Symbild zum Aachener Vertrag, der die deutsch-französische Freundschaft untermauert. Copyright: Hilke Maunder
|

Aachener Vertrag: Motor der deutsch-französischen Freundschaft

Der Aachener Vertrag ist weit mehr als eine feierliche Absichtserklärung: Er ist der Kompass für die Zusammenarbeit der beiden größten EU-Mitgliedstaaten in einer zunehmend komplexen Welt. Genau 56 Jahre nachdem Charles de Gaulle und Konrad Adenauer am 22. Januar 1963 mit dem Élysée-Vertrag den Grundstein für die Aussöhnung legten, wurde diese Partnerschaft im Krönungssaal des Aachener Rathauses auf ein neues Fundament gestellt.

Mit der Unterzeichnung des Aachener Vertrags 2019 durch Emmanuel Macron und Angela Merkel reagierten Deutschland und Frankreich auf die globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts. In einer Phase, in der der Zusammenhalt Europas wichtiger ist denn je, dient dieses Abkommen als Motor für Integration und gemeinsame Souveränität.

Warum der Aachener Vertrag über den Élysée-Vertrag hinausgeht

Während der Élysée-Vertrag von 1963 die historische Versöhnung („Erbfeindschaft beenden“) zum Ziel hatte, ist der Aachener Vertrag auf die praktische Gestaltung der Zukunft ausgerichtet.

Er erneuert das Versprechen und geht darüber hinaus. Er will die bilateralen Beziehungen auf eine neue Stufe heben. Verstärkt werden sollen vor allem die wirtschaftliche Integration und die Zusammenarbeit der Zivilgesellschaften beider Länder, um die Wettbewerbsfähigkeit beider Länder zu steigern. Stärker in den Fokus gerückt sind auch Zukunftsthemen wie Klimaschutz, Umwelt, Gesundheit und Nachhaltigkeit. Die wichtigsten Punkte stelle ich euch hier vor.

Deutsch-französischer Wirtschaftsraum

Beide Staaten vertiefen die Integration ihrer Volkswirtschaften hin zu einem deutsch-französischen Wirtschaftsraum mit gemeinsamen Regeln. Wirtschaftspolitische Maßnahmen zwischen beiden Ländern sollen regelmäßig abgestimmt werden, um so die Annäherung zwischen Frankreich und Deutschland zu befördern und die Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften zu verbessern.

  • Rat der Wirtschaftsexperten: Beide Staaten richten einen deutsch-französischen „Rat der Wirtschaftsexperten“ ein, der sich aus zehn unabhängigen Fachleuten zusammensetzt. Sein Ziel: ihren Regierungen wirtschaftspolitische Empfehlungen zu unterbreiten.
  • Investitionen: Außerdem geplant sind gemeinsame Investitionsprojekte – etwa in Start-ups oder in die digitale Infrastruktur.

Eurodistrikt: Erleichterungen in der Grenzregion

Ganz konkrete Auswirkungen hat der Aachener Vertrag für die Grenzregionen Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, Saarland und den grenznahen französischen Départements der Region Grand Est. Dort sollen sogenannte „Eurodistrikte“ grenzüberschreitend angepasste Rechts- und Verwaltungsvorschriften erhalten, die beschleunigte Verfahren in beiden Staaten ermöglichen – insbesondere in den Bereichen Wirtschaft, Soziales, Umwelt, Gesundheit, Energie und Transport.

Mobilität

Die Mobilität ist das Herzstück der Zusammenarbeit. Physische und digitale Netze – insbesondere bestehende Schienen- und Straßenverbindungen – sollen besser miteinander verknüpft und neue Standards entwickelt werden.

Auch die Mobilität junger Arbeitnehmer und Studenten soll noch weiter verbessert werden. So sollen neben Universitätsabschlüssen auch Schulabschlüsse wechselseitig anerkannt werden, was den Austausch von Schülern, Studenten und jungen Arbeitnehmern massiv erleichtert.

