Île d'Oléron: In Saint-Trojan-les-Bains_stellt auch Caroline Minassian in den einstigen Hütten der Austernfischer ihre Arbeiten aus. Foto: Hilke Maunder
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Saint-Trojan-les-Bains: der Kai der Künstler

Schließt die Augen und träumt euch auf die Île d’Oléron, hin in den Süden der Insel im Südwesten von Frankreich. Lichte Kiefernwälder, die würzig duften. Sanfte Dünen, hinter denen sich feine, goldgelbe Strände erstrecken, weit und einsam. Sanft laufen die Atlantikwellen aus. Ein Flachbodenboot ruht am Flutsaum. Neben ihm ragen Austerntische auf.  Weltberühmte Meeresfrüchte reifen dort.

Île d'Oléron: An der Plage Gatseau im Süden der Insel holen die Fischer die Austern an Land. Foto: Hilke Maunder
Die Promenade von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

Lauter ganz unterschiedliche Stimmungen, Landschaften und Stätten, geballt auf einem Fleckchen Erde im Süden der Insel: Saint-Trojan-les-Bains.

Zum kleinen Badeort mit stattlichen Villen an der Promenade gehören auch einige kleine, dörfliche Weiler mit niedrigen Häusern, die heute häufig Zweitwohnsitz sind oder Ferienwohnungen bergen.

Alljährlich im Februar feiert das Städtchen seit 1950  goldgelbe Blüten mit berauschendem Duft, die im 19. Jahrhundert auf die Insel kamen: Mimosen.

Île d'Oléron: Die Promenade von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Die Promenade von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

Das ganze Jahr hindurch hat die ostréiculture Saison. In der Ferne arbeiten einige Männer in hohen Wathosen an Austernbänken. Jetzt haben sie auch den letzten Metallsack vom Austerntisch gelöst und auf den Frachter geworfen.

Île d'Oléron: Reiche Ernte: Frisch geerntete Austern an der Plage Gatseau. Foto: Hilke Maunder
An der Plage Gatseau aus dem Meer geholt: frisch geerntete Austern. Foto: Hilke Maunder

Dicht unter Land tuckern sie auf ihrem kastigen Metallkahn zurück in den kleinen Hafen von Saint-Trojan-les-Bains. Hafen ist vielleicht zu hoch gegriffen für den Stichkanal mit Blick auf die mautfreie Brücke, die die Insel mit dem Festland bei Rochefort an der Mündung der Charente verbindet.

Jetzt ist Ebbe, und die Boote der Austernfische offenbaren auf dem Schlick ihren Unterboden, an dem Wasserpflanzen und Meeresfrüchte sich festgeklammert haben.

Île d'Oléron: Ebbe im Austernhafen Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Île d’Oléron: Ebbe im Austernhafen Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

Frankreichs größte Austernzucht

Vor windschiefen, wettergegerbten Hütten aus Holz sind ordentlich die grobmaschigen Metallsäcke gestapelt, in denen die Austern monatelang im Meer reifen. Ihre Schalen leuchten hell und scharfkantig überall auf: nicht nur im Eimer, sondern auch auf den Wegen, im Gras, im Schlick, überall. Der modrige Duft von Fisch und Schlick vermischt sich mit der salzigen Brise.

Île d'Oléron: Austernhütten am kleinen Hafen von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Austernhütten am kleinen Hafen von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

Doch dann stutze ich, staune ich, halte und steige aus. Denn zwischen der Hüttenreihe der Austernfischer hatte ich auch knallbunte cabanes entdeckt. Sie wecken meine Neugier.

Île d'Oléron: Austernsäcke lagern vor den Hütten am Hafen von Saint-Trojan-les-Bains. Foto. Hilke Maunder
Austernsäcke lagern vor den Hütten am Hafen von Saint-Trojan-les-Bains. Foto. Hilke Maunder

Doch das kommt schon ein älterer Mann auf mich zu. „Bonjour!“. Er nickt kurz und kommt gleich zur Sache:  „Sind Sie auch von der Presse? Le Point war schon da. Meine Hütte ist auf dem Cover!“

Île d'Oléron: Die Hütte dieses Austernfischers aus Saint-Trojan-les-Bains hat es auf den Titel von "Le Point" geschafft. Foto: Hilke Maunder
Die Hütte dieses Austernfischers aus Saint-Trojan-les-Bains hat es auf den Titel von „Le Point“ geschafft. Foto: Hilke Maunder

Monsieur wartet meine Antwort nicht erst ab, sondern legt los. Im breitesten Insel-Dialekt erzählt er sein Leben, von den Sorgen der Fischer, vom Zustand der Welt. Philosoph am Kai. Und Zeitzeuge eines Wandels, den ich auch anderenorts auf der Insel bemerkt habe.

