Arles: zwischen Erbe und Avantgarde

Römische Ruinen, mittelalterliche Kirchtürme, ein strahlend blauer Himmel und das breite Band der Rhône, dessen Kaimauern für die ViaRhôna als Euroveloroute 17 jüngst als breite Promenade für Spaziergänger und Radfahrer ausgebaut wurde: Bienvenue in Arles! Die Fülle von Motiven in Arles löste bei Vincent van Gogh die kreativste Phase seines Schaffens aus.

Und auch bei uns klicken permanent Kamera und Handy – Straßen mit hohen, eng gestellten Häusern, in denen kaum die Sonne eindringt, Platanenplätze, auf denen sich Cafés und Restaurants drängen, hier ein plätschernder Brunnen, dort Street Art: Was für eine Fülle an Eindrücken, an Motiven, an Orten, die man mitnehmen möchte, zum Wohlfühlen an dunklen und kalten Tagen.

Das Savoir-Vivre des Südens

Arles zelebriert die Leichtigkeit des Seins. Das haben wohl auch die Kelten gewusst, die einst hier siedelten, ehe Griechen aus Massilia die Region kolonialisierten und drei römische Kaiser die Stadt prägten – Julius Cäsar, Augustus und Konstantin. Mit 50.000 Einwohnern war Arles damals eine antike Großstadt.

Wie prachtvoll sie ausgestattet war, verraten 112 Stätten, die heute als nationales Kulturerbe geschützt sind. Gleich drei Mal ins Welterbe ist Arles bei der UNESCO eingetragen. Erstens als Startpunkt der Via Tolosa, einem der vier französischen Jakobswege nach Santiago de Compostela.

Zweitens als urbanes Freilichtmuseum mit Überresten der 46 v. Chr. von Julius Cäsar gegründeten Oppidum bis zu Meisterwerken der romanischen Kunst (1981).

Und drittens mit dem einzigartigen Feuchtbiotop der Camargue. Letzter macht – noch ein Rekord! – Arles mit ca. 760 km² zur flächenmäßig größte Gemeinde Frankreichs. Paris kann dagegen nur mit 105 km² aufwarten.

Uralt, riesengroß. Und doch ganz kompakt, übersichtlich. Und auch von musealem Mief ist wenig zu spüren. Im Gegenteil!Das Rom Galliens vibriert, pulsiert, inspiriert. Taucht ein in urbanes Freilichtmuseum mit Überresten der 46 v. Chr. von Julius Cäsar gegründeten Oppidum über Meisterwerke der romanischen Kunst mit zu den Ikonen der Moderne!

Die Arenen von Arles

Das Erbe der Römer

Arles ist so kompakt und übersichtlich, dass die Must-Sees toll zu Fuß oder mit dem Rad entdeckt werden können. Rein ins Gewühl!

Die Arena, in dessen riesigem Oval im 1. Jh. bis zu 20.000 Menschen auf 34 Rängen Gladiatorenkämpfe erlebten, bebt heute unter den Hufen der schwarzen Stiere bei den Feria an Ostern und im September.

140 m × 103 m groß im Innern und 21 m hoch, wurden die Arenen im Mittelalter zu einer Festung ausgebaut, von der noch drei Vierecktürme (12. Jahrhundert) und die Arkadenvermauerung zeugen. Später verwandelten sich die Arenen in einen Stadtteil, in dem Tausende Menscen lebten. Erst ab 1825 wurden ihr Häuser entfernt, 1846 das antike Oval restauriert.

Westlich der Arena wurde Ende des 1.Jh. das antike Theater unter Kaiser Augustus erbaut – während der Sommermonate eine Freilichtbühne für Konzert und Theater.  Erhalten sind noch zwei korinthische Säulen, die Orchestra und vom Zuschauerhalbrund die untersten der 33 Sitzreihen mit 12.000 Sitzplätzen sowie ein Turm, der noch die ursprüngliche Höhe von drei Arkaden bewahrt hat.

Hier wurde 1651 die berühmte Venus von Arles aufgefunden, die jetzt im Louvre in Paris und als Kopie im Treppenhaus des Hôtels de Ville, Place de la République, steht.

Um 20 v. Chr. entstanden die Kryptoportiken des Forums, unterirdischen Galerien im Herzen der Stadt. Hinein kommt ihr vom Rathaus. Erst Ende des 19. Jh.s. wurden die Konstantin-Thermen ausgegraben – sie gehören zu den besterhaltenden der Welt.

