Ein Wander-Wochenende am … Canigó

Canigó: Pla de Cady nach dem ersten Neuschnee von Anfang September. Foto: Hilke Maunder
Pla de Cady nach dem ersten Neuschnee von Anfang September. Foto: Hilke Maunder

Schon aus 100 Kilometer Entfernung könnt ihr ihn von den Badestränden der Mittelmeerküste sehen: den Canigó (Canigou). 2.785 m hoch thront der östliche Pyrenäengipfel über der Ebene des Roussillon im Süden von Frankreich.

Der Canigó bei Terrats. Foto: Hilke Maunder

Alles überragend, wacht er über das Land der Katalanen nördlich und südlich der französisch-spanischen Grenze. Lange Zeit galt er als höchster Gipfel Kataloniens.

Keine andere Spitze steht so für die Identität der Katalanen wie dieser Berg – besonders bei der Trobada und dem Sant-Jordi-Fest zur Sommersonnenwende im Juni.

Im Frühjahr blühen die Obstbäume vor der Schneekappe des Canigó. Foto: Hilke Maunder

Wanderland von mediterran bis hochalpin

Das imposante Massiv ist ein Wanderparadies par excellence. 750 km Wanderwege durchziehen ihn, führen über einsame Pässe, durch imposante Schluchten und hinauf zum Gipfel des Canigó (Canigou).

Wie ihr als „Sonntagswanderer“ ohne große Bergerfahrung den „Fuji von Südfrankreich“ an einem Wochenende erleben könnt? Folgt meinem Wanderplan!

Mit mir unterwegs war Antoine Fenech, der Wanderführer von Altitude 66 aus Taurinya. Foto: Hilke Maunder

FREITAG

Die Naturlandschaft des Bergmassivs steht unter strengem Schutz. Daher nimmt die Anreise mehr Zeit ein als bei anderen Bergen.

Ich empfehle euch daher sehr, mit Bus, Bahn oder eigenem Wagen von Perpignan über Prades bis nach Casteil und weiterer auf der unbefestigten Forststraße so weit wie möglich bis zur Schutzhütte von Marialles zu fahren.

Im Juni und September geht’s bis vor die Haustür. Im Juli/August müsst ihr rund 40 Minuten vom Parking du Randé bis zur Unterkunft laufen.

SONNABEND

Sonnenaufgang beim Wanderparkplatz Marialles. Foto: Hilke Maunder

Wer in der Schutzhütte geschlafen hat, kann morgens dann solch einen Sonnenaufgang erleben. Vom Wanderparkplatz Marialles blickt ihr auf das Massiv von Les Madrès (2.469 m).

Zum höchsten Berg des Départements Aude könnt ihr vom  Col de Jou an einem Tag eine sehr schöne Rundwanderung machen.

Durch das Massiv des Canigó (Canigou) führt mich Antoine Fenech, Bergführer von Altitude 66. Doch bevor es losgeht, reißt er noch ein paar Pflanzen aus. Radikal und fast wütend. Ich gucke ihn fragend an.

Dieser Bioinvasor breitet sich rasant aus am Massiv  und verdrängt die endemische Pflanzenwelt. Foto: Hilke Maunder

„Dieses gelbe Zeug –  das Schmalblättrige Greiskraut (le séneçon du cap) – ist ein Bio-Invasor aus Südafrika, der sich massiv ausbreitet und die einheimische Pflanzenwelt bedroht.

Wo immer wir ihn sehen, reißen wir ihn aus – wir, die Führer, aber auch die Forstbeamte und Mitarbeiter der Naturparks“, sagt Fenech.

Von der Schutzhütte aus geht es rechts (nach Süden) auf dem gemeinsamen Weg von GR10 und GR36 (rot und weiß markiert) hinein in den Wald. Überall gluckert und gurgelt es.

Ein schmaler Pfad aus Fels und festem Geröll führt in den Wald. Foto: Hilke Maunder

Nach rund 40 Minuten überquert ein schmaler Steig den Wildbach von Llipodère (1.686 m) und geht nach links weiter. Nach dem Ravin des Septs Hommes (1.840m) führt der Saumpfad gen Nordosten zum Col Vert (1.861 m).

