Die Renaissance von Béziers

Blick auf Béziers vom Pont Roman. Foto: Hilke Maunder
Blick auf Béziers vom Pont Roman. Foto: Hilke Maunder

„In der Innenstadt leben nur Zigeuner und Leute aus dem Maghreb!“ Seit vier Jahren kämpft der  Bürgermeister von Béziers gegen den schlechten Ruf der Stadt, in der bis heute fast die Hälfte der Wohnungen leer steht und viele lieber zum Shopping ins Polygone fahren, statt die Geschäfte im Herzen der antiken Stadt aufzusuchen.

Schade, denn Bürgermeister Robert Ménard hat einiges bewirkt. Er hat die Allée Paul-Riquet aufgeräumt und verboten, das Wäsche zum Trocknen aus dem Fenster gehängt wird.

Moderne Architektur in Béziers. Foto. Hilke Maunder

Er hat eine Kinderkrippe im Rathaus eingerichtet und vor den Markthallen kostenloses Parken eingeführt, um Kauflustige von den Supermärkten am Stadtrand wieder in die City zu holen. Und er lässt bauen, modern und immer öfter auch innovativ, farbenfroh und nachhaltig.

Andere „Erfolge“ sehen seine Kritiker als „Entgleisungen“, als rassistische Äußerungen in einer Stadt, deren soziales Gefüge Sprengstoff bringt. Und fast jeden Tag für Schlagzeilen in der nationalen Presse.

Umstritten, aber erfolgreich

Menard, parteilos und einst als Journalist aktiv engagiert bei Reporter ohne Grenzen, hat es sichtlich schwer, als Stadtchef die positiven Veränderungen von Béziers zu vermarkten.

Neben neuen Wohngebieten wie dem Quartier de la Courondelle, dem Ausbau des Quartier de l’Hours mit einer 30 Millionen Euro teuren Cité Juridicaire, gehobener Hotellerie und neuen Wohnungen für 2000 Menschen sieht Menards Plan für Béziers auch drei touristische Projekte vor.

Aussichtsreich – das Restaurant 9 Écluses am Canal du Midi. Foto: Hilke Maunder

Für elf Millionen Euro wurde der Hafen von Sérignan ausgebaut und von 350 auf 1.200 Liegeplätze vergrößert. Ebenso wird heute der Weintourismus gepusht mit Degustationen bei den wiederbelebten Jeudi de Béziers.

Die verbesserte touristische wie verkehrliche Infrastruktur an der Schleusentreppe von Fonséranes wurde bereits zur Saison 2017 b vollendet. Die Écluse de Fonséranes gehört mit neun Kammern, die jährlich mit 450.000 Besuchern im Jahr anziehen, gehört zu den Touristenmagneten des Départements Hérault.

Béziers: die Top-Sehenswürdigkeiten

Wein, Wizen und Oliven: Seit der Römerzeit waren dies die Säulen des Wohlstands in Béziers, dessen Stadtsilhouette sich malerisch 70 m hoch über dem Orb erhebt. Die Stadt gab sich im Mittelalter sehr frei und tolerant – bis zum schlimmsten Tag in Béziers Geschichte: Am 22. Juli 1209 wurde ein Großteil der Bevölkerung von Kreuzrittern massakriert, die gegen die „Ketzerei der Katharer“ ankämpften.

Den Stadthügel von Béziers dominiert die nach dem Massaker rekonstruierte Cathédrale St-Nazaire (13. – 15. Jh.). Den schönsten Blick auf die Stadt, den Orb mit der Pont Vieux (14.-16. Jh.), die Weingärten in der Ebene bietet der im 14. Jh. angelegte Jardin des Êveques (14. Jh.).

Die Kathedrale von Béziers. Foto: Hilke Maunder

Ein schönes Beispiel für die romanische Kunst des Mittelmeerraumes ist die Église St-Jacques (907), die ehemalige Abtei des Augustinerordens. Geschäftige Hauptstraße der Stadt ist die Platanen geschmückte Allée Paul-Riquet, wo während der Féria bis spät nachts gefeiert wird.

Die Markthalle von Béziers in Feria-Stimmung. Foto: Hilke Maunder.

