Im Tal der Orne: die schönsten Ziele

Die Orne bei Putanges-Pont-Écrepin. Foto: Hilke Maunder
Die Orne bei Putanges-Pont-Écrepin. Foto: Hilke Maunder

Das Tal der Orne, selbst als „Normannische Schweiz“ im deutschsprachigen Raum noch ein Geheimtipp, ist eine beliebte Familienferienregion der Franzosen.

Was sie dort lockt? Ein liebenswürdiges Bergland mit Flusswindungen, Felsen, Fachwerkstädtchen, Hügeln voller Ginster, Stauseen und zahlreichen Picknickplätzen an Aussichtspunkten und Wanderzielen.

Schilder wie diese weisen im ganzen Land auf Sehenswertes hin. Foto: Hilke Maunder
Schilder wie diese weisen im ganzen Land auf Sehenswertes hin. Foto: Hilke Maunder

Die Orne, Namensgeberin für das normannische Département Orne, entspringt im Hügelland des Perche bei Aunou-sur-Orne auf etwa 190 Metern Höhe.

Von dort fließt sie in Mäandern gen Nordwesten und mündet nach rund 170 Kilometern bei Ouistreham in den Ärmelkanal. Ihr kurzer Lauf ist gespickt mit Sehenswertem und grandioser Natur. Voilà meine Favoriten.

Stillleben am Ufer der Orne. Foto. Hilke Maunder
Stillleben am Ufer der Orne. Foto. Hilke Maunder

Sées

Sées entwickelte sich aus drei Siedlungen, die die einstigen Machtbereiche widerspiegeln: Bourg-L’Evêque (Kathedral- und Bischofssitz), Bourg-Le-Comte (gräfliche Siedlung) und Bourg-L’Abbé (Abteigelände).

Ein historischer Rundgang stellt mit 20 Medaillons die wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt vor. Seinen Verlauf markieren Bronzenägel im Boden. Der parcours historique beginnt beim Rathaus.

Eine schmale Gasse, umgeben von hohen Feldsteinmauern, führt zur Kathedrale von Sées. Foto: Hilke Maunder
Eine schmale Gasse, umgeben von hohen Feldsteinmauern, führt zur Kathedrale von Sées. Foto: Hilke Maunder

Seit dem 4. Jahrhundert ist die Kleinstadt an der Orne ein Bischofssitz. Ihre mehrfach zerstörte und wieder aufgebaute Cathédrale Notre-Dame ist ein Meisterwerk normannischer Hochgotik. Chor und Querschiff schmücken prachtvolle
Rosetten und Buntglasfenster aus dem 13. Jahrhundert.

❤  Wundervoll ist die Ton-Licht-Schau Musilumières, die im Juli, August und September samstags für 45 Minuten die Kathedrale mit Videomapping verzaubert; www.musilumieres.org

Die Kathedrale von Sées. Foto: Hilke Maunder
Die Kathedrale von Sées. Foto: Hilke Maunder

Sakrale Kunst vom Mittelalter bis zur Gegenwart zeigt das Musée Départemental d’Art Religieux an der Place du Général de Gaulle.

Die Kathedrale von Sées. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Gegenüber der Kathedrale ist bereits der Name einer alteingesessenen Bäckerei reinste Verführung: la tentation. Drinnen birgt sie süße Sünden für Geistliche, Gläubige und Genießer.

Himmlische Verführer

50 verschiedene Éclairs in Gelb, Rot, Lila oder Grün, gefüllt mit fruchtiger oder nussiger Crème, Pudding oder Sahne, drängeln sich in der Auslage. 50 Liebesknochen aus Brandteig, bekrönt von Nusssplittern oder Marzipanherz, Erdbeere oder Kirsche auf dem Guss – jeder Bissen ein göttlicher Genuss.

Blick von der Kirchenpforte auf dem Ort Sées. Foto: Hilke Maunder
Blick von der Kirchenpforte auf die köstliche Bäckerei von Sées. Foto: Hilke Maunder

Zehn Kilometer nordwestlich liegt bei Mortrée das Wasserschloss Château d’Ô. Mit drei Flügeln erhebt es sich auf einer kleinen rechteckigen Insel inmitten eines Teichs, den die Thouanne speist.

