Die Gärten von Colette
Sie war die erste Frau in Frankreich, die ein Staatsbegräbnis erhielt: Sidonie-Gabrielle Claudine Colette. Die katholische Kirche hatte ihr wegen unsittlichen Benehmens ein religiöses Begräbnis verweigert.
Als Colette wurde die Schriftstellerin, Varietékünstlerin und Journalistin weltberühmt. In Deutschland hatte sie vor allem mit ihren Claudine-Romanen Erfolg.
Sie hat das menschlichste Herz der modernen französischen Literatur. Ich, der ich durch viele Jahre hindurch nicht geweint habe, brach in Tränen aus, als ich die Briefe Mitsous an ihren Leutnant las.
Marcel Proust nach der Lektüre des Romans „Chérie“ (1920)
1912 heiratete sie Henry de Jouvenel. So kam sie in die Corrèze. Bis 1923 lebte sie dort auf dem Château de Castel-Novel in Varetz. Nur zehn Autominuten von Brive-la-Gaillarde entfernt, erinnern dort heute die Jardins de Colette an die außergewöhnliche Frau.
Der fünf Hektar große Park zeichnet in sechs Themengärten die Lebensorte der Autorin nach. Die grüne Zeitreise beginn im Garten ihrer Kindheit in Saint-Sauveur-en-Puisaye.
Durch den Wald der Franche-Comté führt er hin in die Bretagne und die Corrèze. Von dort geht es weiter nach Saint-Tropez in die Provence. Und schließlich nach Paris, wo sie mit Blick auf den Palais Royal 1954 verstarb.
Mit mehr 1200 Bäumen, fast 6000 Sträuchern und rund 2700 Gräsern und Stauden inszenierten die Landschaftsarchitekten Laurent Duplantier und Anouck Debarre den poetischen Spaziergang. 2008 eröffneten die Jardins de Colette. Seitdem sind sie auch ein beliebtes Familienausflugsziel.
„Die Kinder! Wo sind die Kinder?” So rief Sido, die Mutter von Colette, einst ihren Nachwuchs. In den Gärten von Colette läuft er im Bel Gazou-Irrgarten umher. Das grüne Labyrinth sieht vom Aussichtshügel aus wie ein riesiger Schmetterling.
Übergroß sind auch die zehn Spielgeräte auf den Rasenflächen. Vom Mikado in XXL bis zum Geschicklichkeitsspiel Jenga verraten sie, womit auch Colette als Kind einst gespielt hat. Als Führer für die Kinder fungiert ein Maulwurf. Als détective Labigle lässt er sie unterwegs Rätsel lösen. Haben sie das richtige Lösungswort gefunden, wartet ein Geschenk auf sie.
1. Garten: Bourgogne – der Garten der Kindheit (1873 – 1891)
Am 28. Januar 1873 kam Colette in Saint-Sauveur-en-Puisaye bei Auxerre in Burgund zur Welt. Als Jüngste der insgesamt vier Geschwister besuchte Colette keine weiterführende Schule. Sie wurde daheim unterrichtet – vom literarisch interessierten Vater wie von der Mutter. Durch deren Prägung wurde Colette eine Leseratte. Neben den Büchern liebte sie die Natur, und besonders die Blumen.
Tipp
Den tatsächlichen Kindheitsgarten von Colette könnt ihr seit 2016 in Saint-Sauveur-en-Puisaye (Yonne) wieder besichtigen. Die Landschaftsarchitektin Françoise Phiquepal hat dort den Jardin-du-haut am Haus und den wilderen Jardin-du-Bas originalgetreu wieder hergestellt.
2. Garten: Franche-Comté (1900 – 1905)
Colette entdeckte die Franche-Comté mit ihrem ersten Mann Henry Gauthier-Villars. Von 1900 bis 1905 lebte sie in Les Monts-Boucons bei Besançon. Mit 16 Jahren hatte sie sich in den Verlegersohn verliebt.
