So viel Frankreich steckt in … Schwerin

Schwerin: Staatstheater. Foto: Hilke Maunder
Schwerin: Staatstheater. Foto: Hilke Maunder

Chambord! Kein geringeres als das größte der Loireschlösser wählte Hofarchitekt Demmler als Vorbild. Was der französische König François I. als Jagd- und Prunkschloss in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts an Frankreichs längstem Fluss hatte errichten lassen, war für seinen Mecklenburger Großherzog gerade gut genug. Schließlich herrschte das Geschlecht der Obotriten seit 819 über das Land, und bis 1918 wurden es ingesamt mehr als 1000 Jahre!

Mit Großherzog Paul Friedrich kehrte das Fürstengeschlecht an seinen Stammsitz auf der Insel im Schweriner See zurück. 1764 war der Hofstaat aufgrund der politischen Wirren nach Ludwigslust umgesiedelt und hatte dort ein „kleines Versailles“ auf die grüne Wiese errichtet. Das alte Schloss indes auf der Schweriner Schossinsel war in den Jahren der Abwesenheit verfahren.

Das Schweriner Schloss. Foto: Hilke Maunder

Im Glanz der Renaissance

Als 1842 Paul Friedrich überraschend an den Folgen einer Lungenentzündung starb, folgte sein gerade mal 19 Jahre alter Sohn auf den Thron. Jener schickt seinen Hofarchitekten Georg Adolf Demmler nach zwei abgelehnten Entwürfen für eine neue, moderne Residenz auf Reise. Im Loiretal  fand er sein Vorbild: das riesige Renaissanceschloss Chambord. Gemeinsam mit anderen Architekten entsteht ein Prachtbau, der Neorenaissance und historischen Romantizismus märchenhaft verschmilzt.

Im Innern könnt ihr die weltgrößte Sammlung des französischen Tiermalers Jean-Baptiste Oudry bewundern. Berühmt wurde er vor allem für seine Gemälde von Clara. Mit diesem in Assam geboren Rhino war ab 1741 ein holländischer Kapitän durch Europa gereist – 17 Jahre lang. Oudry traf Clara in Paris und verewigte sie lebensgroß in Öl.

1750 kaufte Herzog Christian Ludwig II. von Mecklenburg-Schwerin zusammen mit anderen Motive einer Menagerie-Serie das Bild. 56 Zeichnungen  kamen so in den Besitz des Schweriner Hofes. Mit 34 Gemälden und 40 Handzeichnungen besitzt Schwerin heute die weltgrößte Sammlung des Hofmalers von Louis XV.

Neben dem Schloss wurden von der französischen Renaissance weitere Bauten in Schwerin inspiriert. Dazu gehört auch das Neustädtische Palais in der Schelfstadt. Auch Hofbaumeister Johann Joachim Busch errichtete die backsteinernen Dreiflügelanlage nach französischem Vorbild.

Das Leid der Franzosenzeit

Die Herrscherfamilie von Mecklenburg wurden erst mit dem Wiener Kongress in den Rang von Großherzögen erhoben. Der Kongress, der Europa neu ordnete, setze zugleich den letzten Schlussstrich unter die für Mecklenburg sehr leidvolle Franzosenzeit.

Mecklenburgs beide Fürstenhäuser -Mecklenburg-Schwerin und Mecklenburg-Strelitz – war nach 1795 offiziell neutral gegenüber Frankreich gewesen. Jedoch gestattete Schwerin schwedischen und russischen Truppen, die auf der Flucht vor den Napoleon waren,  von Oktober bis Dezember 1805 den Durchzugs. Frankreich reagierte prompt und erklärte Mecklenburg-Schwerin als feindliches Land betrachtet. Am 3. November 1806 zogen die Marschälle Soult, Marat und Bernadotte in die Schweriner Vorstadt ein.

Die grausamten und unerhörtesten Excesse

Hinein ins Herz der Stadt durften nur Marschälle und Generäle. General Laval bezog als Generalgouverneur das Schweriner Schloss. Französische Beamter und andere hohe Militärs wurden bei Familien einquartiert. Für die Soldaten blieben die Tore verschlossen – sie mussten in der Vorstadt ihr Lager aufschlagen Die Strategie der Stadtväter ging auf: So konnte Schwerin seine Altstadt erhalten. Außerhalb der Stadtmauern entstand ein rechtsfreier Raum.

„An den sich selbst überlassenen Bewohnern wurden die grausamten und unerhörtesten Excesse begannen“, heißt dazu in den Annalen. Bis zu 20 Mann pro Haus mussten die Schweriner aufnehmen. Plünderungen, Vergewaltigungen, Lebensmittelengpässe und blühender Schmuggel wurden Alltag in Schwerin. Der mecklenburgische Ochsenkopf wich dem französische Adler. 200 Gemälde und Porzellan wurden eingepackt und auf Napoleons Befehl dem Pariser Louvre vermacht.

