Paris*

1975 kam ich dank Interrail zum ersten Mal nach Paris und übernachtete in einem einfachen Sleep-in in der Rue de Turenne. Damals ahnte ich noch nicht, dass diese Stadt mich ein Leben lang begleiten würde. In den Jahren danach verbrachte ich fast jedes Jahr viel Zeit in der Kapitale: als junge Frau, die im 18e Arrondissement als Kellnerin jobbte, später mit Partner, schließlich mit meiner Tochter. Und bis heute fehlt mir etwas, wenn ich Paris nicht immer wieder neu erlaufen, erradeln oder durch das Labyrinth der Métro durchstreifen kann.

Aus dieser langjährigen, sehr persönlichen Beziehung zur Stadt ist mein Baedeker Paris* entstanden. Er versteht Paris nicht nur als Ansammlung berühmter Sehenswürdigkeiten, sondern als lebendige, vielschichtige Metropole, die sich mit jeder Reise neu erschließt. Natürlich findet ihr darin die großen Klassiker – vom Louvre über die Île de la Cité bis zum Eiffelturm –, doch ebenso wichtig sind mir die besonderen Orte, die leisen Viertel, die kleinen Entdeckungen abseits der Postkartenmotive.

Neben verlässlichen Fakten, übersichtlich aufbereiteten Karten und praxisnahen Tipps erzähle ich von ungewöhnlichen Details, kleinen Anekdoten und Momenten, die man nicht planen kann, die aber oft die schönsten Erinnerungen hinterlassen: ein Tanz unter freiem Himmel, ein unerwarteter Blick von oben, ein Abendessen, das länger dauert als gedacht. Genau diese Mischung aus Orientierung und Inspiration soll euch dabei helfen, Paris auf eure ganz eigene Weise zu erleben. Wer mag, kann meinen Paris-Reiseführer hier* bestellen.

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