Tolbiac: der junge Osten von Paris

Tolbiac: Restaurant 2.0 im Pariser Osten. Foto: Hilke Maunder
Tolbiac: Restaurant 2.0 im Pariser Osten. Foto: Hilke Maunder

Mit den spektakulären Grands Travaux der Ära Mitterrand begann die Renaissance des lange benachteiligten Pariser Osten. Am Nordufer der Seine wurde Bastille, Belleville, Ménilmontant und Oberkampf zu In-Adressen für Trendsetter: Seit einigen Jahren zieht das Südufer nach.

Die Rue de Tolbiac 2019. Foto: Hilke Maunder

Krimi-Terrain: Tolbiac

Besonders Tolbiac erlebt eine extremen Struktur- und Imagewandel seit der Millenniumswende. Hier entsteht Zukunft: nachhaltig, smart, kosmopolitisch. Das macht Tolbiac schon heute sehr branché, angesagt und  trendy.

Noch vor wenigen Jahren war es den französischen Schulkindern einzig als Ort bekannt, wo Chlodwig im Jahr 496 die Alemannen besiegte. Krimi-Leser kanntem Tolbiac aus den Werken von  Georges Simenon und Léo Malet.

Tolbiac: Street Art ist allgegenwärtig. Foto: Hilke Maunder
Tolbiac: Street Art in der Rue de Chevaleret

Der Belgier Simenon ließ seinen wortkargen, Pfeife rauchenden Kommissar Maigret, dem u. a. Heinz Rühmann, Charles Laughton und Jean Gabin im Film Gestalt verliehen, gern im 13. Pariser Arrondissement knifflige Fälle lösen.

Auch Kultautor Léo Malet schickte seinen Privatdetektiv Nestor Burma in „Die Brücke im Nebel“ zu den Flics, Halbweltdamen und Ganoven des Viertels.

Tolbiac: Viele neue Wege sind grün – und abseits vom Verkehr. Foto: Hilke Maunder
Grüne Oasen gibt es viele zwischen den Hochhäusern. Foto: Hilke Maunder

Paris Rive Gauche

Auf den einstigen Hafen- und Industrieflächen zwischen dem Gare d’Austerlitz und der Stadtgrenze von Ivry-sur-Seine entsteht seit den 1990er-Jahren  auf 130 ha nach Plänen von Christian de Portzamparc das neue Paris Rive Gauche mit 8 Hektar Grünanlagen, Bürogebäuden mit 60.000 Arbeitsplätzen und Wohnungen für 15.000 Menschen.

Zur Jahrtausendwende fertig gestellt wurde der dreistöckige Untergrundbahnhof Bibliothèque François Mitterrand. Die oberirdisch verbliebenen Gleise verdeckt die größte Pariser Betonplatte. Vom U-Bahnhof fährt die Météor-Métrolinie 14 in wenigen Minuten ins Zentrum.

Tolbiac: die Nationalbibliothek. Foto: Hilke Maunder

Ein Buch aus Glas

Oberirdisches Wahrzeichen des neuen Pariser Ostens ist die Nationalbibliothek, ein Bau der Superlative von Dominique Perrault. Perrault wollte auch hier lieber Landschaften als Gebäude schaffen. Er gruppierte daher seine vier 78 m hohen Türme aus Glas und Stahl um einen großen Garten mit Tannen, Eichen und Birken aus der Normandie.

Ihre  Silhouette gleicht einem aufgeschlagenen Buch. Nicht nur die Türme, sondern auch der Garten symbolisiert – in Analogie zum Garten Eden – den Griff zum Wissen. Jenes ist hier so reich gespeichert wie sonst nur noch in Washington und London.

Die Nationalbibliothek. Foto: Hilke Maunder

Die Bibliothèque nationale de France, kurz auch BnF, gehört neben der British Library und nach der Kongressbibliothek in Washington zu den größten Bibliotheken der Welt.

Auf 430 Regalkilometern lagert jede französische Neuerscheinung seit 1945: 30 Millionen Werke – 150.000 kommen jedes Jahr hinzu. Die kostbarsten Schriften ruhen klimatisiert im Betonsockel und Erdinnern.

Die Bestände in den Türmen werden mit Mehrfachverglasung in isolierten Containern bei konstanter Temperatur und Luftfeuchtigkeit gehalten.

Kraulen auf der Seine: das Badeboot der PIscine Joséphine Baker. Foto: Hilke Maunder

Baden auf der Seine

„Mens sana in corpore sano“ wussten bereits die Römer, und entspannten sich nach dem Studium mit Sport. Macht es wie sie – und viele Pariser! – und schwimmt zu Füßen der Nationalbibliothek einige Bahnen nicht in, sondern auf der Seine!

Fitness-Studio, Sauna sowie Liegeflächen zum Sonnen runden das Wohlfühlangebot des Schwimmpontons Piscine Josephine Baker ab. Bei Regen wird das Glasdach geschlossen. Dienstags und donnerstags könnt ihr bei bei den Nocturnes bis 23.00 Uhr kraulen.

