Die Renaissance von Béziers

Blick auf Béziers vom Pont Roman. Foto: Hilke Maunder
Blick auf Béziers vom Pont Roman. Foto: Hilke Maunder

“In der Innenstadt leben nur Zigeuner und Leute aus dem Maghreb!” Seit 2014 kämpft der Bürgermeister von Béziers gegen den schlechten Ruf der Stadt, in der bis heute fast die Hälfte der Wohnungen leer steht und viele lieber zum Shopping ins Einkaufszentrum Polygone fahren, statt die Geschäfte im Herzen der antiken Stadt aufzusuchen.

Schade, denn Bürgermeister Robert Ménard hat einiges bewirkt. Er hat die Allée Paul Riquet aufgeräumt und verboten, das Wäsche zum Trocknen aus dem Fenster gehängt wird.

Das Rathaus von Béziers. Foto: Hilke Maunder
Das Rathaus von Béziers. Foto: Hilke Maunder

Er hat eine Kinderkrippe im Rathaus eingerichtet und vor den Markthallen kostenloses Parken eingeführt, um Kauflustige von den Supermärkten am Stadtrand wieder in die City zu holen. Und er lässt bauen, modern und immer öfter auch innovativ, farbenfroh und nachhaltig.

Andere “Erfolge” sehen seine Kritiker als “Entgleisungen”, als rassistische Äußerungen in einer Stadt, deren soziales Gefüge Sprengstoff bringt. Und fast jeden Tag für Schlagzeilen in der nationalen Presse.

In der Altstadt von Béziers. Foto: Hilke Maunder
Eine Altstadt-Gasse an der Kathedrale Saint-Nazaire. Foto: Hilke Maunder

Umstritten, aber erfolgreich

Menard, parteilos und einst als Journalist aktiv engagiert bei Reporter ohne Grenzen, hat es sichtlich schwer, als Stadtchef die positiven Veränderungen von Béziers zu vermarkten. Zumal er zwar parteiunabhängig ist, aber nur mit Unterstützung des FN regieren kann.

Moderne Architektur in Béziers. Foto. Hilke Maunder
Moderne Architektur in Béziers. Foto. Hilke Maunder

Neben neuen Wohngebieten wie dem Quartier de la Courondelle, dem Ausbau des Quartier de l’Hours mit einer 30 Millionen Euro teuren Cité Juridicaire, gehobener Hotellerie und neuen Wohnungen für 2000 Menschen umfasste Menards Plan für Béziers auch touristische Projekte.

Für elf Millionen Euro wurde der Hafen von Sérignan ausgebaut und von 350 auf 1.200 Liegeplätze vergrößert. Ebenso wird heute der Weintourismus gepusht mit Degustationen bei den wiederbelebten Jeudi de Béziers.

Béziers: Das Schleusenwärterhäuschen von Fonserannes. Foto: Hilke Maunder
Das Schleusenwärterhäuschen von Fonserannes. Foto: Hilke Maunder

Die verbesserte touristische wie verkehrliche Infrastruktur an der Schleusentreppe von Fonsérannes wurde bereits zur Saison 2017 vollendet. Die Verbindung zwischen Schleuse, Orb und der Oberstadt mit der Cathédrale Saint-Nazaire schafft eine neue Fußgänger-Verbindung samt Aufzug.

Hausbootkapitäne passieren die Schleusentreppe von Fonserannes. Foto: Hilke Maunder
Die Schleusentreppen von Fonseranes nutzen unzählige Hausbootkapitäne bei ihrer Fahrt auf dem Canal du Midi. Foto: Hilke Maunder

Die Écluse de Fonsérannes gehört mit neun Kammern, die jährlich mit 450.000 Besuchern im Jahr anziehen, zu den Touristenmagneten des Départements Hérault.

Béziers: Aussichtsreich - das Restaurant 9 Écluses am Canal du Midi. Foto: Hilke Maunder
Aussichtsreich – das Restaurant 9 Écluses am Canal du Midi. Foto: Hilke Maunder

Béziers: die Top-Sehenswürdigkeiten

Wein, Weizen und Oliven: Seit der Römerzeit waren dies die Säulen des Wohlstands in Béziers, dessen Stadtsilhouette sich malerisch 70 Meter hoch über dem Orb erhebt.

Béziers: Cathédrale Saint-Nazaire. Foto: Atout France/Nathalie Baetens
Die Cathédrale Saint-Nazaire. Foto: Atout France/Nathalie Baetens

Die Stadt gab sich im Mittelalter sehr frei und tolerant – bis zum schlimmsten Tag in Béziers Geschichte: Am 22. Juli 1209 wurde ein Großteil der Bevölkerung von Kreuzrittern massakriert, die gegen die „Ketzerei der Katharer“ ankämpften.

