Campagne-sur-Aude: das Erbe der Templer

Campagne-sur-Aude: Die alte Brücke über die Aude führt direkt zum Kastell der Templer. Foto: Hilke Maunder
Campagne-sur-Aude: Die alte Brücke über die Aude führt direkt zum Kastell der Templer. Foto: Hilke Maunder

Campagne-sur-Aude: ein kleines Dorf am Oberlauf der Aude, knapp 300 m hoch zwischen Hängen voller Weinreben gelegen. Eine Brücke führt von der Landstraße nach Limoux ins alte Herz. Und das ist kreisrund.

Denn dort erhebt sich bis heute das von einem Bergfried dominierte Rundkastell der Templer. Zwölfeckig errichteten sie  es auf einem Felsvorsprung. Jede Seite misst rund 20 Meter. Zinnen und ein Steg säumen die Spitze der zehn Meter hohen Mauern.

Campagne-sur-Aude: Wohnhäuser lehnen sich heute an die Mauer des Templerkastells. Foto: Hilke Maunder

Die Wasserburg der Kreuzritter

Das Kastell umgab einst ein vier bis fünf Meter breiter Graben. Ein umgeleiteter Flussarm der Aude speiste ihn. Der Hauptzugang zur Festung lag im Süden und war durch eine Zugbrücke gesichert. Auf einem zweiten, weniger sichtbaren Zugang konnten die Ritter einst direkt zu ihrem Haus im Innern des Kastells gelangen.

Der Torturm ist noch im ursprünglichen Zustand erhalten. Folgt dort dem Impasse des Chevaliers ins Innere. Linkerhand seht ihr das Wohnhaus des Kommandanten, rechterhand Wohngebäude der Ritter, dann die Schmiede und Stallungen.

Nicht einsehbar von der kleinen Gasse sind die Gärten und der Taubenschlag, die sich zwischen der Wehrmauer und den Häusern bis heute befinden.

Auf dieser Gasse geht es hinein ins Templerkastell. Foto: Hilke Maunder

Ein Kirchturm als Kerker

In der Mitte des Kastells errichteten die Templer einen kleine Kapelle. Sie war 17,50 m lang, 5,50 m breit und nur 7,50 m hoch. Ein Okulus warf „himmlisches“ Licht auf den Altar. An der Nord- und Südseite spendeten zwei weitere kleine Fenster Licht fürs Gotteshaus.

Neben dem einstigen Eingang zur Templerkapelle befindet sich seit dem Mittelalter ein Brunnen. Den 25 m hohen Turm ihrer Kirche nutzten die Templer auf vielerlei Weise. Er fungierte nicht nur als  Glockenturm, sondern auch als Wachturm, Schießstand… und Kerker.

Der mittelalterliche Brunnen des Templerkastells. Foto: Hilke Maunder

Im Hochtal der Aude hatten die Templer, obgleich sie die Herrscher waren, einen schlechten Stand und mussten eine jährliche Abgabe an den Erzbischof von Narbonne zahlen. A

Auch blühte die ritterliche Kultur dort weniger als auf anderen Burgen der Templer. Ihr Kastell in Campagne-sur-Aude diente hauptsächlich dazu, Steuern und Abgaben einzufordern, die Mühlen an der Aude zu verwalten und Zensur auszuüben.

Glaubensschlachten

Während des Kreuzzugs gegen die Katharer beschlagnahmten die Truppen von Simon IV. de Montfort mehrere Lehen der Region, darunter auch das Templerdorf Campagne-sur-Aude. Zwar kehrt es nach Jahren des Rechtsstreit wieder an die Templer zurück, doch nicht für lange.

1242 schlug Bernard Sermon von Albezune (oder Bezu) die Türen des Templerkastells ein und nahm die beiden dort ansässigen Templer fest. Der Orden reagierte mit einem neuen Feldzug und holte sich im September 1243 seinen Besitz in Campagne-sur-Aude wieder zurück.

Von Platanen gesäumt: die Promenade du Château Fort. Foto: Hilke Maunder

Nach dem Ende der Templer kamen die Hospitaliter, entfernten alles, was militärisch war, zerstörten Wohnbauten und ließen von den Gebäuden des Kastells nur drei Bauten stehen: das Haus des Kommandanten, das Haus der Ritter und die Templerkapelle.

