Das Paris-Syndrom

Fotoshooting am Eiffelturm: So romantisch sehen besonders Asiaten Paris. Foto: Hilke Maunder
Fotoshooting am Eiffelturm: So romantisch sehen besonders Asiaten Paris. Foto: Hilke Maunder

Das Paris-Syndrom kennen fast nur Japaner. Nur sie sind es, die beim Besuch der französischen Hauptstadt eine Art kulturellen Schock erleben und eine vorübergehende psychologische Störung entwickeln können. Ihre Symptome: Halluzinationen, Verwirrung, Paranoia, Angstzustände, Depressionen, Wahnvorstellungen und sogar physische Symptome wie Schwindel, Übelkeit und Herzrasen.

Clash der Kulturen

Wohl kaum eine Stadt ist so mit Klischees behaftet wie Paris. Und dies besonders in Japan, wo die Seine-Metropole als Welthauptstadt der Eleganz, Lebensart, Hochküche, Haute-Couture und besten Manieren und Umgangsformen gilt.

Doch dann erleben die rund 700.000 Japaner, die jährlich Paris besuchen, neben den berühmten Sehenswürdigkeiten, die ihren Erwartungen entsprechen, auch die Brüche einer Großstadt, die Unterschiede der Kulturen, den Schock zwischen Wirklichkeit und Ideal, zwischen Alltag und Traumwelt, Erwartungshaltung und Realität, die besonders intensiv von den japanischen Medien in Szene gesetzt wird.

Bereits in den 1990er Jahren stellte der japanische Psychiater Hiroaki Ota, der am Pariser Sainte-Anne-Krankenhaus viele seiner Landsleute behandelte, bei ihnen die Diagnose gestellt: Sie litten am „パリ症候群“ (Pari shōkōgun) bzw. Paris-Syndrom – mit psychosomatischen Störungen wie Angst, Schlafproblemen oder dem Gefühl, verfolgt zu werden.

Das Paris-Syndrom im Film

Das Krankheitsbild inspirierte sogleich die Künstler. 2007 drehte der japanische Regisseur Masahiro Kobayashi den Film „The Rebirth“. Der Film handelt von einem japanischen Künstler namens Kenji, der nach Paris reist, um Inspiration für seine Arbeit zu finden. Doch schon bald nach seiner Ankunft beginnt er, das Paris-Syndrom zu erleiden, und seine psychischen Probleme werden immer schlimmer.

Kenji fühlt sich von der Stadt und den Menschen entfremdet und verliert zunehmend den Kontakt zur Realität. Er beginnt, merkwürdige Träume und Halluzinationen zu haben und wird schließlich in eine psychiatrische Klinik eingeliefert. Dort versucht er, seine inneren Dämonen zu besiegen und sich selbst zu heilen.

„The Rebirth“ ist ein visuell beeindruckender und intensiver Film, der die psychologischen Auswirkungen des Paris-Syndroms auf eine künstlerische Weise darstellt. Der Film thematisiert auch Themen wie Identität, Kreativität und die Grenzen der menschlichen Wahrnehmung. Der Regisseur Masahiro Kobayashi, der selbst als Drehbuchautor und Schriftsteller tätig ist, hat den Film als persönliches Projekt bezeichnet, das auf seinen eigenen Erfahrungen und Beobachtungen beruht.

Der Film „Paris Syndrome“ von Sae Shimai aus dem Jahr 2008 basiert auf dem Buch „La folie japonaise: voyageurs dans leur propre pays“ von Jean-Luc Marty und den Erfahrungen des Psychiaters Hiroaki Ota, der japanische Touristen behandelt hat, die das Paris-Syndrom erlebt hatten.

Er erzählt die Geschichte von Yuko, einer jungen japanischen Frau, die nach Paris reist, um ihre Träume von der Stadt der Liebe und der Romantik zu verwirklichen. Doch schon bald nach ihrer Ankunft beginnt sie, sich von der Stadt und den Menschen entfremdet zu fühlen. Sie erlebt Halluzinationen und wird schließlich von Dr. Ichiro Irabu, einem Psychiater, behandelt, der ihr helfen soll, mit ihren psychischen Problemen umzugehen.

Der Film „Paris Syndrome“ untersucht die kulturellen Unterschiede zwischen Japan und Frankreich und die Schwierigkeiten, die japanische Touristen in Paris erleben können. Der Film zeigt auch die Auswirkungen des Paris-Syndroms auf die Psyche der Betroffenen und wie es zu ernsthaften psychischen Problemen führen kann.

Sae Shimai, die Regisseurin des Films, wollte mit dem Film das Bewusstsein für das Paris-Syndrom schärfen und zeigen, wie wichtig es ist, dass Touristen sich auf ihre Reisen vorbereiten und die kulturellen Unterschiede zwischen den Ländern verstehen. Der Film war ein großer Erfolg in Japan und wurde auf verschiedenen Filmfestivals weltweit gezeigt.

