Wein der Île de la Réunion: der Genossenschaftskeller von Cilaos. Foto: Hilke Maunder
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Der Wein der Île de la Réunion

„Mit dem Wein der Île de la Réunion beginnt die Lese in Frankreich!“, sagt Aurélien Baudelle (Jg. 1990) stolz. „Wir sind allen anderen Weinregionen weit voraus – und können schon im Januar unsere Trauben ernten!“

Aurélien ist studierter Önologe aus Bordeaux, lernte im Roussillon die Praxis – und ist jetzt der homme qui fait tout beim Chai de Cilaos, der Mann für alles bei der Wein-Kooperative der afrikanischen Tropeninsel La Réunion, dem Département 974 von Frankreich.

Im Talkessel von Cilaos wächst dort auf jungem vulkanischen Boden einer der wenigen französischen Weine auf der südlichen Halbkugel. „Der südlichste!“ sagt Aurélin. Ob es stimmt, sei dahingestellt.

Frankreichs Tropenwinzer

Denn auch in Französisch-Polynesien experimentiert Dominique Auroy seit 1991 mit Wein. Anfangs geschah dies im Rahmen eines Forschungsprojektes mit der Universität Montpellier, bei dem es darum ging, Rebsorten den Breitengraden anzupassen.

Ziel war es, den Vegetationszyklus der Rebe lokalspezifisch besser zu kontrollieren. Doch je Standort litten die Reben unter Dürre, Überschwemmungen oder mangelnder Sonneneinstrahlung. Krabben und Pferde fraßen die Trauben.

Als einziger der fünf Testorte überzeugte Rangiroa. Doch der Ertrag der Reben ist gering und liegt zwischen 20 und 40 Hektoliter pro Hektar. Zweimal wird in Französisch-Polynesien jedes Jahr geerntet. Der Wein der Île de la Réunion hingegen wird nur einmal, und zwar im Südsommer, von Januar bis Februar gelesen.

Wein, der in den Wahnsinn treibt

Wein von Réunion: Im Weinbaugebiet von Cilaos. Foto: Hilke Maunder
Im Weinbaugebiet von Cilaos. Foto: Hilke Maunder

Der Wein kam 1665 auf die Insel, als die ersten Siedler aus Frankreich die Isabella-Rebe mitbrachten und um Saint-Paul, der ersten Hauptstadt, und Saint-Denis, der heutigen Hauptstadt, anbauten.

Als die Petits Blancs, die armen Siedler, vor dem Druck der Gros Blancs, der reichen Plantagenbesitzer, sich in der Mitte des 19. Jahrhunderts in die Bergregionen der Insel zurückzogen, kam der Wein nach Cilaos.

Rot hängt dort die Isabella bis heute vom Gestänge – obgleich diese Rebsorte in Frankreich seit 1935 und in Europa seit 2013 unter dem Vorwand verboten ist, da sie Methanol freisetzt und einen verrückt machen soll. Die Isabelle wird dort bis heute am Straßenrand oder in kleinen Lebensmittelgeschäften verkauft.

Der schwere Reblausbefall, der 1868 edle Rebsorten auf dem französischen Festland verwüstete, führte zu einem Import-Verbot empfindlicher Rebsorten der Vitis vinifera-Art, die im Mutterland angebaut wurden, nach La Réunion. Dieses Verbot verhinderte bis vor kurzem die Entwicklung des Weinanbaus im Talkessel von Cilaos hin zu Qualitätsweinen.

Wein der Île de la Réunion. Das Gros des Weines aus Réunion kommt in Edelstahlfässer, nur ein Bruchteil des Rotweins erhält eine Fassreife. Foto: Hilke Maunder
Das Gros des Weines aus Réunion kommt in Edelstahlfässer, nur ein Bruchteil des Rotweins erhält eine Fassreife. Foto: Hilke Maunder

Neue Reben für La Réunion

Im Jahr 1975 wurde per Gesetzesdekret die Herstellung von Wein aus der Isabelle verboten. Der Staat beauftragte daraufhin die IRFA (heute CIRAD) mit der Auswahl edler, an die Bedingungen von Cilaos angepasster Rebsorten, um den Winzern eine Alternative zu Isabelle zu bieten.