Im Alter von 20 Jahren heiratete sie den 34-Jährigen. Die beiden waren ein exzentrisches Paar. Colette war ihrem Mann, der als nom de plume Willy gewählt hatte, geradezu hörig.
Er hielt sie an, ihre Schulmädchenzeit zu Papier zu bringen, betrog sie permanent – und kritisierte fortlaufend die Schreibversuche der jungen Autorin. Pikanter solle sie schreiben, freizügig alles erzählen. Colette tat, wie ihr geheißen war.
Ab 1896 erschienen ihre Werke Claudine à l’École, Claudine à Paris, Claudine en Ménage und Claudine s’en va. Nach diesem vorerst letzten Roman der Reihe ließ sich Colette von ihrem „Willy“ scheiden, der sie gezwungen hatte, die Werke unter seinem Pseudonym zu veröffentlichen. Und sich bei der Scheidung auch die Autorenrechte sicherte.
3. Garten: Bretagne (1910 – 1927)
Nach der Scheidung lebte Colette eine Zeitlang bei Natalie Clifford Barney. Die beiden hatten eine kurze Affäre und blieben bis zu Colettes Tod befreundet. In dieser Zeit nahm sie beim Pantomimekünstler Georges Wague Unterricht und trat in Mimodramen in Paris und der Provinz auf.
Dort traf sie die zehn Jahre ältere Marquise Mathilde „Missy“ de Morny. Und verliebte sich. Als beide sich 1907 im Moulin Rouge während der Pantomime-Show Rêve d’Égypte küssten, kam es zu einem solchen Tumult, dass die Polizei gerufen werden musste. Das Stück wurde verboten – und Colette und Missy flüchteten in die Bretagne, wo sie das Herrenhaus von Rozven bei Saint-Malo erwarben und dort lebten.
4. Garten: Corrèze (1911 – 1923)
1910 wurde Colette Journalistin von Le Matin und erhielt eine eigene Rubrik im Feuilleton der Pariser Tageszeitung. Ihre Liebe fiel nun auf den Chefredakteur des Blattes, Baron Henry de Jouvenel des Ursins. 1912 heirateten sie. 1913 wurde ihre Tochter Bel-Gazou geboren. Jene liebte Tiere, und besonders Hühner. An sie erinnern die Hennen und Hähne im poulailler.
Die hundertjährigen Eichen verdecken den Blick auf das Schloss, auf dem Colette lebte: Château de Castel-Novel in Varetz. Es grenzt direkt an den Park. 1919 begann sie ein Verhältnis mit ihrem Stiefsohn Bertrand de Jouvenel und verarbeitete es in ihrem Roman Chéri. 1923 verließ Colette ihren Ehemann Nummer zwei.
5. Garten: Provence (1926 – 1938)
1925 machte Colette Bekanntschaft mit ihrem dritten und letzten Ehemann, Maurice Goudeket. Mit dem 16 Jahre jüngeren und reichen jüdischen Perlenhändler Maurice Goudeket bereiste sie die Welt – und gab ihm 1935 das Ja-Wort. Mit ihm bezog sie in Saint-Tropez eine Villa, die sie La Treille Muscate nannte.
Colette liebte Rosen. Daher findet ihr hier auch einen Rosengarten mit Sorten, die Namen von Künstlern tragen. Neben Colette ist auch Sänger Alain Souchon mit einer Rosensorte vertreten.
6. Garten: Paris (1938 – 1954)
1938 kehrte sie nach Paris zurück und bezog eine Wohnung mit Blick auf die Gärten des Palais Royal. Ab 1939 machte ihr die fortschreitende Arthrose der Hüftgelenke das Leben schwer. Immer seltener verließ sie ihr Zuhause.
Aus ihrem Fenster blickte sie auf eine Lindenallee. Auch sie findet ihr in den Gärten von Colette. Am 3. August 1954 verstarb sie, weltberühmt, im Alter von 81 Jahren in ihrer Wohnung.
Colettes Leben. Skandal auf Skandal. Und dann nimmt alles eine neue Wendung, und sie wird zum Idol.
