Der Marktplatz von Revel mit seiner alten Markthalle. Foto: Hilke Maunder
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Revel: Bastide an der „Quelle“ des Canal du Midi

Dort, wo die Ebene des Lauragais in die Montagne Noire übergeht, ließ Philippe VI. von Valois am 8. Juni 1342 auf königlichen Erlass im Herzen der Forêt de Vauré ein gefestigtes Städtchen erbauen, das zu den schönsten Bastiden im Süden Frankreichs gehört: Revel.

Seine Anlage spiegelt den typischen, rechtwinkligen Bastiden-Grundriss mit zentralem Platz und gilt als Paradebeispiel für die Stadtplanung des Mittelalters. Dicke Mauern umgaben die neue Siedlung.

Doch schon kurz nach ihrer Gründung wurde die Bastide Revel von einer schweren Krise heimgesucht: Die Pestwelle von 1348 dezimierte die Bevölkerung dramatisch – mehr als die Hälfte der damals 3.000 Einwohner starben an der Seuche. Danach begann ein mühsamer Wiederaufbau, der die Stadtgemeinschaft eng zusammenschweißte und den Charakter des Ortes dauerhaft prägte.

1355 wurde sogar ein breiter Wassergraben um das befestigte Dorf gezogen, um es vor Plünderungen zu schützen. Heute verläuft hier der Ringboulevard, der die Altstadt umschließt. Straßen mit Fachwerkbauten und schmucken Stadthäusern aus Stein führen hin zum Herzen der Bastide, der Place Philippe VI de Valois.

Schmuck: der Eingang eines Stadtpalais in Revel. Foto: Hilke Maunder
Schmuck: der Eingang eines Stadtpalais in Revel. Foto: Hilke Maunder

Der Kosake von Revel: Georges Artemoff

Auf dem Weg zum Herz der Bastide kommt auch ihr sicherlich an einer Plakette vorbei, die verrät, dass Georges Artemoff in Revel gelebt hat. Georges Artemoff wurde 1892 in Urjupinsk in der historischen Heimat der Kosaken geboren. Von 1906 bis 1912 studierte er zunächst Malerei in Rostow, dann Malerei, Bildhauerei und Architektur in Moskau. 1913 erhielt er ein Stipendium.

Nun konnte er sich endlich den Wunsch erfüllen, in Paris die berühmtesten Maler seiner Zeit zu treffen: Picasso, Juan Gris, Modigliani und Soutine. Sein Landsmann Zadkine nahm ihn bei sich auf. Der Zweite Weltkrieg zwang ihn zum Exil.

Foto: Hilke Maunder
Nummerierte Infoschilder führen euch in Revel zu den schönsten Stätten der Bastide. Foto: Hilke Maunder

Er flüchtete in den Südwesten Frankreichs, versteckte sich am Fuße der Montagne Noire in Sorèze und schließlich in Revel, wo er 1965 im Alter von 73 Jahren verstarb. Sein Werk ist in den Museen von Lavaur und Castres zu sehen. In Sète präsentiert das Musée Paul Valéry sein Gemälde Petite pêcheur de Bouzigues ou tête de jeune pêcheur (1958).

Der Präsident aus Revel

Am 27. August 1884 wurde in Revel ein Mann geboren, der vor Charles de Gaulle der erste Präsident der Vierten Republik war: Vincent Auriol. Seine Kindheit und Jugend in der Bastide Revel und seine bäuerlichen Wurzeln prägten den sozialistischen Politiker nachhaltig. Der studierte Jurist setzte sich besonders für soziale Gerechtigkeit und den Wiederaufbau Frankreichs nach dem Zweiten Weltkrieg ein. Auriol war in der Region auch in lokalen Zeitungen aktiv. Er gründete mit u.a. Albert Bedouce die sozialistische Zeitung Le Midi Socialiste und pflegte den Austausch mit bedeutenden Sozialisten wie Jean Jaurès. Berühmt wurde er für diesen Ausspruch:

On ne peut pas fonder la prospérité des uns sur la misère des autres.
Man kann den Wohlstand der Einen nicht auf das Elend der Anderen bauen.

