So viel Frankreich steckt in … Göttingen

Das niedersächsische Göttingen birgt ganz viel Frankreich. Und wurde dank einer Sängerin zum Symbol der deutsch-französischen Freundschaft.

Bien sûr, ce n’est pas la Seine
Ce n’est pas le bois de Vincennes
Mais c’est bien joli tout de même,
A Göttingen, à Göttingen.
Pas de quais et pas de rengaines
Qui se lamentent et qui se traînent
Mais l’amour y fleurit quand même,
A Göttingen, à Göttingen…

Als Monique Andrée Serf war sie 1930 in Paris in eine jüdische Familie geboren worden, hatte das Leid des 2. Weltkrieges erlebt und war als junge Chansonnière durch Frankreich getingelt: Barbara. Dort hatte sie Hans-Gunther Klein, damals Direktor des jungen Theaters, gehört. Er hatte sie Anfang 1964 zu einem Gastspiel nach Göttingen geladen. Dort stand, oh Horror, ein Monster von einem Klavier.

Konzert auf der Kippe

Barbara weigert sich, darauf zu spielen. Studenten schleppen das Instrument von der Bühne. Klein überredet eine alte Dame im Nachbarhaus, ihren Konzertflügel der Französin zu leihen. Zwei Stunden lang harrt das Publikum aus.

Zwei Stunden lang harrte das Publikum aus. Dann schlug Barbara die Tasten an, begann zu singen – und ist vom Publikum und der unerwartet warmherzigen Atmosphäre des Publikums begeistert.

Sie verlängerte ihr Engagement um eine Woche, schriebt am letzten Tag im Garten des Theaters die Rohfassung von „Göttingen“ – und trug es spontan vor. Das Publikum klatschte frenetisch, minutenlang. Göttingen gehört zu Barbaras größten Erfolgen. Und zu den schönsten Melodien der Aussöhnung.

Botschaft in beiden Sprachen

1967 kehrte Barbara nach Göttingen zurück und sang ihr Lied in der bis dahin unbekannten deutschen Fassung von Walter Brandin. Die Stadthalle glich einem Hexenkeller. France Inter übertug live. Göttingen gehörte danach zum Repertoire jedes ihrer Konzerte. Am 24. April 1988 erhielt die Künstlerin für ihre Verdienste um die Völkerverständigung zwischen Franzosen und Deutschen die Ehrenmedaille der Stadt.

Am ehemaligen Gebäude des Jungen Theaters in der Geismarlandstraße 19 erinnert seit 22. November 2002 eine Gedenktafel an Barbara. Der Göttinger Ortsteil Geismar benannte am gleichen Tag eine Straße nach ihr.

In Frankreich gehört „Göttingen“ seit 2002 zum Curriculum der Vor- und Grundschulen. Altkanzler Gerhard Schröder, der 1966-1971 in Göttingen studiert hatte, zitierte 2003 zum 40. Jahrestag des Élysée-Vertrages aus dem Chanson bei seiner Ansprache im Schloss Versailles.

Göttingen & Pau

In der Musik war und ist Göttingen auf Engste mit Frankreich verbunden. Doch die Partnerschaft mit Frankreich kam erst spät in die Gänge. „Es war André Labarrère, der diese Idee 1982 entwickelte“, erinnerte sich Anne Castera, Assistentin für Kulturerbe und Partnerschaften, anlässlich des 30. Partnerschaftsgeburtstages 2012. Er habe, so Anne Castera, Göttingen gewählt, weil er es für eine Stadt mit dem gleichen Profil wie Pau hielt.

Pau hat heute neun Partnerstädte. Auf administrativer und offizieller Ebener erscheinen die Kontakte von Pau und Göttingen wenig intensiv. Umso aktiver sind die Begegnungen zwischen den Menschen. Schüler, Studierende und Praktikanten werden ausgetauscht. Kultur- und Sportreisen finden statt, und gerne wird gemeinsam gefeiert. Allein: 1.600 km Distanz machen die Begegnung schwierig. Busreisen dauern zwei Tage, Flüge ab Frankfurt sind schneller, aber unverhältnismäßig teuer.

