Roc d’Anglars: Kitzel an der Kante

Die Zufahrt zum Roc d'Anglars. Foto: Hilke Maunder
Die Zufahrt zum Roc d'Anglars. Foto: Hilke Maunder

Kalk und Kreide, zackig zerklüftet und 30 bis 80 Meter hoch: So hat der Aveyron, der zwischen Bruniquel und Saint-Antonin-Noble-Val mit den Gorges d’Aveyron spektakuläre Schluchten geschaffen hat, den Roc d’Anglars als imposante Kulisse ans Ufer gesetzt. Unbezwingbar steil. Es sei denn, man folgt dem Wanderweg PR 9 – und entdeckt dann auf dem Sentier du Finot das Hochplateau hinter der Klippe.

Die Tageswanderung

Die Abkürzung PR steht für Itinéraire de Promenade et de Randonnée und markiert in Frankreich lokale Wanderwege. Die 15 Kilometer lange Tour, für die man sich einen Tag Zeit lassen sollte, beginnt bei den kostenlosen Parkplätzen an der Brücke der D 19 über den Aveyron.

Durch alten Eichenwald geht es auf dem gelb markierten PR 9-Wanderweg im schattigen Wald über fester Erde, Wurzeln und Kies, der bei feuchtem Wetter recht rutschig ist, hinauf zur Steilkante.

Adrenalinkicks am Fels

Dort nutzen Drachen- und Gleitschirmflieger die gute Thermik und heben in 340 Meter Höhe über dem Meeresspiegel vom Startplatz La Bicyclette zu aussichtsreichen Flügen über die Schlucht ab, ehe sie auf 130 Meter Höhe auf dem Landeplatz Marsac niedergehen.

Neben ihrer Startrampe, einem kleinen Betonquadrat, sind Stahlhaken im Fels verankert. 170 Kletterstrecken in den Schwierigkeitsgraden 5b bis 8a, darunter auch eine Via Ferrata.

Wer dort klettern will, verpflichtet sich, die charte de bonnes pratiques einzuhalten. Lokale Kletterclubs, der nationale Kletterverband FFME und die Départements Tarn und Tarn-et-Garonne haben sie gemeinsam mit der Ligue pour la Protection des Oiseaux du Tarn 2012 beschlossen.

Nervenkitzel an der Steilkante. Foto: Hilke Maunder
Nervenkitzel an der Steilkante. Foto: Hilke Maunder

Vögel beobachten!

Vom 15. Januar bis 15. März ist das Klettern dort tabu. Denn dann nisten dort zahlreiche Vogelarten, von denen einige gefährdet oder sogar vom Aussterben sind. Zu ihnen gehörten auch der Wanderfalke ( faucon pèlerin ) und die Waldohreule ( grand-duc d’Europe ), die einst nahezu verschwunden waren in den Schluchten. Heute ist ihr Bestand auf niedrigem Niveau gesichert.

Ebenfalls in den Felsen heimisch sind Mauersegler mit weißem Bauch ( martinet à ventre blanc ), der Kolkrabe ( grand corbeau ), die Turmdohle ( choucas de tours ), die Felsenschwalbe ( colombin hirondelle des rochers ), der Hausrotschwanz ( rougequeue noir ), die Alpenbraunelle ( accenteur alpin ) sowie Feld- und Steinsperlinge ( tichodrome échelette bzw. moineau soulcie ).

Ursprüngliche Natur

Nicht nur die Vogelwelt ist erstaunlich. Im Frühjahr blühen dort, wo es feucht genug ist, unzählige Orchideen, darunter Knabenkraut in vielen Arten, Schnepfen-Ragwurz und Pyramiden-Hundswurz. Jenseits der Klippen haben Buchsbaum und stacheliger Strauch den Kalk erobert, ehe dieser Streifen Platz macht einem Stangenwald aus schlanken Eichen, die über und über mit grünem Moos und hellgrauen Flechten überzogen sind.

Bis an das Tal der Vère erstreckt sich so, immer wieder von Freiflächen, Koppeln und Wiesen durchzogen, die Forêt de Grésigne auf dem Hochplateau Causse d’Anglars. Die dortige Landschaft erschließt der Sentier du Lou Finot. Er lässt sich gut mit dem Aufstieg zum Plateau verbinden.

