Menhire & Torre – die Magie von Filitosa

Filitosa. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Stellt euch ein weites Tal vor, einen alten Olivenhain mit einer großen Wiese im Herzen, umschlossen von den ersten Bergen. Dann wendet euren Blick gen Westen. Silbrig funkelt das Meer. Ein paar Boote tanzen auf den Wellen.

Ihr habt das Empfangsgebäude durchschritten, seid vorbei an einem kleinen Garten einen schattigen Weg entlang gegangen… und dann:

Foto: Hilke Maunder

Eindringlich blickt euch dieses Gesicht an. Es verzieht keine Miene, ist kaum zu erkennen. Eine Maske aus Stein, mehr als 4.000 Jahre alt. Auf einer Granitsäule begrüßt sie euch in Filitosa. Das Minidorf im unteren Taravo-Tal ist Korsikas Hauptstadt der Prähistorie.

Megalither & Torreaner: kein friedliches Miteinander

Das Erbe der Torreaner. Foto: Hilke Maunder

Nur auf dem Cauria-Plateau, ebenfalls im Sartenais gelegen, gibt es ähnlich bedeutende Zeugnisse der Megalithkultur. Filitosa jedoch erzählt von einem Kultur-Clash der Vorzeit: korsische Megalither treffen auf eindringende Torreaner. Und unterliegen. Die Kolonialisierung der Insel – bereits vor 5000 Jahren verlief sie nicht friedlich.

Menhire & Torre

Von den Torreanern erbaut. Foto: Hilke Maunder

Entdeckt wurde Filitosa 1946 von Charles-Antoine Cesari. Beim Beackern seines Geländes hatte der Korse vier Menhirstatuen freigelegt, die mit dem Gesicht nach unten im Erdreich versteckt gewesen waren.

Roger Grosjean, Leiter des „Centre de Préhistoire Corse“, ließ  ab 1954 das Gelände systematisch untersuchent.

Ein Torre der Torreaner. Foto: Hilke Maunder

Mit seinem Team legte Grosjean auch Monumente der Torreaner frei. Sie waren um 2000 v. Chr. nach Korsika eingedrungen. Torre (Rundbauten), überdachte Gänge, Kammern, Brunnen und andere Zeugnisse hinterließen sie auf der Insel.

Nach Grosjeans Tod 1975 setzte das Museum von Sartène ab 1977 die Ausgrabungen fort.

Torreaner-Zeugnisse. Foto: Hilke Maunder

Zeitreise ganz multimedial

Bis heute ist die archäologische Stätte im Besitz der Familie Cesari. Bis heute widmet sie sich engagiert der  Erforschung der korsischen Frühgeschichte. Audiokommentare und Musik inszenieren die Monumente.

Lebendig und interaktiv erzählt auch ein 2017 eröffnetes Museum die Geschichte von Filotosa.

Auch Tafoni seht ihr in Filitosa. Foto. Hilke Maunder

Was könnt ihr in Filiosa sehen und erleben?

In der archäologischen Ausgrabungsstätte  wurde ein Rundgang angelegt, für den ihr mindestens zwei Stunden Zeit nehmen solltet. Er führt von der rund 2,5 m hohen Menhirstatue Filitosa V mit Schwert und Dolch zu Tafoni.

Die ausgehöhlten Granitfelsen mit Felsdach dienten in der Vorzeit als „abris“. Sprich, sie wurden als natürlicher Schutz- und Wohnstätte genutzt.

Das Ausgrabungsgelände von Filitosa mit einigen Tafoni. Foto: Hilke Maunder

Was geschah in der Cella?

Wenige Schritte weitere sind Fundamente aus der Bronzezeit erhalten. Nur sehr wenig wissen die Archäologen über das zentrale Kultmonument. Da im Innenraum der Cella Feuerspuren gefunden wurden, gehen sie davon aus, dass dort vermutlich Opfer- und Bestattungsrituale stattgefunden haben.

Auf dem Monument erheben sich die Überreste von sechs weiteren Menhirstatuen. Sie sind die eigentlichen Highlights!

Eingang zur Cella. Foto: Hilke Maunder

Rätselhaft und mystisch

Der Ort hat bis heute eine mythische Aura. Olivenbäume spenden Schatten. Ihr Blätterdach filtert die Sonnenstrahlen, die auf dem Granit tanzen. Hier und da haben Flechten den Fels überzogen.