Den Stadthügel von Béziers dominiert die nach dem Massaker rekonstruierte Cathédrale St-Nazaire (13. – 15. Jh.). Den schönsten Blick auf die Stadt, den Orb mit dem Pont Vieux (14.-16. Jh.), die Weingärten in der Ebene bietet der im 14. Jahrhundert angelegte Jardin des Êveques (14. Jh.).

Béziers: Blick vom Aussichtspuankt an der Kathedrale auf den Orb. Foto: Hilke Maunder
Blick vom Aussichtspunkt an der Kathedrale auf den Orb. Foto: Hilke Maunder

Ein schönes Beispiel für die romanische Kunst des Mittelmeerraumes ist die Église Saint-Jacques (907), die ehemalige Abtei des Augustinerordens.

Geschäftige Hauptstraße der Stadt ist die Platanen geschmückte Allée Paul-Riquet. Während der Féria im August wird dort bis spät nachts gefeiert.

Die Markthalle von Béziers in Feria-Stimmung. Foto: Hilke Maunder.
Die Markthalle von Béziers in Feria-Stimmung. Foto: Hilke Maunder.

Im Süden endet die nach dem Erbauer des Canal du Midi benannte Prachtstraße am Plateau des Poètes. Die Gebrüder Bühler ließen es 1870 als englischen Landschaftspark anlegen – mit Skulpturen von Injalbert und mehr als 70 botanischen Raritäten.

Béziers, Markthalle, Stierfleischverkauf. Foto: Hilke Maunder
Nach der Corrida wird das Stierfleisch in der Markthalle verkauft. Foto: Hilke Maunder

Stierkämpfe und Opernabende wechseln sich von Arenen von Béziers ab. 1897 eingeweiht, gehört sie heute zu den sieben wichtigsten Plätzen Frankreichs während der Feria Mitte August. Die ganze Stadt ist dann in Volksfeststimmung!

Spielmannszug in Béziers. Foto: Hilke Maunder
Auf der Rambla musiziert zur Feria eine Banda. Foto: Hilke Maunder

Spannende Museen

Das Musée des Beaux Arts residiert seit 1859 in zwei herrschaftlichen Stadtvillen. Das Hôtel Frabrégat (6, place de Revolution) präsentiert alte italienische, spanische und holländische Meister sowie eine Sammlung moderner Kunst, die dem Widerstandskämpfer Jean Moulin gehörte.

Im Hôtel Fayet (Rue du Capus) sind vor allem Arbeiten des Bildhauers Jean-Antoine Injalbert zu sehen, der 1845 in Béziers geboren wurde. Seit 2021 vorübergehend geschlossen ist das Musée du Biterrois. Seine Sammlung in der Caserne St-Jacques (1702) umfasst griechische Amphoren, Töpferwaren, Keramiken und den Trésor de Béziers, drei große, ziselierte Silberteller aus dem 1./2. Jahrhundert.

Béziers: Während der Feria im August bieten viele Lokale auf der Allée Paul Riquet Menü unter freiem Himmel. Foto: Hilke Maunder
Während der Feria im August bieten viele Lokale auf der Allée Paul Riquet Stier-Menüs unter freiem Himmel. Foto: Hilke Maunder

Eine beeindruckende Sammlung von Vögeln, Insekten, Mineralien und Fossilien besitzt das Musée d’Histoire Naturelle in der Caserne Saint-Jacques. Einblicke in die Kultur des Stierkampfes gewährt die Union Taurine Biterroise in ihrer Espace Taurin.

Ihr interessiert euch für die okzitanische Sprache und Kultur?  Dann besucht im Quartier Latin das Centre Inter-Régional de Développement de l’Òccitan. Seine Meditathek ist  eine der wichtigsten Fundgruben für okzitanische Sprache und Kultur. Lebendig wird das Okzitanische bei den vielen Veranstaltungen des CIRDOC.

❤  La Mouche

Wer sich für das zeitgenössische kreative Schaffen in und um Béziers interessiert, sollte die Domaine de pradines le Bas besuchen. Kuratorin Francine Buesa ist davon überzeugt, dass sich Natur und Kunst gegenseitig nähren – und zeigt es bei La Mouche in drei Ausstellungssälen und dem Skulpturengarten im Olivenhain. Aktuelle Kunst, lokal verwurzelt und toll inszeniert!