Musikbars am Kai

Le Petit Bain – ein beliebte Bar im Sommer. Foto: Hilke Maunder

Danach geht es im Sommer zu den Guinguettes am Kai, fest vertäuten, schwimmenden Musikbars mit Tanzflächen. Petit Bain, La Dame de Canton und El Alamein sind beliebte Schiffe zum Feiern.

Die sanft geschwungene Fußgängerbrücke Passerelle Simone de Beauvoir führt von der Nationalbibliothek hinüber zu den Bars und Cafés von Bercy Village.

Die Passerelle Simone de Beauvoir verbindet den Park von Bercy am rechten Seine-Ufer mit der Nationalbibliothek am Rive Gauche. Foto: Hilke Maunder

Kaderschmiede der Kreativen

Dem Zoll- und Lagerkomplex Magasins Generaux, den Georges Morin-Goustiaux 1907 für den Hafen von Paris am Seineufer errichtet hatte, verpassten Dominique Jakob und Brendan MacFarlane eine knallige, neongrüne Plug-Over-Konstruktion aus Stahl.

Für Ex-Präsident Nicolas Sarkozy nur „das grüne Ding“, ist der Komplex als Cité de la Mode et du Design Ausbildungs- und Ausstellungsstätte der Pariser Kreativindustrie.

Die Cité de la Mode et du Design – ein froschgrüner Hingucker am Kai des Rive Gauche. Foto: Hilke Maunder

Das renommierte Institut Français de la Mode (IFM) bildet den Mode-Nachwuchs aus und zeigt bei Modeschauen Entwürfe seiner Schüler.  ART LUDIQUE Le Musée lädt zur Zeit- und Weltreise durch kreative Szenen von Manga bis zum Videospiel. Die Szene-Bars Wanderlust, NUBA, Grand Rivage und MoonRoof sorgen mit ausgefallenen Events und Themenabenden für Abwechslung im Pariser Nachtleben.

Der stylische Imbiss DAD Hot-Dog et Bonne Humeur stillt den Hunger mit Street Food. Und während des Festival de Design du Grand Paris, dem Off-Festival „Now!“ der Paris Design Week und bei den D’Days beweisen die Pariser Kreativen bei Ausstellungen, Installationen, Workshops, Konferenzen und Feste, dass die Dynamik von Paris inspiriert.

Hingucker an der 115, Avenue de France – die Filiale von H & M. Foto: Hilke Maunder

Noch mehr Ikonen der Architektur

Weitere Hafenbauten wie die Grands Moulins de Paris und die Halle aux Farines integrierte Rudy Riciotti in den Campus der Université Paris VII – Denis Didérot.

Auch die beiden einzigen Gebäude, die Le Corbusier in Paris geschaffen hat, findet ihr in diesem Viertel_ das vom Kubismus geprägte Maison Planeix (26, boulevard Masséna) von 1927 und die Cité du Refuge, das Übernachtungsheim der Heilsarmee (12, rue Cantagruel) von 1933.

Auch eine Blumenliebhaberin hat in Tolbiac ihr Hausboot festgemacht. Foto: Hilke Maunder

Aus Kuben zusammengesetzt, wurde es Vorbild für jene Pariser Einheitssiedlungen, die später in beträchtlichen Dimensionen in der Seinemetropole aus dem Boden gestampft wurden.

m Viertel verewigt hat sich auch Christian de Portzamparc . Er schuf 1975-1979 in der Rue des Hautes-Formes weiße Wohnhäuser mit Sozialwohnungen. Jean Nouvel und Jean-Marie Duthilleul machen den Gare d’Austerlitz bis 2020 fit für TGV-Züge – dann sprinten die Hochgeschwindigkeitszüge von hier auch nach Tours und Bordeaux mit 350 km/h.

Tolbiac: Die Radspuren verlaufen vom Verkehr getrennt – vorbildlich! Foto: Hilke Maunder

Die Kunst der Kühllager

Das 1921 von der SNCF errichtete Kühlhaus für die Warenladungen der Pariser Märkte ist seit 1985 nach Jahren der Hausbesetzung offiziell geduldetes Domizil von 200 Malern, Bildhauern, Grafikern, Musikern, Schauspielern und anderen Künstlern, die in Les Frigos Ausstellungen und Konzerte organisieren und ihre Ateliers bei den Portes Ouvertes öffnen.

Bars am Kai … auch mit Blick auf das Viadukt von Austerlitz. Foto: Hilke Maunder

Tolbiac: meine Tipps

La Dame de Canton

Nach dem Dîner erklingen Zigeunerjazz, Chanson und Salsa an Bord der chinesischen Dschunke. Am Wochenende legt abends der DJ auf.
• Port de la Gare, Tel. 01 53 61 08 49, www.damedecanton.com

Wanderlust

Tagsüber ist die 1600 qm große Terrasse an der Seine  Terrain für Yoga-Kurse, Workshops für Kinder, Mode-Events und Ausstellungen. Abends wandelt sie sich zur angesagten Ausgeh-Adresse, in der die besten DJs der Stadt die Nacht zum Tag machen und  „Top Chef“-Gewinner Benjamin Darnaud für Gaumenfreunde sorgt.
• 32, quai d’Austerlitz (13 . Arr.), Tel. 06 79 12 08 80, www.wanderlustparis.com

Tolbiac: e-Mobilität zum Leihen, hier an der Station F. Foto: Hilke Maunder

Station F

Der Bahnhof Gare du Freyssinet ist seit dem Umbau der weltgrößte Start-Up-Campus. Mit mehr als 1000 Gründern ist d ie Startup-Dichte ist dort höher als im Silicon Valley, so Xavier Niel.