Die gute Stube von Revel

300 Meter lang säumen Arkaden, bekrönt von Fachwerk und Putz in Gelb, Ocker und Pink, den quadratischen Platz. In der Maison Maury im Westen des Platzes lebte von 1648 bis 1660 der Erbauer des Canal du Midi, Pierre-Paul Riquet. Über den Tondächern der Stadthäuser aus dem 17. und 18. Jahrhundert ragt der Turm der Pfarrkirche Notre-Dame-des-Grâces auf.

Das Innere der Pfarrkirche von Revel. Foto: Hilke Maunder
Das Innere der Pfarrkirche von Revel. Foto: Hilke Maunder

Der Arkadenplatz ist die gute Stube der Stadt. Das ganze Jahr hindurch ist er jeden Sonnabend Bühne für einen großen Wochenmarkt. Er ist als einer der 100 schönsten Märkte Frankreichs klassifiziert und bringt viele lokale Erzeuger zusammen. Dicht drängen sich ihre Stände in der mit 1500 Quadratmetern größten offenen Markthalle Frankreichs und unter freiem Himmel auf dem Kopfsteinpflaster.

Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Frankreich größte offene Markthalle

Kürbisse, Rüben und Tomaten stapeln sich bei den Gemüsebauern in vielen Farben und Formen, Blattsalate von glatt bis kraus, von grün bis rot, und viele alte Sorten, die heute wieder sehr gefragt sind. Nicht nur aus dem Lauragais, sondern auch aus näher oder weiter entfernten Nachbarregionen kommen die Produzenten am Samstag nach Revel. Mit dabei sind Schlachter mit Schinken und Hartwürsten aus dem Aveyron, Käsemacher aus der Auvergne und Foie-Gras-Manufakturen aus dem Gers.

Jeden Sonnabend ist Marktzeit in der Bastide Revel. Foto: Hilke Maunder
Jeden Sonnabend ist Marktzeit in der Bastide Revel. Foto: Hilke Maunder

Das Dach der Markthalle ruht auf 79 Eichenpfählen. Gerüchteweise sollen sie vor Jahrhunderten so angebracht worden sein, dass kein Pfosten exakt gleich steht. In ihrer Mitte entstand im 14. Jahrhundert das Haus des Konsuls samt Wachstube und Gefängnis. Heute birgt es das Fremdenverkehrsamt. Sein Wachtturm wurde im 19. Jahrhundert zum Glockenturm umgebaut. Ortsvorsteher und Ausrufer wohnten dort bis 1965.

Dieser beffroi birgt den schönsten Ausguck der Bastide. Aus rund 15 Metern Höhe eröffnet er einen 360°-Blick auf die Stadt, in der 1858 die Brüder Jean und Pierre Get einen Aperitif erfanden, den sogar Paul Cézanne auf seinen Bildern verewigt hat: Get 27 – grün, minzig und 21 Umdrehungen stark.

1991 wurde die Produktion von Get 27 Pippermint in Revel eingestellt. Doch Get 27 ist nicht vom Markt verschwunden, sondern wird heute als Marke von Bacardi in Beaucaire im Département Gard produziert.

Hochburg der Kunsttischlerei

1888 verließ der Kunsttischler und Compagnon du Tour de France Alexandre Monoury Versailles und ließ sich in Revel nieder. Auch dieser Mann sollte die Wirtschaftsgeschichte der Stadt prägen. Manoury war ein hochgeachteter Möbelbauer, gab sein Wissen an viele Gesellen weiter und machte Revel zur Hochburg der Kunsttischlerei. In den 1930er-Jahren beschäftigten die 140 Werkstätten der Stadt 700 Handwerker.

Diese Kunst wird im Lycée des Métiers d’Art, du Bois et de l’Ameublement weitergeführt und von Initiativen wie das Institut IMARA bewahrt. Zum lebendigen Netzwerk der Kunsttischler in der Ville et Métiers d’Art Revel gehört auch der Verband Ebénistes et Créateurs, der am Chemin de Beauséjour die Arbeit lokaler Handwerker vorstellt.

