Saint-Gervais-sur-Mare: stein-reiches Pilgerdorf

Saint-Gervais-sur-Mare. Foto: Hilke Maunder
Saint-Gervais-sur-Mare. Foto: Hilke Maunder

Saint-Gervais-sur-Mare ist eines dieser Dörfer im Hérault, die fernab der Küste die Muße und Ursprünglichkeit von la France profonde bewahrt hat. Ursprünglich, authentisch und im Rhythmus der Natur.

Pilger wandern durch das Dorf. Neo-Rurale bleiben und vollenden dank Internet und E-Commerce jenen Traum vom Leben auf dem Lande, den John Seymours Bücher begründeten. Und alle, die sich für Steine und Fossilien interessieren, entdecken ein geologisches Paradies.

Naturstein allerorten: Die örtlichen Steine sind das vorherrschende Baumaterial in der Altstadt von Saint-Gervais-sur-Mare. Foto: Hilke Maunder

Le Midi ganz authentisch

Im Winter ist das Klima rau, und der Schnee bedeckt die Natur mit einem glitzernden, eiskalten Mantel, der unter dem Licht der mediterranen Sonne schmilzt. Sobald es wärmer wird, erfüllt das Zirpen der Zikaden die Luft und begleiten die Fahrt auf malerischen Straßen, die die Schieferhänge ringsum erklimmen.

Am <em>Casselouvre</em>. Foto: Hilke Maunder
Am Casselouvre. Foto: Hilke Maunder

Grandioser Weitblick

Dann ragt auch im Norden von Saint-Gervais-sur-Mare auf einem Grat ein Burg-Dorf auf, das im 15. Jahrhundert verlassen wurde: Neyran. Sein Wahrzeichen ist die Ruine seines Glockenturms.

Im Westen erhebt sich aus altem Gneis das Massiv von Espinouse, das am Sommet d’Espinouse 1124 Meter hoch aufragt. Sein Kamm bildet die Wasserscheide zwischen Atlantik und Mittelmeer und offeriert einen grandiosen Weitblick vom Mittelmeer bis zu den Pyrenäen.

Die Pilger- und Wanderwege sind sehr gut beschildert rund um Saint-Gervais-sur-Mare. Foto: Hilke Maunder
Die Pilger- und Wanderwege sind sehr gut beschildert rund um Saint-Gervais-sur-Mare. Foto: Hilke Maunder

Pilgerdorf an der Via Tolosana

Mitten durch den alten Pilgerort, der südlich der Mare liegt, plätschert der Casselouvre. Er trennt das mittelalterliche Dorf an der Via Tolosana in zwei Teile und insgesamt vier quartiers.

Der älteste Bereich heißt Le Pioch erstreckt sich als Labyrinth steiler Kopfsteingassen und Treppenwege am rechten Ufer zwischen der Pfarrkirche und den Ruinen der Burg.

Wer über die Pässe Treize Vents oder Pierre Plantée nach Saint-Gervais sur Ma ankommen, erreicht den Barri d’amoun. Am linken Ufer des Casselouvre umgibt das Quai-Viertel den Hauptplatz des Dorfes. Jenseits des Casselouvre liegt auch der Barri d’en bas, der untere Vorort.

Der Eingang zur Pfarrkirche befindet sich außerhalb der Mauern des alten <em>bourg</em>. Foto: Hilke Maunder
Der Eingang zur Pfarrkirche Église Saint-Gervais-Saint-Protais befindet sich außerhalb der Mauern des alten bourg. Foto: Hilke Maunder

Charmante Weiler

In Castanet-le-Bas wurde die Glockenmanufaktur Granier gegründet. Das Gießereigebäude am Flussufer erscheint in der Wegbiegung nach Verlassen des Weilers, wenn man aus Saint-Gervais-sur-Mare kommt. Rongas liegt stromabwärts von Saint-Gervais-sur-Mare am Ufer der Mare. Über den Weiler wacht die Église Saint Maurice am Rand der Straße.

