Briefe aus Saint-Paul: Sonntagssport Jagd

Col d'Osquich: Vogeljagd auf traditionelle Art. Foto: Hilke Maunder
Col d'Osquich: Vogeljagd auf traditionelle Art. Foto: Hilke Maunder

Jetzt kläffen sie wieder, die Hunde. Kaum sind die Sonnenstrahlen über dem Karstgrat der Chaîne de Lesquerde geklettert, erfüllt ihr Bellen das Tal des Agly. Kein leises Knurren, sondern wütendes, bluthungriges Gebell.

Den GPS-Sender um den Hals, strolchen sie durch die Garrigue, spüren zwischen Zistrose, Mastix und Rosmarin die Fährten auf.

Aus dem kniehohen, grünbraunen Gestrüpp, das in der winterlichen Kühle seinen Duft verloren hat, leuchtet es hier und da knallig in Orange. Ab und an bewegen sich die Figuren in der Ferne. Gehen vom Hang hinunter ins Tal. Kommen sich näher, bilden eine Kette. Die Hunde rasen voraus.

Sonntag im Süden. Die Männer jagen. Sanglier. Wildschwein. Überall auf dem Land. Und besonders wütend dort, wo Weingärten die steinigen Schieferböden bedecken. Elektrozäune umgeben die wertvollsten Lagen. „Nützt alles nichts“, erzählt Biowinzer Bastien Baillet.

„Ein fetter Eber schmeisst sich auf den Zaun und erdet sie so. Dann rennt die Herde in meine Felder und frisst sie leer. Grenache und Shiraz mögen sie besonders gern.“ Bastien ist aus ethischen Gründen kein Jäger.

Doch er kann die Wut der anderen Winzer verstehen. Und auch, warum sie im Fenouillèdes nur eines mittwochs und sonntags jagen: Sanglier. Wildschein. Dafür meldet sich so manch einer auch gerne krank. Wie ein Mann aus unserem Dorf. Und das seit drei Jahren….

Der Bürgermeister präsentiert seine Jagdtrophäen: Füße vom Wildschwein. Foto: Hilke Maunder

Das Volk knallt

Jagd ist anders in Frankreich. Zu Jagen ist ein Gewohnheitsrecht, das jedem Bürger zusteht. Und Jagdfreunde gibt es häufiger als Fußballfans.

Fünf Millionen Franzosen haben die Prüfung zum Jagdschein abgelegt. 1,2 Millionen von ihnen sind aktive Jäger. Damit hält Frankreich den Europarekord – vor Spanien (989.000) und Italien (700.000).

Jeder zwölfte Franzose ist ein Waidmann. Und der bleibt ganz unter sich: Männer stellen 97,8 Prozent der Jäger.

Überraschend viele junge Männer sind darunter. Modisch durchgestylt mit Realtree-Hosen und Jacken. Mal knallbunt als Camouflage in Orange, dann tiefgrün getarnt mit Nato-Flecktarn.

Das Gewehr geschultert, den Flachmann gefüllt. Alkohol bei der Jagd: Offiziell wird erst danach getrunken. Doch Gegner der Jagd klagen an. Auch den Suff vor dem Schuss. 250 Millionen Patronen werden jährlich verballert bei der Jagd.

Und noch immer ist – außer in Feuchtgebieten, wo es seit 2006 verboten ist – auch Blei in der Munition.

Gejagt wird nicht nur auf freier Flur, sondern Jahrhunderte lang auch auf privatem Grund. Schuld daran war ein Graf. Comte Mirabeau hatte während der Französischen Revolution durchgesetzt, dass jeder jagen durfte, der Land besaß. Das Privileg des Adels war gebrochen, die Jagd demokratisiert. Das Volk knallt.

Jagd: Infos zur Vogeljagd am Col d’Osquich. Foto: Hilke Maunder

Zwangsbejagung adé

Einflussreichster Verfechter der ballernden Bodentruppen ist Thierry Coste, politischer Sprecher des französischen Jägerverbandes. Er hält engen Kontakt zum Präsidenten, unabhängig von der Partei. Und kämpft für den Erhalt und die Ausweitung angestammter Rechte bei den Jägern.

Jene mussten eine Schlappe hinnehmen, als Regisseur Luc Besson sich ihnen entgegenstellte und ein Ende der Zwangsbejagung auf seinem Grundstück forderte.

