Detail der Ferienwohnungen von Port Camargue an der Floride française. Foto: Hilke Maunder
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La Floride française: Badeorte vom Reißbrett

La Floride française erzählt, wie eine politische Vision die einst kaum erschlossene Ausgleichsküste des Languedoc mit ihren Lagunenseen und langen Strandstränden zum Urlaubsparadies für ein ganzes Land machte.

Im aufkommenden Massentourismus der Nachkriegsjahre zieht es auch die Franzosen an die Sonnenstrände Spaniens. Costa Brava, Costa Blanca, Sangria und Sardinen für wenig Geld – der frühe Individualverkehr und die ersten Reisebusse rollen nicht ins Languedoc, sondern über die Pyrenäen nach Spanien.

Nur 350.000 Franzosen hatten 1962 Urlaub an der heimischen Mittelmeerküste gemacht. Um die Touristenflucht einzudämmen, beschlossen Staatspräsident Charles de Gaulle und sein Premierminister Georges Pompidou den exemplarischen Bau von fünf Ferienstädtchen an der Küste des Languedoc.

Lagune von Salses-Leucate: Das Vereinsgelände von Bonança. Foto: Hilke Maunder
Ein traditionelles katalanisches Fischerboot vom Étang de Salses-Leucate. Foto: Hilke Maunder

Tabula rasa für La Florida française

Der Plan war kühn. Was die Küste des Languedoc bot, war kein leichtes Erbe: salzverkrustete Erde, sumpfige Gewässer, wenig Vegetation, endlose Dünen und lange Sandstrände prägten die amphibische Landschaft. Schwärme von Stechmücken lebten in den Küstenebenen, in denen neben den Fischerhütten ( cabanons ) die Strandhütten von Städter aus Narbonne und Perpignan standen, halb legal und geduldet, bis Paris plante. Und handelte. Bagger im staatlichen Auftrag rissen sie nieder. Was entstehen soll, soll moderner, größer, „schöner“ und lukrativer sein. Strandurlaub für Millionen, nicht für die Menschen vor Ort. Die Vision: la Floride française.

Das Fischereierbe am Étang de Canet-Saint-Nazaire. Foto: Hilke Maunder
Das Fischereierbe am Étang de Canet-Saint-Nazaire. Foto: Hilke Maunder

Die Mission des Staatsrats

Am 18. Juni 1963 – der symbolische Anklang an de Gaulles legendären Appell ist kein Zufall – wurde per Dekret die Mission interministérielle d’aménagement touristique du littoral du Languedoc-Roussillon ins Leben gerufen. Sie war die erste ddministration de mission Frankreichs: direkt dem Premierminister unterstellt, ressortübergreifend, mit eigenem Budget. Ihr Präsident wurde Staatsrat Pierre Racine.

Seine Mission Racine verfolgte zwei Ziele zugleich: die Touristenflucht stoppen und die Wirtschaft des Languedoc diversifizieren, die damals fast ausschließlich auf den kriselnden Weinbau setzte. 1962 begannen die ersten Planungen. Im Folgejahr wurden die renommiertesten Architekten des Landes für die Prestigeprojekte verpflichtet. Ab 1965 rollten die Baumaschinen. Zwei Jahre lang wurden die Sümpfe trockengelegt, die Häfen ausgebaggert, die étangs erschlossen. Dann begann der Bau der Urlaubsstädte.

Floride Française: Der Jachthafen von Port Leucate. Foto: Hilke Maunder
La Floride française : Der Jachthafen von Port Leucate. Foto: Hilke Maunder

Fünf Städte, fünf Visionäre

Für den Ausbau von Leucate und Le Barcarès engagierte Frankreich Georges Candilis, Schüler von Le Corbusier. Er entwarf flache, modulare Bauten, die sich wie ein mediterranes Dorf zum Strand öffnen. Zum Wahrzeichen von Le Barcarès wurde das Kasinoschiff Lydia – ein Ozeandampfer, der 1967 bewusst auf den Sand gesetzt wurde und seither als Nachtclub und Festsaal dient. Ein Schiff ohne Meerwasser: die Poesie des Pragmatismus für La Floride française.

Wahrzeichen von Le Bacarès ist das Kasinoschiff "Lydia". Foto: Hilke Maunder
Wahrzeichen von Le Bacarès ist das Kasinoschiff Lydia. Foto: Hilke Maunder

Für Gruissan gewann man Raymond Gleize und Édouard Hartané, die ihren Entwurf um die alte mittelalterliche Rundburg herum arrangierten.

Den südlichsten neuen Badeort namens Saint-Cyprien Plage entwarf Henri Castella. Jean Le Coutour zeichnete für Cap d’Agde verantwortlich, das später zur Hochburg der FKK-Kultur aufsteigen sollte.