Der Gründer von Minitel und Free hat250 Millionen Euro in den Umbau investierte. Finanziert und betrieben wird Station F mit Niels privater Programmierhochschule École 42 und Industrie- und IT-Partnern. Der Staat und die Stadt Paris unterstützen das Projekt.
• https://stationf.co

Tolbiac: In der Station F findet ihr neben Coworking- und Bürobereichen auch tolle Bars und Lokale! Foto: HIlke Maunder
Tolbiac: die Bar der Station F. Foto: HIlke Maunder

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Mein Reiseführer: Baedeker Paris*

Baedeker Paris 2018Monatelang habe ich recherchiert und gewühlt, ehe ich zur Feder griff.  Und danach mit Dr. Madeleine Reincke als Redakteurin im Verlag an ihm feilte. Am 2. Januar 2018 ist mein Baedeker „Paris“* ist der ersten Staffel des völlig neu konzipierten Reiseführer-Klassikers erschienen.
„Tango unter freiem Himmel: Die Stadt der Liebe: Der neue Reiseführer ‚Paris‘ zeigt – neben Sehenswürdigkeiten – besondere Orte für Höhenflüge, romantische Momente wie ‚Tango unter freiem Himmel‘ und unvergessliche Dinners. Dazu gibt’s viele Kulturtipps…“  schrieb die Hamburger Morgenpost über meinen Paris-Führer, der viele neue Elemente im enthält.

Zu den Fakten, neu und unterhaltsamer präsentiert, gibt es jetzt auch Anekdoten und Ungewöhnliches, was ihr nur im Baedeker findet. Und natürlich ganz besondere Augenblicke und Erlebnisse, die euren Paris-Aufenthalt einzigartig und unvergesslich machen.

Wer mag, kann meinen Paris-Reiseführer hier* bestellen.

Paris in Biographien*

Merian: Paris - eine Stadt in Biografien.

Jede große Metropole wird nicht nur von ihren Gebäuden, Straßenzügen und Plätzen geprägt, sondern in erster Linie von den Menschen, die in ihren Mauern leben und arbeiten. Dieses Konzept steht hinter der erfolgreichen Reisebuchreihe MERIAN porträts. Die Bremerin Marina Bohlmann-Moderson, Enkelin des Worpsweder Malers, hat für die Reihe das sehr lesenswerten Paris-Büchlein verfasst.

Auf jeweils acht bis zehn Seiten portraitiert sie Abélard & Héloïse, Henri IV, Louis XIV, Voltaire, Marie Antoinette, Napoléon, Honoré de Balzac, Victor Hugo, Claude Monet, Auguste Rodin, Auguste Escoffier, Marie Curie, Sidonie-Gabrielle Colette, Pablo Picasso, Coco Chanel, Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir, Edith Piaf, Boris Vian, Francois Truffaut und Yves Saint Laurent…

Und das nicht nicht nur anhand nüchterner Fakten. Sondern zieht Verbindungen zum heutigen Paris, erwähnt humorvoll Anekdoten und führt den Leser mit Esprit und schwungvoller Feder durch die Stadtgeschichte. Dank ihrer Portraits verankert sie sich viel tiefer im eigenen Wissen  als die kompakte Faktenflut, die andere Reiseführer liefern. Wer Paris ein wenig kennt, wird das Bändchen schätzen! Und kann es hier* gleich bestellen.

Das ganze Land: MARCO POLO Frankreich*

MARCO POLO Frankreich: praktisch und kompakt, bearbeitet von Hilke Maunder.Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreichhabe ich gemeinsam mit Barbara Markert verfasst. Gleich zu Beginn geben wir unsere  Insider-Tipps für Frankreich preis: vom größten Flohmarkt Europas in Lille bis zur Schwimmen in der Piscine Olympique in Montpellier.

Das Kapitel „Im Trend“ verrät, was es Neues zu erleben gibt im Hexagon: vom Skijöring in den Skigebieten bis zum Übernachten im Baumhaushotel. Alle Hintergrundinformationen zu Frankreich und seinen Menschen findet ihr unter Fakten, Menschen & News. Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnissen für  Familien, Paare oder Alleinreisende. Wer mag, kann ihn hier direkt bestellen.

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Tolbiac: Blick auf Kino und Nationalbibliothek. Foto: Hilke Maunder
Tolbiac: Mit der Neubebauung erhielt Tolbiac viele grüne Oase und Wege abseits vom Straßenverkehr. Foto: Hilke Maunder
Tolbiac: chillen, arbeiten, genießen und feiern unter einem Dach – Station F. Foto: Hilke Maunder
Tolbiac: Sprung ins Nass mit Blick auf Paris Rive Gauche. Foto: Hilke Maunder
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