Saint-Trojan-les-Bains: der Kai der Künstler


Die Plage de Gatseau auf der Île d'Oléron

Die Plage de Gatseau auf der Île d’Oléron

Schließt die Augen und träumt euch auf die Île d’Oléron, hin in den Süden der Insel im Südwesten von Frankreich. Lichte Kiefernwälder, die würzig duften. Sanfte Dünen, hinter denen sich feine, goldgelbe Strände erstrecken, weit und einsam. Sanft laufen die Atlantikwellen aus. In der Ferne arbeiten einige Männer in hohen Wathosen an Austernbänken.

Austernfischerei an der Plage de Gatseau

Austernfischerei an der Plage de Gatseau

Lauter ganz unterschiedliche Stimmungen, Landschaften und Stätten, geballt auf einem Fleckchen Erde im Süden der Insel: Saint-Trojan-les-Bains. Zum kleinen Badeort mit stattlichen Villen an der nagelneuen Promenade gehören auch einige kleine, dörfliche Weilern mit niedrigen Häusern, die heute häufig Zweitwohnsitz sind oder Ferienwohnungen bergen.

Die Promenade von Saint-Trojan-les-Bains

Die Promenade von Saint-Trojan-les-Bains

In der Ferne arbeiten einige Männer in hohen Wathosen an Austernbänken. Jetzt haben sie auch den letzten Metallsack vom Austerntisch gelöst und auf den Frachter geworfen. Dicht unter Land tuckern sie auf ihrem kastigen Metallkahn zurück in den kleinen Hafen von Saint-Trojan-les-Bains. Hafen ist vielleicht zu hoch gegriffen für den Stichkanal mit Blick auf die mautfreie Brücke, die die Insel mit dem Festland bei Rochefort an der Mündung der Charente verbindet.

Der Austernfischerhafen von Saint-Trojan-les-Bains

Der Austernfischerhafen von Saint-Trojan-les-Bains

Jetzt ist Ebbe, und die Boote der Austernfische offenbaren auf dem Schlick ihren Unterboden, an dem Wasserpflanzen und Meeresfrüchte sich festgeklammert haben.

Frankreichs größte Austernzucht

Vor windschiefen, wettergegerbten Hütten aus Holz sind ordentlich die grobmaschigen Metallsäcke gestapelt, in denen die Austern monatelang im Meer reifen. Einige sind Ihre Schalen leuchten hell und scharfkantig überall auf: nicht nur im Eimer, sondern auch auf den Wegen, im Gras, im Schlick, überall. Der modrige Duft von Fisch und Schlick vermischt sich mit der salzigen Brise.

In diesen Metallsäcken reifen die Austern heran.

Doch dann stutze ich, staune ich, halte und steige aus. Denn zwischen der Hüttenreihe der Austernfischer hatte ich auch knallbunte „cabanes“ entdeckt. Bepackt mit Kamera & Co., nähere ich mich ihnen. Doch das kommt schon ein älterer Mann auf mich zu. „Bonjour!“. Er nickt kurz und kommt gleich zur Sache:  „Sind Sie auch von der Presse? Le Point war schon da. Meine Hütte ist auf dem Cover!“

Austernfischer auf Oléron im Gespräch mit der Journalistin Hilke Maunder

Auch dieser Monsieur war Austernfischer. Er liebte seinen Beruf, ist aber froh, dass seine Kinder andere, „sicherere“ Beruf haben.

Monsieur wartet meine Antwort nicht erst ab, sondern legt los. Im breitesten Insel-Dialekt erzählt er sein Leben, von den Sorgen der Fischer, vom Zustand der Welt. Philosophie am Kai – und Zeitzeuge eines Wandels, den ich auch anderenorts auf der Insel bemerkt habe. Die traditionelle Austernfischerei verabschiedet sich. Oléron-Marennes, mit rund 6.000 ha Frankreichs größtes Austernzuchtgebiet, steht vor einem tiefgreifenden Wandel.

Die große Konzentration

War die ostréiculture früher fest in der Hand der Familien, die an den geeigneten der Insel lebten, und sich mitunter in Genossenschaften zusammen taten, hat seit der Jahrtausendwende eine rasante Konzentration begonnen.

Immer stärker prägen Großbetrieben die Austernzucht im Gesamtgebiet von Charente-Maritime Seit 2003 ist dort die Zahl der Züchter um rund 40 Prozent auf rund 550 Betriebe gesunken. Tendenz: weiter sinkend. Je nach Saison werden 40.-60. 000 Austern in vier Sorten geerntet.

Ebbe im Hafenkanal von Saint-Trojan-les-Bains

Ebbe im Hafenkanal von Saint-Trojan-les-Bains

„Als ich anfing, waren wir noch 60 Austernfischer in Saint-Trojan-les-Bains“, sagt Monsieur. „Heute sind es noch drei – und von einem weiß ich, dass er auch aufhören will.“ Nicht mehr genutzt, wurden erste Hütten baufällig und stürzten ein. Die Natur erobert sich das Terrain zurück.

Oléron: Saint Trojan, Künstlerhütten

Die einstigen Hütten der Austernfischer haben sich in Ausstellungsräume für Künstler verwandelt.

In anderen Hütten wird gehämmert, gelackt und genagelt. Zwischen Dachbalken voller Spinnweben stehen Werkbänke. Alte Bettlaken decken Möbel und Schränke ab. Der einstigen Austernhafen wandelt sich zum Künstlerdorf. Zum Jahreswechsel 2016 erwachte er als Le Village d’Inspiration des Peintres.

Künstlerdorf am Kai

Seitdem hat hier rund ein Dutzend Künstler Werkstätten, Ateliers und Galerien eröffnet. April/Mai beginnt die Saison, Ende September schließt die letzte Ausstellung. Während der Saison bereichern Workshops für Kinder und Erwachsene das Programm. Einige Künstler sind jedes Jahr dabei, einige nur für eine Saison oder Ausstellung. So bleibt es spannend und könnt ihr jedes Jahr etwas Neues entdecken.

Caroline Minassian mit einem Lieblingsstück

Caroline Minassian mit einem Lieblingsstück

Immer mit dabei ist Caroline Minassian, die in Charente-Maritime daheim ist. In ihrer Galerie zeigt sie emaillierte Terrakotta. Mal als Unikate, reduziert auf Form und Farbe wie bei Matisse, dann als Traumwesen und Tiere, entsprungen der Mythologie, fremd wie Märchen. Klänge aus dem Unterbewussten, eingefangen in Keramik.

Die Galerie von Caroline Minassian in Saint-Trojan-les-Bains

Die Galerie von Caroline Minassian

Nur für einen Sommer kommt Gabrielle Hollensett ins Künstlerdorf und stellt ihre abstrakten, farbigen Gemälde in der Cabane de Francis aus, wo ihr zum Ende der Saison 2018 auch Brigitte Lambourg aus dem Umland von Nantes entdecken könnt. Arbeiten rund um das Meer, den Strand und das Segeln stellt Fabio aus – ihr findet ihn in der Cabane Bleu, der blauen Hütte. Und längst ist die Kunst den Spuren der Austern gefolgt und ist ins Wasser gegangen, wie diese Skulptur im Bassin de Chasse verrät…

Kunst im See: Saint-Trojan-les-Bains