Postkarte aus … Autun im Burgund

Autun: Musikpavillon auf dem Place du Champs de Mars. Foto: Hilke Maunder
Musikpavillon auf dem Place du Champs de Mars. Foto: Hilke Maunder

Lange haben mich die dunklen Wälder des Morvan, die das Granitmassiv des Burgunds bedecken, begleitet. Doch dann erreicht die kleine, kurvige Landstraße die Wiesen und Weiden im weiten Tal des Arroux, und am Horizont ragen Kirchtürme und Hausfassaden auf.

Der Verkehr wird dichter. Kreisel weichen Ampeln. Entlang eines baumbestandenen Boulevards erreiche ich einen Platz, der viel zu groß scheint für die kleine Stadt: das Champs de Mars von Autun.

Rathaus und Stadttheater auf der Place du Champ de Mars. Foto: Hilke Maunder

Prachtbauten wie das Rathaus und das Lycée Bonaparte flankieren die weitere Pflasterfläche. Etwas versteckt an der Südseite öffnet sich die Passage Couvert.

Für drei Millionen Euro ließen die Stadtväter den weiten Platz bis 2020 sanieren. Seitdem hat Autun als „Tor zum Morvan“ein noch schöneres Entrée. Was es dort zu entdecken gibt? Gallo-römische Ursprünge, mächtige romanische Bauwerke und typische burgundische Lebensart. Los geht’s!

Grüne Bummelstrecke: die Rue du Champs de Mars. Foto: Hilke Maunder

Römische Antike

An der Rhône das mächtige Lyon, am Ärmelkanal der Seehafen Boulogne-sur-Mer. Was fehlte, war ein Drehkreuz für die Handelsströme im Burgund.

Im Jahr 10 v. Chr. gründete Kaiser Augustus daher sein Augustodunum an der Fernhandelsstraße Via Agrippa und dem Fluss Arroux und ließ es prachtvoll ausbauen.

Das antike Theater gehört mit einem Durchmesser von 148 Metern und Platz für 20.000 Zuschauern zu den größten der Welt.

Porte Saint-André. Foto: Hilke Maunder

Jeden Sommer wird dort die gallo-römische Geschichte der Stadt inszeniert – mit Druidenzauber, Wagenrennen und römischen Legionären; spätabends auch mehrmals mit einer imposanten Ton-Licht-Schau. Seit 2013 wird ein zweites römisches Theater ausgegraben.

An die Blütezeit unter den Römern erinnern auch zwei Stadttore, die Pyramide de Couhard, ein Grabmal aus dem 1. Jahrhundert, und die Reste eines stark lädierten Janus-Tempels aus dem 2. Jahrhundert. Und auch die mittelalterliche Stadtmauer fußt auf antiken Fundamenten.

Etwas außerhalb von Autun erhebt sich der stark lädierte Reist des römischen Janustempels. Foto: Hilke Maunder

Einst sechs Kilometer lang und mit 54 Türmen gesichert, sind heute noch 23 Türme erhalten. Von den einst vier Haupt stehen noch das Doppelportal Porte d’Arroux im Nordwesten und die Porte Saint-André im Nordosten, die Viollet-le-Duc im 19. Jahrhundert restaurierte.

Blumengasse in Autun. Foto: Hilke Maunder

Wer jenseits der Stadtmauer hinaus schaut, merkt: Über die antiken Ausmaße (200 ha) ist das einstige Rom Galliens bis heute nur wenig herausgewachsen.

Zurück am Champs de Mars, schaut mal auf den Frontgiebel des Rathauses.  „Roma celtica, soror et aemula Romae“, steht dort der Leitspruch von Autun, das sich als „Schwester und Rivalin Roms“ verstand.

Romanische Steinmetzkunst

Über die belebte Rue aux Cordiers mit ihren Cafés, Bars und Boutiquen zum Champs de Mars kommt ihr zur Kathedrale Saint-Lazare. Dort hat der  genialste Bildhauer des 12. Jahrhunderts, Gislebertus, sein Jüngstes Gericht hinterlassen.

Autun: Kathedrale Saint-Lazare. Foto: Hilke Maunder

Die Qual der Verdammten und das Glück derer, die ins Paradies dürfen: Mit welcher Akribie und fast besessener Detailtreue der Meister im Mittelalter am Tympanon in Stein gemeißelt hat, ist bis heute unglaublich beeindruckend.

Portal der Kathedrale. Foto: Hilke Maunder

Für das Nordportal der Kathedrale schuf Gislebertus den ersten weiblichen Akt des Mittelalters. Eva – mit nackter Brust schmückt sie das Flachrelief des Sündenfalls.

Heute gehört seine Skulptur zu den Schätzen des nahen Musée Rolin. Im ehemaligen Stadtpalais der Familie Rolin zeigt es heute Fundstücke der gallo-römischen Zeit und frühchristlichen Epoche.

Eva, der erste weibliche Akt des Mittelalters. Foto: Hilke Maunder

Richtig humorvoll ist die Darstellung der drei Weisen im Kapitelsaal der Kathedrale. Gemütlich kuscheln die Heiligen drei Könige unter der Decke . Vom Erzengel Gabriel, der einen von ihnen anstupst und ihnen etwas verkünden will, lassen sie sich im Schlaf nicht stören.

