Auf den Spuren der kleinen Kartäuserin 1


Nebelverhangen: das Bergmassiv der ChartreuseMitten im nassen, nebligen November rennt nach Schulende ein Mädchen im roten Anorak hin zu seiner Mutter, auf die sie so lange gewartet hatte. Sie bemerkt nicht das Fahrzeug von Étienne Vollard. Wie in Zeitlupe sieht der eigenbrötlerische Buchhändler das Kind auf die Kühlerhaube aufschlagen, blinkt in dessen angsterfüllte dunkle Augen.

Eva überlebt schwerverletzt. Evas Mutter indes flieht vor der Aufgabe, völlig überfordert von sich, ihrem Leben und Eva, die sie seelisch wie körperlich vernachlässigt, ablehnt.

Étienne dagegen, ein Sonderling, besucht sie täglich, erzählt dem bewusstlosen Mädchen unermüdlich Geschichten und liest ihm die schönsten Bücher vor, die er in seinem kleinen Laden finden kann.

Als Eva endlich erwacht, ist sie für immer verstummt. Die Zuneigung des Buchhändlers kann den inneren Hunger des vernachlässigten Kindes nicht stillen. Ausgemergelt stirbt sie schließlich im Sanatorium. Vollard, seines Scheiterns bewusst, begeht Selbstmord.

Markant: das Bergmassiv der ChartreuseDie Heimat der kleinen Kartäuserin

Die kleine Kartäuserin des französischen Philosophen, Essayisten und Schriftstellers Pierre Péju war in Frankreich 2002 der Sensationserfolg. Erst jetzt, viele Jahre später, schaffte ich es, mir einmal die Landschaft und das Kloster anzusehen, die Péju zu diesem Roman inspirierten: die Große Kartause, das Mutterkloster des Kartäuserordens, das Bruno von Köln ab 1084 in den einsamen Bergen der Chartreuse nördlich von Grenoble errichtete.

Durch eine Steinlawine zerstört, wurde es 1132 zwei Kilometer vom ursprünglichen Standort wieder aufgebaut. Wie die Mönche dort in frommer, schweigsamer Zurückgezogenheit leben, hat Philip Gröning im preisgekrönten Dokumentarfilm Die Große Stille 2005 als Erster verfilmt. Höchstens einmal pro Woche verlassen sie die Klostermauern – Fremden ist bis heute der Zutritt verwehrt. Vom Gipfel des Grand Som jedoch könnt ihr auf die Klosteranlage sehen, die tausend Meter tiefer im Tal steht.

Etwas Einblick gewährt das Klostermuseum, das 2011 eröffnete. Es zeigt Pläne, Karten und Modelle der weißen Einsiedelei, öffnet die Tür zu Werkstätten, dem Kreuzgang und einer Kapelle… und verrät, welche 130Kräuter in der giftgrünen Chartreuse stecken.

Lebensgeist der Kartäuser

Der Kräuterlikör Chartreuse, den es gelb (40 Vol. % ) und grün (55 Vol. %.) gibt, ist das weltweit berühmte Aushängeschild der Mönche. Der Absatz der Spirituose deckt nicht nur sämtliche Kosten des Klosterbetriebes, sondern wirft noch so viel Gewinn ab, dass karitative Projekte in aller Welt unterstützt werden können. In Frankreich gilt „La Chartreuse“ als Heiltrunk. Ähnlich wie „Klosterfrau Melissengeist“ mit 79 Vol. % (!) lange der Tröster deutscher Hausfrauen war, genehmigt man sich La Chartreuse als „Medizin“….