Das Westmonument gleich einem Labyrinth aus Gängen und Kammern, behauenen Steinen und Fels, der mit in den Bau integriert wurden. Wilde Alpenveilchen blühen in Felsnischen, Kinder und Erwachsene klettern über die Steine.

Wilde Alpenveilchen. Foto: Hilke Maunder

Der Ring der Olive

Ein schmaler Fußweg führt den Hügel hinab, überquert den Barcajolo-Bach und leitet zu einem uralten Olivenbaum, den ein Ring der ersten Menhirstatuen, die in Filitosa gefunden wurden. Anfangs deuteten ihre Künstler nur die Umrisse von Schultern, Hals und Kopf an.

Später dominierte ein schematisches Antlitz mit Augen, Nase, Mund und Kinn. Ursprünglich waren die Menhirstatuen vermutlich auch nicht nackter Stein, sondern mit Hämatit rot bemalt.

Auch als Baumveteran eindrucksvoll: der Ölbaum. Foto: Hilke Maunder

Der unbewegliche Dinosaurier

Dahinter ragt aus einem Felschaos „le dinosaure“ empor. Mit etwas Fantasie kann man tatsächlich dieses Urvieh im bizarr erodierten Fels, erkennen.

Der Rundgang endet am Museum. Wer mehr über Filitosa erfahren will, sollte sich am Ticketschalter den kleinen Führer zur Ausgrabungsstätte holen, den es auch in deutscher Übersetzung gibt.

Der Dinosaurier von Filitosa. Foto: Hilke Maunder

Mittags am eindrucksvollsten!

Nach dem Besuch der Anlage könnt ihr euch in einer Café-Bar stärken, die sich direkt neben dem Ausgang befindet. Beste Besuchszeit ist mittags. Dann könnt ihr die in den Stein gemeißelten Strukturen – Gesichter und Waffen – dank der hoch stehenden Sonne am besten erkennen.

Foto: Hilke Maunder

Filitosa: meine Reisetipps

Hinkommen

Die Ausgrabungsstätte liegt an der D57. Am besten erreicht ihr sie von Propriano aus. Von dort startet Philippe von Taxi Tours zu individuellen Ausflügen nach Filitosa.

Schlemmen

Le Frère

Küchenchef Henri Abbatucci serviert nur, was seine Brüder liefern. Bauer Jacques Abbatucci lässt seine Rinder halbwild in der Macchia weiden (http://vachetigre.com); gleich neben dem Restaurant gedeihen die köstlichen Bioweine der Domaine Comte Abbatucci.
• Domaine Kiesale, Pont de Calzola (zwischen Pila Canale und Sollacaro), 20140 Casalabriva, Tel. 04 95 24 36 30, www.restaurantlefrere.fr

Lust auf noch mehr Vorzeit?

Site Archéologique de Cauria

Drei frei zugängliche Stätten auf dem Plateau südlich von Sartène mit den Alignements de Renaju und de Stantari und dem Dolmen von Fontanaccia.

Palaggiu

258 Menhire

Castello de Cucuruzzu und Capula

Ehemaligen Torreanersied lungen in der Nähe von Levie

Musée départemental de l’Alta Rocca

Regionalmuseum in Levie mit großer vorgeschichtlicher Sammlung

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Zum Einstieg: Gebrauchsanweisung für Korsika*

Gebrauchsanweisung für Korsika33 Sommer hatte Jenny Hoch auf der Insel verbracht. Doch erst, seitdem sie quasi lebt, wird sie langsam von den Einheimischen ins Herz geschlossen und integriert, erzählt die Journalistin und Buchautorin, die heute mit ihrer Familie die Tradition ihrer Eltern fortsetzt. Seit sie vier Jahre alt war, sei sie jedes Jahr auf Korsika gewesen, als Kind, als Teenager, als Erwachsene. Immer am selben Ort, immer glücklich, gerade dort zu sein. „Ich weiß, wo am Strand der Rutschfelsen ist, wie die Wellen sich brechen”, erzählte sich bei einer Lesung im Feriendorf zum Störrischen Esel.