Béziers: die Brasserie du Palais bei der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder
Die Brasserie du Palais bei der Kathedrale St-Nazaire. Foto: Hilke Maunder

Meine Reisetipps: Béziers

Schlemmen

La Raffinerie

In einer ehemaligen Schwefelraffinerie am Canal du Midi könnt ihr drinnen oder draußen auf der Terrasse kreative Mittelmeerküche genießen. Oder in der Lounge im Industrie-Look beim Getränk chillen.
• 14, avenue Joseph-Lazare, Tel. 04 67 76 07 12 , www.restaurant-raffinerie-beziers.fr

L’Ambassade

Ein kulinarisches Kleinod  findet ihr auch gleich direkt gegenüber vom Bahnhof von Béziers: L’Ambassade von Patrick Olry. Unglaublich köstlich: das Tunfischfilet mit Quinoa, gewürzt mit den Kräutern der Garrigue. Die Pastilla d’Agneau, eine zarte Milchlammschulter. Und mein Lieblingsfisch: Seeteufel. Miam!
• 22, bd. de Verdun, Tel. 04 67 76 06 24, www.restaurant-lambassade.com

Events

Fête traditionelle de St-Aphrodise zu Ehren des Stadtpatrons (Apr.), Balade de Riquet-Laufevent am Canal du Midi (Mai), Mittelalterfest Les Caritats (Mai), Schleusenfest (Juni), okzitanisches Kulturfest Festa d’Oc“(Juli), Stierkampffest Féria (Mitte Aug.), Stierkampftage (Okt.). Seit dem 16. Jahrhundert ist immer freitags Markttag.

In der Nähe

Das Oppidum von Ensérune, 8 km südwestlich, wurde im 6. Jh. v. Chr. von Marseiller Griechen gegründet und wuchs unter den Galliern zu einer ansehnlichen Stadt, die vermutlich Hannibal im 3. Jh. n. Chr. zerstörte. Keramiken, Tongefäße, geschmiedete Gegenstände aus Eisen und Bronze zeigt das Museum.

Von der Hochfläche aus öffnet sich ein weiter Ausblick auf die Küste und den Canigou in den Pyrenäen. Richtung Béziers blickt ihr auf eine landschaftliche Besonderheit: den früheren Binnensee von Montady, 1247 von Mönchen trockengelegt – seine Felder bilden ein riesiges Kreisdiagramm.

Schlafen

Hôtel des Poètes*

Freundlich, hell und modern ist das Ambiente der 14 Zimmer im “Dichterhotel” im  Herzen der Stadt, gleich gegenüber vom romantischen Parc des Poètes. Nette Geste: Für Gäste gibt es Gratisräder!
• 80, allées Paul Riquet, 34500 Béziers, Tel. 04 67 76 38 66, www.hoteldespoetes.net

Château de Lignan

Ein Idyll am Orb –  10 km nordwestlich von Béziers gelegen. Die ehemalige Festung aus dem 9. Jahrhundert wurde im 17. Jahrhundert ur Sommerresidenz der Bischöfe von Béziers umgebaut. Ihr sieben Hektar großer Park am Ort birgt 400 Jahre alte Bäume.
• Place de l’Eglise, 34490 Lignan-sur-Orb, Tel. 04 67 37 91 47

Noch mehr Betten*
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Béziers: Stadtansicht vom Orb aus. Foto: Hilke Maunder
Stadtansicht vom Orb aus. Foto: Hilke Maunder

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Der Reisebegleiter vor Ort: Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jede Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights. Inzwischen ist der wohl beste Führer für diese wunderschöne Ecke Frankreichs 2021 in 9. Auflage erschienen.

Das 588 Seiten dicke Werk ist der beste Begleiter für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen.

Okzitanien abseits GeheimtippsOkzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre  Kultur, Sprache und Küche pflegt.

Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte. Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

Das ganze Land: MARCO POLO Frankreich*

Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreich* habe ich vor vielen Jahren von Barbara Markert übernommen und seitdem umfassend aktualisiert und erweitert.

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4 Kommentare

  1. Mal wieder sieht man, was passiert, wenn man deinen Blog nicht vorher liest! Wir haben die Kathedrale und die Aussicht auf den Orb doch glatt verpasst, weil wir außen unten rum gegangen sind. Zudem nach dem Mittagessen, wo noch alles ruhte. Auffällig wie überall die unzähligen fantasievollen Kleinexistenzen, diese Bric à bracs, diese Unikattextilien, diese ganze Liebe zu einer eigenen Geschäftsidee. Das kenne ich nur aus Hamburg Ottensen, sonst hat das kein deutscher Ort, den ich kenne. Und wir erlebten eine sonnige Hochzeit vor dem Rathaus… Man sah noch Leerstände im Tal, ich finde die verwitterten Mauern ja schön, aber auch traurig. Oben rum hat die Standortpolitik bereits deutlich gewirkt!

  2. Vielen Dank für Ihre immer wieder interessanten Beiträge. Da wir gerade in der Gegend sind, wo befindet sich denn der im Artikel erwähnte Hafen von Sérignan? Nähe Valras?

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  1. Mein Frankreich: Franz Sommerfeld - Mein Frankreich

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