Postkarte aus … Bethmale

Blick über die Dächer von Ayet auf die andere Talseite von Bethmale. Foto: Hilke Maunder
Blick über die Dächer von Ayet auf die andere Talseite von Bethmale. Foto: Hilke Maunder

Es zierte einst ein legendäres Plakat der SNCF. Berühmt indes  wurde es für seine ungewöhnliche Tracht. Und begeistert Gourmets mit seinem Käse: das Tal von Bethmale im Couserans. Die historische Provinz im Westen des Départements Ariège erstreckt sich über 18 Pyrenäentäler.

Seine Berge und Täler, die der 2.838 Meter hohe Mont Valier als “Herr des Couserans” dominiert,  gehören vollständig zum Regionalen Naturpark der Ariège-Pyrenäen.

Ayet im Bethmale-Tal. Foto: Hilke Maunder
Ayet im Bethmale-Tal. Foto: Hilke Maunder

“Schlechtes Tal” nannten die ersten Bewohner dieses wunderschöne Fleckchen Erde, das hinter Castillon beginnt und am Col de la Core auf 1.365 Metern Höhe endet. Die Böden waren für Ackerbau schlichtweg ungeeignet. So lassen die Bauern bis heute dort ihre Rinder weiden. Und verarbeiteten die Rohmilch seit bereits dem 12. Jahrhundert zu einem cremigen, halbfesten Käse: dem Bethmale.

Der Rohmilch-Käse ist etwas für Feinschmecker: Ohne Zusätze, mit natürliche Rinde, mit Rohmilch der Almen statt der Silage. Und feiner Schlitzlochung für würzigen Käsegenuss.

Jeden Sommer gesellen sich Schafe und Pferde zu ihnen,  die aus dem Vorland des Couserans bei Saint-Liziers und anderen Tälern hinauf auf die Sommeralmen von Bethmale getrieben werden. Diese lebendige Transhumanz ist alljährlich im Juni Anlass für ein großes Fest.

Rot und bunt

Berühmt wurden auch die Trachten und Traditionen der Menschen von Bethmale. Als sie 1867 bei der Weltausstellung in Paris gezeigt wurden, hielten sie die Besucher zunächst für Theaterkostüme.

In der kleinen Straßen-Kapelle von Ayet tragen zwei Figuren die alte Tracht des Tales von Bethmale. Foto: Hilke Maunder
In der kleinen Straßen-Kapelle von Ayet tragen zwei Figuren die alte Tracht des Tales von Bethmale. Foto: Hilke Maunder

Denn die Tracht des Tales ist, besonders bei den Männern, äußerst bunt und ungewöhnlich. Ihre Jacken aus ungefärbter Wolle zieren bunte Bordüren. Rot, Blau und Gold leuchten die opulent verzierten Hauben und Kappen.

Im Tal sind die Trachten verschwunden. Doch in Saint-Lizier vermittelt das Musée Départemental im einstigen Bischofspalast bis heute faszinierende Einblicke in die fremdartigen Trachten und Traditionen des Tales von Bethmale!

Spitze Schnabelschuhe

1984 zog Pascal Jurot als “Neo-Ruraler” in die Vallée de Bethmale und eröffnete seine Tischlerwerkstatt in Aret. Dort fertigt er als einziger sabotier des Tales aus Birken- oder Buchenholz ganz besondere Holzpantinen.

Die Alltagsschuhe im Tal von Bethmale zeigen nur einen Hauch Spitze. Foto: Hilke Maunder
Die Alltagsschuhe im Tal von Bethmale zeigen nur einen Hauch Spitze. Foto: Hilke Maunder

Eine lokale Legende erzählt:

Im 9. Jahrhundert drangen die Mauren in Südfrankreich ein und eroberten besonders die Pyrenäen. Auch das Tal von Bethmale besetzten sie. Dort verliebte sich der Sohn des Mauren-Führers in das hübscheste Mädchen des Tals. Jenes war jedoch mit dem Hirtenjäger Darnert verlobt.

Darnert verschanzte sich daraufhin mit seinen Gefährten in den Bergen und sann auf Rache. Dazu entwurzelte er zwei Walnussbäume, deren Wurzeln einen rechten Winkel bildeten. Mit Axt und Messer schnitzte er ein daraus eine doppelte Mondsichel mit einer langen Spitze, die sich wie ein Stachel verjüngte, und höhlte sie aus.

Mit dieser ungewöhnlichen Waffe schlug Darnert mit seinen Mannen in einem harten Kampf die Mauren. Nach dem Sieg marschierte Darnert durch das Dorf. An der Spitze seiner Waffe hingen aufgespießt zwei Herzen – links das des untreuen Mädchens, rechts das des Mauren.

Ayet im Bethmale-Tal. Foto: Hilke Maunder
Ayet im Bethmale-Tal. Foto: Hilke Maunder

So wurde es Brauch, dass ein Verlobter traditionell seiner Verlobten ein Paar lange spitze Holzschuhe schenkt, die mit Leder verziert sind. Kunstvoll zeichnen Goldnägel ein Herz nach.