Junge Kontakte

Junge Sportler hält das nicht ab. Im Oktober 2017 waren junge Radsportler aus Göttingen in Pau gewesen. Im Frühjahr 2018 kamen aus der Europäische Sporthauptstadt sieben jungen Kanuten nach Göttingen und paddelten auf der Leine.

Initiiert wurde der Austausch von Joachim Pförtner, geschäftsführender Vorsitzender des Stadtsportbundes (SSB) Göttingen. 2019 folgte ein Kanuaustausch mit Pau für 13-16 Jährige. Auch die Jugendabteilung der Freiwilligen Feuerwehr Weende hat intensiven Kontakt zur Feuerwehr in Pau.

Ein ganz anderes Ziel hatten zehn angehende Köche der Berufsbildenden Schulen Ritterplan bei ihrem gut dreiwöchigen Besuch in Frankreich. Erst besuchten sie eine Woche Gastronomiebetriebe im Großraum Saint-Étienne. Sie erlebten, wie Pagès aus Eisenkraut die Likör-Spezialität Verveine du Velay Verte herstellt und blickten in der Chocolaterie Weiss hinter die Kulissen der Pralinenherstellung.

ProTandem macht mobil

Dann standen sie zwei Wochen bei Franzosen selbst am Herd. Dafür gab es am Ende den Europapass. Er macht Berufsabschlüsse europaweit vergleichbar. Die deutsch-französische Agentur für den Austausch in der Berufsbildung ProTandem förderte die Reise der Azubis. ProTandem hieß bis Juli 2018 Deutsch-Französisches Sekretariat.

Die Programmmittel werden auf deutscher Seite vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) und auf französischer Seite vom Ministerium für Bildung, vom Ministerium für Arbeit und vom Ministerium für Europa und auswärtige Angelegenheiten zur Verfügung gestellt.

In deren Auftrag fördert, berät und begleitet ProTandem den Austausch von Jugendlichen und Erwachsenen in beruflicher Ausbildung oder Fortbildung. Ziel des Austauschprogramms ist die Förderung der Mobilität in der beruflichen Aus- und Weiterbildung von Jugendlichen und Erwachsenen. Geleitet wird die Agentur mit Sitz in Saarbrücken von zwei Delegierten, die jeweils von beiden Partnerländern ernannt werden.

Barbara im Museum

Doch zurück nach Göttingen. Dort hat in den 1960er-Jahren auch Helga Rebischke studiert. 2016 führte sie anlässlich der Barbara-Ausstellung Göttingen-Besucher und Barbara- Fans über verschiedene Stationen zum Lumière-Kino. Unterwegs erklangen Barbara-Lieder aus ihrem Bluetooth-Lautsprecher. Konzipiert hatte die Ausstellung Andrea Rechenberg.

Sie sagt über die damals erste erste biographische Ausstellung: „Das Eintauchen in die private Korrespondenz hat mich sehr berührt. Barbara war eine vielfältige Persönlichkeit, weil sie mehr als das Göttingen-Lied ist. Sie wollte sich als Künstlerin stets neu erfinden. Es ist beeindruckend, wie viele Emotionen Barbara noch bei den Menschen hervorruft.“

Barbara: die Biografie

Am 24. November 1967 verstarb Barbara in Neuilly-sur-Seine. Einige Monate vor ihrem Tod hatte sie mit dem Schreiben ihrer Memoiren begonnen. Sie konnte sie nicht mehr vollenden. Ihre Aufzeichnungen enden mit… . „Göttingen“.