Île d'Oléron: Das Boot eines Austernfischers, fest vertäut im Hafenkanal von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Das Boot eines Austernfischers, fest vertäut im Hafenkanal von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

Die traditionelle Austernfischerei verabschiedet sich. Oléron-Marennes, mit rund 30 Quadratkilometern Frankreichs größtes Austernzuchtgebiet, steckt in einem tiefgreifenden Wandel.

Île d'Oléron: Ein Austernfischer verlässt den Hafen von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Ein Austernzüchter verlässt den Hafen von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

Die große Konzentration

War die ostréiculture früher fest in der Hand der Familien, die an den geeigneten Ecken der Insel lebten und sich mitunter in Genossenschaften zusammen taten, hat seit der Jahrtausendwende eine rasante Konzentration begonnen.

Immer stärker prägen Großbetriebe die Austernzucht im Département Charente-Maritime. Seit 2003 ist dort die Zahl der Züchter um rund 40 Prozent auf rund 550 Betriebe gesunken. Tendenz: weiter sinkend. Je nach Saison werden 40.000 bis 60. 000 Austern in vier Sorten geerntet.

Île d'Oléron: Die Austern von der Insel sind hervorragend! Foto: Hilke Maunder
Die Austern von der Insel sind hervorragend! Foto: Hilke Maunder

„Als ich anfing, waren wir noch 60 Austernfischer in Saint-Trojan-les-Bains“, sagt Monsieur. „Heute sind es noch drei. Und von einem weiß ich, dass er auch aufhören will.“ Nicht mehr genutzt, wurden erste Hütten baufällig und stürzten ein. Die Natur erobert sich das Terrain zurück.

In anderen Hütten wird gehämmert, gelackt und genagelt. Zwischen Dachbalken voller Spinnweben stehen Werkbänke. Alte Bettlaken decken Möbel und Schränke ab. Der Austernhafen wandelte sich zum Künstlerdorf. Zum Jahreswechsel 2016 erwachte er als Le Village d’Inspiration des Peintres.

Künstlerdorf am Kai

Île d'Oléron: Die einstigen Hütten der Austernfischer haben sich in Saint-Trojan-les-Bains in Ausstellungsräume für Künstler verwandelt.
Die einstigen Hütten der Austernfischer haben sich in Saint-Trojan-les-Bains in Ausstellungsräume für Künstler verwandelt.

Seitdem haben hier rund ein Dutzend Künstler Werkstätten, Ateliers und Galerien eröffnet. Im April/Mai beginnt die Saison, Ende September schließt die letzte Ausstellung. Während der Saison bereichern Workshops für Kinder und Erwachsene das Programm.

Einige Künstler sind jedes Jahr dabei, einige nur für eine Saison oder Ausstellung. So bleibt es spannend und könnt ihr jedes Jahr etwas Neues entdecken. Immer mit dabei ist Caroline Minassian, die im Département Charente-Maritime daheim ist. In ihrer Galerie zeigt sie emaillierte Terrakotta.

Île d'Oléron: Keramiken von Caroline Minassian – ausgestellt in den einstigen Hütten der Austernfischer von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Keramiken von Caroline Minassian – ausgestellt in den einstigen Hütten der Austernfischer von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

Mal als Unikate, reduziert auf Form und Farbe wie bei Matisse, dann als Traumwesen und Tiere, entsprungen der Mythologie, fremd wie Märchen. Klänge aus dem Unterbewussten, eingefangen in Keramik.

Nur für einen Sommer kommt Gabrielle Hollensett ins Künstlerdorf und stellt ihre abstrakten, farbigen Gemälde in der Cabane de Francis aus. Auch Brigitte Lambourg aus dem Umland von Nantes konntet ihr dort schon entdecken.

Île d'Oléron: Kunst statt Austern - so hat Saint-Trojan-les-Bains seinen alten Hafen neu belebt. Foto: Hilke Maunder
Kunst statt Austern – so hat Saint-Trojan-les-Bains seinen alten Hafen neu belebt. Foto: Hilke Maunder

Arbeiten rund um das Meer, den Strand und das Segeln stellt Fabio aus. Ihr findet ihn in der Cabane Bleue, der blauen Hütte. Und längst ist die Kunst den Spuren der Austern gefolgt und ist ins Wasser gegangen, wie diese Skulptur im Bassin de Chasse verrät.

Saint-Trojan-les-Bains

Hier könnt ihr schlafen*

 

Île d'Oléron: Skulptur im Bassin de Chasse von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Sieht aus wie ein Vogelfisch: die Skulptur im Bassin de Chasse von Saint-Trojan-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

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