Wege-Kombi

Die kombinierte Tour ergibt eine sehr abwechslungsreiche Tagestour von 15 Kilometern Länge, die mit einem Anstieg beginnt, aber dann nahezu ebenerdig verläuft – und mit einem entspannten Abstieg zurück nach Saint-Antonin-Noble-Val endet.

Der Auf- und Abstieg zum Roc d’Anglars ist acht Kilometer lang. Die Lou-Finot-Runde misst allein knapp sieben Kilometer. Wer nur die Lou-Finot-Runde wandern will, stellt sein Fahrzeug am kleinen markierten Parkplatz an der D 19 ab.

Doch dann verpasst er die grandiosen Ausblicke vom Roc d’Anglars über die Schluchten des Aveyron und hinab auf das kleine Städtchen Saint-Antonin-Noble-Val, das sich auf dem geführten Chemin du Patrimoine entdecken lässt.

Tief im Tal des Aveyron: Saint-Antonin-Noble-Val. Foto: Hilke Maunder
Tief im Tal des Aveyron: Saint-Antonin-Noble-Val. Foto: Hilke Maunder

Roc d’Anglars: meine Reise-Info

Hinkommen

Der Roc d’Anglars ist Teil der westlichen Klippen, die der Aveyron bei Saint-Antonin-Noble-Val im Département Tarn-et-Garonne in den Kalk gefräst hat.

Wer nicht ab Saint-Antoninin-Noble-Val loswandert, fährt im eigenen Fahrzeug auf der D 19 den Steilhang hinauf zum causse. Dort, wo die Kante des Hochplateaus erreicht ist, zweigt rechter Hand eine kleine, asphaltierte Straße ohne Nummerierung ab.

Sie folgt der Steilstufe und erreicht nach 1,5 Kilometern den sandigen Parkplatz am Roc d’Anglars. Der Wanderparkplatz für den Sentier Lou Finot liegt an der D 19.

Schlemmen & genießen

Bar-Restaurant Le Gazpacho

Die Einheimischen schätzen das einfache Restaurant für seine guten Fleischsorten.
• 25, Avenue du Dr Paul Benet, 82140 Saint-Antonin-Noble-Val, Tel. 05 63 30 63 85, www.facebook.com/Legazpacho

Guinguette de la Plage

Der Sommertreff mit kleinem Strand am frischem Fluss, Live-Musik und kühlem Bier.
• Chemin de la Plage, 82140 Saint-Antonin-Noble-Val, Tel. 05 63 30 64 32, www.facebook.com/RestaurantGuinguetteConcertsSaintAntonin

Café de la Halle

Das Marktcafé ist der beste Platz, um in die Atmosphäre der kleinen Stadt einzutauchen.
• 9, Place de la Halle, 82140 Saint-Antonin-Noble-Val, Tel. 09 65 36 82 50, www.facebook.com

Schlafen

Auberge Lion d’Or

In diesem alten Gasthaus aus dem 17. Jahrhundert, das man – wie die Fassade verrät – nur zu Fuß oder hoch zu Pferde betrat – bleibt heute die Küche kalt. Stattdessen locken fünf gemütliche Gästezimmer im Herzen der Altstadt. Und ein stiller, kleiner Garten mit Blick auf den Roc d’Anglars.
• 8, Rue Basse des Carmes, 82140 Saint-Antonin-Noble-Val, Tel. 05 63 68 18 90, www.facebook.com/aubergeliondor

Le Cheval Blanc

In einer wunderschön restaurierten Auberge aus dem 16. Jahrhundert haben Nathalie und Peter ein gemütlich-edles Bed & Breakfast mit drei Zimmern und extrabreiten Kingsize-Betten eingerichtet, die bei Bedarf in zwei Einzelbetten verwandelt werden können.

Aus der Küche kommen zum Frühstück und zum Drei-Gänge-Menü am Abend nur vegetarische und vegane Gerichte. Eine vegane Koch-Schule verrät Kniffs und Tipps beim Kochen ohne Fleisch.
• 3, Rue Droite, 82140 Saint-Antonin-Noble-Val, Tel. 05 63 02 23 88, www.lechevalblanc.net

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