Die Orgeln von Ille-sur-Têt

Les Orgues d'Ille-sur-Têt: die Westseite des Amphittheaters. Foto: Hilke Maunder
Die Westseite der "Orgues" von Ille-sur-Têt mit den Pyrenäen im Hintergrund. Foto: Hilke Maunder

Frisierte junge Frauen stehen da stolz und schlank in der Landschaft. Kaminfeen beäugen sie von der Seite. Unbeweglich. Denn sie sind aus Stein, geformt von der Erosion. Wind und Wetter haben bei Ille-sur-Têt in den Pyrénées-Orientales ein geologisches Naturwunder geschaffen: les orgues.

„Die kleine Schwester des Bryce Canyon“, sagt die Dame am Kassenhäuschen stolz, drückt mir einen deutschsprachigen Führer in die Hand. Und ermahnt mich: „Nicht kraxeln. Immer auf dem Weg bleiben.“

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Die Erdpyramiden der „Orgeln“ mit dem Canigou am Horizont. Foto: Hilke Maunder

Gut eine Stunde dauert der markierte Rundweg durch den site classé des Riberal in den Ostpyrenäen. Riberal bedeutet im Katalanischen „aus Flüssen entstanden“.

Wie sie die Landschaft im Tal der Têt formten, zeigt der geologische Lehrpfad der Orgues von Illes-sur-Têt sehr gut. Martine Ambert von der Université Paul Valéry in Montpellier legte ihn für das Naturdenkmal an Die Stätte befindet sich im Privatbesitz – und kostet daher beim Besuch Eintritt.

Eingeschlossen von drei Seiten

Bevor ihr ihn erreicht, geht es vom Parkplatz zunächst 800 Meter sanft bergauf. Immer weiter öffnet sich der Blick über das hier zwei Kilometer breite Tal der Têt. Sie ist der mittlere der drei Küstenflüsse der Ostpyrenäen. Ihr Quellfluss Rec de la Grava entspringt an der Südwest-Flanke des Puig de la Cometa d’Espagna der Pyrenäen.

Drei Massive begrenzen das Tal des 114 Kilometer langen Flusses Im Süden seht ihr die Ausläufer der Aspres. Korkeichenwälder bedecken die Schieferhügel nahe der spanischen Grenze.

Les Orgues von Ille-sur-Têt: Die Erosion frisst sich sichtbar in die Felskanten. Foto: Hilke Maunder
Les Orgues von Ille-sur-Têt: Die Erosion frisst sich sichtbar in die Felskanten. Foto: Hilke Maunder

Im Südwesten kratzt mit dem 2.790 Metger hohen Canigou die letzte große Spitze der östlichen Pyrenäen am strahlend blauen Himmel. Im Norden begrenzt das Granitplateau von Montalba das Tal. Riesige Granitblöcke liegen dort verstreut zwischen Euphorbien und Zistrosen, Buchsbäumchen und Grüneichen. „Wollsackverwitterung“ nennen es die Geologen.

Ausgetrocknet sind die beiden Gebirgsbäche Retxe und Piló d’en Gil. Doch nur im Sommer. Das restliche Jahr können Gewitter die Bäche blitzschnell in reißende Gebirgsbäche verwandeln. Bis zu 800 Millimeter Regen kann dann an einem einzigen Tag fallen – und damit so viel wie in Paris im gesamten Jahr. Doch 2023 machten die Pyrénées-Orientales als Land der Dürre Schlagzeilen, und die Têt war ein trauriges Rinnsal.

Les Orgues von Ille-sur-Têt: Die Erosion frisst sich sichtbar in die Felskanten. Foto: Hilke Maunder
Eine Kappe aus härterem Gestein sorgt dafür, dass die Felsnadeln langsamer zerfallen als die Steilwände. Foto: Hilke Maunder

Trockenflüsse & Sturzbäche

Im Oktober 1940 indes fielen in drei Tagen 1.280 mm. Die Têt stieß damals 3.600 Kubikmeter pro Sekunde aus – das 700fache ihrer sonstigen Durchflussmenge. Aiguat nennen die Katalanen solche Überschwemmungen. Urgewalten verändern dann das Land.

Die Vegetation hat sich angepasst. Schwarzerlen, Scheinakazien und Efeu säumen die Bäche. Ihre Wurzeln faulen nicht, wenn die Böden mit Wasser gesättigt sind.

Weiter den Weg hinauf, vorbei an Olivenbäumen und Metallkunst im Grün, folgt eine heideähnliche Landschaft mit Strauchheide und niedrigen Hartholzsträuchern.