Bereits 1999 hatte  die Große Kammer des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte bei einem anderen Streitfall aus Frankreich entschieden: Niemand kann gezwungen werden, durch den Besitz von Grund und Boden automatisch Mitglied von kommunalen Jagdgenossenschaften zu werden und die Jagd auf seinem Land zu dulden.

Was für ein Affront für Frankreichs Jäger-Lobby! 2012 bestätige das höchste europäische Gericht die Entscheidung. Und zwang Deutschland, seine Jagdgesetze ebenfalls zu ändern in Bezug auf die Zwangsbejagung.

Land der Jagd-Rekorde

Kein Land Europas hat längere Jagdzeiten als Frankreich. Fast sieben Monate allein dauert die Jagd auf Vögel. 25 bis 30 Millionen Vögel fallen jährlich von Frankreichs Himmel. Rund 25 Vogelarten, die auf der Roten Listen der IUCN stehen, dürfen dort noch gejagt werden – auch die weltweit bedrohte Turteltaube.

Nirgendwo in Europa werden so viele Arten gejagt wie im Hexagon. 90 Säugetierarten sind es, 64 verschiedene Vögel. Auf Großwild entfallen 31 Prozent der gejagten Tiere, auf sitzendes Niederwild 32 Prozent.

Die Abschussquoten legt alljährlich die Office de la Biodiversité als oberste Naturschutz- und Jagdbehörde Frankreichs nach einer Zählung der Anzahl der Tiere jeder dieser Arten fest.

Gejagt wird nicht nur mit Flinte, sondern auch ganz traditionell. Mal mit Bogen, im Baskenland mit Netzen. Weit verbreitet sind auch die  Lockvogeljagd und die Frettchenjagd.

Beagle stöbern Kaninchen in ihrem Bau auf. Bei der chasse à courre, der Parforcejagd, jagen 70 bissige Hunde im Wald den Hirsch.

Falsch getroffen

Gejagt wird mittwochs und sonntags, in der Jagdsaison auch an allen Wochentagen. Am 26. Juli 2000 verbot Dominique Noynet die Jagd am Mittwoch – eine Bestimmung, die Roselyne Bachelot als Umweltministerin im Kabinett Raffarin 2003 wieder aufhob.

Heute legen die Départements über ihren Präfekten die Tage ohne Jagd frei festlegen, sind dazu nicht verpflichtet. Besonders die Sonntagsjagd ist in die Kritik geraten. Der Grund: die Jagdunfälle. Vier Kilometer weit können die Gewehrkugeln fliegen. Und nicht immer treffen sie ein Tier. Oder einen Baumstamm.

1999 trafen Frankreichs Jäger beim Danebenzielen 232 Menschen. 39 der Verletzten starben. 2017 hatten sich die Zahl fast halbiert – 143 Verletzte, 18 Tote. Seitdem sind die Zahlen nahezu konstant. Und ist die Jagd eines der letzen großen Vergnügen auf dem Land.

Immer wieder sonntags…

Wer sonntags wandert, geht ein Wagnis ein. Immer mehr Franzosen tragen daher fluoreszierende Westen, um gesehen zu werden. Oder verzichten auf den traditionellen Ausflug ins Grüne mit den Freunden oder der Familie. Immer mehr Gemeinden haben Verordnungen erlassen, die das Sonntagswandern im Wald verbieten.

Alain Perea, Abgeordneter der LREM im Departement Aude, verstieg sich sogar in seiner Jagdliebe soweit, dass er vorschlug, das Mountainbiken während der Jagdsaison zu untersagen.

Wen wundert es da, dass bereits mehr als 730 Vereine und Verbände Mitglied sind im Collectif pour le dimanche sans chasse, dem Verband für ein Verbot der Sonntagsjagd?

La chasse est primordial. Sans elle, il n’aura pas d’agriculture ici.
(Die Jagd ist das Wichtigste. Ohne sie gäbe es bei uns keine Landwirtschaft)

Bürgermeister Jacques Bayona, Saint-Paul-de-Fenouillet

Staatlicher Hinweis auf ein Jagdgebiet. Foto: Thomas Müller.

