So viel Frankreich steckt in … Bremen


Der Marktplatz von Bremen mit dem Rathaus. Foto: Manuela Gangl/BTZ-Bremer-Touristik-Zentrale

Der Marktplatz von Bremen mit dem Rathaus. Foto: Manuela Gangl/BTZ-Bremer-Touristik-Zentrale

Bremen (Brême). Hören Franzosen den Namen dieser Stadt, denken sie sofort an zwei Dinge. Die berühmten Stadtmusikanten – und Airbus. Die Hansestadt an der Weser ist der zweitgrößte Standort des europäischen Flugzeugbauers und zuständig für die Konstruktion, Fertigung, Integration und Erprobung der Hochauftriebselemente für alle Flügel sämtlicher Airbus-Flieger.

Für den Militärtransporter Airbus A400M, der sogar kopfüber fliegen und auf kurzen Graspisten starten und landen kann, fertigt Bremen den Rumpf und die Frachteinheit. Als Kompetenzzentrum für Weltraumtransport, bemannte Raumfahrt und Raumfahrt-Robotik arbeiten die Mitarbeiter von Airbus am fahrerlosen Transportfahrzeug ( ATV), der Ariane-5-Trägerrakete und dem Mehrzweck-Crew-Fahrzeug mit. Schließlich ist Bremen verantwortlich für den Betrieb der europäischen Komponenten der Internationalen Raumstation ISS.

Befristet gekommen, für immer geblieben

Für diese drei Geschäftsfelder kommen immer mehr Franzosen an die Unterweser. Wollen sie zunächst nur für drei Jahre bleiben, verlängern viele heute ihre Zeit in Norddeutschland – und werden in Bremen heimisch.

Rund 1500 Franzosen leben bereits in und um Bremen, rund 800 davon direkt in der Stadt. Jeden 1. Sonnabend des Monat treffen sie sich in der Propsteikirche St. Johann im Schnoor zur katholischen Messe, die Pfarrer Josef Fleddermann in der Krypta komplett auf Französisch abhält.

Bremen: St. Johann

Bremen: St. Johann. Foto: Bremer Touristik-Zentrale

 Hauptstadt des Weser-Départements

Doch die Franzosenzeit in Bremen begann schon viel früher, weiß Danielle Drosdowski, die Stadtführungen auf Französisch anbietet. Von Anfang 1811 bis zum Herbst 1813 war Bremen Hauptstadt des Département des Bouches du Weser – und gehörte damit wie Hamburg als Kapitale des Département des Bouches de l’Elbe und Lübeck zu Napoleons Kaiserreich.

Zum Präfekten des Départements ernannte der Kaiser der Franzosen seinen Kammerherrn, Reichsgraf Philipp Karl von Arberg (1776 bis 1814). Anfangs residiert er am Domshof, dann im Eschenhof an der Domsheide – heute erhebt sich dort die katholische St.-Johannis-Schule. Bremens Interessen in Paris vertrat Johann Smidt (1773 bis 1857) – er gründete später Bremerhaven.

Napoleons Niederlage bei der Völkerschlacht von Leipzig läutete das Ende der Bremer Franzosenzeit ein. Nicht einmal drei Jahre hat sie gedauert – und hat dennoch ihre Spuren hinterlassen. Doch der Roland, den Napoleon so gerne in Paris haben wollte, steht heute in Bremen. Findig hatte Bürgermeister Wichelhausen ihn zum Schutzheiligen der Stadt erklärt. Das musste der katholische Napoleon akzeptieren.

Der Schütting von Bremen

Der Schütting. Foto: BTZ Bremer Touristik-Zentrale

Das Erbe der Franzosenzeit

Den Schütting, das alte Gildehaus der Bremer Kaufleute, wollten die Franzosen als Justizpalast nutzen. Wie Zimmermeister Lühring es entsprechend umbaute, ist heute nicht mehr zu sehen – im Zweiten Weltkrieg brannte es am 6. Oktober 1944 bis auf die Umfassungsmauern nieder.

Vom Ende der Franzosenzeit künden die Wallanlagen. Nachdem Bremen 1815 zum eigenständigen Staat im deutschen Staatenbund erklärt worden war, wurden sie als Zeichen des Friedens abgerissen. Heute bildet der einstige Befestigungsanlage, die im Wechsel der Jahreszeiten ihren Blumenschmuck ändern, den ältesten öffentlichen Park Bremens.

Auch der Sprache hat die Franzosenzeit ihren Stempel aufgedrückt. Ältere Bremer nennen den Bürgersteig noch heute „Trottoir“, beschreiben mit „vigeliensch“ ein mitunter hintertückisches, kniffeliges oder schwieriges Unterfangen. Bei Prüfungen wird ihnen ganz „plümerant“, sprich flau im Bauch. Doch gibt es dann für die guten Noten ein kleines Präsent, ist das ein echtes „Pläseer“, Vergnügen. Auch das norddeutsche „tschüs“ , bis in die 1940er-Jahre noch „atschüs“, hat seine Wurzeln im Französischen – im genuschelten „Adieu“.

