Mein Frankreich: Katrin Köberle

Katrin Köberle. Foto: privat
Katrin Köberle.

„Mein Frankreich“ ist nicht nur Titel meines Blogs, sondern auch Programm: Ich möchte möglichst viele von euch animieren, euer Frankreich vorzustellen. Mein Frankreich – was bedeutet das für euch? Heute antwortet Katrin Köberle. Die gelernte Fotografin arbeitet mit ihrem Mann Stefan Fröscher zusammen im Bereich Bildretusche und verbringt mit ihm und ihrem Hund seit fünf Jahren die Winter an der Côte d’Azur, ihrer Ansicht nach die beste Gegend, um sich vom Leben zu erholen.

Ich war sechs Jahre alt, als ich zum ersten Mal nach Frankreich kam. Meine Eltern und ich haben den Sommer nicht wie bisher immer an der Ostsee verbracht, sondern sind an die französische Atlantikküste gefahren. Unser Ziel war Le Verdon-sur-Mer, ein kleiner Hafen im Médoc an der Mündung der Gironde. Der nächstgrößere Ort war Soulac-sur-Mer. Dort habe ich eine fremde und unvorstellbare Welt kennengelernt.

Soulac war (und ist es noch) ein typischer Badeort mit einer Haupteinkaufsstraße und einer Strandpromenade. Jeden Freitag- und Samstagabend gab es im Sommer ein großes Feuerwerk am Strand. In der Rue de la Plage gab es Geschäfte mit Plastikwassertieren, eine Buchhandlung, in der es faszinierend nach frischen Büchern roch, ein paar Shops mit Kleidung und Schmuck und die ein oder andere Eisdiele. Aber am wichtigsten für mich als Kind war der Marché Municipale. Er fand jeden Vormittag in dieser wunderschönen Halle am Ortseingang stattfand.

Bereits die Halle an sich war ein Augenschmaus. Sie sah aus wie eine alte Bahnhofshalle, ein halbrundes Tor mit hübschen Glasfenstern darüber lud zum Betreten ein.Und darin befand sich für mich eine kulinarische Märchenwelt. Außer Obst und Gemüse gab es dort auch Wein, Salami, Oliven und Fisch. Und natürlich Käse.

Die städtische Markthalle von Soulac.

Der Käsestand war gleich links neben dem Haupteingang, wenn man von der Kirchenseite kam. Direkt vor meinen Augen bereitet sich eine unglaubliche Vielfalt an Käse aus, ich war schließlich gerade so hoch wie die Vitrine. Es gab Weichkäse, Streichkäse, Hartkäse, Ziegen-, Schafs- und Kuhmilchkäse, mit Speck umhüllten, mit Kräutern verfeinerten Käse, runden, eckigen, langen, breiten… Der Verkäufer gab mir jedes Mal ein Stückchen zum Probieren auf die Hand.

Wegen dieses Verkäufers wollte ich unbedingt Französisch als erste Fremdsprache lernen. Ich wollte meinen Käse bei dem Käsemann von Soulac auf Französisch bestellen können.

An dem weiten Strand hinter der großen Düne, die einen mittleren Fußmarsch vom Campingplatz entfernt lag, faulenzten wir fast alleine, so leer war es und es fühlte sich an, als wenn das Meer nur zu meinem Amüsement lustige Wellen machte – von der Ostsee war ich ganz andere Wellen gewöhnt.

Und ich lernte, was Essen wirklich ist. Beim Fleischer gab es mit Reis, Hackfleisch und Kräutern gefüllte Tomaten und Zucchini, die wir vor unserem Zelt auf dem Gaskocher warm machten und deren Geschmack ich noch heute auf der Zunge fühlen kann, wann immer ich daran denke. Ich merkte, dass Crevettes zu meinem Lieblingsessen gehören und Austern nach Salzwasser schmecken. Ich probierte mich durch das Käseangebot und aß Oliven, Salami mit Haselnüssen und Crêpes.

Nach diesen ersten drei Wochen war ich ein neuer Mensch. Wir fuhren so viele Jahre nach Le Verdon, bis ich auf Französisch ein Zimmer reservieren konnte.

Au revoir Atlantik, bienvenue Mittelmeer

Auf dem Gymnasium habe ich an einem Austausch nach Paris teilgenommen. Meine Austauschschülerin Anne-Claire und ich wurden dicke Freundinnen – und sind es bis heute. Von dort an fuhr ich in den Sommerferien mit ihr und ihrer Familie nach Le Bacarès, einem Ferienort am Mittelmeer, und später nach Eus, einem Dorf in den Pyrenäen. Die Ferien am Mittelmeer waren anders toll, mehr Jungs und weniger Käse.

Wir gingen jeden Abend auf die Fête Foraine, wo wir Runde um Runde Autoskooter fuhren und die ersten Zigaretten rauchten. Wir wurden zum Tanzen auf die benachbarten Campingplätze eingeladen und schliefen am Strand. Nachdem meine Freundin ein ganzes Jahr bei mir verbracht hatte, hielt man mich in einer Pariser Boutique für eine Einheimische. Ich fühlte mich gleichzeitig geehrt und auf den Arm genommen.

Aber irgendwann fing das „echte“ Leben an, und die Reiseziele konnten nicht weit genug entfernt sein. Ich reiste mit einem Kreuzfahrtschiff über den Nil und einem Wohnmobil durch Kanada, heiratete in Las Vegas und besuchte einen Freund in Kuala Lumpur. Der Horizont war groß, die Welt klein und Frankreich fast vergessen.