Floride Française: Der Jachthafen von Saint-Cyprien. Foto: Hilke Maunder
Der Jachthafen von Saint-Cyprien. Foto: Hilke Maunder

Pyramiden von Satres Freund

Das Pilotprojekt aber, das Aushängeschild von der Floride française, erhält ein Mann, der damit die ganze Welt überraschen sollte. Der damals 40-jährige Jean Balladur, Cousin des Politikers Édouard Balladur, sollte La Grande Motte planen und bauen. Das Gebiet, das von der Pariser Zentralregierung zur Umsetzung des Prestigevorhabens angekauft wurde, lag in einer weiten Bucht am Rande der L’Espiguette. Salzverkrustete Erde, sumpfige Gewässern, wenig Vegetation, endlose Dünen und lange Sandstrände präg(t)en die amphibischen Landschaft.

Balladur war kein gewöhnlicher Architekt. Bevor er sich an der École nationale des Beaux-Arts in Paris ausbilden ließ, studierte er Philosophie – und hörte die Vorlesungen von Jean-Paul Sartre. Er glaubte nicht an den nüchternen Funktionalismus der Nachkriegsjahre. Er dachte humanistisch – und in Symbolen. Bevor er den ersten Stift ansetzte, reiste er nach Mexiko führt, hin zu den abgestumpften Pyramiden von Teotihuacán, und nach Brasilien, wo Oscar Niemeyer gerade Brasilia ins damals dünn besiedelten, zentralen Hochland des brasilianischen Cerrado gesetzt hatte.

Was er sah, formte alles Folgende. Das Languedoc, erkannte er, war eine streng horizontale Zone, mit dem Meer an ihrem äußersten Rand. Eine Pyramidenform würde hier die kontinuierliche Bewegung vom Boden zum Gebäude schaffen und so ein künstliches Relief erzeugen, das sich viel besser in eine horizontale Landschaft einfügte als ein aggressiver Turm.

Wie Niemeyer nutzte Balladur den Beton nicht als Baumaterial, sondern als künstlerisches Medium, das sich in jede denkbare Form pressen ließ. Mit La Grande Motte schuf der Freund von Jean-Paul Sartre für die Freizeitgesellschaft eine Stadt aus der Retorte. Sie ist funktionell – und architektonisch so überraschend, dass Balladurs Bauten bis heute die Wahrzeichen von La Floride française sind.

Inspiriert von den Tempeln in Teotihuacan in Mexiko, ließ Balladur die zentralen Bauwerke des Badeortes in Form von Pyramiden anlegen – mal aufrecht, mal umgedreht, aber immer terrassenförmig. Zwischen den Balkonen setzte er vorgefertigte Reliefplatten. Diese Modénatures geben bis heute den Fassaden Rhythmus und dienen als Sonnenschutz.

Ying und Yang am Mittelmeer

Alles in La Grande Motte beruht auf dem Prinzip des Gegensatzes, der Dualität: Yin und Yang, um ein vollkommenes mathematisches, architektonisches und spirituelles Gleichgewicht zu erzielen. Das Quartier du Levant mit seinen kantigen, aufrechten Pyramidentürmen gilt als männlich. Das Quartier du Couchant mit seinen weichen Kurven und dem üppigen Grün ist weiblich.

Dazwischen, als Scharnier zwischen beiden Welten, entstand an derFloride française bis 1974 die Grande Pyramide. Ihre fünfzehn Stockwerke sind das gespiegelte Abbild desPic Saint-Loup in den Cevennen – mit gerundeten Winkeln nach Westen und einer treppenförmigen Struktur nach Osten.

Schifffahrer nutzen sie als Amer, als Orientierungspunkt auf dem Mittelmeer. Das erste Gebäude, der Point Zéro, entstand 1967 – und seine Form ist die eines Fischs, erkennbar nur aus der Luft. 1968 folgte der Grand Pavois am Hafen, das erste der großen Pyramidengebäude. Im August 1968 kamen die ersten Urlauber.

Am 24. Oktober 1967 reiste de Gaulle per Hubschrauber an und ließ sich 200 Kilometer Küste zeigen. Seine Besichtigung vonLa Floride française begann in Saint-Cyprien und endete in La Grande Motte. Dort traf er Pierre Racine, Préfet Dupuch, Senator Bène und Balladur.

Nach der Besichtigung fragte er ihn : „En somme, Monsieur l’architecte, vous voulez nous faire un nouveau Palavas ici?“ Palavas-les-Flots war damals ein überlaufenes, kitschiges Badeörtchen. Balladur. Balladur konterte ohne Zögern: „ Non, mon Général, je veux en faire un nouveau Rio!“ um seine visionäre Architektur zu verteidigen.