Hingucker sind das hohe Walmdach und das Schachbrettmuster der Fassade. Heller Naturstein und roter Backstein wechseln sich darin ab – schön!

Ein ganz besonderes Kloster

Auch eine chilenische Araukarie erhebt sich auf dem Abteigeläden der <em>Abbaye de la Trappe</em>Foto: Hilke Maunder
Auch eine chilenische Araukarie erhebt sich auf dem Abteigelände der Abbaye de la Trappe. Foto: Hilke Maunder

In Soligny-la-Trappe (32 Kilometer östlich) verkaufen Mönche des Trappistenklosters Abbaye de la Trappe 12. Jahrhundert) Honig und Käse aus eigener Herstellung. Der Abteigarten birgt einige erstaunliche Exoten!

Auch Fruchtkonfekt stellen die Mönche her. Foto: Hilke Maunder
Auch Fruchtkonfekt stellen die Mönche her. Foto: Hilke Maunder

Argentan

Von der Kleinstadt an der Orne brachen im 12. Jahrhundert die Vasallen König Heinrichs II. auf, um Thomas Becket (1118 – 1170) in der Kathedrale von Canterbury zu ermorden. Berühmtester Sohn der Stadt ist der kubistische Maler Fernand Léger (1881 bis 1955).

Im Absolutismus wurde Argentan – wie das nahe Alençon – ein Zentrum der Spitzenherstellung.  Im 17. Jahrhundert lieferten die vier Manufakturen der Stadt ihre Pointe Royale de France an alle Fürstenhöfe Europas. Die Französische Revolution brachte die Fertigung zum Erliegen. Seit 1874 stellen Benediktinerinnen wieder Spitze her.

Alençon-Spitze. Foto: Hilke Maunder
Feinste Nadel-Spitze. Foto: Hilke Maunder

Spitzen-Kunst

In der Abbaye des Bénédictines könnt ihr ein Video zur Herstellung anschauen und Spitze erwerben. Unterrichtet wird die feine Nadelkunst in der Maison des Dentelles et du Point d’Argentan in der Rue la Noë 36.

Gotik, Renaissance und Klassizismus vereint die Église St-Germain (15.–17. Jh.).  In der Unterstadt wurde die Église Saint-Martin nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufgebaut. Ihre Buntglasfenster sind noch Originale aus dem 16. Jahrhundert.

Als einziger der einst 16 Türme der Stadtbefestigung ist die Tour Marguerite aus dem 15. Jahrhundert in der Rue la Vicomté erhalten. Das einstige Château des Ducs aus dem 14. Jahrhundert dient heute als Justizpalast.

Château de Crèvecœur

Der Zugang zum Château de Crèvecoeur. Foto: Hilke Maunder
Der Zugang zum Château de Crèvecœur. Foto: Hilke Maunder

In der Normandie gibt es noch zahlreiche große Burgen aus dem Mittelalter. Dagegen sind die ländlichen Gutsschlösser, die Wohnburgen des niederen Adels, nahezu verschwunden. Im Pays d’Auge ist mit dem Château de Crèvecœur ein solches Anwesen noch erhalten.

Château de Crèvecœur. Foto: Hilke Maunder
Die basse-cour des Château de Crèvecœur. Foto: Hilke Maunder

Wie kein zweiter Herrensitz aus jener Zeit verdeutlicht das Château de Crèvecœur die Burgaufteilung nach Aufgabenbereichen. Und verrät zugleich, wie kriegerisch dereinst die Zeiten waren.

Mehr zum Gutsschloss und seinem Museum erfährst Du hier im Blog.

Château de Crèvecœur. Foto: Hilke Maunder
Im Herbst sind die alten Apfelsorten auf der Streuobstwiese reif. Foto: Hilke Maunder

Putanges-Pont-Écrepin

Wie ein Phönix aus der Asche ist Putanges nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs wieder auferstanden. Heute gehört es wieder zu den schönsten Stationen bei einer Reise durch die Normannische Schweiz und im Tal der Orne. Und so malerisch, wie der Sohn der Stadt, Gaston Lefavrais, es einst in seinen Gemälden verewigt hat.