Auch die Geburt Jesu wird auf einem anderen romanischen Kapitell im Kirchenschiff der Kathedrale anders als gewohnt erzählt. Nach Stall sieht die Herberge nicht au . Maria liegt gemütlich im Bett, und zwei Hebammen kümmern sich um das neu geborene Kind.

Auf der länglichen Place du Terreau zwischen Kathedrale und Museum gastiert sonntags des Öfteren ein Flohmarkt. Da er sich vor allem an Touristen wendet, sind Schnäppchen dort eher sehr selten.

Die findet ihr eher im Fabrikverkauf von TOLIX, wo es auch den Designklassiker Chaise A von Xavier Pauchard gibt (s. Reisetipps).

Autun: meine Reisetipps

Schlafen

Hôtel de la Tête Noire

Familiäres, bodenständiges Hotel der Kette Logis de France mit grundsoliden Zimmern und leckerer burgundischer Traditionsküche.
• 3, Rue de l’Arquebuse, 71400 Autun, Tel. 03 85 86 59 99, www.hoteltetenoire.com

La Maison Saint-Barbe

Gleich neben der Kathedrale findet ihr bei Marie-Luce Lequime im alten Sitz der Kanoniker vier geräumige Gästezimmer, die das Ambiente von einst geschickt mit dem Komfort von heute vereinen.
• 7, Place Sainte-Barbe, 71400 Autun, Tel. 03 85 86 24 77, http://maisonsaintebarbe.com

Schlemmen

Le Monde de Don Cabillaud

Keine Lust mehr auf burgundische Küche? In diesem kleinen Restaurant nahe der Kathedrale kommt vor allem Fisch auf den Fisch, wild gefangen oder aus Bio-Zucht, aber immer frisch aus der Bretagne. Lachs-Carpaccio, Risotto mit „noix de pétoncle“ (Jakobsmuscheln), Königsdorade oder Kabeljau mit Algenbutter… miam!
• 4, Rue des Bancs, 71400 Autun, Tel. 03 85 82 48 30

Trödel und Kunsthandwerk findet ihr in Autun in vielen Läden! Foto: Hilke Maunder

Shopping

Wochenmarkt

Freitag auf dem Champs de Mars, Montag und Freitag beim Rathaus.

Les Gourmandises d’Aurélien

Pillon und Ladurée waren die renommierten Stationen, bei denen Aurélien Ferré sein Handwerk verfeinert hat. Dann übernahm er mit seiner Frau Virginie den Familienbetrieb übernahm.

Zu weit verjüngten sie nicht nur das Geschäft, sondern auch das Sortiment der Pâtisserie. Besonders sympathisch: Auf seinem Blog verrät er die Rezepte seiner feiner Küchlein!
• 15, Rue Guérin, 71400 Autun, Tel. 03 85 52 21 86, http://lespatisseriesdaurelien.fr

La Manufacture

Etwas außerhalb der Innenstadt hat der französische Möbelhersteller TOLIX im Dezember 2016 seinen ersten Fabrikverkauf geöffnet. Kennt ihr nicht? Sein „A“ genannter Stuhl ist eine Designikone und sogar in Sammlungen des MoMa (Museum of Modern Art New-York) und des Pariser Centre Pompidou vertreten.

Auch auf der Brücke des legendären Schiffes „Le Normandie“ waren einst seine Stühle zu finden! TOLIX beschäftigt in Autun rund 80 Mitarbeiter. Rund die Hälfte des Umsatzes von jährlich acht Millionen Euro werden im Export erzielt.
• Parc d’activités Saint Andoche, 18 bd Bernard Giberstein, Tel. 03 73 71 00 05, www.tolix.fr

Geranien allerorten – in Autun wie überall im Burgund. Foto: Hilke Maunder

Aktiv

Große Morvan-Durchquerung

Ein dichtes Wegenetz für Wanderer und Radfahrer durchzieht des dunklen Wälder der Morvan. Die markierte MTB-Route Grande Traversée Massif Central (GTM) führt von Avallon (Yonne) über Saulieu (Côte-d’Or) nach Autun (Saône-et-Loire).

137 km Fahrspaß, Steigungen und Abfahrten locken. Unterwegs könnt ihr an sieben Waschstationen euer Gefährt säubern. Wer noch nicht genug hat, kann der insgesamt 1400 km langen MTB-Route weiter bis ans Mittelmeer folgen.

Mit dem Petit Train könnt ihr ganz bequem Autun entdecken. Foto: Hilke Maunder

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Das ganze Land

MARCO POLO Frankreich: praktisch und kompakt, bearbeitet von Hilke Maunder.Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreich* habe ich gemeinsam mit Barbara Markert verfasst. Gleich zu Beginn geben wir unsere Insider-Tipps für Frankreich preis: vom größten Flohmarkt Europas in Lille bis zur Schwimmen in der Piscine Olympique in Montpellier.

Das Kapitel „Im Trend“ verrät, was es Neues zu erleben gibt im Hexagon: vom Skijöring in den Skigebieten bis zum Übernachten im Baumhaushotel. Alle Hintergrundinformationen zu Frankreich und seinen Menschen findet ihr unter Fakten, Menschen & News.

Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnissen für  Familien, Paare oder Alleinreisende. Wer mag, kann ihn hier* direkt bestellen.

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