Sérignan: Daniel Buren auf dem Lande
Zwischen Weizenfeldern und Weingärten, in einem 9.000-Seelen-Städtchen im Hérault, leuchten nachts 170 Metallsäulen in allen Farben des Regenbogens. Daniel Buren, einer der bedeutendsten französischen Gegenwartskünstler, hat Sérignan bei Béziers zu einem Hotspot zeitgenössischer Kunst gemacht. Wie kommt ein Dorf zu solch spektakulärer Kunst?
Daniell Buren, geboren 1938, gilt als einer der bedeutendsten französischen Gegenwartskünstler. 1965 entwickelte er sein charakteristisches Streifenmotiv – 8,7 Zentimeter breite, abwechselnd weiße und farbige Streifen. Dieses „visuelle Werkzeug“ überträgt er seither auf unterschiedlichste Materialien und Orte. Als Mitbegründer der Künstlergruppe BMPT (Daniel Buren, Olivier Mosset, Michel Parmentier, Niele Toroni).
Seine Philosophie: Kunst als „Werkzeug zum Sehen“. Seine Installationen verändern Räume und fordern die Wahrnehmung der Besucher heraus – ob in London, Tokyo oder eben in Sérignan.
Ein Visionär mit Mut
Die Antwort heißt: André Gélis. Er ist der engagierte Bürgermeister von Sérignan. Kunstfreund und Visionär. 1991 legte er mit seiner Privatsammlung den Grundstein für das regionale Museum für zeitgenössische Kunst Occitanie ( MRAC ). Eingerichtet wurde es in nächster Nähe zu seiner Wirkungsstätte, in einem Weinkeller neben dem Rathaus. Anfangs nur 200 Quadratmeter groß, wurde der Kunstraum 1997 und 2006 umfangreich erweitert.
Was als kühne Vision begann, entwickelte sich zu einem der wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst im Süden Frankreichs. Gélis‘ Mut zahlte sich aus: Sérignan wurde zu einem kulturellen Hotspot, der weit über die Region hinausstrahlt.
Große Kunst im kleinen Dorf

Heute präsentiert das Musée régional d’art contemporain auf 3.200 Quadratmetern Wechselausstellungen sowie mehr als 550 Werke in einer permanenten Sammlung und unterstützt französische und internationale Künstler. Vier bis fünf Sonderausstellungen pro Jahr zeigen internationale Positionen – ein beeindruckendes Programm für ein Museum fernab der Metropolen.
Damit setzt der MRAC das Engagement des Mannes fort, dessen Namen es trägt: Gustave Fayet, Sammler und Förderer von Künstlern wie Paul Gauguin und Odilon Redon. Fayet, der von 1865 bis 1925 lebte, sammelte leidenschaftlich Kunst und unterstützte die Künstler seiner Zeit.
Zusammengehalten werden die verschiedenen Baukörper des MRAC von – wie könnte es anders sein – Kunst. Mit seinem Werk Rotation hat Daniel Buren mit farbigen Dreiecken die 46 Fenster des MRAC eingefasst und so tolle und visuelle Effekte innerhalb und außerhalb des Museums geschaffen. Je nach Tageslicht entstehen wechselnde Licht- und Farbeffekte im Inneren – ein faszinierendes Spiel zwischen Architektur und Kunst.
Farbige Dreiecke und Quadrate
Burens visuelles Konzert setzt sich auf dem Erweiterungsbau Bruno Peinado mit farbigen Quadraten fort, die an Leuchtreklame- und Ladenschilder erinnern. Peinados Dauerinstallation Il faut reconstruire l’Hacienda verwandelt die Museumsfassade in ein Pop-Art-Gemälde. Ebenfalls auf der Fassade könnt ihr Les Femmes fatales sehen, ein großes Keramikfresko des isländischen Künstlers Erró, das Heldinnen aus Popkultur und Mythologie zeigt.
Seit 2010 ist die Region Okzitanien Träger des kleinen, feinen Museums, das alljährlich vier bis fünf Ausstellungen zeigt. Die Regionalisierung brachte neue Mittel: Seitdem kauft das MRAC gezielt aktuelle Kunst an und erweiterte seine Sammlung auf über 550 Werke.
La cabane éclatée aux caissons lumineux colorés