Soche Viehgatter sorgen dafür, dass das Vieh auf den Sommerweiden verbleibt. Foto: Hilke Maunder

Vom Col Vert (1.861 m) zur Passage du Cady (1.964 m)

Immer wieder öffnet und schließt Antoine Viehgatter. Bislang waren die Tiere nicht zu sehen. Doch jetzt ertönt ein Muhen. Wir durchqueren eine Weide, auf der Gascogne- und Aubrac-Rinder zwischen niedrigem Rhododendron und „genêt à balai“, Besenginster, weiden.

Der“genêt à balai“war für die Einheimischen einst eine wichtige Nutzpflanze. Sie fertigten daraus Besen, nutzen ihn seine Rinde zum Gerben, seine Fasern zur Herstellung von Seilen und deckten damit mitunter auch das Haus. Und sie destillierten aus dem Besenginster das giftige Alkaloid Spartein – als Gegengift bei Viperbissen und Wehenmittel.

Langsam klettert die aufgehende Sonne über das Massiv und lässt die zerfurchten Felsspitzen von Marialles leuchten.

Sonnenaufgang über den Felsspitzen von Marialles. Foto: Hilke Maunder

Auf dem gut markierten und leicht ansteigenden Weg geht es weiter gen Osten. Die ersten Geröllfelder stellen sich in den Weg: grobe Brocken aus Gneis, überzogen von Flechten. Fest haben sie sich ineinander verkeilt. Nichts wackelt.

Weit öffnen sich der Blick auf die gegenüberliegende Felswand, auf deren Alm ebenfalls Kühe weiden.

Canigo: Sommerweide bei Marialles. Foto: Hilke Maunder

Nach fast zwei Stunden erreicht ihr auf 1.964 m Höhe die Passage du Cady. Überquert den jungen Bergbach auf den Steinen, die im Flussbett liegen!

Der Cady entspringt auf 2.400 m Höhe am Canigou und mündet bei Villefranche-de-Conflent in die Têt. Sein starkes Gefälle hat immer wieder für extreme Überschwemmungen gesorgt, am schlimmsten 1940. Als nach den extrem starken Regenwällen vom 16.- 20. Oktober beim Laiguat de 1940 Vernet-les-Bains nahezu „unterging“ und die Thermen nahezu zerstört wurden, wurde der Cady kanalisiert.

Auf dem Weg zur Schutzhütte Refuge d’Arago. Foto: Hilke Maunder

Von der Passage du Cady (1.964 m) bis zum Pla de Cady (2.318 m)

Folgt von dort 15 Minuten der Grande Randonnée (GR) 10 bis zur Kreuzung auf 2.030 m Höhe. Weiter geht es von dort auf dem markierten Weg zum Pic de Canigou.

Noch immer begleiten Bäume den Weg. Die Vegetationsgrenze der Pyrenäen liegt durch die südliche Lage deutlich höher als in den Alpen.

Guillaume, Wanderführer in der Ausbilder, mit einem Wachholderbusch auf 2.000 m Höhe. Foto: Hilke Maunder

Immer häufiger ist Wacholder zu sehen. Mit zunehmender Höhe wird sein Wuchs immer kleiner. Erst noch ein Baum, bedeckt er schließlich als pieksige Matte den Fels.

Auch Wacholder: die pieksige Unterlage auf 2.500 m Höhe, auf der ich hocke. Foto: Hilke Maunder

Zwischen dem ersten Neuschnee, der Anfang September gefallen ist, lugt klein und blau ein Enzian hervor. Ebenfalls blau, aber groß und kraut, macht sich der Blaue Eisenfuß (frz. l’aconit napel) breit.

Blauer Eisenfuß ist hochgiftig! Foto: Hilke Maunder

Finger weg: Die Pflanze gehört zu den giftigsten in Europa! Bereits kurzes Berührten sorgt für Prickeln und Brennen, das bei längerem Weghalten in Lähmungen übergeht. Die Knolle enthält hochwirksames Aconitin. Bereits 0,2 g jener Substanz bewirken Vergiftungserscheinungen, 2 g sind tödlich.

Die Schutzhütte Arago. Foto: Hike Maunder

Von der Weggabelung sind es rund 20 Minuten zur Schutzhütte Refuge d’Arago (2.123 m). Das kleine Natursteinhaus in Trockenbauweise ist typisch für die unbewirtschafteten Schutzhütten am Canigou-Massiv.

