Von der Gründerzeit geprägt: die Fassaden von Goutte d'Or. Foto: Hilke Maunder
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Paris: Weltreise in La Goutte d’Or

Was für eine Karriere für La Goutte d’Or! Von der Bronx zum In-Viertel ist der Osten der Butte de Montmartre aufgestiegen. 2009 noch von der Politik als „dreckig und laut“ kritisiert, ist Goutte d’Or trotz aller Kontraste heute ein quartier branché – mit angesagten Bars, Lokalen, Boutiquen und rasant explodierenden Immobilienpreisen.

Wo einst die Weißweinreben des „Goldtropfen“ rankten, die dem Viertel seinen Namen gaben, entstand nach dem Verlust der Kolonien Frankreichs bekanntestes Multi-Kulti-Quartier.

Die moderne Stadtteilbibliothek von Goutte d'Or. Foto: Hilke Maunder
Die moderne Stadtteilbibliothek von Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder

Begegnung mit Monsieur Chat

Beim Bummeln im Viertel werdet ihr hier und da auf eine breit grinsende gelbe Katze stoßen. Der Graffitikünstler Thoma Vuille hinterließ sie hier auf den Fassaden. Ursprünglich erfand der gebürtige Schweizer seinen Monsieur Chat für die Straßen von Orléans.

Doch heute ist er längst auch in Paris daheim, versprüht mit seinem Lächeln Optimismus und propagiert die Nähe der Kulturen. Das zeigt besonders sein Wandbild an der Ecke Rue Polonceau/Rue Richomme, wo Frankreichs Marianne Migranten aller Hautfarben an ihren Busen drückt.

Vor seiner Entdeckung durch die Bobos, die Bourgeois Bohèmes, war es das Ghetto der Schwarzen, Auffangbecken für Ausgestoßene, Arbeitsplatz von Dirnen und Taschendieben.

2015 eröffnete die erste Kooperative des Viertels in Goutte d'Or. Einkaufen kann nur, wer Mitglied ist. Foto: Hilke Maunder
2015 eröffnete die erste Kooperative des Viertels in Goutte d’Or. Einkaufen kann nur, wer Mitglied ist. Foto: Hilke Maunder

Der Mime von La Goutte d’Or

1951 wurde hier Fabrice Luchini geboren, heute einer der bekanntesten französischen Schauspieler. Seine Eltern, ein tunesisch-italienisches Einwandererpaar, betrieben dort einen Gemüseladen.

Mit 13 Jahren musste auch Fabrice Geld verdienen, arbeitete in einem Friseursalon – und änderte auf Wunsch seines Chefs den Vornamen von Robert auf Fabrice um. Heute gehört er zu den bekanntesten Schauspielern Frankreichs.

Goutte d'Or: Einkaufsladen der Kooperative. Foto: Hilke
Möglichst lokal und fair gehandelt: der Laden der Einkaufskooperative von Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder

Aristide Bruant verewigte das Viertel in seinem Chanson À la goutt’ d’Or. François Béranger  interpretierte es 1970 auf seiner LP Tranche de Vie, und auch Georges Brassens sang das Lied. Für alle, die mitsingen wollen, gibt es hier den Text:

À la Goutte d’Or

En ce temps-là dans chaque famille
On blanchissait de mère en fille
Maintenant on blanchit encor
A la Goutt‘ d’Or

Elle était encor‘ demoiselle,
Grand-Maman, la belle Isabelle
Quand elle épousa l’grand Nestor,
A la Goutt‘ d’Or

Et maman Pauline était sage
Le jour qu’elle se mit en ménage
Avec papa le p’tit Victor
A la Goutt‘ d’Or

A cette époque-là toutes les fillettes
Les goss’lines, les gigolettes
S’mariaient avec leur trésor
A la Goutt‘ d’Or

A’s s’contentaient l’jour de leur noce
D’un‘ petit‘ toilett‘ pas féroce
Et d’un‘ jeannette en similor
A la Goutt‘ d’Or