Je länger die Schuhspitze ist, desto größer ist die Liebe. Die künftige Braut hingegen schenkte ihm einst ein mit Samt besticktes Wollgewirke und eine mit Bändern oder Pailletten gefüllte Tasche.

Die Alltagsschuhe von einst - aus Holz geschnitzt. Foto: Hilke Maunder
Die Alltagsschuhe von einst – aus Holz geschnitzt. Foto: Hilke Maunder

Heute ist der Brauch kaum noch lebendig, die Herstellung der sabots aber weiterhin sehr gefragt. Nicht nur bei Folklore- und Volkstanzgruppen, sondern auch als Arbeitsschuhe. Dann verzichtet Pascal auf imposante Spitzen am Schuh und fertigt ihn für Hof und Garten solide und praktisch aus Vollholz.

Dorf-Idyllen mit Geranien

1845 begann mit der Industrialisierung der rurale Exodus. 1999 war die Bevölkerungszahl auf 83, meist alte Menschen gesunken. Doch seit der Jahrtausendwende geht es aufwärts. Das Internet hat das Landleben wieder attraktiv gemacht.

Der Blauregen hat in Ayet diese Fassade erobert. Foto: Hilke Maunder
Der Blauregen hat in Ayet diese Fassade erobert. Und blüht im Sommer zart und duftend in der Farbe der Fensterläden. Foto: Hilke Maunder

96 Einwohner zählt Bethmale heute. Und allerorten im Tal wird gewerkelt, werden alte Häuser instand gesetzt, hält wieder der Schulbus an der Passstraße, sind Kinderstimmen zu hören.

In Ayet dominiert die schlichte Kirche von ihrem erhöhten Standort aus die alten Gassen. Vom Friedhof aus eröffnen sich schöne Ausblicke auf das Tal und seine Berge. Auch Vic dominiert eine Kirche mit integriertem Glockenturm und Dreiapsiden-Anlage. Ein schöner alter Weiler ist auch Samortein.

Im Sommer blühen die Geranien vor den Fassaden. Fotos: Hilke Maunder
Im Sommer blühen die Geranien vor den Fassaden. Fotos: Hilke Maunder

Im Sommer schmücken sich Straßen und Häuser üppig mit Geranien. Und im Schutz des alten Waschhauses erzählt eine kleine Ausstellung unter freiem Himmel mit Schwarz-Weiß-Fotos, Kannen, Stuhl und sabots vom alten Leben auf dem Lande im Tal von Bethmale.

Das Waschhaus von Ayet bewahrt heute die Erinnerungen an das Landleben von einst im Tal von Bethmale. Foto: Hilke Maunder
Das Waschhaus von Ayet bewahrt heute die Erinnerungen an das Landleben von einst im Tal von Bethmale. Foto: Hilke Maunder

Der romantische Bergsee

Der rollstuhlgerecht Zugang zum Lac de Bethmale. Foto: Hilke Maunder
Der rollstuhlgerechte Zugang zum Lac de Bethmale. Foto: Hilke Maunder

Eine einzige Straße zweigt bei Ourjout vom breiten Tal des Lez ab und klettert schmal und kurvig hinauf zu Dörfern, deren Häuser mit schwarzen Schieferdächern  an den steilen Flanken der Pass-Straße kleben,

Kurz vor dem Col de la Core in 1395 m Höhe verführt ein Parkplatz zu einer kleinen Wanderung. In weniger als einer Viertelstunde bringt euch der Waldweg zu einem kleinen See. Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität gibt es einen rollstuhlgeeigneten, fast ebenen Zugang.

Wer jetzt Lust bekommt zu angeln: Die Angelerlaubnis könnt ihr in der kleinen Hütte etwas oberhalb des Ufers erwerben!

Mont Valier spiegelt sich Lac de Bethmale. Foto: Hilke Maunder
Der Mont Valier spiegelt sich im Lac de Bethmale. Foto: Hilke Maunder

Mal smaragdgrün, mal tiefgrün, dann wieder mystisch dunkel leuchtet der Bergsee inmitten der Tannen und Buchen. Eine kleine Insel im See lässt die Szenerie richtig romantisch wirken. Eindrucksvoll spiegelt sich die markante Spitze des Mont Valier (2838 m) in den Fluten.

An seinen Flanken entspringt das 74,5 km lange Flüsschen Salat, das in die Garonne mündet.

Lac de Bethmale. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Tautropfen lassen Spinnweben funkeln. Farne und Moose haben den Fels erobert. Leise gluckert das Wasser und läuft über ein Wehr hinab in einen unteren Teich.

Lac de Bethmale. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Ein schmaler Fußweg führt rund um den See. Wer länger laufen möchte, findet neben dem Parkplatz am WC- und Infohäuschen eine Karte mit Wandervorschlägen. Der Rundweg am Lac de Bethmale lässt sich zu einer Zweiseentour ausweiten – beim Weiterwandern zum Lac d’Ayet. Ein zweiter Wanderweg führt hinab zu den Dörfern des Tales.