Jean Cocteau
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Im Buch
Colette, Mein literarischer Garten*
Im Jahr 1947 schlug ein Schweizer Verleger Colette vor, ihr regelmäßig einen Strauß Blumen zu schicken. Im Gegenzug sollte Colette ein literarisches Porträt von Blüten und Blumen fertigen, die ihr gefielen.
Pour un herbier nannte sie ihre Sammlung. 1948 erschien sie bei Mermod in Lausanne. Blumenbilder von Maria Sybilla Merian, Piere-Joseph Redouté und anderen Künstler begleiten ihre Portraits.
Von der Rose bis zur Ringelblume, vom Mohn bis zum Maiglöckchen, von der Kalla bis zur Kamelie reicht das Spektrum ihrer feinsinnigen floralen Essays. Wer mag, kann die literarische Reise durch den Blumengarten hier* bestellen.
Stéphane Marie, Die schönsten Gärten Frankreichs*

Stéphane Marie, seit 1998 Moderator der TV-Sendung „Silence, ça pousse“ auf France 5, hat mit Ma France des Jardins* einen großformatigen Führer zu 27 außergewöhnlichen Gärten und Parks in Frankreich verfasst. Im Mai 2025 bei Flammarion veröffentlicht, ist sein bildreiches coffee table book nun in der deutschen Übersetzung von Carmen Hindemith und Rosa Kratz im Gerstenberg-Verlag erschienen.
Auf 264 Seiten bietet das Werk eine persönliche Auswahl von Maries Lieblingsgärten im Land, reich bebildert und ergänzt mit den wichtigsten Besucher-Informationen.
Stéphane Marie, 1960 in der Normandie geboren, hat in Saint-Pierre-d’Arthéglise gemeinsam mit seinem britischen Mann eine Scheune ins gemeinsame Heim verwandelt und bei der Anlage des Gartens seine Leidenschaft fürs Gärtnern entdeckt. Diese Begeisterung für gestaltetes Grün prägt jeden Beitrag im Buch. Neben detaillierten Beschreibungen zur Geschichte, Anlage und Flora der Gärten gehören auch persönliche Einblicke dazu. Die Vielfalt der vorgestellten Gärten reicht von bekannten Klassikern bis hin zu weniger bekannten Juwelen wie dem Jardin Plume im normannischen Auzouville-sur-Ry oder dem Jardin des Martels in Giroussens (Tarn).
Die Zusammenstellung folgt dabei bewusst einem subjektiven Blick. Der Schwerpunkt liegt deutlich im Norden und Westen Frankreichs: Sechs Gärten der Normandie sind darin vertreten, ebenfalls sechs befinden sich in den Pays de la Loire. Hinzu kommen jeweils drei Gärten in der Bretagne und in den Hauts-de-France. Andere Regionen treten dagegen nur punktuell in Erscheinung, etwa Okzitanien und Provence-Alpes-Côte d’Azur mit jeweils einem Garten, Nouvelle-Aquitaine mit zwei. Regionen wie Auvergne-Rhône-Alpes bleiben ganz außen vor. Eine Übersichtskarte hätte hier zusätzlich Orientierung geboten und den geografischen Rahmen der Auswahl anschaulich ergänzt. Auch die Bildqualität ist nicht durchgängig auf gleichem Niveau; einzelne Aufnahmen bleiben hinter dem ansonsten hohen visuellen Anspruch zurück und schmälern stellenweise den Eindruck.
Ungeachtet dieser Details überzeugt das Buch als inspirierende Einladung, Frankreichs Gartenlandschaften neu zu entdecken. Stéphane Marie gelingt es, seine Leidenschaft für Gärten an die Leser weiterzugeben und einen sehr persönlichen Zugang zur Vielfalt französischer Gartenkunst zu eröffnen – ein Band, der Lust auf Reisen, Staunen und eigenes Gestalten macht. Weg mag, kann den Gartenführer hier* online bestellen.
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