Leur fallait pas un mari pâle
Mais un garçon d’lavoir… un mâle…
Bien râblé… même un peu butor
A la Goutt‘ d’Or

Aujourd’hui faut à ces d’moiselles
Des machins avec des dentelles
Et des vrais bijoux en vrai or
A la Goutt‘ d’Or

Leur faut des jeunes hommes en casquettes
Des rouquins qu’ont des rouflaquettes
Collés sur un‘ tête d’hareng saur
A la Goutt‘ d’Or

Et v’là pourquoi toutes les fillettes
Les goss’lines, les gigolettes
S’marient pus avec leur trésor
A la Goutt‘ d’Or

Street Art am Islamischen Zentrum von Goutte d'Or. Foto: Hilke Maunder
Street-Art am Islamischen Zentrum von Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder

Motiv für Magnum-Fotografen

2010 schickte das in Goutte d’Or ansässige Institut des Cultures d’Islam (ICI) den britischen Magnum-Fotografen Martin Parr auf Spurensuche durch das muslimisch geprägte Quartier.

Die von ihm eingefangenen Alltagsszenen sind die schönste Hommage an das Viertel. Das Zentrum der Islamkulturen versteht sich als kultureller Vermittler und Brücke zwischen den Kulturen und Religionen. Zum Angebot gehören neben Ausstellungen, Musik und Film  auch Führungen durch das Viertel.

Goutte d'Or: eine Institution seit mehr als 30 Jahren. Foto: Hilke Maunder
Eine Institution seit mehr als 30 Jahren. Foto: Hilke Maunder

Zahlreiche seiner Portraits von Goutte d’Or schoss Parr am Boulevard Rochechouart. Goldbestickte Kaftans, Seidentücher, Wühltische, Taschen und Talmi: Der Straßenzug im Schatten der hier überirdisch verlaufenden Métro ist ein Mekka für preiswerte Mode aus aller Welt.

Ende einer Ära

Berühmtester Textilhändler war Tati. Das 1848 von von Jules Ouaki eröffnete Kaufhaus rühmte sich der niedrigsten Preise von Paris. Am 3. September 2003 endete eine Ära. An jenem Freitg stellte die Pariser Stadtverwaltung ein Projekt vor, dass das historische Tati-Geschäft in Barbès ersetzen wird. Die Immobiliengruppe Immobel France investiert dort in Wohnungen, Büros und Geschäfte.

8.000 Quadratmeter werden saniert. Geplant ist, dabei  die Identität des Standorts zu bewahren. So wenig wie möglich soll daher abgerissen werden. Hinter der Fassaade im Haussmann-Stil sollen 2.400 Quadrameter Wohnungen, darunter rund ein Drittel Sozial- und Familienwohnungen, 1.222 Quadratmeter im Erdgeschoss, sowie Büros, ein Hotel und ein Kulturraum an der Ecke der Boulevards Barbès und Rochechouart entstehen.

Tati steckte seit vielen Jahren in finanziellen Schwierigkeite. 2017 übernahm es der Eigentümer von Gifi, die GPG-Gruppe. 2020 kündete der Konzern mangels Kunden die Schließung des berühmten Barbès-Kaufhauses an.

Der Straßenmarkt von Goutte d'Or. Foto: Hilke Maunder
Der Straßenmarkt von Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder

Wie auf dem Souk

Unter der Hochbahn drängen sich die Marktschreier aus dem Maghreb. Sie verwandeln den einst als Diebesmarkt verrufenen Marché Barbès mit ihren Warenbergen und lautem Gefeilsche in einen afrikanischen Souk mitten in Paris.

Émile Zola machte das Goutte-d’Or-Viertel zum Schauplatz seines Romans L’Assommoir (1877, Der Totschläger*). In der Milieustudie zeigt Zola, welche Auswirkungen Alkohol auf das Leben der Wäscherin Gervaise Macquart und ihrer Familie hat.

