Die 7 Hügel von Paris: Butte-aux-Cailles

Rue Michal mit Sainte-Anne de la Butte-aux-Cailles. Foto: Hilke Maunder
Rue Michal mit der Kirche Sainte-Anne de la Butte-aux-Cailles. Foto: Hilke Maunder

Mit seinen Kopfsteinpflastergassen, seinem Art-Deco-Erbe, seinen charmanten Boutiquen, Cafés und Restaurants ist der nur 63 m hohe Butte-aux-Cailles ein Idyll im Hochhausdschungel des 13. Arrondissements.

Im neuen Millennium ist er zum gefragten Quartier der „Bourgeois Bohêmes“ aufgestiegen. Namensgeber des Butte war Pierre Caille, der 1540 die ersten Weinstöcke zwischen die  Windmühlen gepflanzt hatte, die das Korn der Bauern von Gentilly zu Mehl mahlten.

Mühlen & Montgolfières

Die Grenze zu Paris bildete die Mur des Fermiers Généraux, eine zum Schutz des Handels errichtete Stadtmauer. Das Wasser der Bièvre nutzten Gerbereien und Färbereien, die gute Thermik der Gegend der Physiker François Pilâtre de Rozie.

Gemeinsam mit dem Marquis de Arlandes absolvierte er am 21. Oktober 1783 die erste bemannte Fahrt im  Heißluftballon – und landete nach neun Kilometern mit seiner aus Tapete gefertigte Montgolfiere sicher auf dem Butte zwischen zwei Mühlen.

Die Freunde der Pariser Kommune erinnern in Butte-aux-Cailles an den Aufstand. Foto: Hilke Maunder

Zentrum der Pariser Kommune

1860 wurde La Butte-aux-Cailles von Napoleon administrativ Paris zugeschlagen, wo es sich zum Zentrum der Aufständischen der Pariser Kommune entwickelte. Die AssociationLes Amis de la Commune de Paris veranstaltet nicht nur Führungen, sondern hat auch ein Heft mit Chansons aus jenen unruhigen Tagen des Jahres 1871 herausgegeben .

Um Platz für den wachsenden Verkehr und dringend benötigten Wohnraum zu schaffen, wurde 1828 –  1910 die Bièvre untertunnelt. Auf ihrem Deckel erhielt das bis dahin kirchenlose Viertel eine kleine Schwester von Sacré-Cœur.

Der Jahrhunderte lange Kalkabbau hatte den Hügel jedoch so durchlöchert, dass er keine hohen Häuser mehr tragen konnte. So blieb der dörfliche Charakter bis heute erhalten.

Sainte-Anne de la Butte-aux-Cailles ragt über den Häusern auf. Foto: Hilke Maunder

Die Street Art des Butte-aux-Cailles

Ein Durchgang zwischen Hochhäusern und vorbei an einem kleinen Park führt von der Métrostation Corvisart zur Rue des Cinq Diamants, deren Namen an einen Juwelier erinnert, der sein Firmenschild mit Diamanten verziert hatte. Die Fassaden zahlreicher Häuser hat die Graffitikünstlerin Miss Tic mit Schablonenbildern verziert.
Miss Tic ist keine junge Alternative, sondern wurde bereits 1956 als Radhia de Ruiter in Montmartre am Boulevard Barbès geboren. Ihr Vater war ein Tunesier, ihre Mutter eine Bauerntochter aus der Normandie. „Unmöglich“ fanden die Pariser diese Mischehe. Und Radhia erlebte Rassismus in purer Form.

Auch, als ihre Eltern von der Butte de Montmartre auf die Butte-aux-Cailles gezogen waren. Das Viertel war damals wie Montmartre ein Melting Pot von Kleinbürgern, Handwerkern, Dichtern, Künstlern und Sexarbeitern. In den 1960er-Jahren zog die Familie nach Orly. Doch Miss Tic blieb in der Butte-aux-Cailles präsent, wo sie ab 1985 mit Stencils, die nur die Farben Rot und Schwarz kennen, die Hauswände schmückte. 

Ich bin Poetin. Ich verdichte den urbanen Raum

Quelle: Jorinde Reznikoff, KP Flügel: Bomb it, Miss.Tic*! Mit der Graffiti-Künstlerin in Paris. Edition Nautilus: Hamburg 2011.

Dach-Häuser mit Mini-Garten

Nur bei den „Portes Ouvertes“ im September lässt sich La Petite Russie besichtigen (22, rue Barrault) – ein findiger Taxiunternehmer hatte als Unterkunft für seine russischen Angestellten in den 1920-er Jahren diese kleinen Häuschen mit Mini-Garten auf dem Dach seiner Garagen angelegt.
Emigranten aus dem Elsass haben der Rue Daviel ihren Stempel aufgedrückt. Mit ihrem Fachwerk greift die von Jean Walter gestaltete Wohnanlage La Petit Alsace, die sich um einen grünen Innenhof gruppiert, typische Architekturmerkmale ihrer Heimat auf.

Bistros & Bars

Rue de la Butte aux Cailles ist der Gastro-Strip des Viertels, mit ehrlichen Restaurants wie Le Temps des Cérises (Nr. 18) und Trend-Tränken wie der Bar La Folie en Tête (Nr. 33), die erst weit nach Mitternacht schließt. Schmuckstück der Platanen bestandenen Place Verlaine ist ein artesischer Brunnen aus dem 19. Jahrhundert.
Sein Quellwasser aus 560 m Tiefe schmeckt nicht nur köstlich, sondern befüllt auch die beiden Becken des benachbarten Jugendstil-Schwimmbades (1893).
Die beiden Denkmäler erinnern an den Ballonfahrer François Pilâtre de Rozier und Jules Bobillot, der als Held der 3. Republik 1885 während des französisch-chinesischen Krieges in Hanoi verstarb.

Die Kirche der Chocolatiers

Wo sich die Rue Bobillot und die Rue Tolbia kreuzen, erhebt sich mit weißen neobyzantischer Fassade die Église Ste-Anne-de-la-Butte-aux-Cailles (1894 – 1912), deren Fundament auf 71 Säulen ruht. Ihre beiden Türme – Jules et Honorine ­– erinnern mit ihren Namen an das Madame und Monsieur Lombard.

Die bekannten Chocolatiers ermöglichten mit ihrer großzügigen Spende erst die Vollendung des Kirchenbaus samt Portal und Türmen. Die Westseite heißt seitdem im Volksmund Façade Chocolat.

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Ein Dorf, eingerahmt von den Hochhäusern des 13. Arrondissements: La Butte-aux-Cailes. Werden Schuhe auf der Leine aufgehängt, heißt es für Insider: Hier werden Drogen verkauft. Foto: Hilke Maunder

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