Immer wieder durchquerten große französische Truppenverbände das Land von Friedrich Franz I., der im damals dänischen Altona bei Hamburg im Exil lebte. Nach Napoleons Niederlage in Russland erreichte Marschall Davoût mit 30.000 französischen Soldaten am 23. August 1813 Schwerin. Drei Wochen später zog er weiter gen Frankreich.

Am 3. September 1813 endete Schwerins Franzosenzeit. Kunstwerk und Porzellan, das aus Mecklenburgischen Schlössern nach Paris überführt worden war, kehrte bis auf wenige Ausnahmen zurück.

Das Mecklenburger Wappen: der „Ochsenkopf“

Wahlrecht fürs Volk? Nein!

Die politischen Veränderungen in Frankreich wirkten danach nur wenig in Schwerin nach. Ausnahme war die Julirevolution 1830. Doch selbst sie glich eher einem Zucken in Mecklenburg. Der Großherzog lehnte das Wahlrecht zur Bürgervertretung für „die Masse des hier wohnenden Gesindels“ ab. Handwerker und Arbeiter erhielten kein Wahlrecht. Wählen durfte nur die Oberschicht.

Auch 200 Jahre später ist das Wort „Franzosenzeit“ in Mecklenburg meist mit Erinnerungen voller Grauen und Entsetzen verbunden. Darüber täuscht auch nicht die sehr humorvoll geschriebene Franzosentid hinweg, die Mecklenburgs Nationaldichter Fritz Reuter verfasst.

Auch der deutsch-französische Krieg 1870/71 brachte Leid, erinnert der katholische Friedhof zwischen der heutigen Wismarschen Straße und dem Aubach. 50 französische Kriegsgefangene fanden dort ewige Ruhe, erinnert ein Denkmal.

Das große Leid der Geschichte: Liegt es daran, dass Frankreich in Schwerin auffallend wenig präsent ist? Zwar trafen sich Gerhard Schröder und Jacques Chirac am 30. Juli 2002 zu den  79. deutsch-französischen Konsultationen am Dienstag in Schwerin, doch eine Städtepartnerschaft? Fehlanzeige. Auch Clubs und Vereine, die sich mit Frankreich beschäftigen, sind selten. Stärker engagiert ist der Bildungs- und Kultursektor.

DELF, DALF & ABIplus

So wird am Goethe-Gymnasium Französisch als zweite Fremdsprache angeboten. Dort können SchülerInnen seit 2003 ab Klassenstufe 10 die Prüfung international anerkannten Sprachzertifikat für Französisch (DELF-Diplôme d’Etudes en Langue Française) ablegen.

Wer es bestanden hat, kann sich danach mit dem DALF (Diplôme approfondi de Langue Française) bescheinigen lassen, das er auch komplexe Fachtexte auf Französisch versteht – und kann sich so den obligatorischen Sprachtest zum Eintritt in die französischen Universitäten sparen.

Auf der Internationalen Schule Schwerin können Schüler im International Track seit 2013/14 bereits ab der fünften Klasse zwei Fremdsprachen lernen: Englisch und Französisch. Zum dort angebotenen Abschluss ABIplus gehört auch das DELF-Zertifikat.

Engagiert und politisch: das Schweriner Staatstheater

Engagiert für Europa – und damit auch in der deutsch-französischen Freundschaft – ist das Fridericianum Schwerin. 1553 gegründet, gehört das „Fritz“ zu den ältesten Schulen Deutschlands. Schüler der altsprachlichen Gymnasiums, das heute auch Französisch anbietet, meisterten die drei Runden des bundesweiten Jugendwettbewerbs des Europäischen Jugendparlaments in Deutschland und fuhren im Frühjahr 2016 zur 81. internationalen Sitzung nach Dublin. Das Netzwerk in 40 europäischen Ländern hat sich zum Ziel gesetzt hat, den interkulturellen Austausch junger Menschen in Deutschland und Europa zu fördern und als Plattform für politische Debatten zu fungieren.

Faust – ganz französisch

Aus der alten Heimat Nordhausen brachte 2017 der neue Hausregisseur des Mecklenburgischen Staatstheaters, Toni Burkhardt (38) eine französische Ausstattungsoper mit: Margarethe von Charles Gounod. 1859 in Paris uraufgeführt, greift die Oper ein urdeutsches Sujet auf: Faust. Im Vordergrund steht die Figur der Margarethe, ihre tragische Liebe ist das emotionale Zentrum.

Faust ist bei Gounod ein lebenshungriger Mann mit konkreten Ansprüchen an das Leben. Alt geworden über der aussichtslosen Suche nach dem Sinn des Seins, wünscht er sich nur noch eins: wieder jung zu sein und das Leben in vollen Zügen zu genießen.

Um die Erfüllung seiner Sehnsüchte zu erzwingen, schließt er einen verhängnisvollen Pakt mit Méphistophélès und verführt die blutjunge Marguerite, die er bald darauf wieder verlässt, getrieben vom Drang nach immer neuen Abenteuern. Zu spät erkennen beide, Marguerite und Faust, die fatalen Folgen ihres Handelns.