Ebenfalls zum gallorömischen Erbe gehören die Alychamps. Die Elysii campi, deutsch „Elysische Felder“, sind eine lange Allee vor der süd-östlichen Ecke der Stadtmauern zur unvollendeten Kirche Saint-Honorat (12. Jahrhundert).

Die einstige römische Begräbnisstätte wurde später ein christlicher Friedhof. Von den zahlreichen frühmittelalterlichen Steinsarkophagen sind nur noch einige schmucklose an der Allée des Tombeaux zu sehen, während die schönsten, soweit sie sich erhalten haben, heute im Musèe d’Arles Antique stehen.

An der mittelalterlichen Nekropole begann einst die Wallfahrt nach Santiago de Compostela – auf immer verewigt in den Bildern von Van Gogh.

Provenzalische Romanik

Als Meisterwerk der provenzalischen Romanik gilt die Cathédrale Saint-Trophime aus dem 12. Jahrhundert. Bei ihrem Bau wurden Steine vom antiken Theater verwendet. Der hl. Trophimus christianisierte die Provence und war vor 250 n. Chr. der erste Bischof in Arles; seine Gebeine ruhen in der Kirche, die ihm geweiht ist. In ihr wurde Friedrich Barbarossa am 30. Juli 1178 zum König von Burgund gekrönt.

Das der Westfassade um 1190 vorgeblendete Doppelportal mit seinem Tympanon gilt neben dem von Saint-Gilles als Hauptwerk der provenzalischen Plastik der Hochromanik.  Zwischen den Freisäulen an den Seiten stehen überlebensgroße Standbilder der Apostel. Das Tympanon zeigt Christus als Weltenrichter, das Paradies und die Hölle.

Die Kathedrale ist eine Basilika mit einem 20 m hohen Mittelschiff und besitzt sowohl romanische als auch gotische Stilelemente. Während Langhaus, Turm und Fassade 1152–80 im romanischen Stil errichtet wurden, entstand der gotische Umgangschor erst 1454–65.

Ungeheuer beeindruckt hat mich der Kreuzgang mit seinen wunderschönen Schnitzereien im Stein der Skulpturen und Kapitelle.  Er wurde in mehreren Bauphasen zwischen 1130 und dem 14. Jahrhundert errichtet.

In seinen vier Galerien – zwei romanisch, zwei gotisch – sind alle Arten des Rund- und Spitzbogenstils zu finden. h Pfeiler und Säulen mit fein gearbeiteten Kapitellen wechseln sich hier ab. Die Geviertecken sind figurengeschmückt, z. B. mit einer Trophimusfigur von 1188.

Was viele nicht wissen: Ihr könnt über eine Treppe auch hinauf zur Galerie im ersten Stock gehen – mit tollem Blick aus der Höhe auf das Innere der Kreuzganges, in dem eine riesige Pinie wächst.

Muse der Künstler

1888 kam Vincent van Gogh nach Arles und malte während seiner schöpferischsten Zeit in 15 Monaten mehr als 300 Bilder.

Während dieser Zeit porträtierte er Arles und die Umgebung hundertfach. Die heute an seine Gemälde erinnernden Stellen in Arles wurden allerdings in den 1990er-Jahren nach seinen Gemälden für den Tourismus dekoriert.

Typisches Beispiel hierfür ist das Nachtcafé. Nachdem der Maler von der Bourgeoisie aus der Stadt faktisch vertrieben wurde, besitzt die Stadt kein einziges von seinen Gemälden.

Das von ihm bewohnte Haus an der Place-La-Martine (Maison Jaune, „Gelbes Haus“) wurde im Zweiten Weltkrieg bei einem Bombenangriff zerstört.

Zwar hat eine der zahlreichen Zugbrücken in der Umgebung den Maler zu den Bildern Die Brücke von Langlois angeregt, doch ist die heute als Van-Gogh-Brücke ausgeschilderte an der Montcalde-Schleuse zwar eine gleichartige, aber nicht die von ihm gemalte Brücke, die rund 800 m entfernt lag.

Der Pont van Gogh von Arles – ein Motiv des Malers

Mekka der Fotografie

Angelockt wurde auch der Stierkampf-Fan Picasso. 1971 schenkte er 57 Zeichnungen dem dortigen Musée Réattu. Lucien Clergue begegnete dem spanischen Maler in Arles 1953 – der Beginn einer 20-jährigen Freundschaft.

1969 gründete Clergue die Rencontres photographiques. Der Branchentreff stieg zum Fotofestival mit weltweiter Strahlkraft auf. Jeden Sommer von Juli bis September rollt Arles für die besten Fotografen und Nachwuchstalente den roten Teppich aus, zeigt ihre Werke in 60 Ausstellungen an 20 Veranstaltungsorten und experimentiert mit Trends und Themen der Kreation.