Goutte d'Or: Ein Marktschreier vom Barbès-Markt. Foto: Hilke Maunder
Ein Markt wie im Maghreb: Barbès. Foto: Hilke Maunder

Gentrifizierung auf dem Vormarsch

Trendige Bars, angesagte Restaurants, Craft-Bier-Brauer und Bioläden: Auch in La Goutte d’Or ist die Gentrifizierung heute deutlich sichtbar. Das soziale Engagement muss dabei nicht auf der Strecke bleiben, beweist Sakina M’sa.

Die junge Modemacherin von den Komoren gründete zu Beginn ihrer Karriere ein solidarisches Modeprojekt, an dem vor allem Frauen mit Migrationshintergrund teilnehmen.

Für ihre sozial wie nachhaltig hergestellte Mode erhielt sie viele Preise, darunter den Grand Prix de la Création de la Ville de Paris, den Grand Prix de la Biennale du Design de Saint-Etienne und den Preis der Kering-Stiftung für die Würde und das Recht der Frauen.

Die Gentrifizierung macht auch vor Goutte d'Or nicht halt, zeigt dieses stylische Second-Hand-Geschäft. Foto: Hilke Maunder
Die Gentrifizierung macht auch vor Goutte d’Or nicht halt, zeigt dieses stylische Second-Hand-Geschäft. Foto: Hilke Maunder

Für die Vermarktung von ethischer Mode made in Frankreich  gründete sie 2015 den Multimarken-Shop Front de mode. 50 Designer verbinden dort ihre Kreationen mit mindestens einer der drei Säulen der nachhaltigen Entwicklung: soziale Produktion, umweltfreundliche Materialien sowie gesellschaftliche und kulturelle Projekte.

Mit ihrer mutigen wie femininen Mode begeistert Sakina M’sa auch zahlreiche Prominente. Die französische Schauspielerin Ludivine Sagnier ist Stammkundin – und auch US-Fotomodell Eva Mendes ein Fan ihrer Mode.

Das Schaufenster von La Goutte d’Or

Als „Echo“ des Viertels versteht sich seit 1992 das  Echomusée de la Goutte d’Or. Die von einem Verein betriebene Galerie vereint Künstlerateliers, Ausstellungs-, Proben- und Aufführungsräume für bildende Künstler und Musiker etc. Jérôme Ménager, Denis Lavant, Fantazio, Monsieur Chat, Misstic, Popay und Hunderte anderer Künstler haben sich hier schon die Klinke in die Hand gegeben.

Das Echomusée ist ein offener Ort, Schaufenster der Kunst auf das Leben des Viertels und des Lebens auf die Kunst.  Dass er Jahr für Jahr weiterbesteht, ist dem Engagement der vielen freiwilligen Helfer, Einwohner und Künstler zu verdanken. Gemeinsam sorgen sie dafür, dass dieser Raum der vielen Möglichkeiten in diesem Weltviertel weiterlebt.

Neon, eines der neuen trendigen Cafés von Goutte d'Or. Foto: Hilke Maunder
Neon, eines der trendigen Cafés von Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder

In & um La Goutte d’Or: angesagte Adressen

Shopping

L’Orée des Fleurs

Seit einem Vierteljahrhundert schmückt Xavier Mazzucco die Bürgersteige der Rue du Poteau mit seinen Kübeln voller Blumen und Pflanzen – je nach Saison Sonnenblumen, Rosen oder Aronstab.
• 9, rue du Poteau, Tel. 01 42 64 24 24,  www.facebook.com/Loreedesfleurs.Fleuriste

Mademoiselle Fred

Hinter ihrer bonbonfarbenen Ladenfront präsentiert Frédérique Serfati ihre persönlichen Favoriten – oft ausgefallen! – für den Kleiderschrank oder euer Zuhause: handgemalte Vasen, Seide aus Bangkok, Obekto-Leuchten, Lederwaren, Waschtuchtaschen. Einfach mal stöbern!
• 112, rue Marcaret, Tel. 01 42 51 77 79, www.facebook.com/mademoisellefredparis