Les Orges von Ille-sur-Têt. Foto: Hilke Maunder
Gleicht dieser Felskamin der orgues von Illes-sur-Têt nicht einer erhobenen Hand? Foto: Hilke Maunder

Duftende Macchia im Felstheater

Zistrose, Schopflavendel und Thymian wachsen dort zwischen Grüneichen und anderen kleinen Bäumen.  „Macchia, keine Garrigue„, verrät das Heftchen in meiner Hand. „Denn der Boden ist hier nicht kalk-, sondern siliziumhaltig!“

Auf den Kämmen der Berge ringsum ragen Pinien auf, einsame Solitäre eines einst großen mediterranen Waldes. Ihre Wurzeln klammern sich verzweifelt in den sauren Boden. Andere Wurzeln hängen lose in der Luft.

Dort hat die Erosion die Grate völlig zerfressen und stattliche Pinien zu krüppeligen Bonsai verkümmern lassen. Ackerbau an diesem Ort war schwierig. El vall del infern, Höllental, tauften die eingewanderten Bauern ihr Land.

Les Orges von Ille-sur-Têt. Foto: Hilke Maunder
Mit letzter Kraft klammern sich die Pinien an den Fels. Foto: Hilke Maunder

So arbeitete die Natur ungehindert weiter an ihrem Wunderwerk. Und schuf mit den Orgues ein Amphitheater mit bis zu zwölf Meter hohen Wänden und freistehenden Säulen. Knochentrocken, in Stein gemeißelt. Und doch der steten Wandlung unterworfen.

Wunderwerk des Wassers

Jeder Regen schwemmt große Mengen Sand fort. Frühere Formen vergehen, neue entstehen. Wie es früher hier aussah? Stellt euch vor, alle Kappen der Kämme und Kamine wären verbunden! Die Einzelsäulen schützt, zumindest eine gewisse Zeit, eine härtere Gesteinsschicht, die wie ein Hut den weicheren Stein bedeckt. Doch auch sie stürzen irgendwann ein.

Les Orges von Ille-sur-Têt. Foto: Hilke Maunder
Von Rinnen durchzogen: die nördliche Wand des Amphitheaters der Natur bei Ille-sur-Têt. Foto: Hilke Maunder

Dort, wo harte Kappen fehlen oder fortgetragen sind, nagen Regen und Wegen Kerben in den Felsen. Schluchten entstehen.

Wassertropfen, die nur einzelne Sandkörner forttragen, ziselieren den Stein. An steilen Flanken hat das Wasser Rinnen gefräst, die ahnen lassen, wo später neue Säulen und Schluchten entstehen.

Les Orges von Ille-sur-Têt. Foto: Hilke Maunder
Die ausgewaschenenRinnen aus der Nähe. Foto: Hilke Maunder

Fünf Millionen Jahre Erosion

Auch der Wechsel zwischen Hitze und Nässe lässt den Ton aufquellen. Wie ein Schwamm nimmt er die Feuchtigkeit auf, bläht sich auf, zieht sich beim Trocknen wieder zusammen, bekommt Risse und Falten.

Und zeigt Farbe. Sein helles Wesen erobern Flechten und Moose, die bei Hitze schwarzbraune Flecken bilden – und bei Nässe grün leuchten. Für die Ockertöne im Fels sorgt die Oxidation.

Viel erzählen die Orgeln von Ille-sur-Têt. Vor Ort wird die Zeitreise durch fünf Millionen Erdgeschichte noch beeindruckender!

Der Maler der Orgeln

Die Orgeln von Îlle-sur-Têt inspirierten auch einen Maler, der zu den wichtigsten Vertretern der britischen Arts & Crafts-Bewegung gehörte: Charles Rennie Mackintosh.

Nachdem die Mackintoshs 1923 Geld aus dem Verkauf ihres Hauses und ein kleines Erbe von Margaret eingenommen hatten, beschlossen sie, Urlaub zu machen. Sie waren dazu von ihren Freunden, insbesondere den Ihlees, die in Collioure wohnten, ermutigt worden. Ende 1923 reisten sie zuerst nach Collioure. Den Winter 1923-1924 hielten sie sich in Amelie-les-Bains im Vallespir (Tech-Tal) auf, im Frühjahr 1924 gibt es wieder an die Côte Vermeille, hin nach Port-Vendres und Collioure.