Annie Leibovitz, Raymond Depardon, Nan Goldin, Martin Parr und viele andere Weltstars haben in Arles ihre internationale Karriere begonnen. Und auch der Modeschöpfer Christian Lacroix entdeckte beim Besuch des Musée Réattu in Arles seine künstlerische Berufung.

Sein schönstes Geschenk an seine Heimatstadt ist das Hôtel Jules César im einstigen Karmeliterkonvent, der 2014 von Lacroix farbenfroh in eine Luxusherberge verwandelt wurde.

Grenzenlos: Musik und Literatur

Im Juli feiert und tanzt Arles eine Woche lang zu den Klängen von Les Suds, das sich seit 1995 als Gipfeltreffen der Weltmusik etabliert hat. Von zehn Uhr früh bis nachts um vier locken Musiker wie Danyèl Waro, Bachar Mar-Khalifé und Anour Brahem zu einer musikalischen Weltreise, die alle Grenzen und Genre überschreitet.

Sound-Siestas, Workshops und Thementage ergänzen die mehr als 60 Konzerte, die blitzschnell ausverkauft sind, sobald das neue Programm online ist.

Arles ist Kultur. Nicht nur bei Festivals, sondern das ganze Jahr hindurch. Der Verlag Actes Sud hat Erfolgsautoren wie Laurent Gaudé unter Vertrag, das Musiklabel Harmonia Mundi einige der besten Klassikensembles. Die Arleser ENSP ist die einzige Fotografiehochschule Frankreichs, die Fachhochschule MOPA (ex SUPINFOCUM) gilt als weltweit beste Hochschule für 3-D-Animation.

LUMA Arles: die kreative Zukunft

Damit Arles auch in den neuen Medien die Nase vorn hat, errichtet die LUMA-Stiftung der Schweizerin Maja Hoffmann auf dem Gelände der ehemaligen Bahnwerkstätten der SNCF bis 2020 in nach den Worten der Roche-Erbin ein „weltweit einzigartiges Kreativzentrum für digitale Bilder“. Warum gerade hier? Der Vater der Investorin stammt aus Arles.

Der Turm der LUMA-Stiftung von Frank Gehry, Stand Sommer 2018.

Der Turm von Frank Gehry

Wahrzeichen des zehn Hektar großen Parc des Ateliers wird eine 56 m hohe Turmskulptur mit Ausstellungsräumen und Wohnungen für Gastkünstler sein, die der US-Architekt Frank Gehry entworfen hat. Sie ruht auf einem Sockel, der neben Archiven auch eine große Ausstellungshalle erhalten soll.

Die mechanische Werkstatt und die Schmiede sind bereits renoviert und Standort des internationalen Fotografentreffens von Arles. Die 5000 qm große Grande Halle im Herzen des Werkstattgeländes ist dem zeitgenössischen Kunst- und Kulturschaffen gewidmet. Bis Januar 2019 ist dort die Gilbert & George-Retrospektive „The Great Exhibition“ zu sehen.

The Great Exhibition: die große Gilbert & George-Retrospektive der LUMA 2018/19

Die Nordfassade schmückt eine 2800 qm große digitale Projektionsfläche – Europas größter Bildschirm. Hunger und Durst stillt im Industrie-Look ein Café, das auch ein paar Tische nach draußen auf die Terrasse gestellt hat. Im Innern öffnet sich das Café zum Foyer mit einem Modell des Parc des Ateliers, einer Buchhandlung und dem Kassentresen für den Besuch der Ausstellungen.

Das Restaurant in der Grande Halle des LUMA geht nahtlos in die Buchhandlung über.

In den ehemaligen Radwerkstätten erforscht und restauriert das CERCO Centre d’Etude, de Restauration et de Conservation des Œuvres Kunstobjekte des Arlaten-Museums. Ebenfalls auf den Campus zieht bis 2020 die staatliche Fachhochschule der Fotografiekunst (ENSP).

