Mein Frankreich: Pierre Sommet

Pierre Sommet. Copyright: Magenta-Verlag

„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch?

Diesmal antwortet Pierre Sommet, der 34 Jahre lang den Fachbereich Fremdsprachen an der Volkshochschule Krefeld geleitet hat. Heute Buchautor und Blogger, engagiert sich Pierre weiterhin für die Intensivierung der deutsch-französischen Beziehungen, vor allem auf dem interkulturellen Gebiet.


„Douce France, cher pays de mon enfance“, sang Charles Trenet. Ich lebe seit 46 Jahren in Deutschland und verbinde deshalb Frankreich mit Erinnerungen aus meiner Kindheit und meiner Jugend. Ich wurde im Thermalbad Vichy, „la reine des villes d´eau“ („die Königin der Heilbäder“) im Zentralmassiv geboren.

Mit seiner schönen Belle-Époque-Architektur gilt Vichy als eine der schönsten Städte Frankreichs. Nach dem Baccalauréat (frz. Abitur) verbrachte ich ein Jahr in Schottland und studierte anschließend Geschichte, Anglistik und Amerikanistik in Clermont-Ferrand.

Ein angenehmes Studentenleben, aber auch turbulente Zeiten im Mai 1968, auch in der Provinz. Es war mein rebellisches Frankreich, das von Jean Ferrat in „Ma France“ besungen wurde.

Die zwei Gesichter von Vichy

Rückblickend sehe ich vor meinem geistigen Auge die charmante Kleinstadt Vichy, die sowohl schöne (Kosmetika) als auch unschöne (Kollaboration des Vichy-Regime mit Nazideutschland) Assoziationen weckt. Und ich denke auch an meine Eltern, die hart gearbeitet haben und meine drei Brüder und mich stets unterstützt haben.

Meine Mutter war „un cordon bleu“, wie wir Franzosen sagen, also eine ausgezeichnete Köchin. Nicht selten wurden Meeresfrüchte und Burgunder Weinbergschnecken, die leckeren „gros de Bourgogne“, aufgetischt.

Im Bombenhagel über Vernon in der Normandie hatten meine Eltern Ihr Haus und Ihr Geschäft samt Hab und Gut verloren und mussten in die „zone libre“ flüchten. Dennoch haben sie niemals Ressentiments gegen die „Boches“ gehegt.

Im Gegenteil. Meine deutsche Frau und deutsche Freunde wurden stets herzlich empfangen. Sie begaben sich öfter auf die lange Reise nach Krefeld, um uns zu besuchen.

In der Trinkhalle von Vichy jobbte 1906 eine arme Näherin namens Gabrielle Bonheur Chasnel. Sie lernte den reichen Industriellensohn Étienne Balsan kennen. Der Beginn einer glanzvollen Karriere. Auch ich hatte Glück, aber ganz anders als „Mademoiselle“, nämlich die großartigen Liedermacher Jacques Brel und Léo Ferré in Vichy live zu erleben.

Auch der erste Mensch im Weltraum, der sowjetische Kosmonaut Juri Gagarin, war zu einem Vortrag nach Vichy gekommen. Am 12. April 1961 hatte er in 108 Minuten die Erde umrundet. Unvergessliche Momente.

Von der Vielfalt fasziniert

Mein Frankreich ist das Land mit den vielfältigsten Landschaften in Europa. Diese sind auch größtenteils Kulturlandschaften, die unzählige Touristen aus aller Welt anziehen: Burgund und seine einzigartigen romanischen Kirchen (Vézelay!), die faszinierenden Kirchenfenster von Chartres, die wilde Bretagne, die langen feinsandigen Strände an der Atlantikküste, die lieblichen Inseln Ré bei La Rochelle und Porquerolles am Mittelmeer, das sanfte, geschichtsträchtige Loire-Tal, zu recht „le jardin de la France“ genannt, die farbenfrohen duftenden Märkte der Provence.

Mein Lieblingsort, Saint-Rémy, die Geburtsstadt von Nostradamus, liegt in den malerischen Alpilles (die Landschaften von Van Gogh!). Und natürlich Paris, das man immer wieder entdecken kann. Kaum eine Region, die ich nicht besichtigt habe.

Mein Frankreich ist das Land der großen Maler Monet und Renoir, das Land der großen Regisseure Claude Chabrol, Louis Malle, Melville und Truffaut. Heutzutage punktet das französische Kino mit witzigen und sehr erfolgreichen Komödien wie „Willkommen bei den Sch´tis“ („Bienvenue chez les Ch´tis“) und „Ziemlich beste Freunde“ („Intouchables“). Mein Frankreich hat nämlich Esprit.