Doch der geht es im 15. Jahrhundert an den Kragen. An der Nordwand wird ein Kirchenschiff mit einer Fronttür auf dem heutigen Dorfplatz hinzugefügt. Die Kapelle des Kastells geht völlig in der Pfarrkirche Saint-Sébastien auf: Sie bildet seitdem ihr Querschiff.

Die Église Saint-Sébastien mit der integrierten Kapelle der Templer. Foto: Hilke Maunder

Vom Wallgraben zur Promenade

In der Französischen Revolution wird die Mini-Festung der Templer nationales Eigentum. Ihr Wallgraben wandelt sich zur Promenade. Der Arm der Aude wird aufgefüllt und als Boulevard mit Platanen und Blumen bepflanzt.

So seht ihr Campagne-sur-Aude heute – und könnt dort auf der Promenade du Château Fort euer Gefährt parken.

Die alte Kommandantur der Templer fungiert seitdem als Rathaus. Auch der Friedhof hat die Mauern des Kastells und erstreckt sich jenseits der Weinkeller von Salasar.

Private Wohnhäuser säumen heute die Stadtmauer. Wenn ihr heute das Templerkastell besichtigt, braucht ihr schon ein wenig Fantasie, um euch vorzustellen, wie es im Mittelalter dort aussah.

Tor der Weinkellerei Salasar. Foto: Hilke Maunder

Campagne-sur-Aude: meine Reisetipps

Schlemmen

Auberge Saint-Sebastien

Pizza und Gegrilltes vom Holzkohlegrill – im Sommer auch draußen im Garten.
• 3, Promenade du Château Fort, 11260 Campagne-sur-Aude, Tel. 04 68 31 08 75, www.facebook.com/aubergesaintsebastien

Erleben

Das Reich der Dinosaurier

Ende der 1980er-Jahre entdeckten Wissenschaftler im Haute-Vallée de l’Aude die ersten Überreste von Dinosauriern. Heute gilt Campagne-sur-Aude als größte französische Fundstelle von Dinosauriern. Mehr zum Erbe der Riesen-Echsen erfahrt ihr im bei Dinosauria, dem Dinosaurier-Museum von Espéraza.

Campagne-sur-Aude: Auch eine örtliche Blanquette-Kellerei wirbt mit dem Erbe der Dinos. Foto: Hilke Maunder

Die Blanquette

Der Schaumwein „Blanquette“ gilt es Mutter des Champagners. Wie er entsteht, verrät die 1890 gegründete Kellerei Salasar bei Führungen. Schon ihr Stammsitz oberhalb der Bahngleise, gleich neben dem Friedhof, ist ein Hingucker!
• 4, Rue de l’Égalité, 11260 Campagne-sur-Aude, Tel. 04 68 20 04 62, www.salasar.fr

Ein Hauch von Art-Deco und Orient in der Architektur: die Blanquette-Kellerei Salasar. Foto: Hilke Maunder

Die Quell-Grotte

Zu Campagne-sur-Aude gehören mehrere Weiler. In Campagne-les-Bains, wo ein Krankenhaus einst Kriegsverletzte und Lungenkranke versorgte, sprudelt in einer Grotte heiß eisenhaltiges Wasser heraus.

Beste Ausblicke

Der Belvédère du Bac eröffnet traumhafte Ausblicke auf die Aude. Ihr kommt an ihm vorbei, wenn ihr von Campagne-sur-Aude rund vier Kilometer Richtung Quillan wandert. Folgt vom Dorf dem Chemin des Écharts (258 m).

An der Kreuzung mit dem Wanderweg, der von L’Espinet kommt, geht ihr links nach Norden und dann weiter nach Südosten weiter. Nachdem ihr ein recht steiniges Teilstück überquert hat, biegt ihr an der Kreuzung zum Belvédère du Bac (443 m) ab.

Der Aussichtspunkt erhielt seinen Namen vom Roche du Bac. „De lo Bac“ bezeichnet im Okzitanischen den von der Sonne abgewandten Hang eines Berges.

Als Wanderkarte empfehle ich die IGN 2347OT – Quillan/Alet-Les-Bains im Maßstab 1:25.000. Wer mag, kann die topografische Karte hier* online bestellen.