Arles: meine Reisetipps

Schlafen

Hôtel Saint-Trophime

Das ländliche Flair Südfrankreichs mitten im alten Herzen von Arles: Die vier charmanten Häuser, das älteste von 1531, bergen 20 Zimmer, stilvoll eingerichtet mit alten Möbeln, provenzalischen Stoffen und Terracotta-Fliesen. Tipp: Nehmt die Zimmer zum Hof – sie sind nicht nur ruhiger, sondern bieten auch die schönere Aussicht.
• 6, Rue de la Calade, 13200 Arles, Tel. 04 90 18 22 70, http://hotel-saint-trophime.com

Hôtel Nord-Pinus

• 14, Place du Forum, 13200 Arles, 04 90 93 44 44, http://nord-pinus.com

Hôtel du Cloître 

Designliebhaber schwärmen vom mutigen Mix der Stile und Farben der Zimmer – im obersten Stock könnt ihr auf einer kleinen Dachterrasse mit Blick auf Saint-Trophime chillen.
• 18, Rue du Cloître, Tel 04 88 09 10 00, https://hotelducloitre.com

Schlemmen

In drei der 156 Restaurants stehen Sterneköche am Herd. Zweisternechef Jean-Luc Rabanel macht im L’Atelier Grünzeug zum König (7, rue des Carmes, Tel. 04 90 91 07 69, www.rabanel.com). Günstiger ist sein Bistro „A Côté“ mit einigen Terrassenplätzen in der gleichen Straße (21, Rue des Carmes, Tel. 04 90 47 61 13, www.rabanel.com).

Sternekoch Jérôme Laurent steht im Le Cilantro (31, rue Porte de Laure, Tel. 04 90 18 25 05, www.restaurantcilantro.com) am Herd. 12 km außerhalb findet ihr Armand Arnal im Bio-Restaurant La Chassagnette mitten in der Carmargue – seine Küchengarten liefert fast alles, was in der Küche benötigt wird (D36, Le Sambuc, Tel. 04 90 97 26 96, www.chassagnette.fr).

Les Filles du 16

Eine  Gardiane de Taureau, ein herzhaftes Gulasch mit Stierfleisch aus der Camargue, könnt ihr unter dem Blätterdach der kleinen Terrasse oder im gemütlichen Gastraum des Bistros genießen.
• 16, rue du Docteur Fanton, Tel. 04 90 93 77 36, www.restaurantlesfillesdu16.fr

 

12 km außerhalb von Arles verwöhnt Armand Arnal im Bio-Restaurant  La Chassagnette mitten in der Carmargue mit köstlicher Küche aus größtenteils eigenem Anbau.
• D36, Le Sambuc, Tel. 04 90 97 26 96, chassagnette.fr.

Erleben

Seit mehr als 500 Jahren feiert Arles alljährlich am 1. Mai das Fest der Gardians. Höhepunkt des Trachtenfestes Pegoulado am 1. Julisonntag ist ein festlicher Umzug. Am Montag folgt mit der Concarde d’Or das Stierrennen der Course Camarguaise. Blutiger geht es bei den Stierkämpfen zu (Oster-Feria, Reis-Feria (Sept.).

Ab ins Meer!

Auf der D 36 rollt, nein, staut sich im Sommer eine Blechlawine zur Plage de Piémanson (auch: Plage d’Arles) und unzählige Urlauber campen illegal an Strand und Düne

SERVICE

Sun-e-Bike

E-Bikes und Gepäcktransport in der Provence von zwei Standorten aus.
• 1, avenue Clovis Hugues, 84480 Bonnieux, Tel. 04 90 74 09 96 + 2, rue Camille Pelletan,13120 St-Rémy-de-Provence, Tel. 04 32 62 08 39, www.location-velo-provence.com

 Weitere Infos

Offizielle ViaRhôna-Seiten: www.viarhona.com 

Offizielles Radtourismusportal Frankreichs: www.francevelotourisme.com

Fahrradportal der französischen Bahngesellschaft SNCF: www.sncf.com/fr/services/sncf-velo 

Portal des Verbandes für Fahrradrouten und Voies Vertes (grüne, verkehrsfreie Wege): http://af3v.org

Weiterlesen

Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas „Provence“

In meinem DuMont-Bildatlas „Provence“ stelle ich in sechs Kapiteln zwischen Arles und Sisteron die vielen Facetten der Provence vor. Ihr erfahrt etwas vom jungen Flair zu Füßen des Malerberges, vom Weltstadttrubel an der Malerküste, dem weißen Gold aus der Pfanne oder einer Bergwelt voller Falten.

Specials und Themenseiten verraten euch, welche großen Probleme der Lavendel hat, wo ihr Slow Food genießen oder ihr ganz aktiv das Sonnenreich im Süden erleben könnt: beim Mountainbiken, Malen, Paddeln, Wandern oder Wildbaden. Hinzu kommen Serviceseiten mit allen Infos, persönlichen Tipps und großer Reisekarte.

Wer mag, kann den Band hier* direkt bestellen.

Hilke Maunder: Provence – das Licht des Südens. Ostfildern: DuMont Reiseverlag 2018. ISBN 978-3770193943.

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