Das Paris-Syndrom in der Belletristik

Philippe Adam thematisierte es  2005 in seiner Novelle Le Syndrome de Paris ( éd. Inventaire-Invention).  Ebenfalls dieses Themas nahm sich 2014 der marokkanische Autor Tahir Shah an.

Der Roman „Homesick for Another World“ (2016) von Ottessa Moshfegh enthält eine Kurzgeschichte namens „A Better Place“, in der eine japanische Touristin in Paris das Paris-Syndrom erlebt. Die Geschichte handelt von einer einsamen Frau namens Yuki, die sich in Paris verirrt und von der Stadt desillusioniert wird.

Yuki ist enttäuscht von den unhöflichen Einheimischen, den schmutzigen Straßen und der Unfähigkeit, die Sprache zu verstehen. Sie beginnt, Halluzinationen zu erleben und wird schließlich von einem Psychiater behandelt, der das Paris-Syndrom diagnostiziert.

Paris Trance

Der amerikanische Schriftsteller Geoff Dyer greift das Paris-Syndrom in einem Essay mit dem Titel „Paris Trance“ auf, der erstmals 1998 veröffentlicht wurde. In dem Essay beschreibt Dyer seine Erfahrungen mit Paris und reflektiert über die kulturellen Unterschiede zwischen den USA und Frankreich.

Dyer beschreibt darin auch das Paris-Syndrom und seine Auswirkungen auf japanische Touristen, die von der Stadt und ihrer Kultur überfordert sind, und diskutiert die Gründe. Sind Erwartungen und Stereotypen, die durch Filme und Literatur geschaffen werden, daran schuld?

Der Essay „Paris Trance“ ist eine Mischung aus persönlichen Erfahrungen und literarischer Analyse. Dyer beschreibt Paris als eine Stadt, die für viele Menschen eine besondere Faszination ausübt, aber auch viele Fallstricke birgt. Sein Essay ist heute ein Klassiker der Reiseliteratur.

Das Paris-Syndrom in der Fotografie

Auch die Fotografen ließen sich vom Paris-Syndrom inspirieren. 2016 veröffentlichte der japanische Fotograf Kaoru Shibuta veröffentlichte seine Serie von Fotografien mit dem Titel „Paris Syndrome“. Shibutas Fotografien zeigen oft isolierte Figuren, die sich in der Stadt verloren fühlen und sich fragen, wie sie dorthin gekommen sind und was sie hier tun sollen.

Den gleichen Titel trägt eine Serie von Fotografien von Tatsuki Masaru. Seine Fotos fokussieren das Gefühl der Desorientierung und Überforderung, das viele japanische Touristen in Paris erfahren können.

Shibutas Serie hingegen bezieht sich eher auf die kulturellen Stereotypen und Erwartungen, die japanische Touristen mit sich bringen, wenn sie Paris besuchen. Seine Bilder zeigen oft Japaner in Situationen oder an Orten, die in der japanischen Vorstellung von Paris eine wichtige Rolle spielen, wie etwa die Champs-Élysées oder der Eiffelturm.

Eine weitere bekannte Fotografin, die das Thema in ihrer Arbeit aufgreift, ist Miyuki Okuyama. Sie veröffentlichte eine Serie von Fotografien mit dem Titel „Paris Blues“, die sich mit der Melancholie und Einsamkeit beschäftigen, die japanische Touristen in Paris erfahren können. Okuyamas Arbeit zeigt ein Paris jenseits der Klischees: verlassene Straßen, menschenleere Plätze und unheimliche Gassen.

So reagierte Paris

Die Reaktionen der Stadt Paris auf das Syndrom waren gemischt. Die Aufmerksamkeit, die das Syndrom auf die Erfahrungen japanischer Touristen in Paris lenkte, war eine willkommene Möglichkeit, den Tourismus aus Fernost weiter anzukurbeln.

Andererseits fürchtete Paris einen negativen Einfluss auf das Image der Stadt. Um die Schwierigkeiten abzubauen, die Japaner in einer westlichen Umgebung haben könnten, startete die Stadt mehrere Initiativen und Projekt. Gezielt auf Japaner ausgerichtete Reiseführer kamen auf den Markt. Schulungen zeigten Hotelmitarbeitern, wie sie besser auf die Bedürfnisse japanischer Gäste eingehen könnten.

Aufgeschreckt wurde besonders die Hotellerie der Luxusklasse. So gibt es nun im Hôtel George V auf Wunsch auch Pyjamas aus Japan-Baumwolle und grünen Tee aufs Zimmer.

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