Detail der Broderie de Cilaos von Suzanne Maillot. Foto: Hilke Maunder
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Schmucke Löcher: die Broderie de Cilaos

Nichts hätte vermuten lassen, dass ein rauer, wilder Bergkessel auf einer fernen Tropeninsel einmal eine Hochburg der französischen Lochstickerei werden würde – doch genau dafür sorgte die Broderie de Cilaos.

Ihre Heimat ist der Cirque de Cilaos, ein Talkessel in 1.200 Metern Höhe mit schroffen Felswänden, wenig Ackerland und schwierigem Zugang auf der Île de la Réunion. Im 19. Jahrhundert war er der Zufluchts- und Widerstandsort von madagassischen Sklaven und armen Weißen. Cilaos ist ein Ort, den man nicht verlässt, sagt man auf der Insel.

Nur 70 Familien lebten hier einst im Jahr 1848. Für ihr karges Auskommen sorgten etwas Kaffee, Mischkulturen mit Linsen, Erbsen, Bohnen und Mais und die Viehzucht. Für zusätzliche Armut sorgte das Verbot der Abholzung, um die Wasserversorgung nicht zu gefährden und die Bewässerung der Zuckerplantagen zu sichern.

Auf 1.200 Metern liegt das Dorf Cilaos im gleichnamigen Talkessel. Foto: Hilke Maunder
Auf 1.200 Metern liegt das Dorf Cilaos im gleichnamigen Talkessel. Foto: Hilke Maunder

Die Anfänge der Broderie de Cilaos

Zum Pionier der Broderie de Cilaos wurde die vierte Tochter von Jean-Marie Mac-Auliffe, Angèle. Am 14. Oktober 1877 wurde sie im kleinen Kurbad Hell-Bourg im Talkessel von Salazie geboren, wo ihr Vater Badearzt war. Wie alle jungen Mädchen aus guten Familien lernte Angèle die Weißstickerei und die Technik der jours, um ihre Aussteuer zu kennzeichnen.

Die jours bezeichnen im Französischen jene Hohlräume, die in einem Stoff durch das Ziehen und Entfernen bestimmter Fäden entstehen. Anschließend bestickte Angèle die restlichen Fäden und verzierte mit dekorativen Mustern ihr Werk.

Angèle war Autodidaktin. Ermutigt von ihrem Vater, perfektionierte sie immer weiter ihre Technik. Mit 23 Jahren beherrschte sie die Technik des Ziehens und Stickens von Fäden so perfekt, dass sie zum Vorbild und Lehrerin wurde. Als ihr Vater zum leitenden Direktor der Thermalanstalt Cilaos ernannt wurde, folgte sie ihm.

Im Cirque de Cilaos. Foto: Hilke Maunder
Im Cirque de Cilaos. Foto: Hilke Maunder

Die erste Stickerei-Schule

In der neuen Heimat versammelte sie in einem Pavillon hinter dem Haus ihres Vaters junge Mädchen, denen sie die Lochstickerei beibrachte. Sie veränderte die Techniken, die Bücher und Zeitschriften vorstellten, erprobte neue Fadenverläufe und ließ sich von der Fauna und Flora, die sie vor Augen hatte, immer wieder neu inspirieren. Sie erfand imaginäre Blumen mit französischen Namen oder schuf grazile Meisterwerke mit mystischen Namen, die ihr Geheimnis für immer bewahren werden.

Im Jahr 1905 beschäftigte ihre Werkstatt zwanzig Sticker. Angèle schuf auch neue Formen und Verwendungsmöglichen der Broderie de Cilaos und ließ sich dabei von der Teneriffa-Spitze inspirieren. Sie erlaubten es Angèle, sich von den Kett- und Schussfäden zu befreien und die notwendigen Fäden zu werfen, um neue Formen und größere Muster zu schaffen. Dieser Prozess ist der Ursprung der jours de Cilaos, auch jours antiques genannt.

1908 ging sie nach Saint-Denis, um eine ihrer Betschwestern zu begrüßen, die von einer Reise zurückgekehrt war. In diesem Jahr wütete in Madagaskar eine Masernepidemie, die trotz aller Vorsichtsmaßnahmen auch La Réunion erreichte. Angèle starb am 29. Mai 1908 im Alter von nur 31 Jahren.

Das Erbe von Angèle Mac-Auliffe

Bei Karine Turpin zeigt sich die Broderie de Cialos auch ganz farbig. Foto: Hilke Maunder
Bei Karine Turpin zeigt sich die Broderie de Cialos auch ganz farbig. Foto: Hilke Maunder

Doch ihr Werk führten die beiden sœurs Cécilie und Irénée fort. Sie kümmern sich um die Ausbildung, die Aufträge und die Organisation der Broderie de Cialos. Die Technik der jours wurde von den Müttern an ihre Töchter weitergegeben und verbreitete sich von Nachbarin zu Nachbarin, die im Laufe der folgenden Jahrzehnte immer neue Stiche erfanden oder alte modifizierten.

Bis heute ist die Broderie de Cilaos nicht eingefroren in ein tradiertes Design, sondern sehr lebendig und verändert sich immer weiter, ganz im Einklang mit der Fantasie und Vorstellungskraft der Frauen von La Réunion.

