So seht ihr Rocamadour von der D 32 nach Couzou. Foto: Hilke Maunder

Rocamadour: die hängende Stadt

Wie die Wurzeln der Bäume ringsum klammert sich Rocamadour an eine Felswand im Haut-Quercy. Die mittelalterliche Stadt im Département Lot von Okzitanien ist ein berühmter katholischer Wallfahrtsort – und ein wunderschöner Ausgangspunkt für Wanderungen im Alzou-Tal.

Les maisons sur la rivière, les églises sur les maisons, les rochers sur les églises, et le château sur le rocher.

Die Häuser am Fluss, die Kirchen auf den Häusern, die Felsen auf den Kirchen und die Burg auf dem Felsen.

Viel genutztes, anonymes Zitat

Die heilige Stätte

Die cité sacrée von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder
Die cité sacrée von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder

Während die ersten Sonnenstrahlen einen warmen Schein auf die Klippen werfen, taucht Rocamadour aus dem Schatten der Schlucht auf, die der Alzou in das Kalkplateau des Quercy gefräst hat.

Einhundertzwanzig Meter trennen die Höhen der Festung aus dem 14. Jahrhundert von den Häusern am Fuße der Klippe. Dazwischen liegt das Heiligtum voller Oratorien und Kapellen.

Schon die Lage ist spektakulär. Noch erstaunlicher sind die Wunder, die dem Felsennest am Jakobsweg zugeschrieben wurden.

Der heilige Jakob von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder
Der heilige Jakob von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder

Legendäre Wunder

Jedes Wunder soll die Glocke im Gewölbe der Chapelle Notre-Dame durch selbsttätiges Läuten kundgetan haben. Im Jahr 1166 entdeckte man an der Schwelle der Marienkapelle ein Grab mit einem nicht verwesten Leichnam.

Es sei der legendäre Eremit Amadour, tat die katholische Kirche kund – und nannte das Dorf nach Fundort und Name des Heiligen Rocamadour.

Die Cite Sacrée von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder
In der cite sacrée von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder

Geheimnisse um St. Amador

Ob die Gebeine tatsächlich dem einstigen Zöllner Zacharias gehört haben, der nach Christi Tod den Namen Amadour angenommen und von Jericho nach Gallien gegangen sei … wer weiß. Doch seitdem ist Rocamadour mit jährlich mehr als einer Million Besucher einer der wichtigsten Wallfahrtsorte Frankreichs.

Genauso legendär ist der Mythos, Amadour habe als Einsiedler zu Füßen des Felsens eine dunkle Marienfigur aus einem Baumstamm geschnitzt, zu der fortan die Menschen pilgerten – als Gläubige wie auch als Büßer. Kunsthistoriker indes haben die legendäre Entstehung der Schwarzen Muttergottes längst widerlegt und ordnen die Vièrge Noire ins 12. Jahrhundert ein.

Nicht nur gläubig, sondern auch recht wehrhaft zeigt sich Rocamadour. Foto: Hilke Maunder
Nicht nur gläubig, sondern auch recht wehrhaft zeigt sich Rocamadour. Foto: Hilke Maunder

Die Große Treppe

Pilgern als Strafe war seit den Karolingern in der katholischen Kirche gängige Praxis. Wer seine Vergehen mit einer Büßerfahrt nach Rocadamour sühnen musste, trug dabei Ketten an Hals und Armen – und musste auf den Knien die 216 Stufen der Großen Treppe bis zum Pranger hinaufrutschen.

Auf den Spuren von Saint-Louis, Schwester Emmanuelle, Francis Poulenc und sogar Heinrich II. Plantagenêt erklimmen jedes Jahr Tausende von Pilgern den Grand Escalier zum Kirchplatz.

Rocamadour, vous êtes la première marche de l’escalier du ciel
Rocamadour, du bist die erste Stufe der Himmelsleiter.

André Breton

Der Grand Escalier von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder
Der Grand Escalier von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder

Die Schwarze Madonna

Am Kirchplatz bilden eine Krypta, eine Basilika und sieben Kapellen das Gelände des Rocamadour-Heiligtums. Jede dieser Stätten hat ihre eigene Persönlichkeit, ihre eigenen Besonderheiten. In der Kapelle Notre-Dame wird zum Beispiel der Schwarzen Madonna gehuldigt.

Die schwarze Madonna von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder
Die schwarze Madonna von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder

Die ursprüngliche Marienkapelle wurde im Hundertjährigen Krieg zerstört. Den Leichnam des Heiligen Amadour zerschlug der protestantische Hauptmann Jean Bessonies mit einem Schmiedehammer.

