Paris: Weltreise in Goutte d’Or

Goutte d'Or: Ein Marktschreier vom Barbès-Markt. Foto: Hilke Maunder
Ein Markt wie im Maghreb: Barbès. Foto: Hilke Maunder

Was für eine Karriere für Goutte d’Or! Von der Bronx zum In-Viertel ist der Osten des Butte von Montmartre aufgestiegen. 2009 noch von der Politik als „dreckig und laut“ kritisiert, ist Goutte d’Or trotz aller Kontraste heute ein Quartier branché – mit angesagten Bars, Lokalen, Boutiquen und rasant explodierenden Immobilienpreisen.

Wo einst die Weißweinreben des Goldtropfen rankten, die dem Viertel seinen Namen gaben, entstand nach dem Verlust der Kolonien Frankreichs bekanntestes Multi-Kulti-Quartier.

Von der Gründerzeit geprägt: die Fassaden von Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder

Vor seiner Entdeckung durch die Bobos, die Bourgeois Bohèmes, war es das Ghetto der Schwarzen, Auffangbecken für Ausgestoßene, Arbeitsplatz von Dirnen und Taschendieben.

Die moderne Stadtteilbibliothek von Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder

Berühmtester Zeitgenosse von Goutte d’Or

1951 wurde hier Fabrice Luchini geboren, heute einer der bekanntesten französischen Schauspieler. Seine Eltern, ein tunesisch-italienisches Einwandererpaar, betrieben dort einen Gemüseladen.

2015 eröffnete die erste Kooperative des Viertels in Goutte d’Or. Einkaufen kann nur, wer Mitglied ist. Foto: Hilke Maunder

Mit 13 Jahren musste auch Fabrice Geld verdienen, arbeitete in einem Friseursalon – und änderte auf Wunsch seines Chefs d den Vornamen von Robert auf Fabrice um.

Möglichst lokal und fair gehandelt: der Laden der Einkaufskooperative von Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder

Aristide Bruant verewigte es n seinem Chanson „À la goutt’ d’Or“ . François Béranger 1970 interpretierte es auf seiner LP „Tranche de Vie“, und auch Georges Brassens sang das Lied. Für alle, die mitsingen wollen, gibt es hier den Text:

À la Goutte d’Or

En ce temps-là dans chaque famille
On blanchissait de mère en fille
Maintenant on blanchit encor
A la Goutt‘ d’Or

Elle était encor‘ demoiselle,
Grand-Maman, la belle Isabelle
Quand elle épousa l’grand Nestor,
A la Goutt‘ d’Or

Et maman Pauline était sage
Le jour qu’elle se mit en ménage
Avec papa le p’tit Victor
A la Goutt‘ d’Or

A cette époque-là toutes les fillettes
Les goss’lines, les gigolettes
S’mariaient avec leur trésor
A la Goutt‘ d’Or

A’s s’contentaient l’jour de leur noce
D’un‘ petit‘ toilett‘ pas féroce
Et d’un‘ jeannette en similor
A la Goutt‘ d’Or

Leur fallait pas un mari pâle
Mais un garçon d’lavoir… un mâle…
Bien râblé… même un peu butor
A la Goutt‘ d’Or

Aujourd’hui faut à ces d’moiselles
Des machins avec des dentelles
Et des vrais bijoux en vrai or
A la Goutt‘ d’Or

Leur faut des jeunes hommes en casquettes
Des rouquins qu’ont des rouflaquettes
Collés sur un‘ tête d’hareng saur
A la Goutt‘ d’Or

Et v’là pourquoi toutes les fillettes
Les goss’lines, les gigolettes
S’marient pus avec leur trésor
A la Goutt‘ d’Or

Motiv für Magnum-Fotografen

2010 schickte das in Goutte d’Or ansässige Institut des Cultures d’Islam den britischen Magnum-Fotografen Martin Parr auf Spurensuche durch das muslimisch geprägte Quartier. Die von ihm eingefangenen Alltagsszenen sind die schönste Hommage an das Viertel.

Street Art am Islamischen Zentrum von Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder

Zahlreiche seiner Portraits von Goutte d’Or entstanden am Boulevard Rochechouart. Goldbestickte Kaftans, Seidentücher, Wühltische, Taschen und Talmi.

Eine Institution seit mehr als 30 Jahren. Foto: Hilke Maunder

Der Straßenzug im Schatten der hier überirdisch verlaufenden Metro ist ein Mekka für preiswerte Mode aus aller Welt.Berühmtester Textilhändler ist Tati – das 1848 eröffnete Kaufhaus rühmt sich der niedrigsten Preise von Paris.

Die Gentrifizierung macht auch vor Goutte d’Or nicht halt, zeigt dieses stylische Second-Hand-Geschäft. Foto: Hilke Maunder

Unter der Hochbahn drängen sich die Marktschreier aus dem Maghreb: Sie verwandeln den einst als Diebesmarkt verrufene Marché Barbès mit ihren Warenbergen und lautem Gefeilsche in einen afrikanischen Souk mitten in Paris.