Diese ersten Tests ermöglichten die Auswahl von drei edlen Rebsorten: Chenin, Malbec und Pinot Noir. In einer zweiten, neueren Versuchsreihe wurden Verdelho, Gros Manseng, Gamay und Syrah ausgewählt. Diese sieben Rebsorten bildeten bis 2016/2017 die Rebsorte Vin de Pays de Cilaos.

Auch eine Handvoll privater Winzer füllt ihren einfachen Landwein in Cilaos auf die Flasche. Foto: Hilke Maunder
Auch eine Handvoll privater Winzer füllt ihren einfachen Landwein in Cilaos auf die Flasche. Foto: Hilke Maunder

Die Winzer-Genossenschaft

1992 gründeten die damals gut ein Dutzend Winzer die Genossenschaft Chai de Cilaos und pflanzten auf ihren Terrassen auf einer Höhe zwischen 600 und 1.300 Metern die neuen Sorten. 1996 wurde der erste Chenin geerntet und zu einem trockenen und einem süßen Weißwein verarbeitet. Der erste in Cilaos produzierte Rotwein wurde erst 1998 als eine Cuvée von Pinot Noir und Malbec hergestellt.

1998 war der Weinberg in Cilaos acht Hektar groß, zehn Jahre später angewachsen auf 15 Hektar mit edlen Rebsorten. Der Keller der Kooperative war technisch bestens ausgestattet. 17 Winzer und vier Mitarbeiter gehörten damals zur Kooperative.

Doch das Wetter meinte es nicht gut mit den Winzern. Nach mehreren katastrophalen Ernten sorgten Veruntreuungen und geplatzte Zahlungen an die Traubenlieferanten für Negativschlagzahlen. Das Ende des Weinguts war unausweichlich. 2017 wurde es liquidiert.

Der weiße Tafelwein von der Insel Réunion. Foto: Hilke Maunder
Der weiße Wein von der Île de la Réunion. Foto: Hilke Maunder

Der Neuanfang

Die Renaissance des Weinbaus auf der Île de la Réunion begann mit einem einheimischen Paar, das in Bordeaux und Saint-Émilion zu erfolgreichen Winzern geworden war: das Ehepaar Cadarbacasse. Gemeinsam mit einer lokalen Finanzgruppe unter der Leitung von Bruno Fontaine gründeten sie 2019 die Chais de Bourbon.

Die neue Firma führt seitdem die Aktivitäten des Chai de Cilaos fort und engagiert sich im Aufbau eines Absatzmarktes für die lokale Traubenproduktion. Ihre einfachen Landweine treffen den Geschmack der Einheimischen – und sind für die Urlauber, die im Welterbe-Talkessel wandern, ein Unikum, perfekt als ausgefallenes Souvenir.

Der Aperitifwein von der Kooperative. Foto: Hilke Maunder
Der Aperitifwein der Kooperative. Foto: Hilke Maunder

 

Der Keller der Cadarbacasse

Eine „Genossenschaft“ ist der Keller nur noch im Namen. Heute verkaufen die rund 15 Winzer ihre Trauben an den Keller. Die Kosten für Verwaltung, Weinherstellung und das Marketing trägt das Ehepaar Cadarbacasse, die als einzige auch am Profit beteiligt ist. Ihre Vision: den Weinbau auf La Réunion zu einer veritablen Alternative zum Zuckerrohr auszubauen.

Für den Vorgarten ihres Kellers hegt Aurélien eigene Pläne: eine guinguette schwebt ihm vor, eine gemütliche Bar mit Musik und Getränken. Im Ausschank: Cilaos-Wein in Weiß, Rosé und Rot – und ein Aperitifwein, der ähnlich wie der Pineau aus Traubenmost und Hochprozentigem hergestellt wird.

