Schöner Schein: Château Le Bouïs

Angekommen in Gruissan, einem Badeort bei Narbonne im Languedoc. Rosarot leuchten die Saline, weit erstreckt sich der Strand. Hinter der Lagune, der den Badebereich vom alten Dorf trennt, erhebt sich ein Festungsturm aus der Ebene. „Château LeBouïs“ tippe ich ins Navi, „Rue du Château“, korrigiert mich Google Maps. “

Château Le Bouïs, Route Bleue“, ändere ich. „Unbekannt“, retourniert Google. Und auch Waze, das sich in Frankreich besser auskennt als sein US-Gegenpart, weißt nicht den Weg hin zu den Chambres d’Hôtes des Weingutes, das mir empfohlen worden war.

Wir fragen Einheimische: „Château Le Bouïs? Kennen wir nicht. Wo soll das sein?“ Wir gehen auf die Webseite, rufen den dort hinterlegten Routenplaner auf – und werden von Google wieder korrigiert. Der in Google angelegte Weg auf der Webseite der Unterkunft wird als „falsch“ angesehen – und prompt in Rue du Château korrigiert.

Zur Hitze des Tages gesellen sich der Schweiß des Stress. Fast zwei Stunden lang suchen wir bereits, haben Altstadt und Umland durchfahren, und wurden doch nicht fündig. Doch da erspähen wir die Wache der örtlichen Feuerwehr. Und eine Frau. „Madame, könnten Sie uns helfen. Wir suchen… “

Als sie den Namen hört, breitet sich auch auf ihrem Gesicht Ratlosigkeit aus. Doch dann hat sie eine Idee. „Die machen auch Wein? Dann rufen wir doch mal einen Winzer von hier an – die kennen sich alle untereinander“. Zehn Minuten später kommt sie strahlend zu uns an den Wagen, den wir im Innenhof der Wache geparkt haben.

„Voilà, es ist gar nicht weit. Sie fahren geradeaus, dann hinter der Brücke links rauf auf eine kleine Landstraße, die als Radweg markiert ist.“  Und genau dort, weit außerhalb von Gruissan, steht auch rot leuchtend ein großes Hinweisschild.

Perfekt aufgestellt für alle, die aus dem Norden oder von der Schnellstraße von Narbonne Richtung Gruissan kommen. Wir jedoch hatten im regionalen Naturpark die ersten, auf Afrika zurück gekehrten Flamingos entdeckt und waren dadurch von Süden her gekommen – unser zeitraubender Fehler.

Château Le Bouïs: die Gästezimmer

Die Zufahrtsstraße führt vorbei an Weingärten hin zu einem Tor: der Zufahrt für Busse und Lieferfahrzeuge. Gäste, die im eigen Wagen anreisen, müssen über große Kiesel einen ausgefahrenen Weg entlang der Reben hinauf zu einem Besucherparkplatz unterhalb des Anwesens nehmen. Doch auch dort angekommen, waren wir nicht ganz sicher, richtig zu sein. Das Restaurant war eine Baustelle, nirgends ein Mensch zu sehen.

„Erst im Juni geht es hier richtig los – dann herrscht hier bis Ende August Hochbetrieb“, erklärt mir später Audrey Sénéchal, bei der ich die Nacht gebucht und zwei Stunden zuvor mein Kommen angekündigt hatte. „Die restliche Zeit konzentrieren wir uns auf unseren Wein.“ Und auf unsere Gäste, die in den fünf Gästezimmern logieren, fügt sie schnell hinzu, als sie meine Irritation bemerkt.

Ich habe für uns – meine Tochter und ihre Freundin sowie mich – die Suite im obersten Stock des Maison des Demoiselles gebucht, dem zweistöckigen Herrenhaus mit großer Außenterrasse, das eine Mauer von der Gastronomie- und der Weinverkostung samt Verkauf abtrennt.

Eine schmale Holztreppe, ausgetreten von den Schritten der Jahrhunderte, führt hinauf. „Kopf einziehen“, warnt Audrey, „die Holzbalken sind niedrig!“ Das betrifft jedoch nur das Vorzimmer, in dem neben einem Stuhl ein nostalgisches Bett aufgestellt ist. Ich stutze. Da soll ich schlafen? Passe ich da überhaupt hinein mit meinem 1,80 Metern.

