Mont-Saint-Michel: Lieblingswege

Mont Saint-Michel: Blick vom Wehrgang

Silbern bedeckt das Meer die Couesnon-Bucht. Im Dunst erhebt sich, „unglaublich fremd und schön, wie ein Traumpalast“, der Mont-Saint-Michel. Von ihm schwärmte bereits Guy de Maupaussant.  Der Klosterberg gilt als Wunder des Abendlandes, ist daher ein UNESCO-Weltkulturerbe, französisches Nationaldenkmal und Mini-Dorf mit rund 40 Einwohnern. Majestätisch und mystisch taucht der Bergkegel aus dem Meer auf, und begeistert alljährlich mehr als eine Million Besucher.

Mont-Saint-Michel für alle Sinne

Seit mehr als 1000 Jahren strömen Pilger in die Klosteranlage. Vorbei an den Platzhirschen La Mère Poulard und der Auberge Saint-Pierre drängen sie die Grande Rue hinauf bis zur Abtei mit den Reliquien von Erzengel Michael, der an der höchsten Stelle des Klosterberges thront. Im Sommer verwandelt sich die Abtei nachts in einen faszinierenden Kultur- und Klangraum bei den Promenades Nocturnes.

Bei den abendlichen Spaziergängen durch die Abtei setzen klassische Musik von Solisten am Cello und der Harfe, Videoinstallationen und stimmungsvolle Lichtspiele die Klosterräume völlig neu und faszinierend anders in Szene. Dann werden sie wieder lebendig, die alten Pilgerzeiten, als nur die eigenen Füße den Gläubigen durchs trügerische Watt zur Gottesburg trugen.

Weit geht der Blick durch die Bögen des Kreuzgangs oder von der Westterrasse Richtung Sonnenuntergang. Und dann klingen die alten Legenden gar nicht so unwahrscheinlich, wonach der Erzengel Michael dem Bischof Aubert von Avranches den himmlischen Auftrag erteilt hat, eine Kapelle auf dem Berg mitten im Meer zu errichten – im Jahr 708.

Himmlischer Auftrag

Bischof Aubert von Avranches war kein leichtgläubiger Mann. Als ihm im Jahr 708 der Erzengel Gabriel im Traum erschein, tat er dies zuerst als Sinnestäuschung ab. Doch der Himmelsbote wiederholte in einer der folgenden Nächte seine bedeutende Botschaft an den Bischof recht eindrücklich – er tippte dem Gottesmann so unsanft an die Stirn, das jene ungewöhnliche Einbuchtung in der Schädeldecke zurück blieb, die heute in Avranches als Reliquie verehrt wird.

Der Erzengel Gabriel, so erzählt die Legende, soll Bischof Aubert den himmlischen Auftrag erteilt haben, eine Kirche mitten im Meer zu errichten – auf dem Mont Tombe. 78 Meter hoch ragt der kreisrunde Granitkegel mit 900 Meter Umfang aus den Fluten des Atlantiks.

Schwieriges Bauvorhaben

Der Bau der Klosteranlage, die sich Laufe der Jahrhunderte zu einer der mächtigsten Abteien Europas heran wuchs, brachte ungeahnte Probleme mit: ein steiles Gefälle und schwierige Bodenverhältnisse. Nur langsam, in vielen Etappen, gedieh der Bau. So gleicht der Aufstieg einem Spaziergang durch die mittelalterliche Architektur: vom karolingischen Stil des 10. Jahrhunderts über einen labyrinthartigen Komplex aus massiger Romanik bis zur himmelstürmender Flamboyantgotik des Klosters La Merveille, das mit sechs Sälen auf drei Etagen am Hang hängt. Dicht an dicht drängen sich die Gebäude und Türme  gleich einer ›Pyramide im Meer‹, wie Victor Hugo es formulierte. Die wertvollen Manuskripte der Abtei Mont St-Michel zeigt heute das  Scriptorial von Avranches .

Neben der Seelsorge kam auch das leibliche Wohl nicht zu kurz, wie Refektorium, Gästesaal und Vorratskammer der Klosteranlage beweisen. Ab 1888 beköstigte „La Mère Poulard“ in der Grande Rue die Pilger mit köstlichen Omeletts. Heute ist die einfache Auberge selbst eine Institution, berühmt wie der Klosterberg. Die Sterneküche hat ihren Preis – die berühmten Kekse von Mutter Poulard sind hingegen eine erschwingliche Köstlichkeit.

Rauf auf die Remparts!

Nach dem nächtlichen Besuch der „Mervielle“ muss ich auch bei jedem Besuch hinauf auf die Remparts und einen Spaziergang auf dem Wehrgang des stark befestigten Klosterberges machen. Die Lage der der Mündung des Couesnan, Grenzfluss zwischen der Normandie und der Bretagne, machte den Mont Saint-Michel zu einem strategisch wichtigen Grenzposten.

Im 100-Jährigen Krieg erhielt er als Antwort auf die Angriffe der Engländer mächtige Befestigungsmauern und -türme. Vom Bollwerk eröffnen sich immer wieder neue Ausblicke auf die weite Bucht und die Salzmarschen, auf denen Schafe und Kühe grasen – insbesondere vom Nordturm, von dem ihr den Felsen von Tombelaine erkennen könnt. Hinauf kommt ihr von den Zuwegen an der Grande Rue oder gleich beim Turm am Eingang zum Klosterberg.

Raus ins Watt!

Wer am Mont-Saint-Michel nicht die von Souvenirshops, Lokalen und Imbissen gesäumte Grande Rue Richtung Abtei hinauf bummelt, sondern nach dem Eingangstor seine Schritte nach links lenkt, erreicht an der Tour Gabriel eine kopfsteingepflasterte Rampe hinunter zum Meeresboden, der bei Ebbe ein traumhaft schönes Terrain zum Spaziergehen freigibt – ein festes Sandwatt, durchzogen von feinen Rippen, die das Meer bei seinem Rückzug hinterlassen hat.

Ein Revier zum Barfußlaufen, in dem nur sehr selten scharfe Muschelkanten heraus  schauen, einsam und weit, das einlädt, bis an den Horizont zu laufen… wäre da nicht die Flut, die stets pünktlich erst die Priele, dann das Watt überspült… und das blitzschnell.

Besonders schön ist der Spaziergang auf dem Meeresboden bei einer Grande Marée, einer Springflut. Die Tiden sind dann stärker als sonst – die Flut ist höher, und bei Ebbe zieht sich das Watt noch weiter zurück als sonst. Genießt die Impressionen aus dem Wunderwatt mit der Chapelle St-Aubert, die dem Gründer des Mont St-Michel gewidmet ist.

Der Klosterberg im Laufschritt

Sport und Sightseeing verbindet seit 1997 der internationale Mont-Saint-Michel-Marathon. Nach dem Start in Cancale säumt die 42,195 Kilometer lange Strecke die weite Bucht Baie Mont-St-Michel, ehe sie hinter Chapelle St-Anne bei Kilometer 25 ins Hinterland abbiegt und dem Lauf des Couesnon zum Mont-St-Michel folgt.
• Association du Marathon de la Baie du Mont Saint Michel, 16, rue du Général Leclerc, F – 35260 Cancale, Tel. 02 99 89 54 54, www.runinmontsaintmichel.com

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