In der Jahresausstellung 2018/2019 waren weitere Werke von Daniel Buren zu sehen. Mit dabei war eine Hütte mit farbigen Leuchtkästen, rund drei Meter hoch und dreieinhalb Meter tief. In den Jahren 1999/2000 hat Buren sie geschaffen.
Auch bei der Cabane éclatée aux caissons lumineux colorés hat Daniel Buren wieder auf die Kraft der Farben gesetzt. Außen zeigt die Hütte mit Blau und Grün kalte Farben, im Inneren mit Rot, Orange und Gelb warme Wohlfühltöne. Besucher können die begehbare „Lichthütte“ betreten und Kunst körperlich erleben – ein sinnliches Erlebnis zwischen Transparenz und farbigem Licht.
Das ungewöhnliche Haus gehört zu den Hauptwerken von Daniel Buren. Bis 2018 war die Cabane éclatée aux caissons lumineux colorés (Die explodierte Hütte mit farbigen Lichtkästen) eine Dauerleihgabe. Seit 2018 ist das emblematische Werk fest im Besitz des Museums, das seit einer Regionalisierung im Jahr 2010 gezielt aktuelle Kunst ankauft. Mehr als 550 Werke gehören inzwischen zum Bestand. Burens Hütte ist seit Anbeginn des Museums ein Besuchermagnet und zieht jährlich Tausende von Kunstliebhabern aus aller Welt an.

La Cigalière – ein Farbenspiel der Extraklasse
2002 weihte Sérignan im Herzen des alten Städtchens sein Kulturhaus La Cigalière ein. Es versteht sich auch als ein Ort des Lebens, der Begegnung und des künstlerischen Schaffens. Bei der Gestaltung des Areals arbeitete sein Architekt Nicolas Guillot eng mit Daniel Buren zusammen. Gemeinsam betteten sie die städtische Bühne ein in einen Parc Rayonnant, der sich fächerförmig öffnet.
Auf seine Fläche von fast drei Hektar stellte Buren 170 durchbrochene Metallsäulen. Bei Einbruch der Nacht nehmen die Pylonen, die von innen durch Glasfaseroptik beleuchtet werden, eine unendliche Vielfalt an Farben an. Architektur, Kunst und Kreation treten in ein harmonisches Wechselspiel ein – besonders nachts ein beeindruckendes Schauspiel!
Am Ortseingang setzt das monumentale Werk Rayonnant mit geometrischen Formen und Farben ein weiteres Zeichen für die Verbindung von Kunst, Architektur und öffentlichem Raum. Es empfängt Besucher schon von weitem und kündigt an: Hier beginnt ein Ort, wo Kunst das Leben prägt.

Kultureller Hotspot im Languedoc
Sérignan hat sich trotz seiner überschaubaren Größe zu einem kulturellen Hotspot entwickelt. Neben dem MRAC beleben Wochenmärkte, Nachtmärkte, das Comic-Festival zu Pfingsten, die Boca Festa (Gourmet-Fest im Juli), die Fête de la Musique am 21. Juni und weitere Sommerfeste das Städtchen. Die Offenheit für zeitgenössische Kunst und die Förderung junger wie etablierter Künstler zieht ein internationales Publikum an.
Das MRAC engagiert sich stark für Kunstvermittlung mit Führungen, Workshops und einem niedrigschwelligen Zugang für alle Altersgruppen. Die bewusst besucherfreundliche Preisgestaltung macht Kunst für jeden zugänglich – ein wichtiger Baustein für die Demokratisierung der Kultur.
Daniel Buren in Montpellier

Auch in Montpellier hat Daniel Buren seine Spuren hinterlassen – als „Zebrastreifen“ auf dem Zuweg zum Musée Fabre. Das Werk Insense führt Besucher mit schwarz-weißen Streifen zum Eingang des renommierten Kunstmuseums und zeigt einmal mehr Burens Gespür für die Verbindung von Kunst und Architektur.
Buren erobert die Welt