Der Likör der Mönche: ChartreuseAuf den Spuren der kleinen Kartäuserin: meine Reisetipps

Schlafen

Le Val Ombré

Oberhalb von Saint-Pierre-de-Chartreuse haben Eric und Jean-Pierre ein typisches Bruchsteinhaus der Region in fünf charmante chambres d’hôtes, wo abends im Gemeinschaftssaal alle Gäste beim „table d’hôte“ genießen, was Eric gekocht hat. Für Entspannung sorgt eine kleine „espace bien-être“ mit Whirlpool, Sauna und Fitnessraum.
• Chemin du Grand Logis, 38380 Saint-Pierre-de-Chartreuse, Tel. 04 76 53 20 74, mobil 06 19 76 15 12, http://le-valombre.fr

Schlemmen

La Ferme de Brevadière

Zwischen den Weilern Brévardière und Michons blühen im Frühling in einem ummauerten Garten 10.000 Safranpflanzen in zartem Lila. Im August wird das berühmte Gewürz geerntet. Wie köstlich Safran die Küche bereichert, zeigen Céline und Philippe in ihrem gemütlichen, modern-rustikalem Gasthof.
• Brevardière, 38380 Saint-Pierre-de-Chartreuse, Tel.04 76 88 60 49, www.brevardiere.fr

Entdecken & erleben

Musée de la Grande Chartreuse

• La Correrie, 38380 Saint-Pierre-de-Chartreuse, Tel.  04 76 88 60 45, www.musee-grande-chartreuse.fr, Mai – Sept. tgl. 10 – 18 Uhr, sonst ab 13/13.30 Uhr, Audioguides in acht Sprachen

Musée d’Art Sacré Contemporain

Die Bergkirche von Saint-Hugues ist eine Gesamtkunstwerk: 33 Jahre lang schmückt sie der Maler und Bildhauer Jean-Marie Pirot-Arcabas ab 1952/3 mit Gemälden und Glasfenstern, Skulpturen, Wandfriesen und Jute-„Tapisserien“ aus.
• Église de Chartreuse,  Place de l’église, Saint-Hugues, 38380 Saint-Pierre-de-Chartreuse, Tel. 04 76 88 65 01, www.saint-hugues-arcabas.fr

Distellerie de la Chartreuse

Das ganze Jahr hindurch lässt sich die Fertigung der „grünen Chartreuse“ kostenlos entdecken – in einer 500 qm großen Ausstellung, bei einer Führung durch die Brennerei und ihren Keller und einer Degustation zum Abschluss.
• 10, Bd Edgar Kofler, 38500 Voiron, Tel. 04 76 05 81 77, www.chartreuse.fr

Aktiv

Aufstieg zum Grand Som

Viele Wege führen hinauf zum 2.026 Meter hohen Gipfel – am Museumsparkplatz beginn dieser mittelschwere Aufstieg: http://www.altituderando.com

Trail Running

Rund um Saint-Pierre-de-Chartreuse gibt es neun markierte Routen, Infos findet ihr hier: www.stationdetrail.com

Aqua Walking oder Trottinette

Etienne Rollin und Christophe Imbert bieten im Massiv der Chartreuse eine Vielzahl von Outdoor-Abenteuern an: Ihr könnt mit Mountain-Bike oder Riesen-Roller die Hänge runterbrettern, Fährten lesen oder Orientierungstouren machen – oder mal im Wasser wander statt auf markierten Wegen. Im Wet-Suit ein Heidenspaß!
• Feeling Sports Nat, mobil 06 50 70 17 58 und 06 64 94 64 32, www.fsn-chartreuse.fr

Buchtipp

Die kleine Kartäuserin„Ich mag es, wenn ein Roman eine Einladung zum Nachdenken enthält“, sagt Pierre Péju. Der französische Gegenwartsschriftsteller erzielte 2002 mit seinem Debütroman einen der größten Bucherfolge der letzten Jahre. Mehr als 300.000 Exemplare wurden bislang verkauft.

Längst ist sein Werk auch verfilmt und in 14 Sprachen übersetzt. Jetzt ist seine Erzählung bei Piper in der deutschen Übersetzung als Taschenbuch erschienen: La Petit Chartreuse – die kleine Kartäuserin.

Die kleine Karthäuserin geht unter die Haut. Leichte Lektüre ist die Erzählung sicherlich nicht, aber dennoch eine Lesevergnügen, ruhig und still, ehrlich und nachdenklich wie ein Essay über die Einsamkeit und die Unfähigkeit zur Liebe. Hier * könnt ihr das Buch direkt online bestellen.

Pierre Péju: Die Kleine Kartäuserin. Piper-Verlag: 2018. Übersetzerin: Elsbeth Ranke. 192 Seiten. ISBN 978-3-492-50149-1.

Leseprobe

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