Am 20. August 1944 rückte die britische Armee in Putanges ein. Nach den Kämpfen war das 1000-Einwohner-Dorf in der Normannischen Schweiz ein einziges Trümmerfeld, durch das sich die Orne als blaues Band und Namensgeber des Départements den Weg bannte.

Putanges am Ufer der Orne. Foto: Hilke Maunder
Putanges am Ufer der Orne. Foto: Hilke Maunder

Die Brücke, die heute im Sommer üppig Blumenflor schmückt, wurde noch von der deutschen Wehrmacht wenige Stunde vor dem Einmarsch der Briten mit Dynamit in die Luft gesprengt. Sieben Jahre dauerte der Wiederaufbau. 1965 wurde Putanges mit der Nachbarkommune am anderen Ufer der Orne zu Putanges-Pont-Ecrépin fusioniert.

Heute erinnert nichts mehr daran, wie wüst es nach Kriegsende aussah. Der Wiederaufbau hat Putanges wieder zu jenem Kleinod der Normannischen Schweiz gemacht, das einst Gustave Levavasseur (1819-1896), ein Dichterfreund von Charles Baudelaire, so überschwänglich gelobt hatte.

Jeder kennt dieses bewundernswerte kleine Tal, in dessen Mitte die Stadt Putanges auf Granitfelsen thront. (…) Selbst die rauen und zerklüfteten Felsen scheinen so hoch wie der erste Stock zu sein. Die Häuser sehen aus wie Adlernester auf einem Felsen.

Putanges. Foto: Hilke Maunder
Komplett wiederaufgebaut: Putanges. Foto: Hilke Maunder

Clécy

Mit seinen engen Gassen und Häusern aus Stein und Kalk erinnert die „Hauptstadt“ der Normannischen Schweiz ein wenig an ein Bergdorf. Mehr als 100 Werke des Impressionisten André Hary zeigt dort das Musée Andé Hardy an der Place du Tripot. Die Modelleisenbahn von Le Monde Miniature gehört zu den größten Europas. Am Ufer der Orne begeistern die Rochers des Parcs die Kletterer.

Immer wieder begegnen Dir unterwegs Rinder auf saftig grünen Weiden. Foto: Hilke Maunder
Rinder auf saftig grünen Weiden begleiten die Landpartie. Foto: Hilke Maunder
Herbst in der Normannischen Schweiz. Foto: Hilke Maunder
Herbst in der Normannischen Schweiz. Foto: Hilke Maunder

❤  Mal folgt die Straße der plätschernden Orne, dann wieder leitet sie durch dunkle Schluchten oder führt an felsigen Überhängen vorbei: Die Route de la Suisse Normande durch die Normannische Schweiz präsentiert auf 79 Kilometern die Vielfalt der Landschaft um Clécy. In Saint-Omer beginnt die aussichtsreiche Route des Crêtes mit Panoramablicken über das hügelige Relief, aus denen die Gipfel des Pain du Sucre und der Rochers des Parcs herausragen.

La Roche d’Oëtre

La face humaine, das menschliche Antlitz, nennt sich diese Felsformation der Roche d'Oëtre. Foto: Hilke Maunder
La face humaine, das menschliche Antlitz, nennt sich diese Felsformation der Roche d’Oëtre. Foto: Hilke Maunder

Nirgendwo windet sich die Orne so schön wie bei Saint-Philbert-sur-Orne, wo ein Belvédère herrliche Ausblicke auf die Flussschleife eröffnet. Nur einen Kilometer entfernt überragt der Felsen der Roche d’Oëtre 118 Meter hoch die Gorges de la Rouve.

Auf diesem Wanderweg geht es hinab zum Rouvre-Fluss. Foto: Hilke Maunder
Auf diesem Wanderweg geht es hinab zum Rouvre-Fluss. Foto: Hilke Maunder

In seinen zerfurchten Flanken hat der schreibende Dandy Barbey d’Aurevilly ein Gesicht erkannt – und die Landschaft als Kulisse für eine Episode in seinem Roman „Die Teuflischen“ gewählt. Heute gehören Fels und Schlucht zu den schönsten Ausflugszielen in der Normannischen Schweiz. Vier markierte Wanderwege führen zu den Schönheiten des Naturschutzgebietes und hinab zum Fluss. Erfahre hier mehr im Blog!