Lernen à la française

Und heute? Da hat Bremen sechs Partnerstädte, aber keine in Frankreich.Das Französische ist hier geradezu familiär. Man ist eine kleine Gemeinde, kennt sich untereinander, vernetzt sich – und ist stärker als in anderen Orten ins deutsche Leben integriert – zumal eine staatliche französische Auslandsschule fehlt.

Doch dafür gibt es die die Interkulturelle Schule e.V. Bremen. Die Grundschule ist eine von bislang erst fünf deutschen Schulen, die das  vom französischen Bildungsministerium verliehene Qualitätslabel FrancEducation tragen.

Am Gymnasium Horn gibt es in jedem Jahrgang eine bilinguale Klasse, die auf Deutsch und Französisch unterrichtet wird und zum AbiBac führt. Vertieft werden die Sprachkenntnisse bei regelmäßigen Austauschen mit dem Lycée Condorcet in Belfort und dem Lycée Eugène Delacroix in Maisons Alfort bei Paris.

Dienstags übt hier ein bilingualer Kinderchor, den Thomas Streit ins Leben gerufen hat. Streit leitet auch den deutsch-französischen Chor und arbeitet eng zusammen mit Rémi Laversanne, dem Musiklehrer des Lycée Français de Hambourg und Leiter von drei Chören in Hamburg.

Musikfest Bremen: Le Cercle de l'Harmonie

Le Cercle de l’Harmonie. Foto: Musikfest Bremen / Michael Bahlo

Frankophiles Musikfest

Wie stark die Verbundenheit zu Frankreich besonders in der Musik ist, zeigt das 29. Musikfest Bremen, das vom 25. August bis zum 15. September in Bremen, Bremerhaven sowie ausgewählten Spielorten im gesamten Nordwesten mit 39 Konzerten die Vielfalt der Musik erklingen lässt. Mit Operngenuss vom Feinsten lockt Marc Minkowski, der mit seinen Musiciens du Louvre, dem Philharmonia Chor Wien und Solisten seine Sicht auf Jacques Offenbachs „Les Contes d’Hoffmann“ erstmals in Deutschland am 1. September in der Glocke vorstellen wird.

Ebenfalls dort wird am 4. September die turbulente Opera buffa „Il barbiere di Siviglia“ anlässlich des 150. Todesjahres von Gioacchino Rossini von Dirigent Jérémie Rhorer und dessen Orchester Le Cercle de l’Harmonie aufgeführt. Bereits am 26. August gibt in Verden die französische Dirigentin Laurence Equilbey und ihr Insula Orchestra ihr Musikfest-Debüt mit Haydns Oratorium „Die Schöpfung“. Mit kammermusikalische Zaubereien unterhalten Renaud Capuçon undGérard Caussé.

In der Reihe „Musikfest Surprise“ präsentiert der französische Jazz-Pianisten Baptiste Trotignon mit der amerikanischen Mezzosopranistin Kate Lindsey am 6. September im BLG-Forum sein Programm „Thousand of Miles“, während der frankokanadische Pianist Marc-André Hamelin in der Glock zum Klavierabend lädt. Am 7. September folgt im BLG-Forum die  Oslo-Hommage des Orchestre National de Jazz.

Ein Hauch von Frankreich auf dem Teller

„Nur mit echtem französischen Mehl wird ein Stangenweißbrot zu einem französischen Baguette“, sagt Stefan Kühnau alias Maître Stefan vom gleichnamigen Boulangerie-Brasserie-Café am Ostertor. Er bezieht es direkt von einer Mühle bei Paris. Dort ist es zwar drei Mal so teuer. „Aber Sie schmecken den Unterschied!“ Beim Brot wie bei den Petit Pain. Auch die Tartes, Éclairs und sündhaft leckeren Macarons werden mit vielen französischen Zutaten nach Originalrezepten aus Frankreich zubereitet.

Mittags könnt ihr im gemütlichen Café, dessen Einrichtung die Wertschätzung traditioneller Handwerkskunst widerspiegelt, fantasievoll belegte Sandwiches, Bauernbrot mit Lachs, Landbrot mit Hähnchenbrust oder kleine warme Gerichte genießen: herzhafte Quiches oder Tarte Flambée. Flammkuchen steht auch auf der Karte des Bistro-Café Tarte, das seine frankophilen Gäste im Viertel auch mit anderen Leckereien wie Crème brûlée oder schönen französischen Weinen verwöhnt.

