Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
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Vernet-les-Bains: Wo Cali Hits komponiert

Hier hat er sich also versteckt, um in Ruhe zu komponieren oder Musikvideos zu produzieren. Doch so ganz klappt das nicht. Cali ist der berühmteste Bürger von Vernet-les-Bains am Fuße des Canigou, des heiligen Berges der Katalanen in den Pyrénées-Orientales.

Frankreichs bestbezahlter Rocker

Besonders im Sommer strömen die Fans vor sein Haus und machen selfies. Der Mode-Boutique scheint es nichts zu nützen. Sie öffnet nur bei Anruf. Die Nummer hängt im Fenster.

Der französische Rockstar war 2017 auf dem ersten Platz der People With Money-Liste der bestbezahlteste Sänger mit einem Verdienst von 75 Millionen Dollar. Seine von ihm geschiedene Frau betreibt das Café La Placette in Maury, einem berühmten Weinort des Fenouillèdes.

Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Der Aufgang zur Dorfkirche mit Blick zum Canigou. Foto: Hilke Maunder

Mode, Duft und Burger vom Musiker

215 Millionen US-Dollar soll sein Vermögen betragen. Erwirtschaftet wurde es nicht nur mit Musik, sondern vor allem mit klugen Aktien-Investititionen, Immobilien, Sponsoring-Verträgen mit CoverGirl-Kosmetik und Restaurants wie der Fat Cali Burger-Kette in Paris.

Das Fußball-Team des Perpignan A.C., die Wodka-Marke Pure Wondercali, die Düfte „Von Cali mit Liebe” und die Mode-Linie „Verführung by Cali” gehören ebenfalls zum Imperium des Sängers.

Inzwischen ist Cali auch unter die Schriftsteller gegangen. Sein Erstlingswerk Seuls les enfants savent aimer* erhielt den CML Prix Méditerranée Roussillon. 2019 folgte Cavale, ça veut dire échapper*.

Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Ein Krämerladen mit Bücherecke und viel lokalem Flair: Les Halles von Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

Alles bio in der Bücher-Tausch-Zentrale

Manuel, der wenige Häuser weiter in das Schaufenster von Les Halles die Ankündigung des nächsten Konzertes von Cali gehängt hat, kennt den Künstler eher vom Fernsehen.

„Zu mir kommen Leute, die lieber bio einkaufen. Oder hier ihre Bücher in neue Lektüre umtauschen – ganz und gar kostenlos.“

Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Manuel von Les Halles in Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

Einen ganzen Raum hat Manuel für diesen Service freigeräumt. In Kartons stapeln sich Krimis. Eine Wand ist für fremdsprachige Literatur vorgesehen. „Guck mal hier – wir haben sogar deutsche Titel!“ Märchenbücher, Kunstbände, Wanderführer, Liebesromane, Klassiker und kaum bekannte Titel – die Auswahl ist erstaunlich.

Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Zeitreise per Buch: So sah Vernet-les-Bains früher aus. Foto: Hilke Maunder

„Hier ist außerhalb der Saison im Sommer nicht viel los, und viel Geld habe hier auch nicht alle. So kann ich etwas beitragen, dass alle sich hier glücklich fühlen, so wie ich.“

Manuel ist in Vernet aufgewachsen – und ein wandelndes Stadtlexikon. Neben der Kasse stapeln sich schmale Bildbände, die verraten, wie Vernet-les-Bains im Laufe der letzten 100 Jahre gewandelt hat.

Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Solche Zeichen zeigen im ganzen Land in den Orten die Höhe von Hochwasser an. Foto: Hilke Maunder

Zerstörerische Fluten

Fotos verraten, welche Kraft der Cady hatte, bevor sein Lauf von Menschenhand geändert wurde. Im Oktober 1940 hatten heftige Schauer die Wasserpegel steigen lassen. Allein am 17. Oktober waren innerhalb von 24 Stunden an der Südseite des Canigou 1000 mm Niederschlag gefallen.

Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
In den alten Gassen von Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

Das Bachbett des Cady, gewöhnlich zwei bis fünf Meter breit, erreichte an manchen Stellen plötzlich 100 Meter. Auf dem Weg nach Corneilla-de-Conflent standen die Fluten vier Meter hoch.

Der Strom riss alles, was ihm im Weg stand mit. Holzstämme und Fahrzeuge donnerten gegen die Fassaden von Vernet-les-Bains. Hier zeigen historische Fotos die Ausmaße des Unglücks.

Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Rot-Gelb: die Farben des Pays Catalan. Foto: Hilke Maunder

52 Gebäude wurden beschädigt oder komplett verstört. Mehrere Meter hoch türmten sich Sand, Schutt, Bäume und Sträucher. Nach dieser Flut wurde der Fluss 1940 reguliert. Seitdem fließt er nicht mehr in weiten Bögen durch den Ort, sondern wird in einem breiten, tiefen Kanal durch Vernet-les-Bains geführt. Eine einzige Straße – und so viele Geschichten!

Eine Altstadt in Blut und Gold

Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Die Place de la République von Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

Auf der Place de la République räumen die Markthändler langsam zusammen. Einige haben ihre Ware auf Bannern und Tüchern mit den rot-gelben Nationalfarben Kataloniens ausgebreitet.

Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Der Markt ist beendet, doch Zeit für ein Schwätzchen muss sein: an der Place de la République von Vernet-les-Bains : Hilke Maunder

Auch in den Gassen und Treppenwegen, die von der Unterstadt am Fluss vorbei an den Gärten zum Château führen, hängen  immer wieder die „Sang et Or„-Flaggen. Geld und Rot, Gold und Blut.

Rudyard Kipling, der hier wie einst die Römer kurte, nannte das Städtchen „das Paradies in den Pyrenäen“. Im Gassengewirr, das immer wieder Ausblicke auf den Hausberg der Katalanen und die Gärten eröffnen, die Unter- und Oberstadt trennen, kann ich ihm nur zustimmen.

Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Foto: Hilke Maunder

Sonnengelbe Fassaden, Erker und Blütenschmuck selbst in der kalten Jahreszeit, plätschernde Brunnen und Bänke zum Ausruhen und Schauen – ein Idyll, das die Nähe zu Spanien spüren lässt.

Spitze: Bergfried und Kirche

Von der mittelalterlichen Burg steht nur noch der auf quadratischem Grundriss erbaute Donjon (Bergfried). Zusammen mit dem Glockenturm von Sainte-Marie du Puig bildert er die Stadtkrone. Die eigentliche Pfarrkirche Saint-Saturnin hatte 1710 Hochwasser weggespült.

Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Die Sonnenuhr der Église Saint-Saturnin von Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

So wurde die Kapelle kurzerhand Saint-Saturnin geweiht. Und trägt jetzt mal den alten, mal den neuen Namen, der auch schon über 300 Jahre alt ist.

Aber die Uhren scheinen eh anders zu gehen in Vernet-les-Bains. An Les Halles zeigt eine Hotelwerbung auch 20 Jahre nach Einführung des Euro noch die Preise in französischen Francs.

Vernet macht im Allgemeinen den Eindruck, unter den Badeorten sich noch in einer Art Unschuldszustand zu befinden; nur im Schreiben von Rechnungen, das erzählten mir die Gäste sogleich, habe der Direktor das Kurhotel auf eine Stufe mit den Größen in Europa zu heben gewusst.

Hans-Christian Andersen, 1855
Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Längst geschlossen: das Hôtel Alzina in Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

Vernet-les-Bains: meine Reisetipps

Schlemmen

Lesen

Der englische Autor Rudyard Kipling kam von 1910 bis 1926 mehrmals nach Vernet. 1911 verfasste er die Kurzgeschichte Why snow falls at Vernet (Warum es in Vernet schneit). Hier könnt ihr sie im englischen Original und der französischen Übersetzung lesen.

Schlafen

Hôtel Le Mas Fleuri*

Der Name verspricht eine andere Optik als einen Sechziger-Jahre-Bau. Doch im Innern birgt das beste Hotel des Ortes geräumige Zimmer, die Mut zur Nostalgie haben – einige mit Blümchentapete im Bad, andere mit Mosaik.

Charmant antiquiert, aber dort, wo es drauf ankommt, top: ruhig – und allerbeste Matratzen! Im parkähnlichen Garten gibt es zudem einen großzügigen Pool.
• 25, Boulevard Clemenceau, 66820 Vernet-les-Bains, Tel. 04 68 05 51 94, www.hotel-pyrenees-orientales.com

Les 2 Lions

Mitten im Ort findet ihr diese fünf komfortablen chambres d’hôtes in einer schmucken Villa. Alle sind nach Süden ausgerichtet!
• 18, Boulevard Clemenceau, 66820 Vernet-les-Bains, Tel. 04 68 05 55 42www.chambres-hotes-66.com

Noch mehr Betten*

 

Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder
Bei der Église Saint-Saturnin von Vernet-les-Bains. Foto: Hilke Maunder

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Im Blog

Alle Beiträge aus dem Département Pyrénées-Orientales vereint diese Kategorie.

Im Buch

Ralf Nestmeyer, Languedoc-Roussillon*

Zwischen dem Delta der Camargue und den Gipfeln der Pyrenäen hat Ralf Nestmeyer nahezu jeden Strand gesehen, jede Stadt besucht, jedes Wehrdorf besichtigt – im Languedoc etwas intensiver, im Roussillon fokussiert er auf bekannten Highlights. Inzwischen ist der wohl beste Führer für diese wunderschöne Ecke Frankreichs 2024 in der 10. Auflage erschienen.

Das 588 Seiten dicke Werk ist der beste Begleiter für Individualreisende, die diese Region entdecken möchten und des Französischen nicht mächtig sind. Wer möchte, kann den Band hier* direkt bestellen.

Hilke Maunder, Okzitanien: 50 Tipps abseits der ausgetretenen Pfade*

Okzitanien abseits Geheimtipps

Okzitanien ist die Quintessenz des Südens Frankreichs. Es beginnt in den Höhen der Cevennen, endet im Süden am Mittelmeer – und präsentiert sich zwischen Rhône und Adour als eine Region, die selbstbewusst ihre Kultur, Sprache und Küche pflegt.

Katharerburgen erzählen vom Kampf gegen Kirche und Krone, eine gelbe Pflanze vom blauen Wunder, das Okzitanien im Mittelalter reich machte. Acht Welterbestätten birgt die zweitgrößte Region Frankreichs, 40 grands sites – und unzählige Highlights, die abseits liegen. 50 dieser Juwelen enthält dieser Band. Abseits in Okzitanien: Bienvenue im Paradies für Entdecker!  Hier* gibt es euren Begleiter.

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