Es ist auch das Land des savoir-vivre, der kulinarischen Genüsse, auch wenn viele Deutsche unsere „Delikatessen“ als befremdlich, ja eklig, wie zum Beispiel die normannischen „tripes à la mode de Caen“ („Kutteln nach Art von Caen“), empfinden. Andere Länder, andere (Ess-)Sitten!

Und weil ich viele Sportarten mag (Rugby, Basketball, Volleyball, Handball etc.), möchte ich erwähnen, dass es die Tennislegende Jean Borotra, der auch Bildungs- und Sportminister in der Vichy-Regierung war, der den Handball in Frankreich einführte. Unsere Nationalmannschaft gehört bekanntlich zur Weltspitze.

Frankreich „schmackhaft“ machen

Als ich 1975 die Leitung des Fachbereichs Fremdsprachen an der VHS Krefeld übernahm, war es mir von Anfang an ein Anliegen, den Französisch-Kursteilnehmern und Frankreich-Fans mein Frankreich „schmackhaft“ zu machen: durch Sprachstudienreisen nach Vichy, landeskundliche Vorträge in französischer Sprache, Filme in Originalfassung, aufwändige interdisziplinäre Projekte wie „Rimbaud 2004“ und „Le Printemps des Poètes“ („Der Frühling der Dichter“), Chansonabende und facettenreiche französische Wochen.

Persönlichkeiten wie Benoîte Groult und Alfred Grosser nahmen meine Einladung ein. Parallel dazu habe ich eine Vielzahl von Büchern geschrieben, vor allem auflagenstarke Französisch-Lehrwerke (Cornelsen-Verlag) und sonstige Lern- und Lehrmaterialien (Cornelsen, Hueber-Verlag) für die Erwachsenenbildung.

Was Wörter über Frankreich verraten

In meinem Buch Madame Baguette und Monsieur Filou* spiele ich Wortdetektiv und deckte hinter  scheinbar deutschen Wörtern ihre französische Herkunft auf. Manchmal stehen auch schönen Legenden dahinter. Mit Madame Coquette und Monsieur Galant* folgten neue spannende und amüsante Wortgeschichten aus Frankreich folgten 

Auch in meinem dritten Buch Wie das Croissant nach Paris kam und die Bulette nach Berlin* , das im im Magenta-Verlag erschienen ist, bringe ich unterhaltsame Wortgeschichten, Etymologie, Kultur-und Sozialgeschichte mit aktueller Landeskunde in Einklang.

2018 erschien im gleichen Verlag mit Der Präsident hat keine Zeit!* mit Farbillustrationen von Cornelius Rinne mein inzwischen viertes Buch.  14 humorvolle, ironische und selbstironische, einfühlsame und spannende Kurzgeschichten zum Schmunzeln und zum Nachdenken verraten, wer die couragierte Marie Durand war, woran eine französische Singdrossel schuld ist, wie Karneval in Dünkirchen gefeiert wird – und was es mit dem sprechenden Schwein Anatole im Herzen Frankreichs auf sich hat.

Mein deutsch-französischer Blog  madamebaguette.tumblr.com ist ein bescheidener Beitrag zur deutsch-französischen Freundschaft. Meine Intention ist es auch, Synergieffekte zu erzielen.

Bedauerlicherweise haben sich die Beziehungen zwischen beiden Ländern abgekühlt. Weniger Geld ist vorhanden. Die kulturelle Arbeit leidet darunter. Meine schöne Muttersprache ist bei Schülern immer weniger en vogue.

Erfreulich dagegen die Tatsache, dass das Maison de France in Berlin gerettet wurde, und dies nur, weil es massive Proteste gab, und, dass 2017 Frankreich Gastland der Frankfurter Buchmesse war.

„Le coq n´est PAS mort“ („Der gallische Hahn ist NICHT tot“)! Nur als „coq au vin“, aber auch in diesem Zustand schmeckt er!

Zu guter Letzt halte ich es mit Montesquieu, der übrigens damals Deutschland bereiste. „Je suis homme avant d´être Français“ hatte der Aufklärer gesagt. Als sich die Möglichkeit ergab, die doppelte Staatsangehörigkeit anzunehmen, war dieser Schritt für mich eine Selbstverständlichkeit.


Pierre Sommet gehört zu den inzwischen schon vielen Gastautoren, die in dieser Blogparade auf Mein Frankreich.com ihre Verbundenheit zu Frankreich vorstellen – ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken.

Ich freue mich, wenn  viele von euch ihrem Beispiel folgen und ihre Texte euch zum Mitmachen inspirieren. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, nur Fotos oder nur Text: Schickt mir eine Mail an info at maunder punkt de! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht. Alles bisherigen Artikel findet ihr hier.

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