Mir ists egal um die, die mit Erstaunen sich erheben,
Und die anderen mögen mir vergeben,
Aber die Kinder sind die gleichen
In Paris wie in Göttingen
Lasst diese Zeit nicht wiederkehren,
In der Blut und Hass die Welt zerstören,
Denn es gibt Menschen, die ich liebe,
in Göttingen, in Göttingen.
Und sollte der Alarm ertönen
Und müsste man wieder zu den Waffen greifen,
Würde mein Herz eine Träne vergießen
Für Göttingen, für Göttingen.

Barbara & Göttingen: Es war einmal ein schwarzes Klavier_Buchtipp

2002 publizierte sie bei Livre de Poche ihr Taschenbuch mit dem Titel „Il était un piano noir“. Die Originalausgabe könnt ihr hier* direkt bestellen.

Zum 20. Todestag verlegte der Göttinger Verlag Wallstein am 2. Oktober 2017 ihre Biografie in der Übersetzung von Annette Casasus auf Deutsch.

In „Barbara – Es war einmal ein schwarzes Klavier …“ erzählt sie offen, mit Esprit und Emotion, die Geschichte ihres Lebens, ihrer Jugend, lässt die 1960er-Jahre aufleben, betrauert den Tod ihres Vaters in Nantes… Lest und entdeckt die Themen ihrer Lieder! Wer mag, kann das Buch hier* direkt bestellen.

Frankreich und Göttingen: Was für Verbindungen!

Deutsch-Französische Gesellschaft Göttingen e.V. 

Die Suche nach einer Partnerstadt führte 1981 zur Gründung der Deutsch-Französischen Gesellschaft Göttingen e.V. Gefunden wurde: Pau. In Göttingen wird die Partnerschaft vor allem von den Menschen getragen. Prall gefüllt ist der Veranstaltungskalender der DFG mit Begegnungen und Lesungen, Ausstellungen, Chansonabenden und Vorträgen zum politischen und sozialen Leben in Frankreich. Von den Atelier Cuisine bis zu den Französischen Filmtagen engagieren sich ihre Mitglieder in allen Bereichen des Kulturaustausches – und freuen sich über Gäste zu ihren Veranstaltungen.
• www.dfg-goettingen.org

Europäisches Filmfestival Göttingen

Als Länderfilmtage gegründet, legt das EFG seinen  Fokus auf dem aktuellen Filmschaffen eines ausgewählten europäischen Landes oder einer Region.
• www.filmfest-goettingen.de

Felix-Klein-Gymnasium

Am FKG wird Französisch ab der 6. Klasse als zweite Fremdsprache bis zum Abitur angeboten. Ab Klasse 8 kann Französisch auch als 3. Fremdsprache mit dem Lehrwerk „Cours Intensif“ erlernt werden. Sprachpraxis bringen Austausche mit Partnerschulen: im 8. Jahrgang  in den Partnerschulen in Pau  und Couëron, in der 10. Klasse mit einem Lycée in Lyon. Die Hinfahrt nach Couëron, Pau und Lyon unterbricht  „Schnupper“-Aufenthalt in Paris. Für die Klasse 10 bietet das FKG zusätzlich einen 2-3-monatigen Individualaustausch über das Brigitte-Sauzay-Programm.
www.fkg-goettingen.de

Georg-August-Universität

Stellvertretend für die vielen Verbindungen der Georg-August-Universität Göttingen und der Université de Pau et des Pays de l’Adour sei dieser Deutsch-Französische Doppelmasterstudiengang vorgestellt. Er ermöglicht, Bachelor-Studierenden im Bereich Französisch / Galloromanistik,ihr Masterstudium im Rahmen des deutsch-französischen Doppelmasterprogramms der Universität Göttingen und der Université de Pau et des Pays de l’Adour im Südwesten Frankreichs fortzusetzen.
• www.uni-goettingen.de

Göttinger Partnerschaftsverein

Die Göttinger sind seit Jahrhunderten geübt im Brückenschlag zu Fremden, sagt der Partnerschaftsverein – und trägt diese Tradition mit der Förderung der Partnerstädte und Kooperationspartnern auch für die Zukunft weltweit lebendig.
• www.goettinger-partnerschaftsverein.de