Typisch für die traditionellen Hütten ist ein Dach aus Schieferschindeln. Foto: Hilke Maunder

Sie ist das ganze Jahr durchgehend geöffnet und kann kostenlos genutzt werden. 2014 frisch renoviert, findet ihr drinnen einen Ofen, einen Tisch sowie ein Doppelstockbettgestell, Sitz und Schlafgelegenheit zugleich.

Der kleine Ofen reicht, m die Schutzhütte Arago gut einzuheizen. Foto: Hilke Maunder

Dicht an der Hütte gibt es zudem eine Feuerstelle. Meist liegt auch etwas Holz dort. Für alle Hütten gilt: Wer etwas nimmt, füllt auch wieder auf.

Das Holz wie auch den Grundbestand an Zucker, Streichhölzern, Teelichtern und anderem Lebenswichtigem, das meist in den Hütten zu finden ist. Ebenfalls in der Nähe der Hütte findet ihr eine Quelle mit Trinkwasser.

Die Feuerstelle der Arago-Hütte. Foto: Hilke Maunder

Von der Hütte aus führt der gelb markierte Weg das Quellgebiet des Cady. Erst weniger, dann zunehmend steiler geht es bergauf zum Pla de Cady (2.318 m).

Das Gelände ist inzwischen hochalpin, der Schnee im frühen September bereits waden- bis kniehoch. Der Wanderstock, bergseitig tief in den Schnee gesteckt, gibt Halt.

Blick zurück vom Pla de Cady: Dort unten im Tal begann der Aufstieg. Foto: Hilke Maunder
Aufstieg am Pla de Cady zur Crête de Barbet. Foto: Hilke Maunder

Fordernde Kletterpartie zum Gipfel

Erst jetzt zeigt sich der Canigó (Canigou) – als Mauer aus Fels mit steilen Kaminen. Wer dort jetzt hinauf will, folgt vom Pla de Cady dem Weg in immer steileren Kehren bis zum Porteille de Valmanya (2.591 m).

Vorbei an der Felsscharte Brêche Durier (2.696 m) erreicht ihr den Anfang des Kamins. Erklimmt diese Passage mit großen Felsstufen nur, wenn kein Eis und Schnee vorhanden ist.

Jeden Sommer verunglücken dort zahlreiche Bergsteiger! Nach gut fünf Stunden ab Marialles habt ihr den Pic du Canigou (2.784m) bezwungen.

Die „chéminées“ des Canigó. Foto: Hilke Maunder

Die leichtere Alternative: Pla de Cady bis Crête du Barbet (Ost-West-Traverse)

Wer wie ich noch Berganfänger ist, sollte die Ost-West-Traverse wählen und vom Pla de Cady in Kehren zur Crête du Barbet in 2.712 m Höhe hinaufsteigen.

Der Blick von der Passhöhe ist einfach… atemberaubend! Achtung: Es kann hier oben mitunter sehr windig werden!

Das 360°-Panorama von der Crête du Barbet ist zu allen Seiten hin schlichtweg atemberaubend! Foto: Hilke Maunder

Über die Roussillon-Ebene blickt ihr auf das silbrig-funkelnde, blaue Mittelmeer. Gen Südosten schweift der Blick über die Hügel der Albères bis zur Bucht von Rosas an der spanischen Costa Brava.

Tief unten liegt das Mittelmeer : Was für ein Blick von der Crête du Barbet! Foto: Hilke Maunder
Nach fünf Stunden bergauf: Mittagspicknick an der Crête du Barbet. Antoine ist als einziger Führer stets mit Hund unterwegs – seinem katalanischen Schäferhund Leko. Foto: Hilke Maunder

Von der Crête du Barbet (2.712 m) via Porteille de Valmanya (2.591 m) nach Cortalets (2.150 m)

Nach der Mittagspause geht es weiter bergauf, am Hang entlang zur Porteille de Valmanya (2.591 m). Auch hier oben kann es sehr windig werden.