Wirtschafts- und Währungsunion

Beide Staaten setzen sich im Aachener Vertrag massiv für die Vollendung des europäischen Binnenmarkts ein. Eine wettbewerbsfähige, industrielle Basis ist das Ziel, um die steuerliche und soziale Annäherung voranzutreiben. Nachhaltigkeit wird dabei nicht mehr als Zusatz, sondern als Grundpfeiler aller wirtschaftlichen Dimensionen betrachtet.

Verteidigung und Sicherheit

In einer unsicheren Welt setzen Deutschland und Frankreich auf eine verstärkte Verteidigungskooperation. Auch hier hat der Aachener Vertrag einiges angeschoben:

  • FCAS (Future Combat Air System): Dieses gigantische Projekt zur Entwicklung eines europäischen Luftkampfsystems der Zukunft ist das Herzstück der industriellen Verzahnung. Es geht nicht nur um ein neues Flugzeug, sondern um ein vernetztes System aus Drohnen und Satelliten.
  • MGCS (Main Ground Combat System): Parallel dazu arbeiten beide Länder an einem neuen Landsystem (Panzer der Zukunft). Durch die Fusion von Wegmann (Deutschland) und Nexter (Frankreich) zu KNDS wurde hierfür eine industrielle Basis geschaffen, die global wettbewerbsfähig ist.
  • Gemeinsame Kultur: Die Zusammenarbeit der Streitkräfte wird durch die Deutsch-Französische Brigade und gemeinsame Ausbildungsprogramme (z.B. für Hubschrauberpiloten in Le Luc) vertieft. Ziel ist eine gemeinsame strategische Kultur für die europäische Souveränität.

Nachhaltigkeit, Umwelt- und Klimaschutz

Der Aachener Vertrag macht die Energiewende zur Priorität. Zu diesem Zweck bauen sie ihre Zusammenarbeit aus und stärken den institutionellen Rahmen zur Finanzierung, Vorbereitung und Umsetzung gemeinsamer Vorhaben, insbesondere in den Bereichen Infrastruktur, erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Beide Länder wollen als Motor für den European Green Deal fungieren. Was bedeutet das konkret?

  • Wasserstoff-Allianz: Deutschland und Frankreich investieren Milliarden in den Aufbau einer europäischen Wasserstoff-Infrastruktur. Ziel ist es, die Industrie (Stahl, Chemie) CO2-neutral umzubauen, ohne die Wettbewerbsfähigkeit zu verlieren.
  • Meseberger Klimadialog: In regelmäßigen Abständen stimmen sich die Umweltminister ab, um gemeinsame Positionen für die UN-Klimakonferenzen zu erarbeiten.
  • Grenzüberschreitende Ökologie: Ein Vorzeigeprojekt ist der Ausbau des ökologischen Schienenverkehrs. Die Reaktivierung stillgelegter Bahnstrecken in den Grenzregionen soll den CO2-Fußabdruck der Pendler drastisch senken.

Forschung & Innovation

Um im globalen Wettbewerb mit den USA, Russland und China zu bestehen, verstärken Deutschland und Frankreich ihre Forschungskooperation.

  • Zukunftstechnologien: Schwerpunkte liegen auf Künstlicher Intelligenz (KI) und Sprunginnovationen.
  • Gemeinsame Finanzierung: Neue Koordinationsprozesse sorgen dafür, dass Innovationsprogramme effizient finanziert und umgesetzt werden. Ein konkretes Beispiel ist die Förderung von europäischen Cloud-Lösungen ( Gaia-X ), um die Datenhoheit zu sichern.

Aacher Vertrag: heute wichtiger ist denn je

In Zeiten von geopolitischen Spannungen und wirtschaftlichem Druck zeigt der Aachener Vertrag, dass die Antwort auf globale Herausforderungen „mehr Kooperation“ lautet, nicht weniger. Er ist der Beweis, dass der deutsch-französische Motor zwar manchmal ruckelt, aber das unverzichtbare Herzstück der europäischen Integration bleibt.

Für Bürger, Unternehmen und Forscher bietet dieser Vertrag reale Chancen: von einfacheren Pendlerwegen über gemeinsame Forschungsbudgets bis hin zu einem stabilen politischen Rahmen in stürmischen Zeiten.

