Enclos Paroissiaux: Glaube, auf Granit gebaut

Enclos paroissal: Saint-Thégonnec
Saint-Thégonnec. Foto: CRT Bretagne: Pierre Torset
Saint-Thégonnec. Foto: CRT Bretagne/Pierre Torset

Im Léon hat die tiefe Inbrunst und Frömmigkeit der Bretonen eine in Europa einzigartigen Sakralkunst geschaffen: prunkvolle umfriedeten Pfarrhöfe mit imposanten Kalvarienbergen – die Enclos Paroissiaux.

Die Bretagne im Jahr 1450: Handel, Schifffahrt und Tuchherstellung blühen. Zu Wohlstand gekommen, sehen es die Gemeinden als ihre Pflicht, Gott zu danken – und beginnen mit dem Bau der berühmten Enclos Paroissiaux, die eine Themenroute verbindet.

Im Laufe der Jahrhunderte entwickeln sie sich zu Statussymbolen. Jede Gemeinde versuchte, durch noch prächtigere Calvaires, Kirchen oder Pforten den Nachbarn zu übertrumpfen. Besonders prachtvoll erbautSaint-Thégonnec, eine der reichsten Kirchengemeinden im Léon, seinen umfriedeten Pfarrbezirk. In den 80-er Jahren des 16. Jh. wagt jedoch der kleinere Nachbar Guimiliau, einen höheren Calvaire zu bauen…Das Jahrzehnte lange Wettbauen endete erst, als die Kirchenkassen fast leer waren. Zumal Guimiliau auch noch mit der Nachbargemeinde Lampaul-Guimilau konkurriert…

Der typische Aufbau der Enclos Paroissaux

Besonders im Nordwesten zwischen Morlaix und Landerneau sind die kulturhistorischen Kleinode zu finden. Ist es perfekt erhalten, bildet ein Enclos ein ummauertes Ensemble aus Triumphtor, Kirche oder Kapelle, Beinhaus und Friedhof. Typisch ist auch eine große Vorhalle an der Kirche, um auch zu großen Pilgerscharen predigen zu können. Das Baumaterial ist meist Granit: grau, grobkörnig und hart. Damit Skulpturen und Plastiken zu gestalten, war eine Herausforderung für jeden Steinmetz. Seine Kunstfertigkeit zeigt sich besonders beim Calvaire.

Imposante Kalvarienberge

Der Kalvarienberg ist der imposante Mittelpunkt eines Pfarrhofes: ein steinernes Bilderbuch der Bibel, vermischt mit lokalen und geschichtlichen Ereignissen. Seine Aufgabe: die Belehrung des Volkes, das meist weder lesen noch schreiben konnte und selbst die Messe auf Latein nicht verstand. Um 1450 entstand in Tronoën der erste Kalvarienberg der Bretagne. Die Blütezeit dieser Volkskunst lag jedoch im 16. Jahrhundert.

In ausdrucksstarken Bildern wird in immer neuen Variationen der gleiche Inhalt erzählt: die Leidensgeschichte Jesu Christi – Verkündigung, Heimsuchung, Flucht aus Ägypten, Einzug nach Jerusalem, Abendmahl und Auferstehung. Im Zentrum erhebt sich stets die Kreuzigungsszene: Christus am Kreuz, flankiert vom uneinsichtigen Räuber Gestas zur Linken und dem reuigen Schächer Dismas zur Rechten, die Pietà zu Füßen.

Der höchstgelegene Enclos der Welt

In Commana vereint in 260 Meter Höhe der Kirchhof ein festungsartiges Triumphtor, ein Beinhaus von 1668, zwei Calvaire-Kreuze und eine Kirche mit beeindruckendem Südportal. Dort wetteifert die Kirchturmspitze des höchstgelegenen Enclos der Welt mit den schroffen Zacken des Roc’h Trévézel, der mit 384 Metern Höhe die Monts d’Arrée dominiert.

Das höchste Gebirge der Bretagne bildet das Kernstück des Parc Naturel Régional d’Armorique, der sich seit 1969 auf 1100 Quadratkilometern von der wilden, urwüchsigen Bergwelt des Landesinnern bis zu den Inseln Ouessant, Molène und Sein und der Halbinsel Crozon erstreckt.

Wo die toten Seelen wandern

Wenige Kilometer weiter konnte der Glaube eine kahle Kuppe erobern: Auf dem Mont St-Michel de Brasparts erhebt sich eine kleine Kapelle in der Einsamkeit. Die Heidelandschaft ringsum ist die Heimat der ›Nachtwäscherinnen‹, sündiger Frauen, die wegen ihres ruchlosen Lebens selbst in der Welt der Toten keinen Frieden finden können. Hinter dem Stausee von Brennilis, der Frankreichs erstes Atomkraftwerk von 1966-1987 mit Kühlwasser versorgte, liegt das legendäre ›Yeunz Elez‹.

Nacht für Nacht zieht der bretonische Sensenmann ›Ankou‹ mit seinem knarrenden Karren durch das Moorland und sammelt die Seelen ein. In ›Youdiz‹ erwartet sie keine heißen Höllenqualen – trostlos, fahl und eiskalt ist das altbretonische Totenreich.

Rundfahrt zu den Pfarrhöfen

Guimiliau, kleinster der drei nördlichen Pfarrbezirke, rühmt sich des vollkommensten ›enclos‹. Sein Calvaire (1581 – 1588) ist mit 200 Figuren der zweitgrößte der Bretagne; seine Kirche schmückt ein prunkvolles Südportal. Zwei Reiter bewachen das Triumphtor aus dem 17. Jh. Das Beinhaus (1648) wurde in eine Kapelle umgewandelt. 3,5 km östlich liegt der schlichte, aber vollständig erhaltene Pfarrbezirk von Lampaul-Guimiliau.

In Sizun sind die Bewohner besonders auf das Triumphtor ihres Pfarrbezirkes stolz – sein Nachbau steht im Centre Pompidou von Paris. Ungewöhnlich groß wirkt der Pfarrhof von Pleyben. Ab 1555 wurde fast 200 Jahre am Kalvarienberg gebaut. Das Beinhaus diente wechselweise als Kapelle, Dorfschule und Postamt; heute zeigt es im Sommer wechselnde Ausstellungen.

Weitere sehenswerte Pfarrhöfe befinden sich in La Roche-Maurice, Pencran und La Martyre„Der Tod, das Jüngste Gericht, die kalte Hölle – wenn der Mensch daran denkt, wird er zittern. Ein Narr ist jener, der solches nicht überlegt, da er doch weiß, dass er sterben  muss“ mahnt dort ein Engel über dem Eingang des Beinhauses mit einem Spruchband. Wie der Tod aussieht, zeigt ein Relief über dem Weihwasserbecken: ein bärtiges Wesen aus Schädel und Knochen.

Furcht einflößend erinnert der älteste Pfarrhof des Léon an die Endlichkeit alles Irdischen. Er ist dem um 875 ermordeten dritten Königs der Bretagne geweiht, dem Hl. Salomon. Der König, nicht von der Kirche, sondern vom Volk zum Heiligen erhoben, hatte  zuvor selbst seinen Vorgänger umgebracht…

Saint-Thégonnec. Foto: CRT Bretagne: Pierre Torset

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