Steil und voller Schnee: der Aufstieg zur Porteille de Valmanya. Foto: Hilke Maunder

Dahinter beginnt großes Kino: Ihr steht den Nordosthang des Canigó (Canigou). Gelbe Flechten bedecken seinen Fels. Fast scheint es so, als wolle der Berg selbst Flagge zeigen als Katalane…

Blick von der Porteille de Valmanya auf den Gipfel des Canigó. Foto: Hilke Maunder

Fast 300 m hoch ragen im Barbet-Tal die Steilwände auf. Früher gab es hier einen rund zwei Kilometer langen Gletscher. Heute sammelt sich nur noch der getaute Schnee hier in kleinen Seen.

Tief unterhalb der Porteille de Valmanya liegt Prades im Tal der Têt. Foto: Hilke Maunder

Auf der Épaule de Barbet, der „Schulter“ des Barbet-Tales, geht es bergab. Der Schnee zieht sich zurück. Hervor kommen Gräser, große Felsplatten… und Steine, die schwerer sind als andere. „Eisenstein“, sagt Antoine.

Früher wurde am Canigou intensiv Bergbau betrieben – und das Erz gleich vor Ort verhüttet. Diese „Forges Volantes“, mobilen Schmieden, holzten nahezu das gesamte Massiv für die Eisenherstellung ab.  17 kg Holzkohle waren damals vonnöten,  um 1 kg Eisen zu erhalten. Tag und Nacht arbeiteten die Schmieden. Nicht nur Eisen, auch Gold wurde am Canigó gewonnen, verraten die letzten Mauerreste der El Moner de l’or an unserem Weg. 1958 – 1962 war die letzte Mine in Taurinya in Betrieb.

Seit 1940 forstet die Office National des Forêts gezielt auf. Auch, um Hochwasser und Sturzbäche wie die des Cady zu verhindern.

An der Porteille de Valmanya beginnt der Abstieg nach Cortalets. Foto: Hilke Maunder
Durch den Druck der Geschiebe haben sich auf der Épaule de Barlet viele Felsplatten ohne menschliches Zutun selbst aufgerichtet. Foto: Hilke Maunder

Die 300 m Barbet-„Schulter“ über dem Tal erinnert auch daran, wie die Pyrenäen einst entstanden: durch Druck. Hier knallen bis heute die Platten von Europa und Afrika aufeinander. Sie drücken das Innere der Erde nach außen. Und oben.

So hat der Canigó im Laufe der Jahre ein paar Meter gewonnen. Und stellen sich, ohne menschliches Zutun, Festplatten senkrecht auf.

Der Cairn der Épaule de Barlet. Foto: Hilke Maunder

Immer tiefer geht es hinab. Der Schnee zieht sich zurück. Immer mehr Kiefern, erst klein, dann zunehmend größer, stattlicher und älter, erobert das Terrain. Ihr würziger Duft verdrängt die klare Höhenluft.

Durch den Kiefernwald bei Cortalets blicke ich zurück: Bin ich wirklich dort ganz oben gewesen? Foto: Hilke Maunder

Auf einer Lichtung ist bereits das Refuge des Cortalets zu erkennen, die Schutzhütte des französischen Alpenvereins. Fast ein wenig wehmütig blicke ich zurück auf den Gipfel des Canigou und seinen hohen Grat.

Refuge des Cortalets. Wanderstiefel müssen draußen bleiben! Foto: Hilke Maunder

Als ich ihn erreiche, herrscht bereits reges Leben. Die Wanderstiefel sind ausgezogen, der Gerstensaft ist eingeschenkt: Els Cortalets – das Craft Beer der Berghütte. Santé! Um 19.30 Uhr wird das Abendessen serviert: Suppe, Fleisch, Käse, Nachtisch, Tisane oder Kaffee. Wasser ist inkludiert, Wein kostet extra.

SONNTAG

Die Sonne, die über dem Mittelmeer aufweckt, ist euer Wecker. Den die Fenster der Unterkünfte haben keine Gardinen. Als Feuerball steigt sie aus dem Meer: ein Spektakel!

Sonnenaufgang beim Refuge des Cortalets. Foto: Hilke Maunder

Im Refuge des Cortalets könnt ihr es von den meisten Zimmern vom Kopfkissen aus beobachten. Um 7.30 Uhr öffnen sich die Türen des Speisesaals zum Frühstück.

