Cluny: die maßlose Maior Ecclesia

Cluny. Foto: Hilke Maunder
Die Abtei von Cluny. Foto: Hilke Maunder

Ein weites Tal mit Wiesen und Weiden, flankiert von sanften Höhenzügen, die Wälder bedecken. Niedrige Hecken trennen die Felder, Dornensträucher und Reihen von alten Kopfweiden.

Mitten hindurch plätschert ein kleines Gewässer, das parallel mit der Saône nach Norden fließt und kurz vor Chalon in dieselbe mündet: die Grosne.

Im Winter überschwemmt die Grosne die umliegenden Weiden. Foto: Hilke Maunder

Wie so oft im Winter, ist sie auch in diesem Jahr über die Ufer getreten und hat das stille Tal in eine amphibische Landschaft verwandelt, in deren Fluten sich Land und Himmel spiegeln.

Dann ragt plötzlich ein mächtiger Vierungsturm auf. Dahinter kommt ein  kleinerer, zweiter Turm über dem Südteil des 33 m hohen Hauptquerschiffes in den Blick.

Foto: Hilke Maunder

Ein Torbogen überwölbt als Rest des einstigen Hauptportals die Straße, Säulenstümpfe säumen einen weiten Platz. Viel mehr ist nicht von der Kirche der Abtei von Cluny erhalten, die einst die größte christliche Kirche war.

910 n. Chr. hat sie Wilhelm I., Herzog von Aquitanien und Graf von Mâcon gegründet. Die anfangs bescheidene Klosterkirche Cluny I. übertraf Cluny II. 1088 begann der Bau von Cluny III.

Eine Maior Ecclesia (lat.: “größte Kirche”) wollte der Geistliche Hugues de Semur (1049-1109) Gott zu Ehren schaffen, etwas absolut Einmaliges. Cluny III. geriet zu einem Gotteshaus der Superlative, maßlos, überdimensioniert. Der Bau sprengte alles Vorstellbare jener Zeit.

Foto: Hilke Maunder

Größte Kirche der Christen

187 m war die Kirche einst lang. Sie war damit 40 m länger als der Kölner Dom und größer als zwei Fußballfelder. Kein Standard, sondern Superlative, war die Maßgabe aller Architektur für Cluny III.

Sie hatte vier Seitenschiffe, zwei Querschiffe und einen doppelgeschossigen Chor. Sein Säulenumgang war ebenfalls in XXL angelegt worden, um Platz für die Prozessionen zu schaffen.

Foto: Hilke Maunder

In sich anschließenden halbrunden Kapellen wurden einst die Reliquien aufbewahrt und zur Schau gestellt. Fünf Türme ragten einst in den Himmel.

Bis zum Bau des Petersdoms in Rom war die Abteikirche von Cluny das größte Gotteshaus der Christenheit. Auch das Kloster, das 910 mit nur zwölf Mönchen startete, wuchs zu einem Kloster heran mit europaweiter Strahlkraft.

1.200 Klöster mit mehr als 20.000 Mönchen zählte zu seiner Blüte der Verband der Cluniazenser. Auch im Schwarzwald hatte er einen Ableger – in Hirsau.

Foto: Hilke Maunder

200 Psalme am Tag

Clunys Erfolg liegt in der Gründungsurkunde. Anders als bei anderen Klostergründungen, verzichtete Wilhelm auf Einfluss und Kontrolle.

Cluny war direkt dem Papst unterstellt und weitgehend eigenständig. Ihr Abt wurde, ebenfalls anders als sonst, nicht vom König bestellt, sondern von den Mönchen gewählt.

Sie widmeten sich besonders zwei Dingen: der Liturgie und der Wissenschaft. Hatte Benedikt nur gefordert, 37 Psalme täglich zu beten, erhöhten sie das Soll auf 200 Psalme, Tag für Tag.

Foto: Hilke Maunder

Sie erforschten die Antike, übersetzten den Koran ins Lateinische, und vergaßen beim Studieren und Beten im Laufe der Zeit Handwerk und Landwirtschaft. Drei Jahrhunderte später wurde Cluny dem König unterstellt.

Cluny. Foto: Hilke Maunder

Der langsame Niedergang endete im großen Zerfall. Während der Französischen Revolution säkularisiert, verkam Cluny zum Steinbruch. Später legte man – mitten durch die Kirche – eine Allee an, auf der im 19. Jahrhundert der Markt von Cluny stattfand.

Foto: Hilke Maunder

Nur zehn Prozent der Substanz konnte gerettet werden. 17 Millionen Euro investierte die EU mit seinem Europäische Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) in die Restaurierung zum 1100-jährigen Bestehen der Abtei im Burgund 2010.

Foto: Hilke Maunder

Die digitale Wiedergeburt von Cluny

Wer Cluny heute besucht, wandert zwischen Ruinen. Wie grandios die Maior Ecclesia tatsächlich war, könnt ihr im kleinen Kinosaal erleben. Bogen um Bogen wächst Cluny Kirche um Kirche auf der Leinband zum Superbau heran.

Foto: Hilke Maunder

Sanftes Licht fällt durch die Fenster. Bis unter das Dach nimmt euch die virtuelle Filmreise mit, die der Informatiker Christian Père als “Gunzo-Projekt” für das Jubiläum schuf. Seine virtuelle Filmreise lässt viel besser als die Modelle ahnen, wie atemberaubend Cluny gewesen sein muss.