Hainberg-Gymnasium

Die UNESCO-Projektschule arbeitet für seine Austausche mit vier Partnerschulen in Frankreich zusammen: mit dem Lycée Chopin in Nancy (seit 2003), dem Collège La Fontaine in Antony im Süden von Paris, dem Lycée d’Etat Paul Langevin in Suresnes im Westen von Paris, und seit bereits 1975 mit dem Lycée Pierre Mendès in Vic-en-Bigorre, einem kleinen Ort bei Tarbes in den  Pyrenäen
www.facebook.com/hainberggymnasium

Institut Heinrich Mann

Das deutsche Kulturinstitut widmet sich seit 1988 der Verbreitung der deutschen Sprache und dem deutsch-französischen Kulturaustausch. Anlässlich des 35. Partnerschaftsgeburtstags 2017 führte das Göttinger Barock-Orchesters auf Einladung des „Institut Heinrich Mann Pau“ und der Stadt Pau im Schloss von Pau die Barockoper „Armide“ von Jean-Baptiste Lully auf und gaben im Conservatoire de Pau einen Meisterkurs zu „Figurenlehre und Affekte bei Bach und Telemann“. Auch beim jährlichen Salon du Livre ist das Kulturinstitut aktiv – und Göttingen mit einem kleinen Messestand dabei.
• http://ihm64.hautetfort.com

Lumière-Programmkino

Das kommunale Kino Lumière  der Film- und Kinoinitiative Göttingen e.V. (FKI) ist als „Europa Cinemas“ im Rahmen des europäischen Media-Programm die Alternative zum Kommerzkino. Es zeigt künstlerisch herausragende Filme und Filmreihen, oft in Zusammenarbeit mit anderen Kultureinrichtungen und Initiativen in Göttingen. Höhepunkt der Programmarbeit sind das Kinderfilmfest im Oktober und die Europäischen Filmfestival Göttingen im November.
www.lumiere.de

Otto-Hahn-Gymnasium

Seit Jahrzehnten pflegt das Gymnasium enge Kontakte mit dem Collège Marguerite de Navarre in Pau. Im Frühjahr kommen französischen Neuntklässler nach Göttingen, im Herbst reisen die Niedersachsen in die Pyrenäen. Der Praktikantenaustausch erfolgt meist in den Sommerferien.
www.ohg.goe.ni.schule.de

Mehr zu Barbara

Perlimpimpin

Seit dem Jahr 2000 hält der Verein Perlimpimpin das Andenken an Barbara lebendig. Die Schriftstellerin Marie Chaix, die Barbaras Assistentin war, ist die Präsidentin des Vereins.
www.facebook.com/barbaraperlimpinp

Weiterlesen

Im Blog

Wie viel Frankreich steckt in Deutschland? Das verrät euch meine Blogparade. Alle Beiträge könnt ihr hier nachlesen.

Im Buch

Frankreich in Deutschland

Hamburg war einst Hauptstadt eines Départements von Napoleons Kaiserreich. Duisburg bot dem königlichen Musketier d’Artagnan ein Dach über dem Kopf. Dortmund war für ein paar Wochen der Wohnort, an dem der französische Austauschschüler Emmanuel Macron die Deutschen in natura erlebte. Göttingen ist die Stadt, aus der der Soundtrack der deutsch-französischen Versöhnung stammt.
Überall steckt so viel Frankreich in Deutschland.

In 26 Berichten von Erkundungen vor Ort beschreibe ich in meinem ersten E-Buch die unzähligen Spuren, die unser französischer Nachbar im Laufe der ereignisreichen, gemeinsamen Geschichte in Deutschland hinterlassen hat. 2021 ist die 2. Auflage erschienen!E-Book: ISBN 9783752 665604 (14,99 Euro)
Print: ISBN 9783944299235 (25,50 Euro), zu bestellen u.a. hier*.

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