Auf dem Büffettisch stehen Konfitürengläser, Butter- und Brotkörbe, Saft- und Wasserflaschen, Kakaopulver, Zucker und Müsli. Kaffee und heißes Wasser für den Tee zapft ihr euch aus großen Thermosflaschen. Teller fehlen; sie ersetzen rot-weiß karierte Servietten.

Aufstieg zum Pic Joffre. Foto: Hilke Maunder

Les Cortalets – Pic Joffre (2.360 m) – Pic du Canigou (2.785 m)

Die meisten Wanderer sind jedoch schon längst unterwegs. Im Dunkel der Nacht sind sie losgezogen, das Stirnlicht auf dem Kopf. Durch dichte Rhododendronhänge geht es bergauf zum Pic Joffre.

Blick auf den Gipfel des Canigou/Canigó beim Aufstieg zum Pic Joffre. Foto: Hilke Maunder
Der Pyrenäenblick vom Pic Joffre. Foto: Hilke Maunder

Der weitere Weg verläuft als Traverse über zwei Hänge. Jenseits des Aussichtspunktes La Portella beginnt das letzte, sehr steile Teilstück zum Gipfel. 1285 soll König Peter III. von Aragonien der Erste gewesen sein, der den Gipfel bezwang.

Ob er wirklich ganz oben war, ist für Historiker nicht belegt – dass er sich im Gebiet des Canigou aufgehalten hat, schon.

Der klassische Weg zum Gipfel – deutlich zu erkennen sind die Traversen, ehe es steil im Zickzack empor geht. . Foto: Hilke Maunder

1907 soll ein Kavallerieleutnant das Pferd gewählt haben, um den Pic du Canigou zu bezwingen. Er wäre damit der erste Mensch, dem dies gelang, ohne jemals einen Fuß auf den Boden gesetzt zu haben…

Kiefer im Gegenlicht auf dem Pic Joffre. Foto: Hilke Maunder

Wir machten aufgrund des Neuschnees am Pic Joffre kehrt und begannen den Abstieg nach Taurinya. Von 2.360 m hinab auf 486 m: Das geht ganz schön in die Knie, denn gelaufen wird fast die Hälfte der Strecke auf lockerem Gestein.

Geschmolzener Schnee bescherte Les Cortalets diesen See. Foto: Hilke Maunder

Les Cortalets – Souccarade

Zurück am Refuge des Cortalets, geht es sanft bergab in rund 205 Minuten zum Ras des Cortalets. Im Nord-Süd-Verlauf folgen wir fast eine Stunde lang dem Grat der Souccerade. Immer wieder eröffnen sich weite Ausblicke auf die Ebene des Roussillon und schroffe, zerfurchte Felsspitzen.

Auf dem Grat der Souccarade eröffnen sich immer wieder tolle Ausblicke – hier auf das Tal der Têt. Foto: Hilke Maunder
Auf dem Grat der Souccarade gibt es mehrere recht schmale Passagen Foto: Hilke Maunder

Je mehr wir an Höhe verlieren, umso dichter und vielfältiger wird die Vegetation. Die Bäume tragen Bärte, Pilze wuchern auf dem Holz, Fliegenpilze und Pfifferlinge sprießen im Unterholz.

Die Bärte der Bäume erinnern an Spanisches Moos – ich bin mir aber nicht sicher, ob es auch im alpinen Raum wächst… Foto: Hike Maunder

Ein Schwarzspecht war sehr aktiv und hat die Tannen durchlöchert. Gesehen haben wir ihn nicht. Doch plötzlich rennt Leko durch das Unterholz, bellt, springt über Wurzeln und Äste… und scheuchte eine Tier auf, das mich an eine Gams erinnert.

„Es ist ein „‚isard““, sagt Antoine. „Von der Gams der Alpen unterscheidet sie sich auch dadurch, dass sie ein röteres Sommerfell und ein helleres Winterfell mit einem Kragen aus schwarzen Haaren am Hals hat.“

Bis in die 190r-Jahren wurde die Isards stark bejagt. Heute ist ihr Bestand am Canigou mit 1300 Tiere stabil.