Ihre  persönlichen Erfahrungen machen den Reiz dieses Bandes der insgesamt sehr zu empfehlenden  Taschenbuchreihe im Piper-Verlag aus. Jenny Hoch hat sie hintergründig wie humorvoll zu Papier gebracht. Dazu noch ein paar Daten und Fakten: ein perfekter Einstieg, um sich mit der Insel zu beschäftigen. Besser kann keine Reiseplanung beginnen! Wer mag, kann das Werk hier* online bestellen.

Zum Träumen: Das Haus auf Korsika*

Mit wenig Geld und Aufwand hat Pierre Duculot 2011 einen meiner Lieblingsfilme gedreht, die Geschichte eines Ausbruchs, Sich-Finden, die Rückkehr zu den Wurzeln. Und eine Geschichte des Mutes. Ausgelöst durch die Erbschaft eines Hauses, das Christina erbt.

Die Hauptfigur, fast 30, lebt seit zehn Jahren mit ihrem Freund zusammen, jobbt in der Pizzeria ihres Schwiegervaters, überlebt im belgischen Charleroi. Ein eigenes Leben nach ihren Vorstellungen? Das ist ein Luxus, den sie sich nicht leisten kann. Und mit der Erbschaft doch wagt. Sie macht auf den Weg in den Süden. Und verliebt sich – in die geerbte Bruchbude, die Insel, einen neuen Mann. Wer mag, kann den Film hier* online bestellen.

Reiseführer für Entdecker: Korsika*

Korsika-ReiseführerDer freie Reisejournalist Marcus X. Schmid hat für alle, die gerne auf eigene Faust unterwegs sind, den besten Reisebegleiter verfasst: sachlich, mit viel Hintergrund, Insiderwissen und Tipps, und doch mitunter sehr unterhaltsam und humorvoll. Ich kann seinen Führer aus ganzem Herzen empfehlen – er hat mich auf allen Erkunden nie im Stich gelassen und mir oft schöne, neue, unbekannte und überraschende Ecken gezeigt.

Der gebürtige Schweizer, Jahrgang 1950, hat in Basel, Erlangen und im damaligen Westberlin Germanistik, Komparatistik und Politologie studiert und lebt heute als Autor und Übersetzer in der französischsprachigen Schweiz. Ebenfalls im Michael-Müller-Verlag sind von Schmid die Reiseführer „Bretagne“ und „Südfrankreich“ erschienen sowie Führer zu italienischen Destinationen. Wer mag, kann den Reiseführer hier* online bestellen.

Baedeker Korsika

Reiseführer für besondere Momente: Baedeker „Korsika“*

Mit blau lackierten Fingernägeln ordnet Madame auf dem Markt von Bastia in einem Bastkorb längliche Stangen. „Boutargues“, verrät das Schild.

„Das ist echter korsischer Kaviar. Nur noch wenige Fischer entnehmen den Meeräschen den Rogen. Mein Mann ist einer davon.“ Die Rarität hat ihren Preis: 150 Euro das Kilo.

Der Nachbar-Händler sieht das erstaunte Gesicht und hält ein Holzbrett hin: „Goutez!“ Lasst euch mit meinem Baedeker Korsika* an Orten wie diesen (ver)führen. Genussmomente und besondere Erlebnisse: Sie machen den Band  besonders. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

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4 Kommentare

  1. Wer tiefer in die Geheimnisse Korsikas eindringen möchte und gut Englisch spricht sollte unbedingt das Buch „Granite Island: A Portrait of Corsica“ lesen. Dorothy Carrington, die Ende Januar 2002 in Ajaccio verstarb, veröffentlichte es 1971 erstmalig. Es gibt eine Neuauflage von 2008. Der Verlag sagt über das Buch: ‚Get away from here before you’re completely bewitched and enslaved…‘ Dorothy Carrington was told, while sitting in a fisherman’s cafe at the magically quiet midday hour. But enslaved she was. „Granite Island“, much more than a travel book, grew out of years spent in Corsica and is an incomparably vivid and delightful portrait. For the first time Corsica is brought to light as a vital element in Europe: a highly individualistic island culture whose people have nurtured their love of freedom and political justice, as well as their pride, hospitality and poetry.

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