Der Lac de Bethmale. Foto: Hilke Maunder
Märchenhafter Bergsee: der Lac de Bethmale. Foto: Hilke Maunder

Vallée de Bethmale: meine Reisetipps

Schlemmen und genießen

Auberge de la Core

Das Café de la Core ist heute eine veritable Auberge mit Festsaal und herrlicher Terrasse. Genießt dort beim  Blick auf den Turm von Bramevaque und die Gipfel des Pic du Midi de Bordes und des Balam grundsolide Hausmannskost von Richard Michiels.
• bergseitig an der D17, 09800 Arrien-en-Bethmale, Tel. 05 61 04 80 53, www.facebook.com

Fromagerie de la Core

Von frühester Kindheit an interessierte sich Sylvie Domenc für die Käseherstellung. Im Alter von 20 Jahren schaffte sie es an der Spitze der größten Käserei des Tales. 20 Männer und Frauen stellen dort das Sortiment mit den Marken Bethmale, Petit Bethmale, Toudeille und Cosso wie einst ganz handwerklich aus Kuh-, Schafs- und Ziegenmilch her.
• bergseitig an der D 17, 09800 Bethmale, Tel. 05 61 04 05 55,  https://fromage-montagne-pyrenees.com

Shopping

Sabotier Pascal Jurot

• Aret, 09800 Arrien-en-Bethmale, Tel. 05 61 96 78 84, http://artisan-bois-sabots.fr

Schlafen


Booking.com

Die Kirche von Ayet im Tal von Bethmale. Foto: Hilke Maunder
Die Kirche von Ayet im Tal von Bethmale. Foto: Hilke Maunder

Wandern im Bethmale-Tal

Crouzette

Am Col de la Core, der Seix mit Castillon-en-Couserans verbindet, beginnt eine 18 Kilometer lange Wanderung. Sie führt zum Col de la Crouzette auf 2337 Meter Höhe und zum See von Ayès. Die Gehzeit (Hin- und Rückweg) beträgt rund 7,5 Stunden.

Der See von Ayès

Der See von Ayès  gehört zu den am besten zugänglichen Gewässern für die ganze Familie. Er bedeckt die Mitte eines Gletscher-Kars. Start der markierten Wanderung ist am Mount Ner-Parkplatz. Die Gehzeit (Hin- und Rückweg) beträgt rund 2,5 Stunden.

Die Almen des Cap de Bouirex

Die Almen des Cap de Bouirex  sind ein sehr schöner Aussichtspunkt über das Tal von Bethmale und die Pyrenäen.
Gehzeit (Hin- und Rückweg): 3, 5 Stunden.

Die Scheunen von Bethmale

Auf dieser längeren Wanderung am linken Ufer des Bethmaltals könnt ihr die Architektur der Dörfer Ayet, Samortein und Aret entdecken und das traumhafte Panorama bewundern.
Gehzeit (Hin- und Rückweg): 5,5 Stunden.

GR 10: Pyrenäen-Traverse

Mitten durch das Tal führt auch der Weitwanderweg GR 10, der die Pyrenäen von Ost nach West (oder vice versa) durchquert.

Extratipp

Als chemins de la liberté folgen die “Wege der Freiheit” historischen Fluchtrouten.  Als deutsche Soldaten 1942 auch den Süden von Frankreich einnahmen, begannen die deutschen Grenzer mit verstärkten Kontrollen auch entlang der 450 Kilometer langen Pyrenäen-Grenze zu Spanien. Auf französischer Seite gab es damals eine 30 Kilometer breite Zone, in der man sich nur mit speziellen Papieren aufhalten und bewegen durfte. Immer schwieriger wurde die Flucht. Als gefährlichste – aber auch sicherste – galt der 20 Stunden lange Marsch von den Flanken des Mont Valier hin zum Col de la Clauère (2055 m) und hinüber nach Spanien.

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Der Friedhof von Ayet. Foto: Hilke Maunder
Der Friedhof von Ayet. Foto: Hilke Maunder

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8 Kommentare

  1. Hallo Hilke,
    Habe deine Seite entdeckt und sie gefällt mir sehr gut. Wir haben 2 Gemeinsamkeiten: 1. Ein Haus in Frankreich, meines steht in Léran(Ariège) und 2. eine Tochter die Lara heisst.
    Es freut mich, dass diesmal ein Beitrag aus der Ariège ist und die Bilder sind wunderschön. Ich werde versuchen nächste Woche nach Léran zu reisen, obwohl ich bei meiner Rückkehr in die Schweiz in Quarantäne muss.
    Mag dein Seite sehr, ist sehr informativ (Beitrag Jagd, habe 2 Hunde und jedesmal Angst beim Spaziergang).
    Liebe Grüsse

    Claudie

  2. Wie immer wundervolle Bilder und informativer Text. Das Fernweh steigt ebenso wie die Hoffnung, diese wundervolle Region im nächsten Jahr ohne Angst wieder besuchen zu können.
    Danke für Deinen Newsletter !

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