Ruby Bute: die große Dame der karibischen Kultur

Ruby Bute mit dem Buch "Stories of St. Martin", das auch ein Portrait von ihr enthält. Foto: Hilke Maunder
Ruby Bute mit dem Buch "Stories of St. Martin", das auch ein Portrait von ihr enthält. Foto: Hilke Maunder

300 Jahre ist er alt, der silk cotton tree (Ceiba pentandra). Wie Falten ragen seine Wurzeln aus dem sandigen Boden des Anwesens an der Friar’s Bay von Saint-Martin.  Überraschend flach ist seine Krone. Horizontal ragen die Äste heraus. Dicht an dicht tragen sie lanzettförmige Fiederblättchen, die bis zu acht Zentimeter lang sind.

Blick vom Wohnhaus zur Galerie von Ruby Bute. Foto: Hilke Maunder
Blick vom Wohnhaus zur Galerie von Ruby Bute. Foto: Hilke Maunder

An einigen Ästen sind keine Blätter zu sehen. Dort baumeln froschgrüne, elliptische Früchte hervor. Drinnen bergen sie viele Samen, die von einer dichten Matte aus baumwollartigen Fasern umgeben sind. Diese Fasern haben dem Baum seinen Namen gegeben: Silberbaumwollbaum.

Die Früchte des <em>silk cotton tree</em>. Foto: Hilke Maunder
Die Früchte des silk cotton tree. Foto: Hilke Maunder

Ikone und Inspiration

Der Baum spielt eine wichtige Rolle im spirituellen und wirtschaftlichen Leben der karibischen Völker. Und hat einer Galerie den Namen gegeben, die eine der profiliertesten Künstlerinnen von Saint-Martin betreibt: der Silk Cotton Gallery von Ruby Bute. Ihr Baum ist der größte der Insel, ihre Galerie Schaufenster ihrer Arbeiten – und von befreundeter Künstlerinnen und Künstlern.

Auch alte Fensterläden. von Irma von den Häusern gerissen, bemalt Ruby Bute mit karibischen Motiven. Foto: Hilke Maunder
Auch alte Fensterläden, von Irma von den Häusern gerissen, bemalt Ruby Bute mit karibischen Motiven. Foto: Hilke Maunder

Ruby Bute wurde am 13. Januar 1943 auf Aruba geboren. „Ich bin Steinbock! Das passt!“, sagt sie. Ihre Eltern waren aus Sint Maarten nach Aruba ausgewandert, da ihr Vater dort als Feuerwehrmann arbeiten konnte. Bereits als Kind begann sie zu malen. Später folgte ein Kunststudium.

Als junge Frau auf Aruba heiratete Bute, bekam zwei Kinder, ließ sich scheiden und folgte am 6. November 1976 ihren Eltern, die bereits nach Saint-Martin zurückgekehrt waren. Ihre neue Heimat wurde das Küstendorf Friar’s Bay in der französischen Hälfte der Karibikinsel.

Die Galerie von Ruby Bute. Foto: Hilke Maunder
Die Galerie von Ruby Bute. Foto: Hilke Maunder

Kunst schaffen und vermitteln

Seit 1969 arbeitet Ruby Bute hauptberuflich als Malerin. Nach ihrem Umzug nach St. Martin begann sie, ihre Bilder in Geschäften auf der Insel zu verkaufen. Ihre erste Einzelausstellung hatte sie 1983. Es war die erste Ausstellung einer Frau auf Saint-Martin.

Als Kunstlehrerin unterrichtete sie Kinder im John Larmonie Center in Philipsburg in der Malerei, anderenorts auch Gefangene und Urlauber. Ab 1986 arbeitete Ruby Bute  im Kulturministerium und war die erste Frau, die in den Grundschulen des Landes außerschulische Aktivitäten für Kinder organisierte.

Der <em>silk cotton tree</em> ist auch Motiv ihrer Bilder. Foto: Hilke Maunder
Der silk cotton tree ist auch Motiv ihrer Bilder. Foto: Hilke Maunder

Gemalte Karibik

Alle vier Jahre, erzählt sie beim Treffen auf der Veranda ihres sonnengelben Hauses, wechselt sie ihren Stil. Derzeit arbeitet sie am liebsten mit Pastellfarben. Stafetten, Leinwände, Pinsel und Farben umgeben sie. Den Tisch bedeckt eine selbst gehäkelte, luftige Decke in Regenbogenfarben.