Ebenfalls zur Kommune gehört Les Nières. Er ist der höchste der Weiler und liegt am Rande eines Steinbruchs, aus dem ein heller Bausandstein gewonnen wurde, der sich von den dunklen Tonschiefern des Tals abhebt.  Ein Labyrinth aus Gassen, Gewölben und Treppen prägt den Ort, in dem einst auch Nägel und Kuhglocken hergestellt wurden.

Mècle ist mit zehn ständigen Einwohner der kleinste Ortsteil von Saint-Gervais-sur Mare, Schafzüchter und Bauern lebten einst hier am Fuße des Mont Marcou. Hinauf zum 1.090 Meter hohen Gipfel führt ein wunderschöner Wanderweg. Die Weitsicht von dort oben ist fantastisch!

Pilgerziel: die Église Saint-Gervais-Saint-Protais

Mitten durch Saint-Gervais-sur-Mare führt die Via Tolosana als einer der „Wege der Jakobspilger in Frankreich“. Seit 1998 gehören die Pilgerpfade zum Welterbe und sind eingebunden in das Netzwerk der Grandes Randonnées (GR), der Fernwanderwege kreuz und quer durch Frankreich.

Die Église Saint-Gervais-Saint-Protais ist Pflichtstopp der Wanderer, die auf der Via Tolosana bzw. dem Weiterwanderweg GR 653 unterwegs sind. Der älteste Teil der romanischen Kirche ist ihr zweistöckiger Glockenturm. Sein Bau begann im 11. Jahrhundert. 1288 wurde er eingeweiht. Mehrmals wurde er seitdem zerstört und wieder aufgebaut.

Von der einstigen Burg ist der Kirchturm der Pfarrkirche zu sehen. Foto: Hilke Maunder
Von der einstigen Burg ist der Kirchturm der Pfarrkirche am besten zu sehen. Foto: Hilke Maunder

Im 14. Jahrhundert wurde er daraufhin befestigt und mit Schaluppen versehen. Auch nach den Religionskriegen im 16. Jahrhundert wurde er wieder aufgebaut. Seine Ecken des Turms sind aus behauenem Sandstein. Die Wände indes bestehen aus grob behauenem Schiefer.

In der Pfarrkirche Saint-Étienne. Foto: Hilke Maunder
In der Pfarrkirche. Foto: Hilke Maunder

Die Pfarrkirche besitzt ein Tonnengewölbe, das auf Doppelsäulen ruht. Im Inneren befinden sich eine romantische Orgel, eine neogotische Kapelle auf der rechten Seite des Kirchenschiffs sowie Möbel aus dem 19. Jahrhundert. Statuen zeigen Jeanne d’Arc, den Pfarrer von Ars und die Pariser Basilika Sacré Cœur.

Tipp: Weihnachtszauber

Die Weihnachtskrippe von Saint-Gervais-sur-Mare könnt ihr vom 10. Dezember bis zum 6. Februar (La chandeleur) alljährlich in der Chapelle des Pénitents Blanc bewundern. Bei Einwurf von einem Euro wird sie beleuchtet. Das so eingesammelte Geld wird der Fondation du Patrimoine zugeführt, um dringende Restaurierungsarbeiten in der Kapelle zu finanzieren.Dazu gehört auch der Altar der Weißbüßerkapelle aus dem 17. Jahrhundert.

Der Altar und die reservierten Sitze der Ratsherren. Foto: Hilke Maunder
Der Altar und die reservierten Sitze der Ratsherren. Foto: Hilke Maunder
Das Kirchenschiff gen Westen. Foto: Hilke Maunder
Das Kirchenschiff gen Westen. Foto: Hilke Maunder

Fassroller und Nagelschmieden

Viele Jahrhunderte lang war Saint-Gervais ein wichtiges Zentrum für den Weinbau des Hérault. Damals fertigten 160 cercliers aus den jungen Stämmen der Kastanienbäume jene hölzernen Ringe, die über die Fässer gezogen wurden, um sie zu rollen. Diese Aufgaben übernahmen die barrouls. Jene Fassroller waren nicht nur Männer, sondern oft auch Frauen.

Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs erfüllt das Hämmern der cloutiers die alten Gassen. Vom Hufnagel über den Zimmermannsnagel bis zum großköpfigen Ziernagel, der bis heute die alten Türen ziert, hatten einst Nagelschmiede in Saint-Gervais-sur Mare alle Arten von Nägeln hergestellt.

Im alten <em>bourg</em> von Saint-Gervais-sur-Mare. Foto: Hilke Maunder
Im alten bourg von Saint-Gervais-sur-Mare. Foto: Hilke Maunder

Kohle, Silber und sogar Gold

Am Ende der 1980er-Jahre war auch für den Kohlebergbau Schluss. Einzig die Schlackenhalden, heute begrünte Hügel, erinnern heute daran, dass neben der Kohle auch Eisen und Blei, Kupfer, Zink und Phosphat gewonnen wurden in Saint-Gervais-sur-Mare. Es gab Kalköfen, Kachelwerke und Marmorbrüche. Selbst Bauxit, Baryt und sogar Gold, Silber und Uran wurden einst hier abgebaut.

Detail einer Tür am <em<vieux bourg</em>. Foto: Hilke Maunder
Detail einer Tür. Foto: Hilke Maunder

Auch das Geologiemuseum ist inzwischen geschlossen. Doch die Geologie stören so kurze Zeiten kaum. Sie ist bis heute hier so einzigartig reich wie selten in Frankreich. Fast alle geologischen Stufen sind bei Saint-Gervais-sur-Mare vertreten. Fast alle Gesteinsarten – Eruptivgestein wie Metamorphite – lassen sich rund um das Dorf sammeln.

Paradies für Fossiliensammler

Und Fossilien: Trilobiten, die vom Kambrium bis zum Massensterben im Perm die Meere bevölkerten, urzeitliche Weichtiere und prähistorische Farne – 500 bis 600 Millionen Jahre der Erdgeschichte erzählt das Département Hérault zwischen dem Massif Central und dem Mittelmeer.

Der einstige Wehrgang des <em>château</em>. Foto: Hilke Maunder
Der einstige Wehrgang des château. Foto: Hilke Maunder

Allein 250 Millionen Jahre lang wuchsen die Ablagerungen des Urmeeres rund um Saint-Gervais. Die hercynischen Faltung ließ das Hérault-Gebirge entstehen und veränderte dabei die Ablagerungen in der Tiefe.

Aus Ton wurde Schiefer, aus Kalkstein Marmor. Granit und Gneise gesellten sich zu ihnen und sorgten für jene sauren Böden, die der Steineiche nichts ausmachen und die Kastanie liebt. Beide sind ständige Begleiter beim Wandern und Staunen in den Bergen von Saint-Gervais-sur-Mare.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Saint-Gervais-sur-Mare: meine Reise-Tipps

Hinkommen

Saint-Gervais-sur-Mare erstreckt südlich des Flusses Mare im Massiv der Monts de l’Espinouse im Norden des Départements Hérault nahe der Grenze zu Aveyron und Tarn im Herzen des Parc Naturel Régional du Haut-Languedoc. Der Casselouvre fließt mitten durch den Pilgerort an der Via Tolosana.
www.stgervaissurmare.fr

Auto

Von der Landeshauptstadt Béziers, 50 Kilometer südöstlich, führt die D 909, die später D 909 heißt, nach Saint-Gervais-sur-Mare.

Bahn

Der Bahnhof von Saint-Gervais ist der Gendarmerie gewichen. Der nächstgelegene Bahnhof befindet sich heute im 19 Kilometer entfernten Bédarieux.

