Die Renaissance von Béziers

Béziers: Cathédrale Saint-Nazaire. Foto: Atout France/Nathalie Baetens
Béziers: Cathédrale Saint-Nazaire. Foto: Atout France/Nathalie Baetens

„In der Innenstadt leben nur Zigeuner und Leute aus dem Maghreb!“ Seit vier Jahren kämpft der  Bürgermeister von Béziers gegen den schlechten Ruf der Stadt, in der bis heute fast die Hälfte der Wohnungen leer steht und viele lieber zum Shopping ins Polygone fahren, statt die Geschäfte im Herzen der antiken Stadt aufzusuchen.

Schade, denn Bürgermeister Robert Ménard hat einiges bewirkt. Er hat die Allée Paul-Riquet aufgeräumt, verboten, das Wäsche zum Trocknen aus dem Fenster gehängt wird, eine Krippe im Rathaus eingerichtet und vor den Markthallen kostenloses Parken eingeführt, um Kauflustige von den Supermärkten am Stadtrand wieder in die City zu holen.

Andere „Erfolge“ sehen seine Kritiker als „Entgleisungen“, als rassistische Äußerungen in einer Stadt, deren soziales Gefüge Sprengstoff bringt. Und fast jeden Tag für Schlagzeilen in der nationalen Presse.

Umstritten, aber erfolgreich

Menard, parteilos und einst als Journalist aktiv engagiert bei Reporter ohne Grenzen, hat es sichtlich schwer, als Stadtchef die positiven Veränderungen von Béziers zu vermarkten. Neben neuen Wohngebieten wie dem Quartier de la Courondelle, dem Ausbau des Quartier de l’Hours mit einer 30 Millionen Euro teuren Cité Juridicaire, gehobener Hotellerie und neuen Wohnungen für 2000 Menschen sieht Menards Plan für Béziers auch drei touristische Projekte vor.

Für elf Millionen Euro wird der Hafen von Sérignan ausgebaut und von 350 auf 1.200 Liegeplätze vergrößert. Ebenfalls geplant ist der Ausbau des Weintourismus mit Degustationen bei den wiederbelebten Jeudi de Béziers.

Die verbesserte touristische wie verkehrliche Infrastruktur an der Schleusentreppe von Fonséranes wurde bereits zur Saison 2017 b vollendet. Die Écluse de Fonséranes gehört mit neun Kammern, die jährlich mit 450.000 Besuchern im Jahr anziehen, gehört zu den Touristenmagneten des Départements Hérault.

Béziers: die Top-Sehenswürdigkeiten

Wein, Wizen und Oliven: Seit der Römerzeit waren dies die Säulen des Wohlstands in Béziers, dessen Stadtsilhouette sich malerisch 70 m hoch über dem Orb erhebt. Die Stadt gab sich im Mittelalter sehr frei und tolerant – bis zum schlimmsten Tag in Béziers Geschichte: Am 22. Juli 1209 wurde ein Großteil der Bevölkerung von Kreuzrittern massakriert, die gegen die „Ketzerei der Katharer“ ankämpften.

Den Stadthügel von Béziers dominiert die nach dem Massaker rekonstruierte Cathédrale St-Nazaire (13. – 15. Jh.). Den schönsten Blick auf die Stadt, den Orb mit der Pont Vieux (14.-16. Jh.), die Weingärten in der Ebene bietet der im 14. Jh. angelegte Jardin des Êveques (14. Jh.).

Ein schönes Beispiel für die romanische Kunst des Mittelmeerraumes ist die Église St-Jacques (907), die ehemalige Abtei des Augustinerordens. Geschäftige Hauptstraße der Stadt ist die Platanen geschmückte Allée Paul-Riquet, wo während der Féria bis spät nachts gefeiert wird.

Die Markthalle von Béziers in Feria-Stimmung. Foto: Hilke Maunder.

Im Süden endet die nach dem Erbauer des Canal du Midi benannte Prachtstraße am Plateau des Poètes, das die Gebrüder Bühler 1870 als englischen Landschaftspark anlegten – mit Skulpturen von Injalbert und mehr als 70 botanischen Raritäten.

Stierkämpfe und Opernabende wechseln sich von Arenen von Béziers ab, die 1897 eingeweiht wurden und heute zu den sieben wichtigsten Plätzen Frankreichs während der Feria Mitte August gehört – die ganze Stadt ist dann in Volksfeststimmung!

Spannende Museen

Das Musée des Beaux Arts residiert seit 1859 in zwei herrschaftlichen Stadtvillen. Das Hôtel Frabrégat (6, place de Revolution) präsentiert alte italienische, spanische und holländische Meister sowie eine Sammlung moderner Kunst, die Jean Moulin gehörte.

Im Hôtel Fayet (Rue du Capus) sind Gemälde und Skulpturen des 19. Jh.s. zu bewundern. In die Geschichte von Stadt und Region entführt das Musée du Biterrois (Caserne St-Jacques, Rampe du 96 ème).