Intensive Farben prägen auch Rubys Öl- und Acrylbilder. Im Haus und in der Galerie zeigen sie die Menschen ihrer Heimat, ihre Arbeit, ihre Kultur und ihre Küche.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Ich male unser Erbe, um unserer Kultur Zukunft zu geben‘, sagt Ruby, die in beiden Landesteilen der Insel als grand old dame gilt, als große Dame der karibischen Kultur. „Wenn ich nicht male, wie wir leben, wird unsere Kultur vergessen. Dann verlieren wir unsere Identität, unser karibisches Leben.“

Karibisches Bauerbe in Marigot. Foto: Hilke Maunder
Karibisches Bauerbe in Marigot. Foto: Hilke Maunder

Das Erbe erhalten

Wie wichtig diese gemalte Erinnerungsarbeit ist, zeigt sich beim Reisen über die Insel. Wind und Wetter, Stürme und Zyklone wie Irma haben das Bauerbe früherer Zeiten signifikant zerstört. Neu gebaut wird in Beton, Stahl und Glas. Holz dient nur, wenn überhaupt, noch der Verkleidung,

In der <em>Rue de la République</em> von Marigot findet ihr noch alten Baubestand. Foto: Hilke Maunder
In der Rue de la République von Marigot findet ihr noch alten Baubestand. Foto: Hilke Maunder

Von den alten karibischen Häusern mit ihren Veranden und Balkonen, Holzlattenwänden und Holzschindeldächern sind nur noch wenige Veteranen erhalten. Und auch die frühen Steinhäuser der Kolonialzeit sind nur noch hier und da erhalten. „Am besten ist unsere karibische Kultur noch in der Küche präsent“, sagt Ruby.

Im alte Zentrum von Marigot. Foto: Hilke Maunder
Im alte Zentrum von Marigot. Foto: Hilke Maunder

Die Kultur ihrer Insel

Ihre Bilder erzählen von Marktfrauen, die einst in Körben auf dem Kopf die Früchte trugen. Sie zeigen Landschaften, Bäume und Blüten, ihre Familie, Freunde und Feste. Und auch das bunte Treiben des Karnevals, der aus Frankreich mit der katholischen Kirche auf die Insel kam.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Sie zeigt Karnevalisten mit Federschmuck, Kostüme und Haarschmuck. Und die Musiker, die auf Instrumenten spielen, die aus alltäglichen Dingen wie einem Waschbrett oder einer Reibe bestehen.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Der kollektive Schock

Ihre Arbeit hat auch Irma geprägt. Ruby verarbeitete die Erfahrung mit dem zehnstündigen Zyklon, der 2017 die Insel verwüstet hatte, in ihrem Gemälde 185-Mile Winds.

2019 wurde es verschiedenen offiziellen Gebäuden in Den Haag ausgestellt, darunter in beiden Häusern der niederländischen Legislative. Irma, sagt sie, war ein kollektiver Schock. Bis heute wirkt er nach – und prägt die Arbeit auch von anderen Künstlern.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Tess Verheij vom ArtCraftCafe startete nach dem Hurrikan ihre WasteFactory. Dort verwandelt sie seitdem Abfallmaterial in Kunst. Eine ihrer Kreationen ist eine Handtasche, die aus den Seiten früherer Ausgaben der Zeitschrift Visit St. Maarten/St. Martin hergestellt wurde.

Ausgezeichnet mit dem Oranje-Orden

Zwischen den Leinwänden und Drucken birgt eine Vitrine einen Bilderrahmen. Ein Foto zeigt Ruby stolz jene Urkunde haltend, die daneben zu sehen ist. 2005 wurde sie von der niederländischen Königin Beatrix mit dem Oranje-Nassau-Orden geehrt.

Bereits 2004 hatte die Collectivité de Saint-Martin Ruby Bute für ihr Lebenswerk ausgezeichnet.

Ausgezeichnete Künstlerin: Ruby Bute. Foto: Hilke Maunder
Mehrfach ausgezeichnete Künstlerin: Ruby Bute. Foto: Hilke Maunder

Poetische Erinnerungen

Ruby malt nicht nur, sondern dichtet auch. In ihren Kurzgeschichten und Gedichten befasst sie sich mit Frauenthemen, insbesondere mit dem Leben afrokaribischer Frauen.

Ihr erster Gedichtband Golden Voices of S’maatin wurde 1989 vom House of Nehesi Publishers veröffentlicht. Er gilt als das erste Buch, das von einer Frau auf Saint-Martin veröffentlicht wurde.

Ihre zweite Gedichtsammlung Floral Bouquet to the Daughters of Eve folgte 1995. Sie war ein Bestseller auf der Insel – innerhalb von drei Monaten war die  erste Auflage ausverkauft. Im Dezember 2021 folgte ihr dritter Gedichtband, Reflections. Schautafeln im Garten erzählen davon und stellen die grande dame der Inselkunst vor.

Schautafeln stellen Leben und Werk von Ruby Bute vor. Foto: Hilke Maunder
Schautafeln stellen Leben und Werk von Ruby Bute vor. Foto: Hilke Maunder

Kreativer Austausch

Ihr Atelier in Friar’s Bay ist auch ein Zufluchtsort für angehende Künstler, die unter ihrer Anleitung ihre Fähigkeiten entwickeln. Gemeinsam mit ihrer Enkelin Gerline Isaac hat sie das sip-and paint-Angebot ihrer Galerie entwickelt, das Geselligkeit, Austausch und Kunstschaffen verbindet und allen offen steht.

• Rue de Hollande, 97150 Friar’s Bay / Marigot, Saint-Martin, Tel. +590 690 61-0923, www.facebook.com, Di., Do., Sa. 11 – 17 Uhr

Der silk cotton tree von Ruby Bute ist der älteste Baum von Saint-Martin. Foto: Hilke Maunder

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Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder
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