Foto: Hilke Maunder

Neben dem Weihwasserturm mit seinem Steindach treffe ich auf Kunst. Anne Poivilliers hat in der Kapelle Saint-Martial ihre Installation  “For, Fari, Fatum” aufgehängt, Erinnerungsmomente, federleicht, verwirbelt, quer durch Zeit und Raum.

Je nach Blickwinkel eine andere Wahrnehmung, eine andere Erinnerung, ein anderer Eindruck, ein neuer Gedanke. Ein großartiges Werk!

Foto: Hilke Maunder

Den Kreuzgang hinab, wie ein Quadrat langer Hallen mit Türen in Pastell und gelb-weiß gestrichenen Bögen.

Hinter einem Vorhang verbirgt sich ein zweites Werk aktueller Kunst: die Panoramique polyphonique. Das klingende Panorama als Bildteppich schuf Cécile Le Talec in Frankreichs Hochburg der Bildweberei: Aubusson.

Die Opferung des Isaak. Foto: Hilke Maunder

Rösser auf heiligem Grund

Richtung Fluss folgt auf den Kreuzgang ein riesiger Innenhof, in dem sich seit dem 12. Jahrhundert der Getreidespeicher erhebt. Seine Holzdecke ist unglaublich beeindruckend. Ausgestellt sind dort einige der Kapitelle, die gerettet werden konnten.

Foto: Hilke Maunder

Zurück im Freien, atmet einmal tief ein. Es riecht intensiv nach Pferd! Mitten auf dem heiligen Boden der Kirche ließ Napoleon 1806/7 Teile der Abtei abreißen und ein Nationalgestüt anlegen. Seine Aufgabe: den Nachschub an Ross und Reiter für seine Artillerie sicherzustellen.

Der Haras du Cluny ist bis heute ein Staatsgestüt. Von Ostern bis Oktober gibt es regelmäßig Führungen und  Pferdevorführungen mit Vollblütern, Kaltblütern und Ponys.

Foto: Hilke Maunder

Ausguck der Abtei: der Käseturm

Einst ebenfalls zur Abtei gehörte die Tour des Fromages, deren unterer Teil noch aus dem 11. Jahrhundert stammt. Bei den Bombenangriffen von 1944 stark zerstört, wurde er wieder aufgebaut.

Der Blick auf die Abtei von der Tour des Fromages. Foto: Hilke Maunder

Das Office de Tourisme zog ein und verwandelte den alten Wehrturm in Büros, kleine Galerie und Aussichtspunkt.

Steigt die 120 Stufen hinauf und erlebt durch ein zwar sicheres, aber fotounfreundliches, grobes Metallgitter (schade) einen Panomarablick auf die Abtei, die Stadt und das Tal der Grosne.

Cluny. Blick von der Tour de Fromager. Foto: Hilke Maunder

Cluny: meine Reisetipps

Abtei

Im Eintrittspreis für die Abtei ist der Besuch des Musée d’Art et d’Archéologie im Palais Jean de Bourbon eingeschlossen.

App

Auf einem familientauglichen, spielerischen Parcours lädt die kostenfreie App von Cluny euch ein, die Abtei ganz unterhaltsam zu entdecken, einschließlich einiger sonst nicht für die Besichtigung freigegebener Bereiche wie Glocken- und Mühlenturm.

Geocaching

Bei der digitalen Schatzsuche müsst ihr Rätsel lösen und so euren Status verbessern. Bei jeder Aufgabe lernt ihr das Klosterleben und dessen Abläufe sowie die Geschichte der Abtei kennen

Schlemmen

Brasserie du Nord

Einen Paradeblick auf die Abtei habt ihr von der gemütlichen Brasserie, die auf der Terrasse Getränke und kleine Snacks serviert, im Restaurant im ersten Stock Klassiker der Burgunderküche wie bœuf bourguignon.
• Place de l’Abbaye, Tel. 03 85 59 09 96, www.facebook.com

Foto: Hilke Maunder

Schlafen

Hôtel de Bourgogne

Auf heiligem Grund wurde 1817 schräg gegenüber vom heutigen Eingang zum Komplex das Hôtel de Bourgogne erbaut. Heute bietet es 13  grundsolide, schlichte Zimmer und drei Ferienwohnungen, ein gutes Frühstück, einen schönen Garten und herrliche Ruhe.
• 1, Rue Porte des Prés, 71250 Cluny, Tel. 03 85 59 00 58, http://hotel-cluny.com

Le Clos de l’Abbaye

Als erstes ziviles Gebäude wurde dieses Stadthaus auf dem Gelände der Abtei erbaut, das heute als Chambre d’Hôtes drei geräumige Doppelzimmer, ein Familienzimmer und eine Suite birgt.
• 6, Place du Marché, 71250 Cluny, mobil 06 25 45 30 95, www.closdelabbaye.fr

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Foto: Hilke Maunder

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Das ganze Land

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4 Kommentare

  1. Das ist ein interessanter Blog, den ich hier gerade entdeckt habe. Chapeau! Und Burgund ist eine wunderschöne Gegend. Vor allem von Deutschen häufig unterschätzt. Gerade das Clunisois und das Charolais sind ganz zauberhafte Regionen abseits der große Touristenströme. Wir erleben dort seit Jahren La France Profonde im besten Sinne. Ein schönes Buch, das die Leser quer durch Frankreich führt hat Sylvain Tesson geschrieben. Es heißt „Auf versunkenen Wegen“ und wir haben es letztes in unserem Blog besprochen: https://t1p.de/tnuw
    Herzliche Grüße aus Tübingen

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