Daniel Buren hat zahlreiche bedeutende Werke im öffentlichen Raum und in Museen weltweit realisiert. Er arbeitet bevorzugt in situ – seine Werke entstehen im Dialog mit dem jeweiligen Ort und sind oft dauerhaft mit diesem verbunden.
Paris führt die Liste an: Im Innenhof des Palais Royal erheben sich 260 schwarz-weiß gestreifte Säulenstümpfe in unterschiedlicher Höhe. Dieses Les Deux Plateaux benannte Werk aus dem Jahr 1986 sorgte für einen der größten Kunstskandale Frankreichs – Tausende Pariser gingen damals auf die Straße. Heute zählt das Werk zu den meistfotografierten Kunstinstallationen der Welt.

Im Pariser Bois de Boulogne beklebte Daniel Buren das Glas des Kunstmuseums der Fondation Louis Vuitton mit seinen farbigen Folien. Zwölf monumentale Segel in leuchtenden Farben verwandelten 2014 das spektakuläre Gebäude von Frank Gehry in ein gigantisches Kunstwerk. 2024/25 eroberte er mit seiner monumentalen Installation Aux Beaux Carrés das Kaufhaus Le Bon Marché Rive Gauche in Paris.
In Nantes verzierte Daniel Buren anlässlich des Festivals L’Estuaire die Île de Nantes mit Les Anneaux. Nachts fangen dort seine 18 Ringe aus Aluminium und Plexiglas zu leuchten an, die seit 2007 die Loire-Insel in ein Lichtermeer tauchen.
In Lyon gestaltete er die Place des Terreaux mit einem Raster aus Quadraten, Wasser und Licht auf dem zentralen Platz. In Mülhausen verzierte er mehrere Haltestellen der Straßenbahnlinie 2 mit seinem charakteristischen Streifenmotiv.

In Bilbao spannen sich seine Arcos rojos (Rote Bögen) am Puente La Salve beim Guggenheim-Museum. Auch in Deutschland hinterließ Daniel Buren spektakuläre Spuren: In Chemnitz gestaltete er 2013 den 302 Meter hohen Schornstein des Heizkraftwerks Nord mit ikonischen Farbringen und vertikalen Streifen, nachts illuminiert. In Wolfsburg ziert sein Streifenmotiv den Fußboden des Hauptbahnhofs.
Von Roubaix über Lille und Besançon bis nach Berlin, Tokyo und Straßburg –die Werke von Daniel Buren erobern immer mehr Städte in aller Welt.
Daniel Buren in Sérignan: meine Infos
Musée régional d’art contemporain Occitanie / Pyrénées-Méditerranée
• 146, avenue de la plage, Sérignan. Eintritt, kostenloser Parkplatz. Achtung: Es gibt nur einen Kaffee- und Snackautomaten. Schöne Cafés und Restaurants findet ihr im Schatten uralter Platanen auf dem zentralen Dorfplatz.
La Cigalière
Wer begegnet euch vor dem Theatersaal? Na klar: Daniel Buren! Seine Säulenstümpfe werden nachts in vielen Farben beleuchtet!
• Parc de la Cigalière, www.lacigaliere.fr
Schlemmen
L’Harmonie
Bei einem Urlaub am Mittelmeer verliebten sich Bruno Cappellari und seine Frau Patricia in Sérignan – und eröffneten am Ende eines Großparkplatzes in einer einstigen Pizzeria ihr Restaurant, das 2006 den Bib Gourmand für ein ausgezeichnetes Preis-Leistungs-Verhältnis erhielt. Heute erwartet euch in ihrem alten Stadtpalais unweit des Orb ein edel wie stylish gestyltes Schlemmerlokal, das mit raffinierter Lokalküche begeistert – im Sommer auch auf der Terrasse, abseits vom Verkehr hinter den hohen Mauern des großen Gartens.
• Chemin de la Barque, 34410 Sérignan, Tel. 04 67 32 39 30

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Im Blog
In Sérignan gibt es für Anhänger der Freikörperkultur einen gepflegten Campingplatz direkt an den Dünen. Hier habe ich Le Sérignan Club Nature vorgestellt.
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