Schwarzspecht-Baum im Forêt de Mosquit. Foto: Hilke Maunder

Roc (Pic) Mosquit (1.887 m) – Llasseres (668 m)

Am Roc Mosquit sind wir bereits in einem richtigen Wald. Bewirtschaftet wird er nicht. Ein wahrer Urwald ist so entstanden mit riesigen Ameisenhaufen, umgestürzten Baumveteranen, hohen Tannen, Flechten und Moos.

Wie gut tut es, nach dem losen Geröll und dem harten Fels auf dem weichen Waldboden zu wandern!

Im Wald von Mosquit. Foto: Hilke Maunder

Je tiefer wir hinab steigen, desto stärker wandelt sich der Tannenwald in einen Mischwald, in den immer stärker auch typisch mediterrane Pflanzen eindringen. An einem hohen Ilex bleibt Antoine stehen.

„Fällt Dir etwas auf? Unten sind die Blätter spitz mit Stacheln, um Feinde abzuwehren, weiter oben nicht hart, scharf und gezackt, sondern lanzettförmig, weicher und glatt.“

Hinter dieser Passage liegt der einstige Sommerschäferei Llasseres. Foto: Hilke Maunder

Thymian, Oregano und Heide mischt sich zwischen die Bäume und Sträucher. Glockenblumen blühen blau auf dem Fels, den zunehmend Sukkulenten erobern.

Llasseres und die Berghänge im Tal der Têt. Foto: Hilke Maunder

Hinter einem kleinen Sattel öffnen sich der Blick auf eine , auf der sich eine paar einfach Schuppen in Trockenbauweise vor zerklüftetem Fels abzeichnen: Llasseres.

Wollte einst ein Pyrenäen-Bauer neues Land für die Bewirtschaftung nutzen, entfernte er zunächst die Steine im Boden– und baut aus ihnen Mauern und Hütten verwendet. Diese Architektur ist daher so alt wie Viehzucht und Kultur. „Cases“ heißen sie in der Auvergne, „chibottes“ im Velay – und „orries“ in den Ostpyrenäen. In Llasseres war es ein Schäfer, der den großen Orri d’En Siscal mit kleinen Fenstern, und weitere kleinen Trockensteinhütten erbaute. Dort lebte er im Sommer, nutzte sie als Stall für die Tiere und als Lager für Werkzeug, Milch und Käse.

Mittagspause bei der Sommerschäferei Llasseres. Foto: Hilke Maunder

Llasseres (668 m) – Taurinya ( 478 m)

Von Llasseres aus ist immer wieder Taurinya zu sehen … doch es soll noch fast zwei Stunden dauern, ehe wir das Bergdorf erreichen. Jenseits der Sommerschäferei zieht sich der Weg in großen Kehren bergab, mal steinig und steil, dann wieder fast eben.

Anfang September blüht die Heide (bruyère) am Canigó. Foto: Hilke Maunder

Erst einige, dann immer mehr Esskastanien begleiten uns. In Vernet-les-Bains und Casteil wird die Ernte der Frucht mit den Fêtes de la Chataigne gefeiert.

Die Esskastanie war einst der Brotbaum der Bergbauern. Foto: Hilke Maunder

Zum Zirpen der Grillen paart sich ein Rauschen aus der Tiefe. La Llitéra springt über Stein zu Tal, bildet Wasserfälle und Kaskade, Schwälle und stille Becken.

Kurz vor der Brücke hat Annelies Ton auf den Fels aufgetragen, bemalt und mit Moos und Flechten verziert: Land Art à la „Plume“, wie sie sich mit Künstlernamen nennt. Mehr zu ihr erfahrt ihr auf ihrem Blog Artborgine.

Neben ihr, auf dem Boden, steht eine Trinkflasche. Sie ziert ein Wortwitz, den sich das Refuge des Cortalets ausgedacht hat. Aus Canigó machte es kurzerhand: Can I Go. Und antwortet darunter mit schwarzer Schrift: Yes, you can.

Land Art von Plume in Taurinya. Foto: Hilke Maunder

Wandern am Canigó (Canigou): meine Tipps

Lage

Das Massiv des Canigó ist seit Juli 2012 ein Grand Site de France. Mit seinen neun Natura 2000-Stätten und drei Naturschutzgebieten erstreckt sich zwischen den Täler von Tech (Vallespir) und Têt (Conflent) in den Pyrénées-Orientales.

