Blick auf die Rance und den Weinberg Mont Garrot. Foto: Berndhard Begne / Region Bretagne (Pressebild)
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Mont Garrot: Katalysator für Bretagne-Wein

Austern, Crêpes und … Chenin Blanc? In Saint-Suliac ist dies kein Seemannsgarn, sondern tief im Terroir verwurzelt. Am sonnenverwöhnten Mont Garrot, wo einst Mönche kelterten und Gargantua ruhen soll, wächst heute wieder Wein. Entdeckt einen Weinberg, der nicht nur dem Wind trotzt, sondern als Pionier den Weg für das neue Weinwunder der Bretagne geebnet hat.

Mit seinem Gewirr kleiner Gässchen und dem pittoresken Fischerhafen am Ufer der Rance zählt Saint-Suliac zu den schönsten Dörfern Frankreichs. Hinter dem Badestädtchen erhebt sich der Mont Garrot. Unter diesem Felsvorsprung aus Quarz soll, erzählt der Volksmund, das Grab des Gargantua liegen. Damit er allerdings dort auch hinpasste, sei der legendäre Riese vor seiner Beerdigung siebenmal gefaltet worden.

Der Blick vom Mont Garrot auf Saint-Suliac. Foto: Marine Michel (Pressebild)
Der Blick auf Saint-Suliac. Foto: Marine Michel (Pressebild)

Auf dem 73 Meter hohen Hügel direkt an der Rance hatten bereits im Mittelalter Mönche erste Weinstöcke angepflanzt. Im Jahr 1690 verbot König Ludwig XIV. per Edikt den Weinbau nördlich der Loire. Der Grund des Verbotes war Hunger. Das Volk brauchte Getreide, um aus dem Mehl Brot zu backen.

Doch die bretonische Weinbautradition wurde nicht überall komplett gebrochen. Im fünften, für viele immer noch „bretonischen“ Departemen Loire-Atlantique, zeugen etwa die Vignobles Chéneau in Mouzillon von einer ununterbrochenen Familientradition seit 1768. Sie sind die lebende Verbindung zur Wein-Vergangenheit, während der Mont Garrot die Initialzündung für die neue Ära darstellt.

Im Jahr 2003 beschlossen 30 Amateurwinzer, diese ungewöhnliche lokale Tradition neu zu beleben. 1.200 Weinstöcke pflanzten die Mitglieder des Weinbauvereins des Mont Garrot inzwischen dort. Was als verrückte Idee des Vereins Les Vignerons de Garo begann, gilt heute als das historische Herzstück der bretonischen Wein-Renaissance. Sein Terroir: Quarz, Granit und Schiefer, sein Klima: ozeanisch-frisch. Alles ist Handarbeit dort im Wein – von der taille, dem Rückschnitt im Winter, bis zum Entblättern des Weins und der Ernte. Einzig ein Traktor-Mäher darf zwischen den Spalieren hindurchfahren und das Gras kurzhalten.

Die erste Traube am Mont Garrot: Chenin

Als erste Traube pflanzten sie auf dem 8000 Quadratmeter großen Weinberg die weiße Sorte Chenin. Ein Winzer aus dem Anjou hatte die alte französische Traube empfohlen. Seit dem 9. Jahrhundert wird sie an der Loire angebaut. Ihr Namensgeber ist der Mont Chenin in der Touraine.

Chenin Blanc ist eine empfindliche und späte Rebsorte mit einem hohen Säuregehalt. Sie liefert einen trockenen Weißen, wie er typisch für die Heimat des Beraters aus den Pays de la Loire ist.

240 Liter ernteten sie 2011. Der stolze Alkoholgehalt, 14,5 %vol. beweist bretonische Power. Humor beweisen die Winzer von Ille-et-Vilaine im Pays Malouins auch bei der Namensnennung ihrer Lage.Appellation Bord d’Eau non controlée verrät das Flaschenetikett.

