Eine der vielen Bars am Boule' Mich'. Foto: Hilke Maunder
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Quartier Latin: legendäres Studenviertel

Zu jeder Tages- und Nachtzeit pulsiert auf dem Boulevard Saint-Michel und den Gassen des Studentenviertels Quartier Latin von Paris das Leben. Sein Name erinnert daran, dass an der Sorbonne bis zur Revolution auf Lateinisch unterrichtet wurde.

Die Sorbonne gilt als Königin der französischen Unis – auch, wenn internationale Rankings mitunter diese Einschätzung relativieren. Unangefochten gehört sie jedoch zu den ältesten der Welt. Thomas von Aquin, Marie Curie und Simone de Beauvoir büffelten unter dem kunstvollen Stuckgewölbe der Grande Salle de la Bibliothèque.

Mythos mit Problemen

Doch der Uni, 1257 auf Initiative von Robert de Sorbon, Domherr und Beichtvater Ludwigs IX., mit finanzieller Unterstützung des Königs als Kolleg für 20 mittellose Theologiestudenten gegründet, geht es schlecht: Es fehlt an Platz und finanziellen Mitteln. Gebüffelt wird heute nicht mehr nur vor getäfelten Holzwänden, sondern auch in fensterlosen Kellern.

Büroräume für Lehrende gibt es nicht. Sprechstunden werden auf Fluren oder gerade leerstehenden Hörsälen abgehalten.

Wer im großen Bibliothekssaal recherchieren will, erhält nach Wartezeit maximal zwei Werke. Und such vergeblich eine Steckdose für seinen Laptop. Und so versuchen gute Schüler heute, statt an der Sorbonne einen Platz an einer Grande École zu erhalten.

Sie sind heute die Kaderschmieden der Eliten von morgen. Die Sorbonne indes taucht in internationalen Uni-Ranglisten wie dem Shanghai Ranking seit 2006 nicht mehr unter den europäischen Top 100 auf.

Aus Eins mach Dreizehn

Im allgemeinen Sprachgebrauch steht „Sorbonne“ bis heute für die Pariser Universität. Doch sie wurde nach den Studentenunruhen von 1968 in 13 selbstständige Hochschulen aufgeteilt, die sich auf das gesamte Stadtgebiet verteilen. Die historische Keimzelle im 5. Arrondissement teilen sich heute drei der 13 Pariser Universitäten: Paris Panthéon-Sorbonne, Paris III Sorbonne Nouvelle und Paris IV Paris-Sorbonne.

Letztere genießen – im Gegensatz zu anderen Ausgliederungen – international noch immer großes Ansehen. Seit 2006 ist die Université Paris IV Paris-Sorbonne daher mit dem Nahen Osten verbunden und in Abu Dhabi mit einer Außenstelle vertreten.

Das Flair der Sorbonne könnt ihr im Innenhof der Sorbonne oder in Studentencafés wie L’Écritoire am kleinen Platz vor der Hochschule genießen, wo im Sommer Springbrunnen mit aufgereihten Fontänen plätschern.

Dahinter erhebt sich die barocke Hauptfassade der Uni, die Allegorien der Wissenschaft schmücken. Literatur, Naturwissenschaft und Kunst sind auch Themen des klassizistischen Wandbildes „Der heilige Hain“ von Puvis de Chavannes im Grand Amphithéâtre, dem größten Hörsaal der Sorbonne.

Im Ehrenhof hat Kardinal Richelieu (†1642) in einem prunkvollen Barockgrab von François Girardon in der kleinen Kapelle Sainte-Ursule de la Sorbonne seine letzte Ruhestätte gefunden. Richelieu war ab 1622 Rektor der Uni gewesen.

Renommierte Kaderschmieden

Neben der Sorbonne findet ihr zwischen der Seine und der Montagne Sainte-Geneviève die meisten Grandes Écoles. Zu den berühmten Elitehochschulen Frankreichs gehören die École Polytechnique und École Normale Supérieure (ENS).

Das Panorama der Gelehrsamkeit vervollständigen traditionsreiche Gymnasien wie das Lycée Henri IV und das Lycée Louis-le-Grand.

Île de la Cité. Foto: Hilke Maunder
Das Seine-Ufer des Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder

Bildung für alle

Und das Collège de France. Seine Wurzeln liegen im Collège des Trois Langues an der Place Marcelin-Berthelot 11. Franz I. wollte damit 1530 ein von der Kirche unabhängiges wissenschaftliches Kolleg schaffen, in dem die drei Sprachen des klassischen Altertums – Hebräisch, Griechisch und Latein – wieder an den Urtexten studiert werden sollten. Neu war auch, dass der König die Gelehrten entlohnte. Und nicht, wie sonst üblich, die Studenten.

Das aus dem Kolleg der drei Sprachen hervorgegangene Collège de France ist eine der berühmtesten akademischen Lehr- und Forschungsstätten Frankreichs. Entsprechend den alten Regeln gibt es bis heute keine Examen, und die Vorlesungen sind für jeden kostenlos zugänglich.