Sarcelles-sur-Mer – oder eine Stadt für die Ewigkeit?

Die ersten Reaktionen waren alles andere als freundlich. Die Presse nannte La Grande Motte Sarcelles-sur-Mer und meinte damit die berüchtigte Trabantenstadt nördlich von Paris, den Inbegriff trostloser Betonwüste. Andere sprachen von UFOs, von außerirdischer Invasion. In den 1970er-Jahren kursierte der Spottname La Grande Moche – la Hässliche.

Balladur ließ die Kritik an sich abprallen. Er hatte selbst zugegeben, dass die Formen zunächst befremdlich, surrealistisch, geradezu ketzerisch wirkten. Doch er baute weiter, dreißig Jahre lang. „Ich suchte eine glückliche Kulisse zu schaffen, frei vom Gegenwärtigen wie vom Vergangenen. Ich umarmte die Ketzerei“, beschrieb er seine Haltung. Er arbeitete fast drei Jahrzehnte an diesem einzigartigen Projekt – und schuf nicht nur einen Urlaubsort am Meer, sondern eine der grünsten Städte Euroaps. 70 Prozent der Stadtfläche entfallen auf Parks und Gärten.

25 Kilometer gewundener Pfade, gesäumt von Brücken und Plätzen mit Kunstwerken, laden fernab vom Verkehr zum Flanieren ein. Rund 36.000 Bäume erinnern an den Dschungel, der die mexikanische Cité des Dieux umgibt. Heute trägt La Grande Motte das Label Architecture Contemporaine Remarquable – als erste Stadt Frankreichs, die es für ihr gesamtes Ensemble erhielt. Was einst Hohn erntete, ist heute Pilgerziel für Architekturfans aus aller Welt.

Port Camargue: die Mega-Marina der Floride française

Vier Jahr nach dem Baugebeginn für La Grande Motte koordinierte Jean Balladur ab 1969 den Bau von Port Camargue. Mit rund 5.000 Liegeplätzen gehört die größte Marina der Floride française zu den größten Jachthäfen Europas. 19975 bis 1977 entwarf Jean Balladur die Ferienwohnanlage der Jardins du Port am Quai d’Honneur gestaltete.

Der S-förmigen Bau mit zwei Vollgeschossen über dem Erdgeschoss plus teilweisem dritten Obergeschoss, dessen Loggien und wellenförmige Geländer Balladurs Vorliebe für spielerische, organische Formen widerspiegeln, ist heute als Ikone der Architektur des 20. Jahrhunderts ausgezeichnet. Zur gleichen Zeit schuf Denis Barthélemy, der bis 1974 in Balladurs Agentur mit an Port Camargue gearbeitet hatte, eigenständig das Wohngebäude Le Grand Pavois (1975–1977).

Le Grand Pavois von Denis Barthelemy in Port Camargue. Foto: Hilke Maunder
Le Grand Pavois von Denis Barthelemy in Port Camargue. Foto: Hilke Maunder

Port Camargue ist der modernste Stadtteil von Le-Grau-du-Roi, das entlang des Hauptkanal Nostalgiker bedient. Am Kai sind Sardinenkutter vertäut. Fischlokale servieren fangfrische Meeresfrüchte als plat de fruits de Mer. Ein kleiner Leuchtturm spiegelt sich in den Fluten. Möwen gellen. Was für Kontraste in La Floride française !

La Florida française heute

Die Mission Racine endet 1983. Was sie hinterließ, ist eine Transformation ohne Beispiel an der europäischen Mittelmeerküste. Von 350.000 Besuchern 1962 stieg die Zahl bereits 1973 auf mehr als 1,4 Millionen Urlauber. Die Touristenflucht nach Spanien war Geschichte. Heute zählt die Küste Okzitaniens 60 Millionen Übernachtungen pro Jahr, und der Tourismus trägt rund 15,9 Milliarden Euro Umsatz zur Region bei.

Der geschützte Hafen von Carnon. Foto: Hilke Maunder
Der geschützte Hafen von Carnon. Foto: Hilke Maunder
Floride française: Skulptur von Patrick Chappert-Gaujal an der Promenade von Port-Barcarès. Foto: Hilke Maunder
Kunst-Bummel: eine der Skulptur von Patrick Chappert-Gaujal an der Promenade von Port Bacarès an der Floride française. Foto: Hilke Maunder
Der Strand von Saint-Cyrien im Winter. Foto: Hilke Munder
Der Strand von Saint-Cyrien im Winter. Foto: Hilke Maunder

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