Rondo bringt Rot

2016 wagten sich die Hobbywinzer vom Mont Garrot auch an Rotwein. Sie wählen dazu eine Traube, die die damalige Forschungsanstalt Geisenheim 1964 mit der Weiterzüchtung einer ursprünglich tschechischen Kreuzung „erfunden“ hatte: die Rondo. Die Rebsorte, die seit 1997 Sortenschutz genießt, hat besonders in Skandinavien gezeigt, dass Rotwein auch in Nordeuropa gelingt.

Sie reift sehr früh, ist widerstandsfähig gegen Frost und den Falschen Mehltau und erbringt tiefdunkle Rotweine mit Himbeer- und Kirscharomen.

Dank der Rondo-Rebe wurde Dänemark offizielle EU-Weinbaunation, und auch im schwedischen Skåne bringt die Traube kraftvolle, körperreiche Rotweine hervor. Auch Kellermeister Bernard Tardivel ist zufrieden. Mehr als 300 Flaschen füllt er am Mont Garrot inzwischen jährlich vom bretonischen Clos de Garo ab. Jede Flasche ist durchnummeriert. Und keine wird kommerzialisiert. Sondern ist der Lohn der Arbeit bei diesem Pilotprojekt, das eine alte Tradition der Bretagne bewahren will.

Die bretonische Wein-Renaissance

Was am Mont Garrot als verrückte Idee begann, hat längst Nachahmer gefunden. Klimawandel und Pioniergeist verwandeln die Bretagne gerade in Frankreichs spannendstes neues Weinbaugebiet.

Lange Zeit galt Weinbau in Frankreichs tiefstem Westen als reine Liebhaberei. Doch die Professionalisierung schreitet rasant voran. Die Association pour la Reconnaissance des Vins de Bretagne (ARVB) fordert die Anerkennung der Weine mit der geschützten geografischen Angabe IGP Bretagne. Ziel ist es, die Weine, die bisher als Vin de France vermarktet werden, offiziell unter bretonischer Flagge segeln zu lassen.

Während Saint-Suliac im Norden passionierte Liebhaber im Verein am Mont Garrot die historische Fahne hochhalten, gehört ganz in der Nähe das Weingut Les Longues Vignes in Saint-Jouan-des-Guérets zu den Pionieren, die seit 2019 ganz professionnell den Weinbau in der Bretagne pushen. An einem Südhang hoch über der Rance bewirtschaften Edouard Cazals und Célestin d’Argence seitdem rund vier Hektar mit biodynamischem Ansatz.

Als Epizentrum im Süden der Bretagne gilt die Rhuys-Halbinsel im Département Morbihan. Aber auch die Inseln sind dabei: Auf der Belle-Île-en-Mer und der Île de Groix wird wieder professionell gekeltert. Mit Les Vignes de Guelvez beweist die Önologin Laura Le Goïc-Chauque, dass selbst die äußerste bretonische Spitze beste Bedingungen für neue Rebsorten bietet.

Und was kommt ins Glas? Die Winzer setzen auf einen Mix aus Cool-Climate-Klassikern und robusten Neuzüchtungen (PiWis), um der Feuchtigkeit zu trotzen. Bei den Weißen dominieren Chardonnay und Chenin Blanc, ergänzt durch Savagnin und Solaris. Bei den Rotweinen dominieren Pinot Noir (Spätburgunder), Grolleau und Cabernet Franc.

Mont Garrot & Co.: Bretonische Weine für Neugierige

Clos de Garot

Der Weinberg des Mont Garrot war die Initialzündung für die Renaissance des bretonischen Weinbaus. Gegen eine Spende könnt ihr die Tropfen des Vereins verkosten.
• Chemin du Corps de Garde, 35430 Saint-Suliac, https://lesvigneronsdegaro.com

Les Longues Vignes

Bioweine von einem Südhang der Rance. Auf vier Hektar wachsen Chardonnay, Pinot Noir, Grolleau, später gesellte sich Cabernet Franc hinzu. Auch einen Apfelhain für Cidre gibt es hier.
• 35430 Saint-Jouan-des-Guérets (Weinberg), 35540 Plerguer (Firmensitz), Tel. mobil 06 80 37 38 36, www.leslonguesvignes.fr