Das Ouvroir de Cilaos von Schwester Anastazie

Zu einer treibenden Kraft der Broderie de Cilaos wurde auch Sœur Anastazie, die 1918 in Cilaos geboren wurde. Die Schwester leitete ab 1953 das vom Institut Notre-Dames des Neiges gegründete Ouvroir de Cilaos, wo sie mehr als 200 junge Mädchen ausbildete.

1983 übergab sie die Ausbildung an die Association pour la Promotion de la Dentelle de Cilaos, stickte daheim aber eifrig weiter. Im selben Jahr erhielt sie beim Wettbewerb Meilleur Ouvrier de France (MOF) in der Kategorie jours brodés in der Klasse dentelle et broderies die Goldmedaille. Elf Jahre später, 1994, wurde Sœur Anastazie in den Rang eines Offiziers der Ehrenlegion erhoben.

Die Grande Dame der Broderie de Cilaos

Ebenfalls mit Auszeichnungen und Preisen überhäuft wurde eine kleine charmante Madame, die auf der Hauptstraße von Cilaos unter ihrem Regenschirm spazierte und auf dem Rückweg von einer Hochzeitsbesprechung war. Mit einem Lächeln öffnete sie ihre Handtasche und holte einen weißen Briefumschlag heraus. Drinnen barg er einige Musterproben der Broderie de Cilaos.

Berühmt für ihre Hohlsaumstickerei: Broderie de Cilaos: Suzanne Maillot. Foto: Hilke Maunder
Berühmt für ihre Lochstickerei: Broderie de Cilaos: Suzanne Maillot. Foto: Hilke Maunder

Die Seniorin mit den ungeheuer wachen wie verschmitzten Augen war Suzanne Maillot, 1946 als zehntes Kind in Cilaos geboren. Als sie neun Jahre alt war, tauchte sie ein in die Welt der Broderie de Cilaos. Ihre Ausbilderinnen waren Anastazie und andere Schwestern von Saint-Joseph de Cluny.

Später wurde Madame Maillot selbst Ausbilderin und Präsidentin eines Vereins zur Förderung der Broderie de Cilaos. 1986 erhielt Suzanne Maillot die Silbermedaille, 1994 gab es Gold im staatlichen Wettbewerb des Meilleur Ouvrier de France. 896 Stunden lang hatte sie für den Wettbewerb an ihrem Beitrag gearbeitet. Auch für sie gab es – wie zuvor für Schwester Anastazia – später noch eine französische Verdienstmedaille und die Ernennung in die Ehrenlegion.

Die Verjüngerin der Broderie de Cilaos: Karine Turpine

Immer wieder wird vor dem Ende des Traditionshandwerks gewarnt und der Tod der Broderie de Cilaos herbeigeunkt. Wie quicklebendig die Nadeltechnik auch heute noch ist, zeigt Karine Turpin. Sie lernte die Nadeltechnik von ihrer Mutter.

In ihrer Atelier-Boutique in Cilaos erzählt sie: „Maman brachte mir bei, was sie wusste. Und ich für meinen Teil habe als Kind etwas erfunden. Ich hatte die Nadel in meiner Hand, als ich drei Jahre alt war. Mit neun Jahren lernte ich die Arbeit mit einem Stickrahmen. Ich habe also 33 Jahre Stickerei hinter mir.“

Am 21. Juni 2023 wurde die junge Réunionnaise bei einer Zeremonie an der Sorbonne in Paris in den erlauchten Kreis der Meilleurs Ouvriers de France (MOF) aufgenommen. Am 5. Juli 2023 folgte der offizielle Empfang in der Präfektur.

Wie sie arbeitet, zeigt sie im Kunsthandwerkszentrum von Cilaos. In ihrer Boutique Fairy’s Hand par Karine lässt sie sich bei der Lochstickerei über die Schulter schauen. Und zeigt, dass die Broderie de Cilaos nicht nur in Weiß, sondern auch farbig durchaus schmückend ist.

Broderie de Cilaos: die Infos

Maison de la Broderie

Im Jahr 1983 wurde der Verein zur Förderung der Cilaos-Spitze gegründet. Seine Ziele sind die Erhaltung und Weiterentwicklung der Technik der jours de Cilaos. Ein Jahr später beschlossen die Bürgermeisterin Irénée Accot und ihr Stadtrat, für die Broderie de Cilaos eine eigene Stickerei-Schule zu bauen und mit dem regionalen Schwerpunkt jours de Cilaos als Abschluss ein certificat d’aptitude professionnelle (C.A.P.) zu erlangen.
• 4, Rue des Écoles, 97413 Cilaos, Tel. 02 62 31 77 48

Fairy’s Hands par Karine

Die Atelier-Boutique von Karine Turpin, 2023 als meilleure ouvrière de France ausgezeichnet, findet ihr im Archipel des Métiers d’Arts.
• 82, rue du Pere Boiteau, 97413 Cilaos, Tel. +26 26 92 41 85 25, www.fairys-hands.com

Karine Turpin in ihrem Atelier in Cilaos. Foto: Hilke Maunder
Karine Turpin in ihrem Atelier in Cilaos. Foto: Hilke Maunder

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