Im Süden endet die nach dem Erbauer des Canal du Midi benannte Prachtstraße am Plateau des Poètes, das die Gebrüder Bühler 1870 als englischen Landschaftspark anlegten – mit Skulpturen von Injalbert und mehr als 70 botanischen Raritäten.

Stierkämpfe und Opernabende wechseln sich von Arenen von Béziers ab, die 1897 eingeweiht wurden und heute zu den sieben wichtigsten Plätzen Frankreichs während der Feria Mitte August gehört – die ganze Stadt ist dann in Volksfeststimmung!

Spannende Museen

Das Musée des Beaux Arts residiert seit 1859 in zwei herrschaftlichen Stadtvillen. Das Hôtel Frabrégat (6, place de Revolution) präsentiert alte italienische, spanische und holländische Meister sowie eine Sammlung moderner Kunst, die dem Widerstandskämpfer Jean Moulin gehörte. Im Hôtel Fayet (Rue du Capus) sind vor allem Arbeiten des Bildhauers Jean-Antoine Injalbert zu sehen, der 1845 in Béziers geboren wurde.

In die Geschichte von Stadt und Region entführt das Musée du Biterrois. Es zeigt in der Caserne St-Jacques (1702)  griechische Amphoren, Töpferwaren, Keramiken und den Trésor de Béziers, drei große, ziselierte Silberteller aus dem 1./2. Jahrhundert.

Eine beeindruckende Sammlung von Vögeln, Insekten, Mineralien und Fossilien besitzt das Musée d’Histoire Naturelle (Caserne St-Jacques). Einblicke in die Kultur des Stierkampfes gewährt die Union Taurine Biterroise in ihrer Espace Taurin.

Ihr interessiert euch für die okzitanische Sprache und Kultur?  Dann besucht im Quartier Latin das Centre Inter-Régional de Développement de l’Òccitan. Seine Meditathek ist  eine der wichtigsten Fundgruben für okzitanische Sprache und Kultur. Lebendig wird das Okzitanische bei den vielen Veranstaltungen des CIRDOC.

Meine Reisetipps: Béziers

Schlemmen

L’Octopus

Mitten im Herzen von Béziers verwöhnt euch Franck Radiu – berühmt wurde der innovative Koch durch die TV-Sendung Top Chef.
• 12, Rue Boïeldieu, Tel. 04 67 49 90 00, 34500 Béziers, http://octopus-beziers.fr

La Raffinerie

In einer ehemaligen Schwefelraffinerie am Canal du Midi könnt ihr drinnen oder draußen auf der Terrasse kreative Mittelmeerküche genießen. Oder in der Lounge im Industrie-Look beim Getränk chillen.
• 14, avenue Joseph-Lazare, Tel. 04 67 76 07 12 , www.restaurant-raffinerie-beziers.fr

Pas comme les autres

Urgemütlich und trendy zugleich ist das Bistro Pas comme les autres von Romain Henry Niess, das seinem Namen vollends gerecht wird. Seine „cave a manger“, setzt nicht nur voll auf bio in Küche und Keller, sondern ist auch recht mutig bei der die Deko: Gespeist wird mit Einheimischem an einem Tresen, an dem als Deko Schweinsköpfe baumeln.
• 3, rue Porte Olivier/Place de la Madeleine, Tel. 04 67 48 53 05, www.pascommelesautres-beziers.com

L’Ambassade

Ein kulinarisches Kleinod  findet ihr auch gleich direkt gegenüber vom Bahnhof von Béziers: L’Ambassade von Patrick Olry. Unglaublich köstlich: das Tunfischfilet mit Quinoa, gewürzt mit den Kräutern der Garrigue. Die Pastilla d’Agneau, eine zarte Milchlammschulter. Und mein Lieblingsfisch: Seeteufel. Miam!
• 22, bd. de Verdun, Tel. 04 67 76 06 24, www.restaurant-lambassade.com

Béziers: die Brasserie du Palais bei der Kathedrale St-Nazaire. Foto: Hilke Maunder

Events

„Fête traditionelle de St-Aphrodise“ zu Ehren des Stadtpatrons (Apr.), „Balade de Riquet“-Laufevent am Kanal du Midi (Mai), Mittelalterfest „Les Caritats“ (Mai), Schleusenfest (Juni), okzitanisches Kulturfest „Festa d’Oc“ (Juli), Stierkampffest „Féria“ (Mitte Aug.), Stierkampftage (Okt.). Seit dem 16. Jahrhundert ist immer freitags Markttag.