Der gesamte Schatz von Notre-Dame wurde während der Religionskriege geplündert und zerstört. Nur das Gnadenbild und die Wunder-Glocke blieben verschont. Die jetzige Kapelle stammt aus dem 19. Jahrhundert.

Foto: Hilke Maunder
Schauriges Mittelalter. Foto: Hilke Maunder

Die Kapellen der Cité Sacrée

In der Chapelle Saint-Michel könnt ihr Fresken aus dem 12. Jahrhundert bewundern, die die Heimsuchung des Heiligen Christophorus darstellen.

Die Chapelle Sainte-Anne stammt – wie auch die Chapelle Saint-Blaise – aus dem 13. Jahrhundert und birgt einen vergoldeten Altaraufsatz aus dem 17. Jahrhundert.

Der Eingang zur Basilika Saint-Sauveur von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder
Der Eingang zur Basilika Saint-Sauveur von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder

Die Chapelle Saint Jean-Baptiste steht gegenüber dem gotischen Portal der Basilique Saint-Sauveur.

Die Basilika Saint-Sauveur

Die Basilika wurde im 12. Jahrhundert erbaut. Der Zugang erfolgt über eine Treppe von der zweiten Ebene der cité sacrée.

In der Basilika von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder
In der Basilika von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder

Die beiden Kirchenschiffe der Basilika lehnen sich an der Westseite der Felswände an. An der Südwand ist die Kapelle Notre-Dame angebaut. Im 19. Jahrhundert erhielt die Basilika ein hölzernes Zwischengeschoss für die Unterbringung der vielen Pilger.

Die moderne Orgel der Basilika. Foto: Hilke Maunder
Die moderne Orgel der Basilika und das hölzerne Mezzanin. Foto: Hilke Maunder

Gleich daneben seht ihr die moderne, bootförmige Orgel von Jean Daldosso aus dem Jahr 2013. Die Reliquien des Heiligen Amadour befinden sich seit 2016 wieder in der rechten Apsis.

Der Kreuzweg

Die Verbindung zwischen Heiligtum und Burg bildet der Chemin de la Croix. Der Kreuzweg mit 14 Stationen, die das Leiden Christi symbolisieren, bietet herrliche Ausblicke auf das Azou-Tal und Rocamadour.

Der Beginn des Kreuzweges. Foto: Hilke Maunder
Der Beginn des Kreuzweges. Foto: Hilke Maunder

Das Wunderschwert

Das wundertätige Schwert von Roland ist neben der Madonna die berühmteste Reliquie des Heiligtums und soll heilende Kräfte besitzen. Das Durendal oder Durandart, Durandarte und Durindana aus dem altfranzösischen Rolandslied soll der Sage nach von Wieland (altfranz. Guallant) geschmiedet worden sein.

Dieser soll in den Schaft des épée de Roland auch schützende Zutaten gegeben haben: einen Zahn des Apostels Petrus, Blut des Heiligen Basilius, ein Haar des Heiligen Dionysius sowie ein Stück vom Gewand der Jungfrau Maria.

Nachdem Roland zuvor eine Bresche in die Pyrenäen geschlagen hatte, die sogenannte Rolandsbresche, soll er nach Ganelons Verrat am Ronceveaux-Pass mit seinen Männern bis zuletzt Widerstand geleistet haben. Zu Tode verwundet, versuchte Roland vergeblich, sein Durandal-Schwert an einem Felsen zu zerschlagen, damit es nicht in die Hände der Sarazenen falle. Doch es war der Stein, der zerbrach.

So betete Roland zum Erzengel Michael und bat ihn um Hilfe, das Schwert vor den Ungläubigen zu retten. Danach schleuderte Roland es mit letzter Kraft in Richtung Tal. Durandal durchquerte kilometerweit die Luft und pflanzte sich in den Felsen des Heiligtums von Rocamadour ein. Dort ist es bis heute zu sehen, alt und rostig, über der Tür der Notre-Dame-Kapelle.

Wie im Mittelalter

Die Porte Basse der Unterstadt von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder
Die Porte Basse der Unterstadt von Rocamadour. Foto: Hilke Maunder

Der Charme von Rocamadour beschränkt sich nicht nur auf seine spirituelle Anziehungskraft. Das Dorf ist ein lebendiges Relikt des Mittelalters mit engen Gassen voller Kopfstein und Häusern, die ein Gefühl der Zeitlosigkeit verströmen.