Der Test ergibt: nur diagonal. Umso begeisterter stürzen sich die beiden Mädchen auf das Bett: Die Matratze ist besser als jedes Trampolin. Sie federt nicht nur, sondern rutscht – wer nicht still liegt, fällt seitlich hinaus. Am Fußende öffnet sich die Tür zum Bad. Zwei Handtücher, zwei Sets mit Duschgel. Hatte ich nicht für drei Personen reserviert?

Neugierig inspizieren wir das zweite Zimmer. Der eigentliche Hauptraum der Suite ist angenehm geräumig, hat hohe Decken und ein stilvolles, wenngleich sparsames Interieur. Ein Tisch fehlt; will man es sich gemütlich machen, bleibt das Bett. „Und die Dachterrasse“, sagt da plötzlich Audrey, als könne sie Gedanken lesen, ausgestattet mit zwei modischen Sesseln aus grobem Drahtgeflecht. Hinter den Pinien und den Weingärten funkelt silbrig das Mittelmeer.

„Hier könnte man herrlich den Wein des Gutes genießen“, denke ich. Die verschiedenen „Charaktere“ der Wein, die das Gut abfüllt, lassen sich ganz modern und interaktiv im angeschlossenen Museum entdecken, das jeden Wein emotional auflädt mit Bildern und Assoziationen. Auf der Hälfte des Rundgangs lädt eine Station ein, den Geruchssinn der eigenen Nase zu testen.

Château Le Bouïs: die Weine

Die 49 Hektar großen Rebgärten des 300 Jahre alten Château Le Bouïs liegen genau auf der Grenze von La Clape und Corbières. Alle Weinparzellen sind gen Süden, Richtung Mittelmeer, ausgerichtet. Nur 6,6 Hektar sind für den Vin de Pays Vin de Pays d’Oc reserviert; auf 34,4 Hektar liefern die alten Rebstöcke allerfeinste AOC-Tropfen.

Mit einem Händchen für Zeitgeist-Marketing und Trends, beauftragte die Besitzerin Frédérique Olivié für ihre neueste Wein Chantal Thomass mit dem Design der Flasche. Elegant und barock, erinnert ihr Entwurf an eine nostalgische Karaffen von einst oder einen Parfümflakon.

„Cuvée Confidences – un Rosé Haute Couture“ nennt das Duo das Gemeinschaftswerk, für das die Trauben handgepflückt wurden. „Jeder Wein soll Ausdruck einer grossen Liebe zu den Reben, zur Geschichte und der Region sein“, sagt Frédérique Olivié. Am Rosé, am 16. Februar 2016 erstmals vorgestellt, baumelt am Seidenband ein Umschlag mit einem Geschenkkärtchen für eine persönliche Widmung zum Wein.


Vertrieben werden die Weine von Château Le Bouïs in vier Qualitäts- und Preisklassen. Als „Vins de Plaisir“ für jeden Tag und jeden Anlass vinizifiert Frédérique Olivié aus Syrah und Grenache fruchtige den fruchtigen  Roten und Rosé der Marke „La Cigale“. Madame erzählt:

„Für uns Einheimische ist die Zikade ein Barometer für das Wetter und die Stimmung. Unter 21°C und bei Regen singt sie nicht und unsere Laune ist weniger gut. Gegen Ende August kündigt ihr Verschwinden die Weinlese und den Winter an.Wenn sie nach dem Winter wieder zu singen anfängt, wissen wir, dass schöne Tage kommen. Dies hat mich dazu bewogen, die passenden Etiketten mit dem femininen Aspekt zu entwerfen“.

Für die „Vins de Château“ werden Grenache Noir, Carignan und Syrah zum roten Cuvée R  AOP Corbières verarbeitet, sein weißes Gegenstück wird aus Grenache Blanc, Roussane und Viognier komponiert, der Rosé aus 80 Prozent Grenache Noir und 20 Prozent Syrah. Zu den „Cuvées Confidentielles“ gehören der Cuvée Zoé, Arthur, K und G.