Craft Bier aus Goutte d'Or. Foto. Hilke Maunder
Craft Bier aus Goutte d’Or. Foto. Hilke Maunder

Schlemmen & genießen

Sunset

David und Sherin begrüßen euch ab 8 Uhr morgens am Zinktresen ihrer Bar – oder auf der Terrasse, wo sie ein hausgemachtes Frühstück servieren. Abends freut euch auf tolle Cocktails!
• 100, rue Ordener, Tel. 01 71 28 99 33, www.sunset-paris.com

La Table d’Eugène

Hühner-Ravioli mit Foie Gras und Morillen-Espuma, Tartar von der Dorade mit Ponzu und Schoko-Desserts mit Tonkabohnen: Seit 2015 ziert ein Michelinstern diesen Schlemmertempel des 18. Arrondissements!
• 18, rue Eugène-Sue, Tel. 01 42 55 61 64, https://latabledeugene.com

L’Assiette d’Or

Biohühnchen, Linguine oder Steak Frites: Hauptsache gesund und frisch – und auch als Lieferung nach Hause mit Deliveroo.
• 36, rue Stephenson, 75018 Paris, Tel. 09 83 85 83 62

L'Assiette d'Or, eine Neueröffnung von Anfang 2020 im Multikultiviertel Goutte d'Or. Foto: Hilke Maunder
L’Assiette d’Or, eine Neueröffnung von Anfang 2020 im Multikultiviertel Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder

Fichon

Das Dekor: blaue Nacht. Der Esprit: skandinavisch. Die Karte: zwei Tagesgerichte mittags, abends tolle Menüs, auf die die Bioweine abgestimmt sind.
• 98, rue Marcadet, Tel. 09 70 94 52 14, www.fichon.fr

Info

www.mairie18.paris.fr

Hier könnt ihr schlafen*

 

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Im Blog

Alle meine Paris-Beiträge sind in dieser Kategorie vereint.

Im Buch

Hilke Maunder, Baedeker Paris*

1975 kam ich dank Interrail zum ersten Mal nach Paris und übernachtete in einem einfachen Sleep-in in der Rue de Turenne. Damals ahnte ich noch nicht, dass diese Stadt mich ein Leben lang begleiten würde. In den Jahren danach verbrachte ich fast jedes Jahr viel Zeit in der Kapitale: als junge Frau, die im 18e Arrondissement als Kellnerin jobbte, später mit Partner, schließlich mit meiner Tochter. Und bis heute fehlt mir etwas, wenn ich Paris nicht immer wieder neu erlaufen, erradeln oder durch das Labyrinth der Métro durchstreifen kann.

Aus dieser langjährigen, sehr persönlichen Beziehung zur Stadt ist mein Baedeker Paris* entstanden. Er versteht Paris nicht nur als Ansammlung berühmter Sehenswürdigkeiten, sondern als lebendige, vielschichtige Metropole, die sich mit jeder Reise neu erschließt. Natürlich findet ihr darin die großen Klassiker – vom Louvre über die Île de la Cité bis zum Eiffelturm –, doch ebenso wichtig sind mir die besonderen Orte, die leisen Viertel, die kleinen Entdeckungen abseits der Postkartenmotive.

Neben verlässlichen Fakten, übersichtlich aufbereiteten Karten und praxisnahen Tipps erzähle ich von ungewöhnlichen Details, kleinen Anekdoten und Momenten, die man nicht planen kann, die aber oft die schönsten Erinnerungen hinterlassen: ein Tanz unter freiem Himmel, ein unerwarteter Blick von oben, ein Abendessen, das länger dauert als gedacht. Genau diese Mischung aus Orientierung und Inspiration soll euch dabei helfen, Paris auf eure ganz eigene Weise zu erleben. Wer mag, kann meinen Paris-Reiseführer hier* bestellen.

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