Jagd in Frankreich: die Infos

Jagdmuseen

Musée de la chasse

In einem eleganten Stadtpalais, das Mansart 1651 entwarf für den französischen Schatzmeister François de Guénégaud 2, zeigt das Musée de la Chasse et de la Nature heute die Sammlung des jagdbegeisterten Industriellen François Sommer: Waffen und Trophäen, Tierstudien von François Desportes und Jagdszenen von Pieter Bruegel d. Ä., Rubens, Chardin und Oudry.
• 62, Rue des Archives, 75003 Paris, www.chassenature.org

Jagdurlaub in Frankreich

Ihr wollt in Frankreich jagen? Ohne private Jagdeinladung ist dies nur über Jagdvermittler möglich. Wo Drückjagden auf Schwarzwild, Gams- und Blattjagden stattfinden, verrät die Fachzeitschrift Jäger in dieser Übersicht. Billig ist so ein Urlaub nicht. Vier Tage kosten ab 1.500 Euro ohne die Kosten für Versicherung und Jagdpapiere.

Für die Jagd in Frankreich braucht ihr eine kostenpflichtige Jagdlizenz für drei, neun oder 365 Tage, einen gültigen Jagdschein und den europäischen Waffenschein, um hier zu jagen.

Emmanuel Macron hat als eine seine ersten Amtshandlungen im August 2018 die Jahresgebühr für die nationale Jagdlizenz von 400 auf 200 Euro halbiert. Daraufhin stiegen die Anträge auf Jagdscheine exorbitant.

Korsika, Südfrankreich, Bretagne: Das sind die großen Jagdgebiete, in den kommerzielle Anbieter Jagderlebnisse für Urlauber anbieten. In den französischen Alpen werden vor allem Gämse gejagt, in den Pyrenäen Muffelwild. In den Weinbergen der Provence werden Drückjagden auf Schwarzwild veranstaltet.

Auf Korsika stehen auf dem 2.500 ha großen Anwesen Domaine de Murtoli neben Saujagden auch Fasanen- und Rothuhntreiben auf dem Programm. Die seltene Pirsch auf den reifen Bock wird u.a. in Tarn-et-Garonne angeboten.

Ich persönlich verstehe Jagd als Hege und Pflege und landschaftspflegerische Aufgabe und distanziere mich ausdrücklich von Jagd als Urlaubsspaß. In Frankreich steht der Jagdtourismus unter strenger Kontrolle.

Politikum Jagd: die Akteure

OFB / Office de la Biodiversité (bis 31.12.2019: ONCFS – Office national de la chasse et de la faune sauvage)

Die oberste Naturschutz- und Jagdbehörde Frankreichs, www.oncfs.gouv.fr

Contra

AVA France

Nationales Anti-Jagd-Kollektiv mit regionalen Gruppen und Verbänden. AVA steht für „Abolissons la Vénerie Aujourd’hui“ (Schaffen wir die Jagd jetzt ab); www.facebook.com/avafranceofficiel

Faune Sauvage

Französischer Verein für Wildschutz, www.faunesauvage.fr

Rassemblement pour une France sans Chasse (RAC)

www.france-sans-chasse.org

Pro

FNC – Fédération nationale des chasseurs

Französischer Jagdverband, http://chasseurdefrance.com

Le Mouvement de la ruralité (LMR)

Die Jäger- und Fischer-Partei, die sich bis 2019 noch CPNT – Chasse Pêche Nature Tradition nannte, tritt seit 2012 bei Wahlen gemeinsam mit der UMP auf und erreicht so mehr als acht Prozent der Stimmen; www.cpnt.fr 

ACCA (Association communale de chasse agréée)

Lokale Jagdvereinigung, www.fedechasseurslandes.com/IMG/pdf/plaquette_acca.pdf

Hinweis auf die Jagd im Fahrzeug eines Jägers. Foto: Hilke Maunder
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2 Kommentare

  1. Wir haben die Jagdsaison zweimal Ende September/ Oktober in Caromb / Provence überlebt.Auch nahe an den gekennzeichneten Wanderwegen wurde rücksichtslos herumgeballert, Jäger, die weit über 80 Jahre alt waren, ließen uns frösteln. Hinzu kam, dass vielerorts gar nicht auf die Jagd hingewiesen wurde, also in den Gebieten keine Warnschilder aufgestellt wurden.
    Unseren schwarzen Riesenschnauzer haben wir – wie uns auch- mit orangefarbenen Westen geschützt, damit keiner von uns aus Versehen für ein Wildschwein gehalten wurde. Klingt lustig, war es aber nicht, seitdem machen wir zu dieser Jahreszeit keinen Urlaub mehr im Vaucluse, obwohl wir die Landschaft rund um den Mont Ventoux wirklich lieben.
    Die ‚Jagdleidenschaft‘ samt Alkoholkonsum ist keine nachvollziehbare Tradition, weil sie Menschen extrem gefährdet.

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