Laubbäume wie Linde, Buche und Eiche prägen die Wälder der Normannischen Schweiz. Foto: Hilke Maunder
Laubbäume wie Linde, Buche und Eiche prägen die Wälder der Normannischen Schweiz. Foto: Hilke Maunder

Caen

Catumagos, Schlachtfeld, nannten die Kelten einst die heutige Hauptstadt des Départements Calvados. Im Zweiten Weltkrieg war sie eine der am härtesten umkämpften Städte bei der Befreiung der Normandie.  Davon erzählt das Mémorial de Caen und fragt als Musée pour la Paix, wie Frieden gestaltet werden kann.

Erstaunlicherweise blieben die beiden Benediktinerabteien weitgehend unbeschädigt. Das Klostergebäude der Abbaye aux Hommes dient heute als Rathaus von Caen. In den Klostergebäuden der Abbaye aux Dames residiert der Regionalrat der Basse Normandie. Die romanische ehemalige Abteikirche La Trinité aus dem 11. Jh. wurde 1060 von Königin Mathilde an der Place Reine Mathilde gegründet. Sie ruht in der Krypta.

Beste Blicke von den Bastionen

Das um 1060 von Wilhelm dem Eroberer erbaute Château ducal gehört zu den größten Befestigungsanlagen Europas und birgt im Innern die Kirche Saint- Georges (12.–15. Jh.), den Gerichtssaal der Herzöge der Normandie (12. Jh.) sowie zwei Museen.

Das Musée des Beaux-Arts zeigt italienische und französische Meister des 17. und 18. Jahrhunderts. Das Musée de Normandie präsentiert Archäologie und Brauchtum der Region. Von der Ringmauer mit mächtigen Bastionen bieten sich besonders abends stimmungsvolle Ausblicke.

Die ehemalige Abteikirche Saint-Étienne an der Place Louis-Guillouard aus dem 11. Jahrhundert ist ein Schmuckstück romanischer und frühgotischer Architektur und Grabstätte Wilhelm des Eroberers.

❤  Auf einer Müllhalde entstand 1994 der 17 Hektar große Parc Floral des Collines aux Oiseaux an der Avenue Amiral Mountbatten. Heute blühen hier mehr als 15000 Rosen.

Ouistreham

Die Pegasus-Klappbrücke von Bénouville. Foto: Hilke Maunder
Die Pegasus-Klappbrücke von Bénouville. Foto: Hilke Maunder

Westlich der Ornemündung erstreckt sich die Côte de Nacre (Perlmuttküste). Ihre weiten Strände gingen vor allem als Landeplätze der Alliierten im Juni 1944 in die Geschichte ein.

Am frühen Morgen des 6. Juni 1944 landeten die ersten alliierten Truppen in Ranville-Bénouville. Als erste französische Brücke wurde noch vor Mitternacht der Pont de Pegasus befreit – das Mémorial Pegasus erinnert daran.

Natur pur!

Heute gehören die Strände zwischen Ouistreham und der Pointe du Hoc wieder den Badegästen. Im Hafen von Ouistreham legen Fähren ins britische Portsmouth ab. Die Mündung der Orne ist heute eines der größten Naturschutzgebiete im Département Calvados. Im Spiel der Gezeiten verändern sie immer wieder ihr Gesicht.

Nahe der Pointe de Merville führen Wanderwege mit Infotafeln und Beobachtungshütten durch das Vogelschutzgebiet Le Gros Banc. Welch ein stiller, schöner Abschluss für eine Reise im Tal der Orne!

Die Perlmuttküste bei Ouistreham. Foto: Hilke Maunder
Feiner Sand und flache Dünen: die Perlmuttküste bei Ouistreham. Foto: Hilke Maunder

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Weiterlesen

Im Blog

Mehr zur Normannischen Schweiz erfährst Du hier.

Suisse Normande: die unbekannte Normandie

Die Perlmuttküste war zweimal Schauplatz der Weltgeschichte. Informier Dich hier.

Perlmuttküste: Weltgeschichte hautnah

Im Buch

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Steile Klippen und weite Sandstrände, bizarre Felslandschaften und verwunschene Wälder, romantische Fachwerkstädtchen und moderne Architektur – die Normandie hat unzählige Glücksorte zu bieten.

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