Dunkerque: der nachhaltige Wandel

Das Rathaus von Dunkerque. Foto: Hilke Maunder
Das Rathaus von Dunkerque. Foto: Hilke Maunder

Es ist der drittgrößte Hafen Frankreichs, Heimat des Korsaren Jean Bart und gehört mit seinem Glockenturm zum Welterbe: Dunkerque. An seinen Kais wurde einst Tabak umgeschlagen. Heute präsentiert in einem umgenutzten Trockendock der Fonds Régional d’Art Contemporain (FRAC) aktuelle Kunst und zeitgenössische Kreation.

Flach ist das Land zu Füßen des Belfrieds, das sich zwischen der Aa, den Kanälen der Basse Colme und der Nordsee erstreckt. Bis zu zwei Metern unter dem Meeresspiegel liegt die Tiefebene von Französisch-Flandern (Flandre maritime). Aus der Ebene erheben sich riesige Hafenkräne, und Schilder warnen vor einem risque industriel.

Der Blick über den Hafen auf den <em>FRAC</em> von Dunkerque. Das Trockendock links soll sich in ein Hotel oder in Eigentumswohnungen wandeln. Foto: Hilke Maunder
Der Blick über den Hafen auf den FRAC von Dunkerque. Das Trockendock links soll sich in ein Hotel oder in Eigentumswohnungen wandeln. Foto: Hilke Maunder

Stahl am Strand

Ende der 1950er-Jahre beschloss der französische Staat, auf diesem Küstengebiet die Schwerindustrie auszubauen. Ab 1959 wurde das Stahlwerk Usinor auf einer Fläche von mehr als 450 Hektar errichtet. Der Bau erfolgte in Rekordzeit. 1963 wurde der erste Hochofen in Betrieb genommen.1969 produziert Usinor bereits 2,5 Millionen Tonnen Stahl. 1973 folgte die Einweihung des Hochofens 4, damals der größte Hochofen der Welt.

Die Ansiedlung des Werks führte zu einer entsprechenden Wohnungsnachfrage. Für sie wurde Grande-Synthe aus dem Boden gestapft. Es stieg zur drittgrößten Kommune im Ballungsraum auf. In den 1970er-Jahren begannen die ersten Arbeiten zum Bau des neuen Vorhafens. Er ging 1975 in Betrieb. Im selben Jahr erschüttert die Ölkrise die Welt und lässt die Stahlproduktion sinken.

Strukturkrise und Diversifikation

Der Windjammer <em>Duchesse Anne</em> im Hafen von Dunkerque. Foto: Hilke Maunder
Der Windjammer Duchesse Anne im Hafen von Dunkerque. Foto: Hilke Maunder

Ende der 1980er-Jahre erlebte die Hafenstadt Dunkerque eine zweite, tiefgehende Strukturkrise. Zwischen 1982 und 1990 brach der Arbeitsmarkt im Ballungsraum Dunkerque ein. Mehr als 5.000 Arbeitsplätze gingen im Schiffsbau und bei den Werften verloren, mehr als 3.000 Jobs in der Metallindustrie. Die urbane und soziale Lebensqualität litt massiv.

Dunkerque handelte. Und setzte weiter auf Industrie. Zur Schwerindustrie gesellten sich Chemie und Petrochemie. Im 20 Kilometer entfernten Gravelines wurde Frankreichs leistungsstärkstes Atomkraftwerk errichtet.

Nun verdiente Dunkerque wieder Geld, litt aber am schlechten Image. Auch konnten all die neu geschaffenen Arbeitsplätze nicht die Verluste in den traditionellen Branchen ausgleichen.