Illustre Professoren haben hier gelehrt, darunter der Dichter Paul Valéry, der Philosoph Michel Foucault und der Literaturkritiker Roland Barthes.

Auch der nationale Ruhmestempel für Frankreichs Geistesgrößen Frankreichs befindet sich im Quartier Latin: das Panthéon.

In der <em>Rue Saint-Séverin</em>. Foto: Hilke Maunder
In der Rue Saint-Séverin. Foto: Hilke Maunder

Trubeliges Ausgehviertel

Im Studentenviertel wimmelt es nur so von Kinos, Kneipen und Restaurants, Billigläden, Cafés, Boutiquen, Jazzclubs und Bars. Während des Semesters von Oktober bis Juni bestimmen Schüler und Studenten aus aller Welt das Straßenbild.

In den Sommermonaten dagegen bevölkern vor allem Touristen den Boul‘ Mich, die sich manchmal enttäuscht zeigen, dass sie hier nur ihresgleichen treffen – besonders in der verkehrsberuhigten Restaurantgasse Rue Saint-Severin.

Beliebter Ort für Livemusik: das Kopfsteinfplaster von der Caféterrasse des Saint-Sev an der Place Saint-Michel im Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder
Beliebter Ort für Livemusik: das Kopfsteinpflaster vor der Caféterrasse des Saint-Sev‘ an der Place Saint-Michel im Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder

Die Kirchen des Quartiers

Die gotische Kirche Saint-Julien-le-Pauvre aus dem 12. Jahrhundert am Square Viviani gehört heute der griechisch-orthodoxen Gemeinde. Im 15. und 16. Jahrhundert wurde im Gotteshaus der Rektor der Sorbonne gewählt. Den Beginn der Vorlesungen verkündete die Kirchenglocke.

Die älteste Kirchenglocke von Paris (1412) hängt im Turm von Saint-Severin. Das Gotteshaus an de an der Rue des Prêtres-Saint-Séverin gilt als schönster Sakralbau der Spätgotik im Flamboyant-Stil.

Zeitreise ins Mittelalter

Der Innenhof des Hôtel de Cluny. Foto: Hilke Maunder
Der Innenhof des Hôtel de Cluny. Foto: Hilke Maunder

Dort, wo der Boulevard Saint-Michel den Boulevard Saint-Germain kreuzt, erhebt sich einer der letzten spätmittelalterlichen Wohnpaläste von Paris. Im Jahr 1330 hatte die Abtei von Cluny die  römischen Thermen von Lutetia erworben und unter Abt Jacques d’Amboise im Jahr 1485 das Hôtel de Cluny erbaut. Das Pariser Domizil ihrer Äbte bildet seit 1844 den Rahmen für die faszinierende Sammlungen des Musée du Moyen Âge.

Weltberühmt ist das Pariser Mittelaltermuseum für seinen Wandteppichzyklus „Die Dame mit dem Einhorn“, der vermutlich in Brüssel im späten 15. Jahrhundert hergestellt wurde. Die Wandteppiche zeigen eine Dame in einem Garten, begleitet von einem Löwen und einem Einhorn, und jeder der fünf Wandteppiche ist einem der Sinne gewidmet: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Berühren und Liebe.

Der sechste Wandteppich zeigt die Inschrift À mon seul désir (Meinem alleinigen Wunsch), was möglicherweise auf das körperliche Verlangen, die Liebe oder auf das spirituelle Streben der Dame hinweist. Die Bedeutung der Wandteppiche ist jedoch bis heute umstritten.

Einige Interpretationen sehen die Dame als eine allegorische Figur, die die Tugenden und die weibliche Schönheit verkörpert, während andere sie als historische Persönlichkeit interpretieren, die von der Macht der Sinne gefangen genommen wird.

Die Dame mit dem Einhorn. Foto: Hilke Maunder
Die Dame mit dem Einhorn. Foto: Hilke Maunder

Einige glauben auch, dass die Wandteppiche eine christliche Bedeutung haben, da sie im Zusammenhang mit dem Kloster Cluny hergestellt wurden, das zu dieser Zeit ein wichtiges spirituelles Zentrum war. Die Dame mit dem Einhorn ist bis heute rätselhaft – und ein faszinierendes, wunderschönes Beispiel der Blüte der Gobelinkunst.

Das Frigidarium und andere Reste der antiken Thermen lassen sich nur auf Führungen besichtigen.

Legendäre Buchhandlungen

Seit 1886 pilgern alle, die wenig Geld für ihre Lieblingstitel ausgeben wollen, in Paris zu Gibert Jeune. Den Buchladen, vom Vater Joseph gegründet, übernahm sein Sohn Régis- Der riesige Bücherladen mit Papeterie befand sich direkt am Métroeingang Saint-Michel. Stundenlang konnte man bei Gibert Jeune in Regalen und Wühlkisten nach gebrauchten Büchern stöbern.

