Vom Regenwald zum Riff: wildes Martinique


Der 21 cm große, fast 700 g schwere Antillen-Ochsenfrosch schafft bis zu 90 Dezibel und ist damit lauter als ein Presslufthammer. Doch schlimmer sind die nur 2,5 Zentimeter großen Pfeiffrösche, die schwer zu sehen, aber unüberhörbar sind.

Sobald die Sonne hinter dem Horizont verschwunden ist, beginnen die „gounouy“ ihr abendliches Konzert. Nicht nur für Minuten, sondern bis zum Morgengrauen. Was so manchen Hotelgast zu Ohropax greifen lässt, vermissen die Martiniquaises auf ihren Reisen schmerzlich.

„Ist es draußen ruhig, kann ich nicht schlafen“, sagt Veronika Kuster Kudrna (50), die vor mehr als 20 Jahren der Schweiz den Rücken kehrte und seitdem als Reiseleiterin den Zauber von Martinique erklärt. Sie verrät, was den Minihüpfer so einzigartig macht: Er entwickelt sich nicht aus einer Kaulquappe, sondern schlüpft voll ausgebildet aus dem Ei.

Regenwald in allen Facetten

Das 30 x 80 km große Karibik-Eiland, das wie die große Schwester Guadeloupe als pays d’outre-mer administrativ zu Frankreich gehört, zeigt sich besonders in den Urwäldern der Montagne Pelée als tropisch-exotisches Naturjuwel. Zwischen Vorhängen der Würgefeigen, Baumfarnen und bis zu vier Meter hohen Weihnachtssternen leuchten große Bromelien und kleine Orchideen auf Baumveteranen, die sich hoch in den Himmel recken.

Dornen haken an Hosen, Ranken lassen meine Füße straucheln. Überall gluckert es, der Boden dampft. Näher zur Küste begleiten Gummibäume in Übergröße, purpurfarbener Ingwer, lila leuchtende Bougainvillea und rote Flammenbäume den Saumpfad im Hinterland von Grande-Rivière. „Île aux fleurs“, Blumeninsel, nennen die Einheimischen ihre Insel, und hier trügt der werbeträchtige Name nicht.

Was auf Martinique wie Unkraut wächst, macht jede Blumenboutique neidisch: rosa Porzellanrosen, knallrotes Blumenrohr, orangegelbe Hummerscheren und Papageienschnabel – ist die Fauna eher karg, präsentiert sich die Flora äußerst üppig.

Acomats Boucans (Sloanea caribaea), Bois Canon (Cecropia peltata), Balisiers (Helioconien), Guzmania (Bromeliengewächse), Laurier Fine (Ocotea alpina), Lianes (Lianen), Magnolias (Magnolien), Bois Rivière (Chimarrhis cymosa), Fougères Arborescentes (Baumfarne), Gommiers Blancs (Dacryodes excelsa), Lichens (Flechten) und Glouglous (Acrocomia aculeata) leuchten, wachsen und ranken dort zwischen Lianen, Baumfarnen und Urwaldriesen.

Näher der Küste findet ihr Lépineux Blanc (Zanthoxylum caribaeum-Rutacees), Pois Doux (Inga-Baum), Agouti (Ficus insipida, weiße Feige), Bois Côtelette (Miconia coriacea), Courbarils (Hymenaea courbaril), Bégonias (Begonien) – was für eine Vielfalt! Zu Füßen der Bäume als auch in ihren Wipfeln leben der Caféïette (Grauwaldsänger), die Chauves-Souris (Fledermäuse), die Grive à Pattes Jaunes (Gelbfußdrossel), der Martin-Pêcheur (Eisvogel) und das Perdrix Rouge (Rothuhn).

Giftige Riesen-Wespen…

Und eine Wespe in XXL, deren Stich mein persönlicher Gau wird: Schlimmer kann es nicht mehr werden, dachte ich, als es anfing zu brennen und der Finger dick anschwoll. Level 4, sagt der Schmidt Sting Pain Index über den Stich der Pepsis Formosa, die mit stattlichem Stachel und bis zu imposanten fünf (!) Zentimetern Körperlänge durch den Regenwald fliegt.