Ansehen & informieren

Maison cévenole

Das 1976 als Maison du Parc naturel régional du Haut-Languedoc gegründete Maison cévenole des A.T.P. betreibt seit 40 Jahren das Heimatmuseum und einen touristischen Service. Das Museum entstand dank Spenden der Einwohner. Die Sammlung zeigt im ersten Saal  typische Einrichtungsgegenstände eines Hauses vor einem Jahrhunder sowie drei Berufe, die bis Anfang des 20. Jahrhunderts viele Bewohner des oberen Mare-Talel ernährten: Reifenhaken, Nagelmacher und Kuhglockenmacher. Der zweite Raum präsentiert das Bauerbe: die vorromanische Kapelle Saint Laurent de Fereirolles und das Castrum (befestigte Burg) von Neyran. Imm dritten Raum werden gelegendlich Sonderausstellungen gezeigt.
• 12, rue du Pont, Tel. 04 67 23 68 88, https://stgervaissurmare.fr

Schlemmen & genießen

Café-Brasserie Le Sant-Gervais

Vom Frühstück bis zur Nacht: Gérald Gras‘ Ecklokal ist eine Institution. Zu essen gibt es typische Kneipen-Klassiker wie Croque Monsieur, Huhn mit Pommes-Frites oder planches, Platten mit Käse oder Schlachtwaren zum Teilen.
• 4, place de l’église, 34610 Saint Gervais-sur-Mare, Tel. 04 67 23 61 98, www.lesaintgervais.fr

L’Echo des Sources

„Das Echo der Quellen“ hat Christine Carrière ihren Biohof genannt, auf dem sie Hühner und Forellen züchtet, Gäste mit köstlicher Naturküche bewirtet – und im Sommer Live-Konzerte und andere Events veranstaltet.
• 2, route de Castanet-le-Bas, 34610 Saint Gervais-sur-Mare, Tel.04 67 23 65, www.facebook.com

Schlafen

La Bruyère

Die vier günstigen Gästezimmer bei Brigitte Trapp sind klein und gemütlich: eine charmante Unterkunft mit einer sympathischen Gastgeberin.
• 5, rue de la Marianne, 34610 Saint-Gervais-sur-Mare, Tel. 04 67 23 97 91, www.la-bruyere.net

Noch mehr Betten*
Booking.com

Die Place des Quais von Saint-Gervais-sur-Mare. Foto: Hilke Maunder
Die Place des Quais von Saint-Gervais-sur-Mare. Foto: Hilke Maunder

Gefällt Dir der Beitrag? Dann sag merci mit einem virtuellen Trinkgeld.
Denn nervige Banner oder sonstige Werbung sind für mich tabu.
Ich setze auf Follower Power. So, wie Wikipedia das freie Wissen finanziert.

Unterstütze den Blog mit Deiner Spende. Per Banküberweisung. Oder via PayPal.

Weiterlesen

Im Blog

Mitten im Winter balzen die Steinadler im regionalen Naturpark des Haut-Languedoc. Im Januar könnt ihr das Werben um die lebenslange Partnerin bei den Falaises d’Orque beobachten. Ein Portrait der besonderen Felsen.

Les Falaises d’Orque: beim Steinadler

im Buch

Okzitanien abseits GeheimtippsOkzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Noch mehr Reisetipps aus Okzitanien findet ihr in diesem Taschenbuch aus meiner zweiten Heimat. Für mich ist die zweitgrößte Region Frankreichs die Quintessenz des Südens Frankreichs. Sie beginnt an den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt.

Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte. Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

* Durch den Kauf über den Partner-Link, den ein Sternchen markiert, kannst Du diesen Blog unterstützen und werbefrei halten. Für Dich entstehen keine Mehrkosten. Ganz herzlichen Dank – merci !

Merci fürs Teilen!

2 Kommentare

  1. Wieder ein Highlight im Südwesten.Super wäre eine Karte auf der die bisher vorgestellten Orte verzeichnet sind,am besten gleich hinterlegt mit einem Link zum veröffentlichen Artikel.
    Ein gutes gesegnetes Neues Jahr mit vielen neuen Erfahrungen.
    Liebe Grüße Uwe

    • Hallo Uwe, die Karte gibt es – auf der Startseite von Meinfrankreich.com – mit Links zu allen Beiträgen. Da sie langsam unübersichtlich wird, bitte zoomen. Ich freue mich über jeden Tipp, der sie als WordPress-Experte schöner gestalten könnte, sprich, die Regionen zusammenfassen könnte mit Unterkarten. Doch jetzt erst einmal: frohes Stöbern. Viele Grüße! Hilke

Kommentar hinterlassen

E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.