Der Winter der Wende

Bis zum Winter 2011. Mein Mann hatte sich im Sommer jenen Jahres bei einem Radunfall das Knie zertrümmert. Wir hatten bereits einige nervenaufreibende und beängstigende Monate hinter uns, als wir im Dezember erfuhren, dass der Knochen nicht zusammengewachsen war und er noch einmal operiert werden müsse. Doch vorher wollten wir wenigstens eine schöne Sache in diesem Jahr erlebt haben. Wir wollten Sonne und uns erholen. Bloß wo fährt man dazu hin, wenn Winter ist und man wegen eines geschienten Beins nicht in die engen Flugzeugsitze passt?

Uns kam die Côte d’Azur in den Sinn. 1.200 km wären mit dem Auto zu schaffen. Also auf nach Südfrankreich. Wir haben uns in Cannes eine Wohnung direkt am Meer gemietet und eigentlich nichts erwartet, wir waren viel zu erschöpft.

Abendstimmung in Cannes an der Côte d’Azur

Angekommen

Vom ersten Moment an hat es sich angefühlt wie Nachhausekommen. Die Gegend ist so vielseitig und die Einheimischen sind unvorstellbar herzlich! Wirklich jeder redet mit einem und mit meinem Mann sogar auf Englisch. Franzosen, die Englisch sprechen! Bis dahin unvorstellbar.

Die Menschen hier haben Zeit – wie undenkbar in Deutschland. An der Supermarktkasse heißt es nun: „Keine Eile, machen Sie ruhig langsam.“ anstatt: „Machen Sie schneller, wir müssen unsere Quote erfüllen.“ Wir haben entschleunigt, freier geatmet und wieder ein Leben sehen können. Das hatten wir seit den Anfängen unserer Selbständigkeit aus den Augen verloren.

Eine verrückte Idee…

Irgendwann ist uns die erstaunliche Menge an Immobilienmaklern aufgefallen und wir haben angefangen, deren Angebote zu bewundern. Bis ich auf eine verrückte Idee kam: Was wäre, wenn wir eine kleine Wohnung kaufen und die Winter hier unten verbringen würden? Wir müssten nur die Rechner einpacken und mit gutem Internet würde unseren Kunden gar nicht auffallen, dass wir nicht da wären, es läuft sowieso alles per Mail und Telefon. Im Sommer können wir die Wohnung dann vermieten.Mein Mann fand die Idee „ganz nett, aber unmöglich umzusetzen“.

Die Bucht von Villefranche-sur-Mer an der Côte d’Azur

Eine Woche Erkundungen und Entspannung später fand er die Idee schon „wirklich gut“ und nur noch „schwierig“ umzusetzen. Bis zum Ende unserer Reise hatten wir uns darauf geeignet, einmal probeweise ein paar Monate an der Côte d’Azur zu verbringen.

Der Strand von Cannes-La Bocca an der Côte d’Azur

… ist Wirklichkeit geworden

Das ist jetzt fünf Jahre her. Inzwischen kann mein Mann es kaum erwarten, bis wir endlich wieder in unsere kleine Wohnung nach Théoule-sur-Mer fahren können. Die Côte d’Azur ist unsere Herzensgegend. Mein Mann braucht für sein Glück die Berge und ich das Meer. Wir hätten nie für möglich gehalten, dass es auf dieser Welt ein Fleckchen gibt, wo wir beides haben können.

Die Menschen, die wir hier unten kennengelernt haben, lassen uns diese Gegend und unsere Entscheidung noch viel mehr schätzen.Sylvie, unsere Obst- und Gemüsefrau, hat immer einen Apfel für unseren Hund übrig. Mittlerweile ist nicht mehr ganz eindeutig, wer von beiden sich mehr freut, wenn wir den Laden betreten. Unser Nachbar Jean-Claude versorgt uns mit Honig seiner eigenen Bienen und bringt uns auch schon mal ein Stück Wildschweinrücken, wenn die Jagd erfolgreich war.

Das eigene Leben wiederfinden

Im Restaurant im Ort wurden wir bereits nach dem dritten Besuch mit Küsschen begrüßt. (Übrigens haben wir die Entdeckung dieses Restaurants der Lektüre eines Krimis von Christine Cazon zu verdanken. Danke, liebe Christine, es ist unser Lieblingsrestaurant geworden. Es würde mich ehrlich freuen, wenn wir uns dort mal treffen.)

Wir haben uns ein Zuhause aufgebaut, Anschluss gefunden und beglückwünschen uns immer wieder zu unserer Entscheidung. Mittlerweile möchte ich auch andere für die Côte d’Azur begeistern und meine Begeisterung für diese Gegend weitergeben.

Deswegen schreibe ich auf meinem Blog www.cotedazur-unlimited.eu über die Gegend, ihre Highlights und Besonderheiten. Mein Ziel ist es, auch anderen Menschen einen Ort aufzuzeigen, wo sie ihr Tempo wiederfinden können, wenn sie das Leben gerade mal wieder überholt.


Katrin Köberle gehört zu den inzwischen schon vielen Gastautoren, die in dieser Blogparade auf Mein Frankreich.com ihre Verbundenheit zu Frankreich vorstellen – ihre ganz persönlichen Erfahrungen mit Frankreich, Erlebnisse, Gedanken.

Ich freue mich, wenn  viele von euch ihrem Beispiel folgen und ihre Texte euch zum Mitmachen inspirieren. Ob kurz oder lang, Prosa oder Lyrik, nur Fotos oder nur Text: Schickt mir eine Mail an info at maunder punkt de! Die Beiträge werden in loser Folge veröffentlicht. Alles bisherigen Artikel findet ihr hier.

 

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