Dort macht sie  Jagd auf eine scheue Vogelspinne, die sich in Astgabeln, Rindenfurchen, Löchern und hinter Blättern versteckt: die Caribena versicolor, Martiniques „falscher Landkrebs“, der nachts aktiv wird. Bei Gefahr schleudert er dem Angreifer erst seinen Kot entgegen. Dann setzt er sich mit seinen Beißklauen zur Wehr.

Wie ein Ast sieht auf den ersten Blick das „Chouval Bondié“ (kreolisch) oder „Cheval Bon Dieu“ aus –  tatsächlich ist das „Gottespferd“ eine Stab- oder Gespenstschrecke. Und reinster Vegetarier. Anderes als Grünzeug frisst sie nicht.

… und die weltgrößten Käfer

Baumrinde ist das Lieblingsfutter der Larven, die im Regenwald von Martinique zu einem der größten Käfer der Welt heranwachsen: dem bis zu 18 cm langen „dynaste Hercule“ oder Herkuleskäfer, dessen zangenartigen Hörner allein Längen von mehr als 12 Zentimetern erreichen! Beim Kampf mit Rivalen wechselt er die Farbe seiner Deckflügel von olivgrün zu schwarz. Das heißt: Angriff. Und besser fliehen!

Doch auch er ist nachtaktiv und tags nicht zu sehen. Mit etwas Glück entdeckt ihr eher im Regenwald von Martinique die kleinste Schlange der Welt. Gerade mal höchstens 18 Zentimeter groß, ähnelt die Zweistreifen-Schlankblindschlange eher einem übergroßen Regenwurm.

Ganz schön giftig: der Trockenwald

Im Süden von Martinique und im Réserve Naturelle de la Caravelle in der Kommune Trinité dominiert trockener Küstenwald  mit Sandflächen und den Meertraubenbäumen, Birnbäumen mit megagroßen Blüten, Mandelbäumen und wilder Ananas (Glomeropitcairnia penduliflora), die sich zerlappt an Baumstände klammert. Als Tillandsia gibt es sie aus Asien in Mitteleuropa als Zimmerpflanze…

Weißgummibäume (Bursera simaruba), wie sie kleiner in den Fünfziger Jahren deutsche Wohnzimmer erobert haben, zeigen sich hier als riesige Kerle, und Trompetenbäume konkurrieren in der Üppigkeit ihrer Blüten.

Hier, wo der bedrohte grüne Leguan der Petites Antilles daheim ist und sich sogar in Städte und Siedlungen wagt, alles geradezu paradiesisch erscheint, solltet ihr besonders vorsichtig sein. Denn nichts ist so, wie es scheint. Besonders nicht neben den Ruinen des Château Dubuc auf der Caravelle-Halbinsel, wo dicht an dicht Mangos an uralten Bäumen baumeln und kleine, runde Früchte, die köstlich duften.

„Lecker“, denke ich, und will zugreifen. „Nein!“ ruft Thomas Alexandrine (31) entsetzt, der als Ranger und Umweltpolizist seit vier Jahren im regionalen Naturpark Caravelle arbeitet, und packt energisch meinen Arm. „Das ist der Apfel des Todes!“

Bereits Regen, die von seinen Blättern tropft, sorgt für Blasen und Verätzungen auf der Haut. Kommt Rauch beim Verbrennen in die Augen, erblindet man. Und wer die Frucht kostet, erleidet binnen Minuten einen qualvollen Tod. Der Manzanillo, auch Manichelbaum genannt, gehört zu den giftigsten Wolfsmilchgewächsen der Welt.

Mit bis zu vier Zentimeter hohen, spitzen Stacheln übersät ist der „Fromager“. 40 m hoch erhebt sich der wuchtige  aum im Landschaftspark der Habitation Clément, die als Stiftung heute das Kunstschaffen der Kreolen fördert. „Blood“ hat Thierry Alet karmesinrot in 2,50 m hohen Lettern die Geschichte des Baumes kommentiert. Wer versuchte, von der Plantage zu fliehen, den Aufseher verärgert oder heimlich lesen und schreiben gelernt hatte, wurde am Stamm festgezurrt. Langsam drangen das Gift der Dornen hinein – ein qualvoller, langsamer Tod.