Was der Aachener Vertrag seit 2019 konkret bewegt hat

Fünf Jahre nach der Unterzeichnung ist der Aachener Vertrag keine reine Theorie mehr. Er hat handfeste Strukturen geschaffen, die den Alltag der Menschen und die Arbeit von Unternehmen spürbar verändern.

Für Bürger: mehr Austausch und einfache Lösungen im Alltag

Der Vertrag hat die Zivilgesellschaft direkt gestärkt und Hürden in den Grenzregionen abgebaut:

  • Der Deutsch-Französische Bürgerfonds: Dies ist eines der erfolgreichsten Instrumente. Seit April 2020 wurden mehr als 2.000 Projekte gefördert – von Sportfesten über Chöre bis hin zu lokalen Klimaschutz-Initiativen. Er ermöglicht es Bürgern, unbürokratisch finanzielle Unterstützung für gemeinsame Ideen zu erhalten.
  • Gesundheitsversorgung über Grenzen hinweg: In der Corona-Pandemie bewährte sich der neue „Ausschuss für grenzüberschreitende Zusammenarbeit“ (AGZ). Er hilft heute dabei, dass Patienten aus der Grenzregion einfacher im Nachbarland behandelt werden können, wenn dort die nächste Fachklinik liegt.
  • Pass Jeune Grenzenlos: Für junge Menschen unter 28 Jahren in den Grenzregionen wurde ein Ticket geschaffen, das die Nutzung des Nahverkehrs auf beiden Seiten der Grenze sehr günstig und einfach macht.

Für Unternehmen: Kooperation statt Konkurrenz

In der Wirtschaft setzt der Aachener Vertrag auf Vernetzung und gemeinsame technologische Souveränität:

  • Deutsch-Französischer Wirtschaftsrat: Dieser Rat arbeitet aktiv an der Harmonisierung von Regeln, etwa im Steuerrecht oder bei Insolvenzverfahren. Ziel ist es, dass Unternehmen in beiden Ländern unter möglichst gleichen Bedingungen agieren können.
  • Zukunftstechnologie KI: Beide Länder finanzieren mittlerweile gemeinsame Forschungs- und Innovationsprogramme im Bereich der Künstlichen Intelligenz. Das Ziel: Ein europäisches Gegengewicht zu den Tech-Giganten aus den USA und China zu schaffen.
  • Wirtschaftspark Fessenheim: Nach der Stilllegung des Kernkraftwerks Fessenheim entsteht dort ein deutsch-französischer Wirtschafts- und Innovationspark, der gezielt Firmen aus der Green-Tech-Branche anzieht.

Politische Strukturen: Wie der Aachener Vertrag im Alltag koordiniert wird

Damit der Aachener Vertrag nicht nur ein Stück Papier bleibt, haben Deutschland und Frankreich gemeinsame Institutionen und regelmäßige Treffen geschaffen. Diese sorgen dafür, dass die Zusammenarbeit auf allen Ebenen – vom Staatschef bis zum Bürgermeister in der Grenzregion – synchronisiert wird.

1. Der Deutsch-Französische Ministerrat (DFMR)

Das Herzstück der politischen Steuerung ist der Deutsch-Französische Ministerrat. Mindestens einmal pro Jahr treffen sich die gesamten Kabinette beider Länder zu einer gemeinsamen Sitzung. Hier werden die großen Leitlinien der Europapolitik abgestimmt und neue Projekte des Aachener Vertrags offiziell auf den Weg gebracht.

2. Der Ausschuss für grenzüberschreitende Zusammenarbeit (AGZ)

Dies ist eine der wichtigsten Neuerungen des Aachener Vertrags. Der AGZ bringt Vertreter der nationalen Regierungen, der Parlamente und – ganz entscheidend – der regionalen Gebietskörperschaften (wie die Bundesländer und die französischen Regionen) an einen Tisch.

  • Ziel: Er identifiziert ganz praktische Probleme im Grenzalltag (z.B. fehlende Busverbindungen oder unterschiedliche Umweltzonen) und sucht nach rechtlichen Ausnahmeregelungen, um diese Hindernisse schnell zu beseitigen.