Berühmt geworden ist Gounods Faust-Oper durch ihre unvergleichliche Fülle an musikalischen Höhepunkten: Valentins Gebet, Marguerites Juwelenarie und das Rondo vom goldenen Kalb gehören zu den beliebtesten Ohrwürmern der Operngeschichte.

Margarethe – Frankreich ganz französisch. Copyright: Mecklenburgisches Staatstheater (Pressebild), Foto: Silke Winkler

Savoir vivre in Schwerin

Zu DDR-Zeiten fuhrt Holger Fuchs zur See, um die Welt zu sehen. Jetzt holt er sich die Welt, oder das Beste davon, nach Schwerin und verwöhnt in der Büschstraße in der Schweriner Altstadt seine Gäste im Bistro La Bouche. Und das nicht nur mit getrüffeltem Lammcarpaccio, sondern auch mit rustikaler cuisine du terroir. Besonders köstlich ist seine Boudin Noir – gebratene französische Blutwurst gebraten mit Rote-Bete-Kartoffelpüree und Apfelragout.

Im Weinhaus Uhle und im Weinlädchen könnt ihr gute französische Tropfen findet. Alljährlich im November bringt der Lübecker Martensmann via Rehna  ein Ohm Wein nach Schwerin. Der Brauch, der im 16. Jahrhundert erstmals aufkam, wurde 1991 wiederbelebt. Und leicht verändert. Brachte der Martensmann am 11. November einst im Ohm, dem 145,5 Liter-Fass, rheinischen Most, transportiert er heute Rotspon – in Lübeck gereifter französischer Rotwein.

Der Aikido-Bretone

Zu den wenigen Franzosen, die in Schwerin leben, gehört Pierre Congard. Der Bretone, der 1993 Brest gegen Schwerin tauschte, begeistert seitdem die Mecklenburger für den asiatischen Kampfsport Aikido. Im ersten Jahr konnte Pierre die Sporthalle des Vereins VfL Schwerin nutzen. Doch bereits 1994 verwandelte er eine ehemalige Tischlerei in sein eigenes Dojo. Neben Aikido-Vorführungen macht Congard auch Schnupperkurse an Schulen und engagiert sich im Projekt „Sport statt Gewalt“ des Innenministeriums Mecklenburg-Vorpommern.

Schwerin und Frankreich: Was für Geschichten!

Buchtipps

Ut de Franzosentid

Wer Niederdeutsch lesen kann, wird dieses Werk von Fritz Reuter lieben. Zwischen den unterhaltsamen Geschichten, die skurrile Charaktere erleben, erfahrt ihr viel über die Willkür der „Franzosenzeit“ und die Konflikte deutlich, die die Mecklenburger mit der französischen Armee erlebten.

Reuter wurde während der Franzosenzeit in 1810 in Stavenhagen gebore. 1833 wegen Zugehörigkeit zur Burschenschaft verhaftet, wurde er 1836 wegen „Hochverrat“ zum Tode verurteilt. Im Zuge der allgemeinen Amnestie 1840 wurde er freigelassen. Wer mag, kann dieses plattdeutsche Werk hier * direkt bei Amazon online bestellen.

Fritz Reuter: Ut de Franzosentid. Hinstorff-Verlag: Rostock 1979. ISBN 978-3356006995

Mecklenburg in der Franzosenzeit

Der Tagungsband entstand für  ein Symposium der Stiftung Mecklenburg in Zusammenarbeit mit der Europäischen Akademie Waren 2013 zum 200. Gedenkjahr der napoleonischen Befreiungskriege.

Renommierte Autoren wie Andrea Rudolph, Wolf Karge, Robert Riemer und Klaus-Ulrich Keubke präsentieren darin Forschungsergebnisse zu den Themen Erinnerungskultur als Medienereignis, Beziehung Napoleons zu Deutschland, mecklenburgische Stände zwischen Modernisierung und Beharrung, Gedichte der Befreiungskriege.

Dem Wirken der Kronprinzessin und Königin Luise, des Feldmarschalls Gebhard Leberecht von Blücher sowie des Offiziers Ferdinand von Schill sind ebenfalls eigene Aufsätze gewidmet. Wer mag, kann das Buch hier * online bestellen.

Günter Kosche (Hrsg.):  „Mecklenburg in der Franzosenzeit. Fakten und Fiktionen“. Hinstorff Verlag: Rostock 2015. 288 Seiten. ISBN: 9783356019995.


Wie viel Frankreich steckt in Deutschland? Das verrät euch meine neue Blogparade, die in Kooperation mit der Vereinigung der Deutsch-Französischen Gesellschaften für Europa  (VDFG) das Jahr der Frankophonie 2018 begleitet. Alle Beiträge könnt ihr hier nachlesen.

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