Der Straßenmarkt von Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder

Émile Zola machte das Goutte d’Or-Viertel zum Schauplatz seines Romans „L’Assommoir“ (1877, Der Totschläger). In der Milieustudie zeigt Zola, welche Auswirkungen Alkohol auf das Leben der Wäscherin Gervaise Marquart und ihrer Familie hat.

In & um Goutte d’Or: angesagte Adressen

Shopping

La Manufacture Parisienne

Concept Store? Galerie? Auf jeden Fall eine spannende Manufaktur – alle zwei Monate wird die gesamte Deko geändert. Unter den trendigen Design-Objekten findet ihr Teller und Tassen von VLB und Atelier des Garçons, Kerzen von Alixx,  Stühle von FAB Design und vieles mehr!
• 93, rue Marcaret, http://lamanufactureparisienne.fr

L’Orée des Fleurs

Seit nunmehr 20 Jahren schmückt Xavier Mazzucco die Bürgersteige der Rue du Poteau mit seinen Kübel voller Blumen und Pflanzen – je nach Saison Sonnenblumen, Rosen oder Aronstab.
• 9, rue du Poteau

Mademoiselle Fred

Hinter ihrer bonbonfarbenen Ladenfront präsentiert Frédérique Sarfati ihre persönlichen Favoriten – oft ausgefallen! – für den Kleiderschrank oder euer Zuhause: handgemalte Vasen, Seide aus Bangkok, Obekto-Leuchten, Lederwaren, Waschtuchtaschen… Einfach mal stöbern!
• 112, rue Marcaret

Avril 69

Mode, Schmuck und Accessoires findet ihr in der Boutique von drei jungen Designerinnen – elegante Kleider von Jeanne Berre, geometrische Ketten von Luna Cox und Holz-Schmuck der Sœurs Héraud,Jane, Cécile und Anne-Claire.
• 69, rue du Mont-Cénis

Schlemmen & genießen

Sunset

David und Sherin begrüßen euch ab 8 Uhr morgens am Zinktresen ihrer Bar – oder auf der Terrasse, wo sie ein hausgemachtes Frühstück servieren. Abends freut euch auf tolle Cocktails!
• 100, rue Ordener, www.sunset-paris.com

La Table d’Eugène

Hühner-Ravioli mit Foie Gras und Morillen-Espuma, Tartar von der Dorade mit Ponzu und Schoko-Desserts mit Tonkabohnen: Seit 2015 ziert ein Michelinstern diesen Schlemmertempel des 18. Arrondissements!
• 18, rue Eugène-Sue, http://latabledeugene.com

L’Assiette d’Or

Biohühnchen, Linguine oder Steak Frites: Hauptsache gesund und frisch – und auch als Lieferung nach Hause mit Deliveroo.
• 36, Rue Stephenson, 75018 Paris, Tel. 09 83 85 83 62

L’Assiette d’Or, eine Neueröffnung von Anfang 2020 im Multikultiviertel Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder

Fichon

Das Dekor: blaue Nacht. Der Esprit: skandinavisch. Die Karte: zwei Tagesgerichte mittags, abends tolle Menüs, auf die die Bioweine abgestimmt sind.
• 98, rue Marcadet, www.fichon.fr

El Tast

La Goutte d’Or, la Montreuilloise, la BapBap: 20 lokale Craft-Biere stehen auf der Karte der Spanier. Dazu gibt es spanische Käse- und Wurstplatten, sonnabends Paella.
• 70, rue Duhesme, www.eltast.fr

Craft Bier aus Goutte d’Or. Foto. Hilke Maunder

Info

www.mairie18.paris.fr

Weiterlesen

Mein Reiseführer: Baedeker „Paris“*

Baedeker Paris 2018

Ein Tango am Kai, Lachs mit Louvreblick im Café Marly, Sightseeing-Tour mit Segways, der neue Pariser Osten und pulsierende Kreativzentren wie 104:  Neben Klassikern wie Louvre und Notre-Dame hat auch das neue  Paris Einzug gehalten.

Erfahrt mehr über die grünen neuen Viertel von Paris, die Renaissance des Chansons mit Zaz & Co. und erfahrt, wo ihr gut wie günstig schlafen könnt.

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Paris in Biographien*

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Auf jeweils acht bis zehn Seiten portraitiert sie Abélard & Héloïse, Henri IV, Louis XIV, Voltaire, Marie Antoinette, Napoléon, Honoré de Balzac, Victor Hugo, Claude Monet, Auguste Rodin, Auguste Escoffier, Marie Curie, Sidonie-Gabrielle Colette, Pablo Picasso, Coco Chanel, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Edith Piaf, Boris Vian, Francois Truffaut und Yves Saint Laurent…

Und das nicht nicht nur anhand nüchterner Fakten. Sondern zieht Verbindungen zum heutigen Paris, erwähnt humorvoll Anekdoten und führt den Leser mit Esprit und schwungvoller Feder durch die Stadtgeschichte. Dank ihrer Portraits verankert sie sich viel tiefer im eigenen Wissen  als die kompakte Faktenflut, die andere Reiseführer liefern. Wer Paris ein wenig kennt, wird das Bändchen schätzen! Und kann es hier* gleich bestellen.

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Neon, eines der neuen trendigen Cafés von Goutte d’Or. Foto: Hilke Maunder
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