Ebenfalls im Viertel findet ihr die Fromagerie … und mehr, einen frankophilen Käse-Feinkost-Laden, nostalgisch und schick zugleich, der auch einen Mittagstisch serviert – und den Café danach. Richtig fein schlemmen könnt ihr wenig weiter in  Das Kleine Lokal von Stefan Ladenberger und seiner Frau Nina. Es bezeichnet sich zwar nicht als französisches Lokal, ist aber vom Selbstverständnis her urfranzösisch: tief im Terroir verwurzelt, sucht das experimentierfreudige Küchenteam immer neue kulinarische Herausforderungen, die neue Geschmackserlebnisse bescheren, noch besser die Aromen aus den die saisonalen Produkten der Region herauskitzeln. Feinschmeckerküche à la française, zu der Stefan vorzugsweise seine feine Auswahl an Bordeauxweinen serviert.

„Le Chef“ von Werder Bremen

Von der Mittelmeerküste kam Johan Micoud nach Bremen. Bei Werder Bremen stieg der Spielmacher aus dem sonnigen Cannes rasch schnell zum unumstrittenen Führungsspieler wurde: „le chef“ , Schütze und Stratege. Mit Johan Micoud gewann Werder 2004 sowohl die deutsche Meisterschaft wie auch den DFB-Pokal – und qualifizierte sich drei Mal in Folge für die Champions League. 2006 kehrte Micoud nach Frankreich zurück, kaufte mit Spielerkollegen ein Weingut in Pomerol und brachte 2009 der ersten Merlot heraus. Kurz vor Micoud war bereits ein zweiter Franzose zu Werder gewechselt: der Abwehrspieler Valérien Ismaël.

Frankreich & Bremen: Was für Verbindungen!

Cercle Français de Brême

Als das französische Konsulat von Bremen 1983 schloss, gründete der ehemalige französischen Konsul Pierre Guth den französischen Zirkel, um den Franzosen weiterhin eine Heimat fern der Heimat zu geben – ein Netzwerk, um den Nationalfeiertag 14. Juli und andere Events zu feiern. Rasch jedoch öffnete sich der Zirkel anderen Nationalitäten. Seine Soirée Française im Café des Institut Français bietet an jedem ersten Donnerstag im Monat eine gute Gelegenheit, um Französisch zu sprechen und sich auszutauschen.  Pétanque und Barbecue stehen ebenso auf dem Programm wie gemeinsame Restaurantbesuche.
www.cfbreme.de

Chorale Franco-Allemande de Brême

20 Männer und Frauen singen seit 1996 im gemischten deutsch-französischen Chor unter Leitung von Thomas Streit. Geprobt wird immer dienstags von 19.15-21.15 Uhr im Institut Français, Contrescarpe 19.
 www.dfc-bremen.de

Deutsch-Französische Gesellschaft Bremen

Die Deutsch-Französische Gesellschaft Bremen ist bereits seit 1950 in der Hansestadt aktiv und kooperiert eng mit dem Institut Français für ein breit aufgestelltes Programm im deutsch-französischen Kontext. Ob Konzert oder Kino-Abend, Theater, Vortrag, Lesung, Ausstellungen oder Grillabend: Alle Events sind auch für Nichtmitglieder geöffnet!
http://dfg-bremen.de

Institut français Bremen

Sprachkurse, Sprachprüfungen und ein prall gefülltes Veranstaltungsprogramm mit Kino und Konzert, Vorträgen und Debatten, Ausstellungen und anderen Events, oft in Kooperation mit Partnern – so auch der DFG Bremen.

https://bremen.institutfrancais.de

Interkulturelle Schule e.V.

Deutsch-französischer Kindergarten und Grundschule.
www.interkulturelleschule.de

Die Bremer Franzosen in der ARD-Mediathek

www.ardmediathek.de/tv/buten-un-binnen-Regionalmagazin/In-Bremen-zu-Hause-Die-Franzosen/Radio-Bremen-TV/Video?bcastId=967552&documentId=50277808


Wie viel Frankreich steckt in Deutschland? Das verrät euch meine neue Blogparade, die in Kooperation mit der Vereinigung der Deutsch-Französischen Gesellschaften für Europa (VDFG) das Jahr der Frankophonie 2018 begleitet. Alle Beiträge könnt ihr hier nachlesen.

Ihr wollt, dass ich auch eure Stadt und ihre Verbindungen mit Frankreich vorstelle? Dann schreibt mir eine Mail! Ich freue mich auf ganz viele Tipps und Infos! Und sage: MERCI!

Musikfest Bremen; Rathaus, Dom, Bürgerschaft

Der Marktplatz von Bremen mit Rathaus und Dom. Foto: Musikfest Bremen – aufgenommen bei der Großen Nachtmusik.