Le vignoble de Rhuys – Dantelezh

Auf der Rhuys-Halbinsel Rhuys hat die Gemeinde Sarzeau2,5 Millionen Euro in dieses Projekt investiert, um den Weinbau gezielt wiederzubeleben. 2020 wurden zwischen dem Golf von Morbihan und dem Atlantik 25.000 Rebstöcke (50 % Chardonnay, 30 % Cabernet Franc, 20 % Chenin) rund um eine Mühle gepflanzt. Verkosten könnt ihr die Tropfen des Bio-Weinguts von Marie Devigne und Guillaume Hagnier im chai, malerisch unter der Windmühle Moulin du Poulhors gelegen. Als einziges bretonisches Gut ist Dantelezh bereits im Guide „Randos Vin en France“ gelistet und lädt zu Degustationen direkt am Meer ein.
• 23, rue des Trois Moulins, 56370 Sarzeau, Tel. mobil 06 41 83 86 44, www.levignoblederhuys.bzh

La Vigne et l’Abeille

Engagiertes Weingut von Marina und Loïc Fourure, das die biologische und nachhaltige Seite des neuen bretonischen Weins repräsentiert. Das Paar stellt auf seinem Hut im Morbihan auch Honig her.
• Chemin du Pré Bertin, 56450 Theix-Noyalo, Tel. mobil 06 79 28 31 88, https://vigneetabeille.fr

Les Vignes de Guelvez

Geführt von der aus Argentinien stammenden Önologin Laura Le Goïc-Chauque.
• Guelvez 29310 Querrien, auf Facebook und Instagram zu finden

Roc’h Mer

Lucas Pfister setzt auf Weißweinsorten wie Savagnin und Alvarinho, die die Frische und Mineralität des maritimen Terroirs widerspiegeln.
• 29340 Riec-sur-Belon, Tel. 07 82 07 87 21

Les Vignes de Kerdonis

Der Weinbau kehrt auch auf die bretonischen Inseln zurück dank einzigartiger Mikroklimata. 2015 initiierte Bertrand Malossi im Süden der Belle-Île den Weinbau mit seinem Domaine de Kerdonis (auch Vignes de Kerdonis oder Vindilis). Auf 11,4 Hektar reifen hier ganz und gar bio Chardonnay und Savagnin heran.
• zwischen Locmaria und Bangor auf der Belle-Île, auf Instagram zu finden

Terre de Penfao

Guillaume Bauché ist der erste Winzer, der im Landesinnern der Bretagne mit Terre de Penfao einen frischen Weißwein hergestellt hat. Mit einem BTS und einem Bachelor in Weinbau und Önologie in der Tasche, die er in Saumur auf dem Weingut Château de Targé und in Burgund bei Jérôme Galeyrand in Gevrey-Chambertin erworben hat, testete Guillaume zunächst zehn Rebsorten. So fand er die vier Sorten, die am besten zu seinem Boden passten. : einen Pinot Noir und eine Trilogie weißer Trauben: Chenin d’Anjou, Pinot Gris d’Alsace und Savagnier aus dem Jura. 13.500 Weinstöcke wachsen heute auf seinem 2022 angelegten Weinberg.
• 56920 Noyal-Pontivy, auf Instagram zu finden

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Im Blog

Alle Beiträge aus der Bretagne sind in dieser Kategorie vereint. Mehr zum französischen Wein gibt es in dieser Kategorie. Wie der Klimawandel den Weinbau in Frankreich verändert, könnt ihr hier nachlesen.

Im Buch

Klaus Simon, Hilke Maunder, Roadtrips Frankreich*

Roadtrips Frankreich

Das zweite gemeinsame Werk mit Klaus Simon stellt euch die schönsten Traumstraßen zwischen Normandie und Côte d’Azur vor. 14 Strecken sind es – berühmte wie die Route Napoléon durch die Alpen oder die Route des Cols durch die Pyrenäen, aber auch echte Entdeckerreisen wie die Rundtour durch meine Wahlheimat, dem Fenouillèdes.

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