Schlendert durch die Rue de la Couronnerie und stöbert in den Boutiquen: Souvenirs hier, Handgearbeitetes und lokale Kunst dort.

So kommt ihr vielleicht auch zum Café-Theater Côté Rocher von Patrick Sébastien, wo Corinne Delpech seit 2008  ihre urkomische Version der Geschichte von Rocamadour vorträgt.

Das obere Zugangstor zur cité sacrée. Foto: Hilke Maunde
Das obere Zugangstor zur cité sacrée. Foto: Hilke Maunder

Cremige Ziege

Rocamadour ist nicht nur eine Augenweide: Es ist auch kulinarisch ein Genuss. Kulinarischer Botschafter ist der berühmte Rocamadour-Käse, ein cremiger, nussiger Ziegenkäse, der perfekt zu einem Glas des vin noir de Cahors passt und früher Cabécou hieß.

Ausgereift und in Blätter gewickelt, kommt das seit 1996 mit dem AOP-Siegel geschützte, flache Käse-Rund als Picadou in den Handel.

In den Restaurants dominiert die Ente die Speisekarte: mit confit, foie gras, aiguillettes und magret de canard. Achtung: Die meisten Lokale schließen Anfang November und öffnen erst wieder im April.

Abwechslungsreiche Umgebung

Wohnhaus im Tal des Auzou bei Rocamadour. Foto: Hilke Maunder
Wohnhaus im Tal des Auzou. Foto: Hilke Maunder

Rocamadour liegt inmitten einer äußerst abwechslungsreichen Landschaft, die ein dichtes Netz an Wander-, Rad- und Reitwegen durchzieht. Und auch unter Tage einiges zu bieten hat.

Gegenüber dem Friedhof an der Chapelle de l’Hospitalet ließ sich die 14-jährige Marguerite Lamothe mit ihrem Vater am 16. Oktober 1920 in ein merkwürdiges Loch gleiten, das sich urplötzlich am Ende ihres Gartens aufgetan hatte.

Was sie erblickten, kam ihnen wunderbar vor: kristalline Konkremente und Wandbilder der Vorzeit, rund 20.000 Jahre alt. So nannten sie die Höhle La Grotte des Merveilles und öffneten das recht niedrige wie kleine Naturwunder für Besucher.

Seitdem haben es nur Frauen geleitet: erst Marguerite, ab 1985 deren Tochter Monique – und seit einigen Jahren nun Moniques Tochter Mireille.

Rocamadour in Tal des Azou. Foto: Hilke Maunder
Rocamadour in Tal des Alzou. Foto: Hilke Maunder

Rocamadour: meine Reisetipps

Schlemmen und genießen

Jehan de Valon

Im Herzen der Wallfahrtsstadt serviert Küchenchef Xavier Menot eine gehobene traditionelle Lokalküche – kostet einmal die Quercy-Lammkeule, begleitet von Weinen aus dem Südwesten und schönen Ausblicken auf das Alzou-Tal.
• Cité Médiévale, 46500 Rocamadour, Tel. 05 65 33 63 08, www.beausite-rocamadour.com

Nicht verpassen

Der Gouffre de Padirac

17 Kilometer nordöstlich von Rocamadour öffnet sich der „Schlund von Padirac“ und präsentiert ein Wunderland aus unterirdischen Flüssen und faszinierenden Stalaktiten und Stalagmiten.
• Le Gouffre, 46500 Padirac, Tel. 05 65 33 64 56, www.gouffre-de-padirac.com

Das Château de Castelnau-Bretenoux

Die wunderschön erhaltene mittelalterliche Burg in Prudhomat lockt mit einer faszinierenden Reise in die Geschichte der Region. Ihre hoch aufragenden Türme und alten Mauern eröffnen weite Panoramablicke auf die Landschaft des Quercy.
• Castelnau, 46130 Prudhomat, Tel. 05 65 10 98 00, www.castelnau-bretenoux.fr

Die Fôret des Singes

Rund 150 Berberaffen leben im Affenwald von Rocamadour.
• L’Hospitalet, 46500 Rocamadour, Tel. 05 65 33 62 72, www.la-foret-des-singes.com

Hier könnt ihr schlafen*
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Rocamadour, gesehen von der D 32. Foto: Hilke Maunder
Rocamadour, gesehen von der D 32. Foto: Hilke Maunder

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Okzitanien abseits GeheimtippsHilke Maunder, Okzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es beginnt an den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt.

Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte. Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen.

50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

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