Im Herbst 1924 ließen sich der schottische Maler Charles Rennie Mackintosh und seine Frau Margaret für mehrere Monate in Ille-sur-Têt im Hôtel du Midi nieder und blieben bis zum Frühjahr 1925 dort, um zu malen. Vier Aquarelle zeugen von ihrem Aufenthalt: Bouleternère, Ein südlicher Bauernhof, Blanc- Ontoine und l’Héré de Mallet mit den Orgeln von Ille-sur-Têt. Seinen Spuren folgt der Chemin Charles Rennie Mackintosh, der in 13 Etappen Leben und Werk vorstellt.

• Mehr zum Maler und seinen Motiven findet ihr auf dieser Webseite: www.crmackintoshroussillon.com.

Les Orges von Ille-sur-Têt. Foto: Hilke Maunder
Der östliche Teil der Orgues lässt sich auf einem Rundgang besichtigen. Foto: Hilke Maunder

Die Orgeln von Ille-sur-Têt: die Infos

Hinkommen

Eigenes Gefährt

Auf der RN 116 bis Ille-sur-Tet. Das Dorf auf der  Hauptstraße durchfahren, dann rechts abbiegen und der D2 in Richtung Montalba folgen.Überquert die Brücke über die Têt, folgt der D2 weitere 500 Meter und biegt  dann rechts auf den Chemin de Régleille ab. Der Parkplatz der Orgues von Îlle-sur-Têt befindet sich rund 300 Metern auf der rechten Seite.

Ansehen

Les Orgues d’Ille-sur-Têt

Die Erdpyramiden gibt es auch im westlichen Teil von Ille-sur-Têt. Doch nur im östlichen Bereich sind sie zugänglich.
• Chemin de Régleilles, Tel. 0468 84 13 13, http://lesorgues.ille-sur-tet.com

Den westlichen Teil der Felsformation könnt ihr nur von einem Aussichtspunkt an der D 21 bewundern.

Ille-sur-Têt

Ille-sur-Têt ist das geschäftige Zentrum des Riberal. Seine schmalen, mittelalterlichen Gassen überragt seit dem 14. Jahrhundert der viereckige Glockenturm der Kirche Saint-Étienne-del-Pradaguet. 1834 erlag Prosper Mérimée dem Charme des Städtchens. Und machte es zum Schauplatz seines Romans La Vénus d’Ille*.

Hospici d’Illa 

Im ehemaligen Hospice Saint-Jacques zeigt eine Ausstellung im Obergeschoss bedeutende sakrale Kunst aus der Romanik und dem Barock. Die Sakristei birgt Fresken aus dem 11. Jahrhundert, der Garten die romanische Kirche La Rotonda.
 10, Rue de l’Hôpital, 66130 Ille-sur-Têt, www.facebook.com/hospici.dilla

Geisterdorf

Am linken, nördlichen Ufer der Têt erhebt sich auf einem Schutkegeln auf  161 m NN  der alte verlassene Weiler Casenoves. Sein Wahrzeichen ist eine Kirche, die um 1054 erbaut wurde, der viereckige Turm erst am Ende des 11. Jahrhundert. Ein  Zinnkelch aus dem 12. oder 13. Jahrhundert und ein Holzkasten mit Reliquien, die um 1840 in der Kapelle entdeckt wurden, könnt ihr heute im Pariser Mittelalter-Museum Musée Cluny bewundern.
• 2, Rue Saint-Boniface, 66130 Ille-sur-Têt

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5 Kommentare

  1. Wir haben die Orgelpfeifen (der Bryce Canyon in klein) im März 2023 durch puren Zufall entdeckt, ebenso den Aussichtspunkt, den Belvedere, ein toller Blick über zwei Gebiete der Orgues.
    Wunderschön.

  2. Hallo,
    Wir waren gerade da.
    Das Saveurs des Orgues ist dauerhaft geschlossen.
    Wir können das Restaurant im Hotel Riberach in Belesta empfehlen.

    Schöne Grüße,

    Thomas Günther

    • Hallo Thomas, merci für Deine Info, dann kann ich es ich ja leider nicht mehr testen…. und ja, das Restaurant der Domaine Riberach in Bélesta ist hervorragend! Und wurde schon getestet :-).
      Merci und viele Grüße, Hilke

  3. Dein so verlockender Reisetipp wieder! Danke vielmals, Hilke!
    Den Canigou hatte ich oft im Hintergrund – hätte ich von diesen Orgeln nur geahnt!
    Als ich darauf angesprochen wurde, warum es mich immer wieder nach Frankreich zog, fragte ich zurück, warum ich mit weniger zufrieden sein sollte.
    Und bei Dir finde ich dafür immer neue Bestätigungen in reich und sehr gelungen bebilderten Texten: Merci vielmals, Madame!

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