Nur einen Steinwurf von der Halle birgt die Maison du Sénéchal aus dem 17. Jahrhundert Frankreichs einziges Holz- und Intarsienmuseum. Die Dauerausstellung des MUB – Musée du Bois et de la Marqueterie de Revel präsentiert unter dem Motto „Vom Baum zum Kunstwerk“ die lokale Tradition der Möbelkunst und Holzverarbeitung, die Revel seit dem 19. Jahrhundert prägt. Seine größte Attraktion ist die Xylothèque, eine „Bibliothek des Holzes“ mit mehr als 200 verschiedenen Holzarten.

„Quelle“ des Canal du Midi: das Bassin de Saint-Ferréol

Ein vier Kilometer langer Spaziergang führt von Revel gen Osten zu einem See, der bei seiner Fertigstellung als achtes Weltwunder galt: das 67 Hektar große Bassin de Saint-Ferréol. 200 Jahre lang war es der größte Stausee der Welt.

Den Grundstein für die Talsperre legte 1667 der Baron Riquet, der Erbauer des Canal du Midi. Angelegt an der dem Atlantik zugewandten Seite der Montagne Noire, sammelt das Bassin de Saint-Ferréol bis heute das Wasser für die berühmteste Wasserstraße des Südens. Neben den Niederschlägen, die sich am südlichsten Ausläufer des Zentralmassivs abregnen, speist vor allem der Laudet-Fluss den See.

Der Stausee Lac Férreol. Das Baden direkt an der Staumauer ist verboten, aber von den Uferstränden aus gestattet. Foto: Hilke Maunder
Der Stausee Bassin de Férreol. Das Baden direkt an der Staumauer ist verboten, aber von den Uferstränden aus gestattet. Foto: Hilke Maunder

Bis zu 6,3 Millionen Kubikmeter Wasser kann er hinter seiner 786 Meter langen Staumauer fassen. Um dem Druck standzuhalten, ließ Riquet das Sperrwerk aus drei unterschiedlich großen und dicken Dämmen bilden.

Sie sind insgesamt 149 Meter breit – genug für die heutige Départementstraße, einen Parkplatz und die Promenade am Stau. Der englische Landschaftsgarten mit seinen Zedern, Tannen, Douglasien, Schirmpinien und Mammutbäumen wurde erst später zu Ehren Napoleons III. angelegt. Tiefer in die Geschichte des Stausees entführt das Museum Le Reservoir.

Revel: meine Reisetipps

Schlemmen und genießen

Le Bistronome

Im Schatten der Arkaden empfiehlt sich dieses Bistro, das regionaltypische Gerichte mit moderner Note serviert – hier trifft sich sonntags gerne die lokale Prominenz zum Aperitif.
• 5, boulevard de la République, 31250 Revel, Tel. 05 62 80 75 53, auf Facebook zu finden

Le 20

Wechselnde Karte, regionale Zutaten, gelungene Weinauswahl: Küchenchef Patrice Gelbart begeistert mit seiner hochwertigen, an slow food orientierten französische Küche und der Sommerterrasse beim Stausee von Saint-Ferréol seine Gäste.
• 20, avenue Paul Riquet, 31250 Revel, Tel. 05 62 18 93 37, auf Facebook zu finden

Hier könnt ihr schlafen*

 

Weiterlesen

Im Blog

Im Buch

Klaus Simon, Hilke Maunder, Secret Citys Frankreich*

Gemeinsam mit meinem geschätzten Kollegen Klaus Simon stelle ich in diesem Band 60 Orte in Frankreich vor, die echte Perlen abseits des touristischen Mainstreams sind. Le Malzieu in der Lozère, Langogne im Massif Central, aber auch Dax, das den meisten wohl nur als Kurort bekannt ist.

Mit dabei sind auch Senlis, eine filmreife Stadt im Norden von Frankreich, und viele andere tolle Destinationen. Frankreich für Kenner  – und Neugierige!

Lasst euch zu neuen Entdeckungen inspirieren … oder träumt euch dorthin beim Blättern im Sessel oder am Kamin. Wer mag, kann das Lesebuch mit schönen Bildern hier* bestellen.

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