In der Nähe

Das Oppidum von Ensérune, 8 km südwestl., wurde im 6. Jh. v. Chr. von Marseiller Griechen gegründet und wuchs unter den Galliern zu einer ansehnlichen Stadt, die vermutlich Hannibal im 3. Jh. n. Chr. zerstörte. Keramiken, Tongefäße, geschmiedete Gegenstände aus Eisen und Bronze zeigt das Museum.

Von der Hochfläche aus öffnet sich ein weiter Ausblick auf die Küste und den Canigou in den Pyrenäen. Richtung Béziers blickt ihr auf eine landschaftliche Besonderheit: den früheren Binnensee von Montady, 1247 von Mönchen trockengelegt – seine Felder bilden ein riesiges Kreisdiagramm.

Béziers: Blick vom Aussichtspunkt an der Kathedrale auf den Orb. Foto: Hilke Maunder

Schlafen

Hôtel des Poètes*

Freundlich, hell und modern ist das Ambiente der 14 Zimmer im „Dichterhotel“ im  Herzen der Stadt, gleich gegenüber vom romantischen Parc des Poètes. Nette Geste: Für Gäste gibt es Gratisräder!
• 80, allées Paul Riquet, Tel. 04 67 76 38 66, www.hoteldespoetes.net

Château de Lignan

Ein Idyll am Orb –  10 km nordwestlich von Béziers gelegen
• Place de l’Eglise, F – 34490 Lignan-sur-Orb, Tel. 04 67 37 91 47,  www.chateaulignan.fr

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Zur Einstimmung: DuMont Bildatlas Frankreich Süden (Okzitanien)*

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Den MARCO POLO Languedoc-Roussillon/Cevennenhabe ich nach Axel Patitz und Peter Bausch inzwischen mehrfach umfangreich erweitert und aktualisiert.

Von den Cevennen über das Languedoc bis hin zum Roussillon findet ihr dort Highlights und Kleinode, Tipps für Entdecken und Sparfüchse – und Adressen, die ich in meinem Frankreichjahr neu entdeckt und getestet habe.  Beide MARCO POLO-Bände hält ein Online-Update-Service aktuell, der euch über Events, Neueröffnungen und Schließungen informiert. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

Der Reisebegleiter vor Ort: Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jeden Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights.

Dennoch: Das gut 560 Seiten dicke Werk ist der beste Führer für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen.

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Das Kapitel „Im Trend“ verrät, was es Neues zu erleben gibt im Hexagon: vom Skijöring in den Skigebieten bis zum Übernachten im Baumhaushotel. Alle Hintergrundinformationen zu Frankreich und seinen Menschen findet ihr unter Fakten, Menschen & News. Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnissen für  Familien, Paare oder Alleinreisende. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

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4 Kommentare

  1. Mal wieder sieht man, was passiert, wenn man deinen Blog nicht vorher liest! Wir haben die Kathedrale und die Aussicht auf den Orb doch glatt verpasst, weil wir außen unten rum gegangen sind. Zudem nach dem Mittagessen, wo noch alles ruhte. Auffällig wie überall die unzähligen fantasievollen Kleinexistenzen, diese Bric à bracs, diese Unikattextilien, diese ganze Liebe zu einer eigenen Geschäftsidee. Das kenne ich nur aus Hamburg Ottensen, sonst hat das kein deutscher Ort, den ich kenne. Und wir erlebten eine sonnige Hochzeit vor dem Rathaus… Man sah noch Leerstände im Tal, ich finde die verwitterten Mauern ja schön, aber auch traurig. Oben rum hat die Standortpolitik bereits deutlich gewirkt!

  2. Vielen Dank für Ihre immer wieder interessanten Beiträge. Da wir gerade in der Gegend sind, wo befindet sich denn der im Artikel erwähnte Hafen von Sérignan? Nähe Valras?

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  1. Mein Frankreich: Franz Sommerfeld - Mein Frankreich

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