Kultladen für Leseratten: Shakespeare and Company. Foto: Hilke Maunder
Kultladen für Leseratten: Shakespeare and Company. Foto: Hilke Maunder

Régis‘ Bruder eröffnete Gibert Joseph. Aufgrund finanzieller Schwierigkeiten von Gibert Jeune sind beide Brüder – und ihre Unternehmen – seit 2017 vereint.

Nicht minder legendär ist George Whitemans origineller Buchladen Shakespeare and Company an der Rue de la Bûcherie 37. In dem kleinen, meist vollgedrängten Laden findet ihr Werkausgaben von William Shakespeare bis James Joyce. Alle gerade Jahre feiert der Buchladen ein Literaturfestival.

Eine der vielen Bars am Boule' Mich'. Foto: Hilke Maunder
Eine der vielen Bars am Boule‘ Mich‘. Foto: Hilke Maunder

Gasse der Nachtschwärmer

Nachts vibriert das Leben in der Kopfsteingasse Rue de la Huchette. Seit mehr als 60 Jahren zeigt dort das Thêatre de la Huchette jeden Abend von Montag bis Sonnabend die beiden Einakter von Eugène Ionesco: um 19 Uhr La Cantatrice Chauve (Die kahle Sängerin), um 20 Uhr La Leçon (Die Unterrichtsstunde) – Kult seit 1957.

Der 1946 gegründete Caveau de la Huchette gilt als ältester Jazzkeller Europas. Seit mehr als 70 Jahren ist er die Hochburg des Swing. Denn geleitet wird er seit 1970 von Dany Doriz, Vibrafonist und Freund von Lionel Hampton, der hier wie Al Copley und Pete Allen regelmäßig auftrat.

Manch eine Bar liebt es frivol in der Rue de la Huchette. Foto: Hilke Maunder
Manch eine Bar liebt es frivol in der Rue de la Huchette. Foto: Hilke Maunder

Der feine Unterschied

Das Quartier Latin und das Quartier Saint-Germain-des-Prés haben es schwer: Gerne werden sie als Synonyme für die besondere Atmosphäre der Rive Gauche genommen. Obgleich die beiden Stadtteile eng miteinander verbunden sind, gibt es doch einige Unterschiede, die sie voneinander abgrenzen.

Traditionell wurde das Quartier Latin als das Gebiet südlich der Seine rund um die Sorbonne herum bezeichnet, während Saint-Germain-des-Prés auf der linken Seite der Seine nördlich des Quartier Latin liegt.

Die <em>Fromagerie Laurent Dubois</em> am <em>Boulevard Saint-Germain</em> 47 Ter im Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder
Die Fromagerie Laurent Dubois am Boulevard Saint-Germain 47 Ter im Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder

Auch die Atmosphäre ist anders in den beiden Vierteln. Das Quartier Latin ist das quartier intéllo, geprägt von Universitäten und Schulen und dem allgegenwärtigen Studentenleben. Saint-Germain-des-Prés ist schicker und für seine Kunstgalerien, Boutiquen und exklusiven Cafés und Restaurants bekannt.

Umstrittene Grenze

Eine Brûlerie abseits der bekannten Laufstrecken im Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder
Eine brûlerie abseits der bekannten Laufstrecken im Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder
Traditionell und beliebt seit Jahrzehnten ist diese Café-Bar einer Brûlerie im Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder
Traditionell und beliebt seit Jahrzehnten ist diese Café-Bar einer brûlerie im Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder

Als Grenze zwischen den beiden Stadtteilen wird gerne die Rue de Rennes genommen, die von der Sorbonne nach Norden verläuft. Das Café de Flore befindet sich damit in Saint-Germain-des-Prés. die nicht minder berühmten Cafés wie das Café de la Mairie oder das Café Procope hingegen im Quartier Latin.

Bereits 1686 gründete der Sizilianer Francesco Procopio dei Coltelli in der Rue de l’Ancienne Comédie 13 das älteste Café von Paris. Im Treffpunkt der Intellektuellen verkehrten die Philosophen der Aufklärung, später die Hitzköpfe der Revolution und die Dichter der Romantik. Aushängeschild der Küche ist seit mehr als 130 Jahren Tête de Veau en Cocotte, Kalbskopf mit Karotten und Kartoffeln im gusseisernen Topf.

Andere Quellen nennen die Rue de Condé, die westlich der Rue de Rennes verläuft und die Rue de l’Odéon mit der Rue de Seine verbindet, als Grenze. Das Procope wäre dann ein echter Grenzfall – und ein äußerst sympathisches Bindeglied. Seine Preise indes sind schon lange nicht mehr studentisch.

Nächtliche Leuchtreklame im Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder
Nächtliche Leuchtreklame im Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder

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Nächtliche Leuchtreklame im Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder
Nächtliche Leuchtreklame im Quartier Latin. Foto: Hilke Maunder

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