Karte

IGN Massiv du Canigou, 2349 ETR im Maßstab 1:25000. Wer mag, kann sie hier* online bestellen.

Beste Wanderzeit

Juni – Oktober

Hinkommen

Mit dem Wagen

Die Zufahrt zu den fünf Schutzhütten im Gebiet des Canigó (Canigou) ist stark eingeschränkt. Nur lizenzierte Bergführer dürfen mit ihren Allradwagen höher hinauf fahren als zu den markierten Parkplätzen.

Die Hauptzufahrt erfolgt über Prades. Von dort könnt ihr zu folgenden Parkplätzen fahren:

• D 27 bis Taurinya bis zum Parking Col de Millères (Balatg) 3,5 Std. bis zur Cortalets-Schutzhütte).

• D 116 bis Casteil, auf einer Forststraße bis zum Col de Jou (2,5 Std. bis zur Schutzhütte) und weiter bis zum Parking du Randé (40 Min. bis zur Schutzhütte). Im Juni und September könnt ihr der Schlaglochpiste bis zur Marialles-Schutzhütte folgen.

• D 264 via Villarach bis zum Parking Mas Malet (4 Std. bis zur Cortalets-Schutzhütte) oder, nur für Allradwagen zu empfehlen, weiter bis Esquine d’Aze (2 Std. bis zur Cortalets-Schutzhütte).

Von Vinça aus

• D 13 via Baillestavy bis zum Parking Los Masos de Valmany (3,5 Std. bis zur Cortalets-Schutzhütte).

Nach Erdrutschen ist der Llechweg von der Schutzhütte Mas Malet (3h30 zu Fuß zum Roc Mosquit, 5h zur Schutzhütte Cortalets) bis auf weiteres gesperrt.

Mit Bus & Bahn

Von Perpignan und Tour de Carol aus hat bislang die Bahn in Villefranche-de-Conflent gehalten. Seit dem schrecklichen Zugunglück in Millas ist jedoch der Zugverkehr im Ta der Têt eingestellt.

Seitdem bringt euch der Ein-Euro-Bus bis nach Villefranche-de-Conflent und weiter nach Vernet-les-Bains zu erreichen. Von dort bringen euch Allradtaxis hinauf zu den Wanderparkplätzen bzw. bis zur Schützhütte von Mariailles.

Mit Esel

• Fabien Boyer, Tel. 06 02 29 34 54, boyerfabien@laposte.fr , www.caravanigou.fr

Abends wird gemeinsam getafelt. Im Refuge des Cortalets gab es nach der Erbsensuppen Blanquette vom Schwein, Käse und einen Schokokuchen zum Kaffee. Foto: Hilke Maunder

Schlemmen & genießen

Die fünf bewirtschafteten Schutzhütten bieten morgens ein Frühstück, abends ein reichhaltiges warmes Abendessen mit Suppe, Fleisch, Käse und Dessert an. Nachmittags könnt ihr Getränke dort kaufen und kleine Snacks.

Im gesamten Naturpark sind Quellen eingefasst, deren Wasser ihr bedenkenlos trinken könnt.

Eingefasst: die Quelle am Pla de Cady mit sauberem Trinkwasser. Foto: Hilke Maunder

Schlafen

Im Grand Site de France Canigou gibt es fünf Schutzhütten mit Hüttenwirt (refuge gardé). Ihr Zimmer/Schlafsäle sind mit mit Doppelstockbetten ausgestattet. Mitbringen für eine Nacht müsst ihr: Schlafsack (Daune oder dünner Jugendherbergsschlafsack, Wolldecken sind vorhanden), Handtuch und Hausschuhe – Bergstiefel dürfen nicht ins Haus.

Hinzu kommen einfachste, unbewachte Schutzhütten (refuge non gardé). Ihre Mindestausstattung umfasst Ofen, Feuerplatz, Tisch, Holzbetten ohne Matratze sowie mit Glück eine Quelle am Haus oder in der Nähe. Diese Schutzhütten sind das ganze Jahr hindurch geöffnet und kostenfrei.