Nicht bei der Verkostung dabei waren zwei Prämiumweine, von denen nur Kleinmengen hergestellt werden: Für „La Grange“ kommen die entstielten Trauben direkt in die Barriques, wo der Gärvorgang stattfindet. 2,5 Hektar Rebenland sind für die beiden Cuvées mit dem Namen „Roméo“ und „Juliette“ reserviert…

Château Le Bouïs: meine Reise-Infos

Hinkommen

Auf der D32 von Narbonne nach Gruissan (Lagune liegt rechts von euch). Am Kreisel zweite Ausfahrt Richtung Narbonne-Plage (D332). Nach rund einem Kilometer die Ausfahrt zu Gewerbegebiet Z.A. Mateille nehmen. Nach der Durchfahrt der Brücke sofort!! rechts auf die kleine Landstraße abbiegen und ab dort den Schildern folgen bis zur Domaine.

• Château Le Bouïs, Route Bleue, 11430 Gruissan, Tel. 04 68 75 25 25, www.chateaulebouis.com.

Erleben

Nach Voranmeldung bietet Château Le Bouïs Firmen und Gruppen ein umfangreiches Programm an önologischen Führungen und Erlebnissen an – von Gourmet-Spaziergängen unter dem Sternenhimmel über Frühstücke in den Rebgärten bis Assemblage-Workshops. Mindestteilnehmerzahl: 15 Personen.

Meine Wertung

Top

• Lage
• Umgebung
• Weine
• Falls sie geöffnet wäre: die Tapas-Bar im Freien: Der Blick war herrlich! Und wenn abends die bunten Lämpchen leuchten, Tango- und Flamencomusik erklingt, sind die Abende dort sicherlich schön.

Flop

• Unsere Suite – keine Suite, sondern Doppelzimmer mit Vorzimmer, in dem zwischen beide Türen ein Bett gestellt wurde, dessen Matratze 1.80 m misst. Tisch und Stühle zum Entspannen oder Arbeiten fehlen. Die Toilettenspülung ist so laut, dass sie nachts das ganze Haus aufweckt.
• Das Frühstück: Für uns drei gab es einen Brotkorb mit einem Pain au Chocolat, zwei Croissants und zwei harten Baguettestückchen. Das 1 kg-Nutella-Glas auf dem Servierwagen der Terrasse war zu 98 Prozent leergekratzt. Es gab zwei Konfitüren; von der einen Sorte war auf eine Unterschale ein größerer Klecks abgefüllt für alle Gäste, von der zweiten ein zweiter, kleinerer Klecks. Die Butter lag ohne kühlendes Eis in einem Schälchen in der Sonne. Käse, Wurst, Joghurt, Obst oder ein Ei – Fehlanzeige.

Gesamteindruck

Die 300 Jahre alte Weingut hätte großes Potenzial, zu einer der Topadressen für einen Winzerurlaub zu werden – wenn genauso viel in Service und Qualität des Übernachtungsangebotes gesteckt würde wie in die Weine und die Angebote für Gruppen, Hochzeiten und Firmen. Beim Frühstück sprach ich noch mit den einzigen anderen Gästen, einer Mutter mit ihrer erwachsenen Tochter. Beide sagten auch, die Lage und Umgebung seien top, hätten sie gerade beim Joggen sehr genossen. Aber als Gast auf dem Weingut hätten sie sich etwas vergessen gefühlt.

Edith B. aus Seehausen am Staffelsee war im Juni 2015 dort und hat auf Tripadvisor ihr Urteil hinterlassen. Sie ärgert sich:

Unverschämt, dass jedes verfallene Nebengebäude vermietet wird. Wir waren im Juni 2015 für 2 Tage in einem verfallenen Nebengebäude untergebracht pro Übernachtung mit 90 Euro !!!… die Zimmertür war nicht zu verschließen, Schimmel an der Decke, auch an der Seitentür, modriger Geruch, unangenehmer Toilettengeruch, Fenster fallen aus ihrem Rahmen… wir würden sagen einen Renovierungsstau.. auf allen Ebenen. Ein Lichtblick ist das Restaurant, dass jedoch unabhängig vom Chateau betrieben wird.“

Leider überwiegen bei den rund 70 Einträgen auf Tripadvisor die negativen Erfahrungen; nur vier Gäste waren nach dem Aufenthalt begeistert. Schade. Denn das Anwesen könnte eine wahre Perle sein. Vielleicht sollte ein wenig Geld aus dem Marketing- und Werbebudget in die Unterkünfte gesteckt werden. Damit nicht nur die wirkliche schöne Optik und das charmante Design aus Nostalgie und Moderne stimmt, sondern auch die Leistung.

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