Kein leichtes Unterfangen

Dennoch ist es auch die neu aufgestellten Chai de Cilaos schwierig, sich auf dem Weinmarkt der Insel zu positionieren. La Réunion importiert exzellente Weine vom französischen Festland. Die Kosten für die einheimische Weinproduktion sind hoch.

Alle Flasche, alle Korken und Kapseln werden importiert. Die Anbaufläche ist viel zu klein, um konkurrenzfähig zu sein. Auch in der Qualität gibt es noch reichlich Spielraum nach oben. Zudem hindert auch ein hausgemachtes Problem den Erfolg beim Wein von der Île de la Réunion.

Die Tropfen des Chai de Cilaos tragen allesamt das französische Steuersiegel – die handwerklich hergestellte Weine, die ihr „am Straßenrand“ oder in den kleinen Lebensmittelgeschäften im Cirque de Cilaos finden könnt, hingegen nicht.

Nichtt nur am Spalier, sondern auch hängend an einem solchen Gestänge wird der Wein der Île de la Réunion angebaut. Foto: Hilke Maunder
Nichtt nur am Spalier, sondern auch hängend an einem solchen Gestänge wird der Wein der Île de la Réunion angebaut. Foto: Hilke Maunder

Der Wein der Île de la Réunion: die Infos

Anbaugebiete

Nicht nur im Talkessel von Cilaos gibt es Wein der Île de la Réunion. Die Toulouser Sommelière Danièle Renard-Ithier und der Winzer Olivier Cadarbacasse experimentieren mit Parzellen am Piton de l’Hermitage und auf den Höhen des Mont Roquefeuil (Saint-Gilles-les-Bains), dessen trockeneres Klima die Reifung roter Trauben begünstigen könnte.

Unter den 20.000 im Westen im Jahr 2019 gepflanzten Reben befinden sich zwei weiße Rebsorten (Floréal und Voltis) und zwei Rotweine (Artaban und Vidoc), die in den letzten Jahren vom INRA Institut national de la recherche agronomique  (heute: INRAE) entwickelt wurden, sowie ältere Rebsorten, die im Norden Europas verwendet werden: Muscaris, Cabernet-Cortis und L’Hibernal. Ausschlaggebend für die Wahl war die Resistenz gegen Krankheiten wie falschem und echtem Mehltau.

Erzeuger

Chai de Cilaos

Maison des Vins du Chai de Cilaos, Rue des Glycines, 97413 Cilaos, Tel. +26 22 62 28 96 56, www.lechaidecilaos.com

Elie Gonthier

Am Ilet à Cordes lädt Elie Gonthier zur Kostprobe seiner Weine – direkt abgezapft per Schlauch vom Fass ins Glas.  Damit die Fermentation überhaupt startet, gibt der Winzer neben den zerkleinerten Trauben reichlich Zucker in die Bottiche gegeben. Nach acht Tagen Gärung kommt der Most zur Reife ins Fass, wo er, je nach Bedarf, dann in Flaschen abgefüllt wird.
• 6, Chemin des Orangers, 97413 Cilaos, Tel. +26 26 93 21 77 13

Domaine du Petit Vignoble

Fabrice Hoareau experimentiert seit zwei Jahrzehnten die Weinherstellung mit den Rebsorten Couderc 13, Isabelle, Gewürztraminer und Auxerrois, seit 2010 ganz und gar bio.
• 3, chemin de la ravine, 97413 Cilaos, Tel. 06 92 35 81 50

Neben Traubenweinen gibt es auch Fruchtweine auf der Insel Réunion, hergestellt aus den unterschiedlichsten tropischen Früchten von Mango bis Litchi. Foto: Hilke Maunder
Neben Traubenweinen gibt es auch Fruchtweine auf der Insel Réunion, hergestellt aus den unterschiedlichsten tropischen Früchten von Mango bis Litchi. Foto: Hilke Maunder

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