Mein Zimmer (Nr. 10) im Refuge des Cortalets. Achtung: Es wird gemischt geschlafen! Ich hatte plötzlich einen Mann als Mitbewohner für die Nacht… Foto: Hilke Maunder

Refuge des Cortalets (2.148 m)

Der französische Alpenverein betreibt die größte Schutzhütte am Canigó-Massiv. Mit 100 Betten im Haupthaus und 20 im unbewirtschafteten Refuge ist sie für viele eine „usine rando“, ein Massenbetrieb, voll mit Wanderern aus aller Welt. Das sorgt für eine internationale, bunte Stimmung, hat aber nichts mehr mit Bergeinsamkeit zu tun.

Strikt eingehalten wird jedoch die Nachtruhe. In der Hütte ist es in den beiden Schlafkorridoren von 22-7 Uhr mucksmäuschenstill. Morgens weckt euch der Sonnenaufgang über dem Mittelmeer. Die einfachst eingerichteten Zimmer mit Uralt-Matratzen haben keine Gardinen.

Was dem Alpenverein an Geld für Renovierungen fehlt, machen Hüttenwirt Thomas Dulac, der aufgrund seiner Familie auch perfekt Deutsch spricht, und sein Team mit Herzlichkeit und Engagement wett.
• 66500 Taurinya, Tel. 04 68 96 36 19,  https://refugedescortalets.ffcam.fr

Morgenstimmung am Refuge des Cortalets. Foto: Hilke Maunder

Refuge de Mariailles (1.692 m)

Magali und Laurent betreiben die landschaftlich traumhaft schön gelegene Schutzhütte. Neben der bewirtschafteten Hütte gibt es ganz in der Nähe noch einen unbewirtschafteten Refuge. Ihre Schutzhütte ist von Juni bis September täglich geöffnet, im Mai und Oktober nur am Wochenende und an Feiertagen.
• 66820 Casteil, Tel. 04 68 05 57 99, https://refugedemariailles.fr

Refuge Las Conques (1.580 m)

18 Betten für Wanderer hält Hüttenwirt Xavier Bosch von Ostern bis Oktober bereits, von Juni bis August täglich, sonst nur am Wochenende. Kostenlose warme Dusche!
• 66230 Prats-de-Molló-La-Preste, Tel. 09 88 66 66 37, www.sudcanigo.com/item/refuge-de-conques

Refuge de Batère (1.470 m)

20 Betten in Zimmern, 18 in Schlafsälen in einer einstigen Mine. Laure und Garlic servieren um 12 Uhr einen Mittagstisch, um 19 Uhr für Wanderer ein warmes Menü mit Speisen der Region. Mitte Mai bis Mitte Oktober
• Route de Batère, 66150 Corsavy, Tel. 04 68 39 12 01, www.refugedebatere.fr

Refuge de Sant Guillem (1.283 m)

40 Betten in drei Schlafsälen, eingerichtet in einer einstigen Schäferei, die ökologisch saniert wurde und seitdem von April bis Oktober bewirtschaftet wird.
• Saint-Guillem, 66230 Le Tech, Tel. 09 78 04 96 85, www.refugesantguillem.com

Auszeit am heiligen Berg

Am Massiv findet ihr zwei Abteien, die als Musterbeispiele der romanischen Kunst der Pyrenäen gelten: Saint-Michel-de-Cuxa und Saint-Martin-du Canigou. Letztere gefällt mir besonders gut, kann man sich doch nicht nur besichtigen, sondern sich auch zurückziehen zu einer Auszeit in Einsamkeit. Und, wenn man mag, sich intensiver mit dem Klosterleben beschäftigen. Hier erfahrt ihr mehr!

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Offenlegung

Das Massiv des Canigou (Canigó) lernte ich auf einer individuellen Pressereise der ADT Pyrénées-Orientales kennen  Mich führte ein ausgesprochen kundiger Katalane, Antoine Fenech von Altitude 66.  Auch Thomas Dulac, Hüttenwirt vom Refuge des Cortalets, trug zum Erfolg meiner Zweitagestour bei.

Ihnen allen sage ich „merci“ und ganz dicken Dank. Einfluss auf meine Blogberichte hat dies nicht. Ich berichte subjektiv, wie ich es erlebt habe, mache kein Merchandising und werde erst recht nicht für meine Posts bezahlt.

Merci für's Teilen!

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