Eine beeindruckende Sammlung von Vögeln, Insekten, Mineralien und Fossilien besitzt das Musée d’Histoire Naturelle (Caserne St-Jacques). Einblicke in die Kultur des Stierkampfes gewährt die Union Taurine Biterroise in ihrer Espace Taurin.

Meine Reisetipps: Béziers

Schlafen

Freundlich, hell und modern ist das Ambiente im zentral gelegenen **Hôtel des Poètes (80, allées Paul Riquet, Tel. 04 67 76 38 66, www.hoteldespoetes.net). Ein Idyll am Orb ist das 10 km nordwestlich von Béziers gelegene ***Château de Lignan (Place de l’Eglise, F – 34490 Lignan sur Orb, Tel. 04 67 37 91 47,  www.chateaulignan.fr).

Schlemmen

L’Octopus

Mitten im Herzen von Béziers verwöhnt euch Franck Radiu – berühmt wurde der innovative Koch durch die TV-Sendung Top Chef.
• 12, Rue Boïeldieu, Tel. 04 67 49 90 00, 34500 Béziers, http://octopus-beziers.fr

Pas comme les autres

Urgemütlich und trendy zugleich ist das Bistro Pas comme les autres von Romain Henry Niess, das seinem Namen vollends gerecht wird. Seine „cave a manger“, setzt nicht nur voll auf bio in Küche und Keller, sondern ist auch recht mutig bei der die Deko: Gespeist wird mit Einheimischem an einem Tresen, an dem als Deko Schweinsköpfe baumeln.
• 3, rue Porte Olivier/Place de la Madeleine, Tel. 04 67 48 53 05, www.pascommelesautres-beziers.com

L’Ambassade

Ein kulinarisches Kleinod  findet ihr auch gleich direkt gegenüber vom Bahnhof von Béziers: L’Ambassade von Patrick Olry. Unglaublich köstlich: das Tunfischfilet mit Quinoa, gewürzt mit den Kräutern der Garrigue. Die Pastilla d’Agneau, eine zarte Milchlammschulter. Und mein Lieblingsfisch: Seeteufel. Miam!
• 22, bd. de Verdun, Tel. 04 67 76 06 24, www.restaurant-lambassade.com

Béziers: die Brasserie du Palais bei der Kathedrale St-Nazaire. Foto: Hilke Maunder

Events

„Fête traditionelle de St-Aphrodise“ zu Ehren des Stadtpatrons (Apr.), „Balade de Riquet“-Laufevent am Kanal du Midi (Mai), Mittelalterfest „Les Caritats“ (Mai), Schleusenfest (Juni), okzitanisches Kulturfest „Festa d’Oc“ (Juli), Stierkampffest „Féria“ (Mitte Aug.), Stierkampftage (Okt.). Seit dem 16. Jahrhundert ist immer freitags Markttag.

In der Nähe

Das Oppidum von Ensérune, 8 km südwestl., wurde im 6. Jh. v. Chr. von Marseiller Griechen gegründet und wuchs unter den Galliern zu einer ansehnlichen Stadt, die vermutlich Hannibal im 3. Jh. n. Chr. zerstörte. Keramiken, Tongefäße, geschmiedete Gegenstände aus Eisen und Bronze zeigt das Museum.

Von der Hochfläche aus öffnet sich ein weiter Ausblick auf die Küste und den Canigou in den Pyrenäen. Richtung Béziers blickt ihr auf eine landschaftliche Besonderheit: den früheren Binnensee von Montady, 1247 von Mönchen trockengelegt – seine Felder bilden ein riesiges Kreisdiagramm.

Béziers: Blick vom Aussichtspunkt an der Kathedrale auf den Orb. Foto: Hilke Maunder

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4 Kommentare

  1. Mal wieder sieht man, was passiert, wenn man deinen Blog nicht vorher liest! Wir haben die Kathedrale und die Aussicht auf den Orb doch glatt verpasst, weil wir außen unten rum gegangen sind. Zudem nach dem Mittagessen, wo noch alles ruhte. Auffällig wie überall die unzähligen fantasievollen Kleinexistenzen, diese Bric à bracs, diese Unikattextilien, diese ganze Liebe zu einer eigenen Geschäftsidee. Das kenne ich nur aus Hamburg Ottensen, sonst hat das kein deutscher Ort, den ich kenne. Und wir erlebten eine sonnige Hochzeit vor dem Rathaus… Man sah noch Leerstände im Tal, ich finde die verwitterten Mauern ja schön, aber auch traurig. Oben rum hat die Standortpolitik bereits deutlich gewirkt!

  2. Vielen Dank für Ihre immer wieder interessanten Beiträge. Da wir gerade in der Gegend sind, wo befindet sich denn der im Artikel erwähnte Hafen von Sérignan? Nähe Valras?

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  1. Mein Frankreich: Franz Sommerfeld - Mein Frankreich

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