Weiterreisen

Das ganze Land

MARCO POLO Frankreich: praktisch und kompakt, bearbeitet von Hilke Maunder.Einfach aus dem Besten auswählen und Neues ausprobieren, ist das Motto der Marco Polo-Reiseführer. Den MARCO POLO Frankreich* habe ich gemeinsam mit Barbara Markert verfasst. Gleich zu Beginn geben wir unsere  Insider-Tipps für Frankreich preis: vom größten Flohmarkt Europas in Lille bis zur Schwimmen in der Piscine Olympique in Montpellier.

Das Kapitel „Im Trend“ verrät, was es Neues zu erleben gibt im Hexagon: vom Skijöring in den Skigebieten bis zum Übernachten im Baumhaushotel. Alle Hintergrundinformationen zu Frankreich und seinen Menschen findet ihr unter Fakten, Menschen & News. Es folgen: Tipps für Bars und Boutiquen, Erlebnissen für  Familien, Paare oder Alleinreisende. Wer mag, kann ihn hierdirekt bestellen.

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Das Volk protestierte und fordert die Wiederaufnahme des Zugverkehrs: der verwaiste Bahnhof von Campagne-sur-Aude. Foto: Hilke Maunder
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9 Kommentare

  1. Liebe Hilke! Es ist so schön, in diesen stürmischen Zeiten auch etwas Normales aus Frankreich lesen zu können. Ich war erst 2018 in Limoux, 2019 in Narbonne-Plage. Immer immer wieder fasziniert mich diese Ecke Frankreichs. Nun habe ich schweren Herzens meine Unterkunft für 2020 in Saint Pierre la Mer wieder storniert. Zurzeit heißt es abwarten. Hoffen, dass sich bald alles wieder normalisiert. Und genau jetzt sind solche Berichte und Lebenszeichen von so ungemeiner Bedeutung! Vielen herzlichen Dank dafür! Und hoffentlich à bientôt en France Sehr liebe Grüße Angelika, Berlin

    • Liebe Angelika, das ganze Land hofft, dass mit den steigenden Temperaturen im Frühjahr sich Corona – ähnlich wie die Grippe – sich verzieht bis zum nächsten Winter. Hoffen wir, dass es so auch passiert. Und bis zum Winter ein Impfstoff gefunden wurde. In Saint-Pierre-la-Mer habe ich einmal einen befreundeten Berliner, Franz Sommerfeld und Frau, besucht – ein wundervoller Ort! Ganz herzliche Grüße retour! Hilke

    • Liebe Angelika, wir wollten auch am 9.Mai nach Les Ayguades ..ich werde auch sehr die wunderschönen Radtouren am Meer zwischen Gruissan und Saint Pierre mit dem schönen Markt direkt am Strand sehr sehr vermissen. Wir hatten uns wahnsinnig gefreut… aber auch noch nicht storniert.. man hört so wenig aus Frankreich. Aber es beantwortet sich natürlich von selbst. Und auch ich bedake mich sehr für die schönen Berichte , die allerdings die Sehnsucht noch mehr wecken ..

  2. Die Aude, unsere Lieblingsgegend neben den Tarn, Sidobre, u.v.m. Während unseres langjährigen Aufenthalt im Südwesten Frankreichs. Es ist für mich immer wieder schön Deine Beiträge zu diese Gegend zu lesen. Vielen Dank dafür. Bleib schön gesund. Liebe Grüße Martina

    • Liebe Martina, danke! Ich darf es ja garnicht sagen – aber nun habe ich endlich Zeit, einmal all die Entdeckungen und Themen der letzten Wochen aufzuschreiben. Und ja, der Südwesten ist wunderschön! Ganz herzliche Grüße und bleib(t) gesund! Hilke

  3. Liebe Hilke,
    ist Dir bewusst, wie sehr dein Blog gerade in der jetzigen Zeit Trost spendet und zudem auch ein Gefühl von „Freiheit“ vermittelt ? Dafür verdienst Du einen grandiosen und sehr, sehr, sehr langanhaltenden Applaus !

    Ich freue mich auf weitere Berichte von Dir. Bleibe bitte gesund.

    Alles Gute und liebe Grüße
    Elisabeth

    • Liebe Elisabeth, ganz herzlichen Dank für Deine lieben Worte! Ich habe schon etwas vorgeschrieben jetzt, falls das Virus mich erwischen sollte… hoffentlich nicht! Bleib gesund und liebe Grüße, Hilke

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