Neues Wohnen im alten Hafen. Foto: Hilke Maunder
Neues Wohnen im alten Hafen. Foto: Hilke Maunder

Industrie + Umweltschutz

Anfang der 1990er-Jahre begann ein Umdenken. Die Stadt setzt seitdem auf einen permanenten Innovationsprozess mit dem Ziel, wirtschaftlichen Erfolg und Klimaziele in einer nachhaltigen Stadtentwicklung zu verbinden. 1989 war der Kommunalverband Dunkerque die erste Gebietskörperschaft, die in großem Stil die Mülltrennung einführte. Als Anerkennung gab es dafür den Umwelt-Oskar.

1976 wurde ein System zur Überwachung der Luftqualität an der Küste zwischen Calais und Dünkirchen eingeführt. Im Juli desselben Jahres folgte die Gründungen des  SPPPI Secrétariat Permanent pour la Prévention des Pollutions Industrielles (Ständiges Sekretariat zur Prävention von industrieller Verschmutzung). Das Sekretariat ist seitdem die Instanz vor Ort bei allen Fragen zu Industrie und Umwelt.

Pollerkunst im Hafen von Dunkerquer. Foto: Hilke Maunder
Pollerkunst im Hafen von Dunkerque. Foto: Hilke Maunder

Gemeinsam handeln

1993 richtete der Kommunalverband Dünkirchen das CREID Centre de Recherche sur l’Environnement Industriel de Dunkerque als Forschungszentrum zu Industrie und Umwelt von Dünkirchen ein. Ebenfalls 1993 beschlossen Kommunalverband, Hafen und Industrie das SEI Schéma d’Environnement Industriel, um bereits bei der Planung von Industrieanlagen wirtschaftliche Entwicklung und Umweltschutz miteinander zu vereinen.

2004 und 2008 wurde es aktualisiert und ausgeweitet. Die bevorzugte Nutzung erneuerbarer Energien ist seitdem ebenso verankert wie eine Senkung der Verkehrsströme mit gefährlichen Stoffen und die bessere Landschaftsgestaltung der industriell genutzten Flächen.

In Dunkerque setzt sich auch die Kunst mit den Themen Industrie und Recycling auseinander. So auch bei dieser Installation an einem Lampenpfahl vor dem <em>FRAC</em>. Foto: Hilke Maunder
In Dunkerque setzt sich auch die Kunst mit den Themen Industrie und Recycling auseinander. So auch bei dieser Installation an einem Lampenpfahl vor dem FRAC. Foto: Hilke Maunder

Best Practices

Exemplarisch für die Bemühungen für Nachhaltigkeit und ökologischen Wandel seien hier zwei Projekte genannt, die nicht nur für Frankreich vorbildlich sind.

Kostenloser Nahverkehr

Im September 2018 wurde das öffentliche Verkehrsnetz für alle Nutzer der 17 Gemeinden der Agglomeration von Dunkerque kostenlos. Dunkerque ist die bevölkerungsreichste Stadt Frankreichs (200.000 Einwohner), die diese Regelung eingeführt hat. Sie fahren alle zehn Minuten, zwischen 7 Uhr und 1 Uhr morgens, von Montag bis Samstag. Sonntags gilt ein eingeschränkter Fahrplan.-

La Maison d’Environnement de Dunkerque

Die Maison d’Environnement de Dunkerque ist Frankreichs ältestes Infozentrum zum Thema nachhaltige Entwicklung. Seit Januar 2008 präsentiert es in der Villa Ziegler, einem strahlend weißen Holzhaus von 1881, die Herausforderungen der nachhaltigen Entwicklung und sensibilisiert die Besucher für die Themen Wasser, Abfall, Transport, Energie und Klimawandel. Das Umweltzentrum liegt im Parc Ziegler, der heute mit Insektenhotel und Brutkästen für Vögel der Natur mitten in der Stadt Raum zum (Über-)Leben gibt.
http://maison-environnement.org

Blick vom Belvédère im 6. Stock auf die Fußgängerbrücke. Foto: Hilke Maunder
Blick vom Belvédère des FRAC im 6. Stock auf die Fußgängerbrücke. Foto: Hilke Maunder

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