3. Die Deutsch-Französische Parlamentarische Versammlung (DFPV)

Einzigartig in der Welt: 50 Abgeordnete des Deutschen Bundestages und 50 Abgeordnete der französischen Assemblée nationale bilden eine gemeinsame Versammlung. Sie tagt mindestens zweimal im Jahr öffentlich.

Die DFPV überwacht die Umsetzung des Aachener Vertrags und stellt sicher, dass die Gesetzgebung in beiden Ländern harmonisiert wird. Das sorgt für eine demokratische Legitimation der bilateralen Zusammenarbeit.

4. Das „2+2“-Format der Außen- und Verteidigungsminister

Auch die Außen- und Verteidigungsminister beider Länder treffen sich regelmäßig, um die Sicherheits- und Verteidigungspolitik abzustimmen. Dies ist die Grundlage für die oben genannten großen Rüstungsprojekte wie FCAS oder MGCS.

FCAS steht für Future Combat Air System und bezeichnet ein Großprojekt., das vor allem Frankreich, Deutschland und Spanien gemeinsam vorantreiben und bis 20240 umsetzen möchten. Im Zentrum dieses Luftkampfsystems steht ein sogenannter New Generation Fighter-Kampfjet, der nicht isoliert operieren soll, sondern zusammen mit unbemannten Begleitflugzeugen ( Remote Carrie ) und einer digitalen Combat Cloud zu einem vernetzten System‑of‑Systems verschmilzt. Diese Kampfjets der 6. Generation sollen dann die Rafale und Eurofighter schrittweise ersetzen.

Ähnlich ist auch das Konzept beim Heer. MGCS steht für Main Ground Combat System und bezeichnet ein deutsch‑französisches Programm für ein Landkampfsystem, das ab den 2030er/2040er‑Jahren die heutigen Kampfpanzer Leopard 2 und Leclerc ablösen soll. Anders als ein klassisches Panzerprojekt zielt auch MGCS auf einen Verbund aus einem neuen Hauptkampffahrzeug, weiteren bemannten Plattformen, unbemannten Boden‑ und Luftfahrzeugen sowie neuer Bewaffnung und Sensorik, die über intelligente Führungs‑ und Informationssysteme eng vernetzt werden. 

Fazit: Ein lebendiger Vertrag für die Zukunft

Der Aachener Vertrag hat gezeigt, dass er ein dynamisches Werkzeug ist. Er hat den Brexit-Schock längst hinter sich gelassen und dient heute als Stabilitätsanker in Krisenzeiten. Für Bürger und Unternehmen bedeutet er: Die Grenze wird immer unsichtbarer, die Chancen werden grenzenlos.

Weiterlesen

Im Blog

Wie viel Frankreich steckt in Deutschland? Diese Frage beantwortet meine Blogparade. Hier findet ihr alle Städte, die bereits mitgemacht haben.

Im Buch

Frankreich in Deutschland

Hamburg war einst Hauptstadt eines Départements von Napoleons Kaiserreich. Duisburg bot dem königlichen Musketier d’Artagnan ein Dach über dem Kopf. Dortmund war für ein paar Wochen der Wohnort, an dem der französische Austauschschüler Emmanuel Macron die Deutschen in natura erlebte. Göttingen ist die Stadt, aus der der Soundtrack der deutsch-französischen Versöhnung stammt.

Überall steckt so viel Frankreich in Deutschland. In 26 Berichten von Erkundungen vor Ort beschreibe ich in meinem ersten E-Buch die unzähligen Spuren, die unser französischer Nachbar im Laufe der ereignisreichen, gemeinsamen Geschichte in Deutschland hinterlassen hat. 2021 ist die 2. Auflage erschienen!

E-Book: ISBN 9783752 665604 (14,99 Euro)
Print: ISBN 9783944299235 (25,50 Euro), zu bestellen u.a. hier*.<

* Durch den Kauf über den Partner-Link, den ein Sternchen markiert, kannst Du unabhängigen Journalismus unterstützen. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Herzlichen Dank – merci !