Gejagt wird auf Martinique – trotz der Unterschutzstellung 1989 – auch das Manicou oder Südoppossum, das kaum größter als eine Katze ist. Wird es nicht gefangen, um Schlangen zu bekämpfen, landet der aktive Allesfresser meist im Kochtopf.

Küsten-Quartett: Fels & Sand, Mangroven & Riff

120 Strände mit einer Gesamtlänge von 50 Kilometern säumen die Küste von Martinique. An fast allen legen bis heute Meeresschildkröten ihre Eier in den Sand und hoffen auf Nachwuchs. Und das nicht nur eine Art, sondern auf Martinique gleich drei Arten der bedrohten Meeres-Echsen: die Tortue Imbriquée (Echte Karettschildkröte), die Tortue Verte (Suppenschildkröte) und die Tortue Luth (Lederschildkröte).

Wen ihr eine Schildkröte am Strand entdeckt: Haltet Abstand und benachrichtig die Polizei oder das Office National de la Chasse et de la Faune Sauvage über das Schildkrötennetzwerk, Tel. +596 696 234 235,
www.tortuesmarinesmartinique.org!

Im Labyrinth der Mangroven

Dort, wo Flüsse ins Meer münden, im Réserve Naturelle de la Caravelle und am Étang des Salines in der Kommune Sainte Anne, bilden Mangroven einen richtigen Wald zwischen Land und Meer. Algen, Muscheln, Krustentiere und Fische finden in ihrem Labyrinth aus Wurzeln Unterschlupf und Nahrung.

Überall gluckert sich, und Mücken surren in Millionen, nein, Milliarden, durch das dunkle Durcheinander, das die Roten Mangroven Rhizaphora mit ihren großen Bogenwurzeln, die schwarzen Mangroven Avicennia mit ihren Bleistiftwurzeln und die Mangles Médaille Pterocarpus gebildet haben.

Unzählige Reiherarten wie der Aigrette Bleue (Blaureiher), Aigrette Neigeuse (Schmuckreiher), Bihoreau Violacé (Krabbenreiher), Grand Héron (Kanadareiher), Grande Aigrette (Silberreiher), aber auch Canard des Bahamas (Bahamaente), Chevalier Semi Palmé (Schlammtreter), Didine (Goldwaldsänger) Échasse Blanche (Stelzenläufer) und Grand Chevalier à Pattes Jaunes (Kleiner Gelbschenkel) haben hier ein Rückzugsgebiet.

Wanderweg unter Wasser

Und weiter draußen, was lebt oder wächst versteckt unter den Wogen der beiden Meere, die an die Ufer branden? Seesterne, Seeigel, Schwämme, Schildkröten, Krabben und Korallen: Folgt dem Sentier Sous-Marin von François und entdeckt die Unterwasserwelt!

Offenlegung

Die Karibikinsel Martinique entdeckte ich auf einer Pressereise, die das staatliche französische Fremdenverkehrsamt ATOUT France, das CMT FRANCE-EUROPE und das COMITÉ MARTINIQUAIS DU TOURISME veranstaltet haben. Den Hotels und anderen Unterkünften, in denen ich wohnen durfte, den Restaurants und besuchten Orten und Stätten sagte ich herzlichen Dank für ihre Unterstützung.

Unglaublich kenntnisreich, hilfsbereit und herzlich war auch die Fremdenführerin Veronika Kuster Kudrna, die uns die gesamte Reise über begleitetet hat.  Auch ihr sage ich „merci“ und herzlichen Dank. Einfluss auf meine Blogberichte hat die Unterstützung meiner Reise nicht. Ich berichte subjektiv, wie ich es erlebt habe, mache kein Merchandising und werde erst recht nicht für meine Posts bezahlt.

Schickt mir eure Kommentare!