La baie de la Somme: schönste Bucht der Picardie

Warum machen wir nicht hier noch einen kleinen Schlenker, ehe es auf die A16 gen Norden geht? Was auf der Karte wie ein kleiner Abstecher zum Abschluss aussah, entpuppte sich als erstes als: Endlosstau.

Dicht an dicht schob sich die Fahrzeugschlange auf der D940 durch flaches Land mit Salzmarschen, Schlickzonen und weitem Blick. Eine Landschaft, karg und weit, Natur pur.

Was wollen die hier nur alle Sonntag Abend? Als Norddeutsche, denen solche amphibischen Landschaften von der Küste vertraut sind, standen meiner Tochter und mir mehr als eine Stunde das Fragezeichen im Gesicht. Entnervt vom Stop & Go bogen wir ab nach Le Crotoy, und landeten im nächsten Stau.

Diesmal kam er uns allerdings entgegen: Die Franzosen, die mittags ausgiebig im picardischen Fischerdörfchen ausgiebig geschlemmt hatten, fuhren jetzt heim. Die Restaurants servierten, obgleich erst früher Abend, die letzten Getränke, säuberten die Tische und meinten: pas de dîner ici. Abends wird hier an der Somme-Mündung wohl nichts mehr serviert…

Muscheln & Lamm: schlemmen à la Somme

Mittags jedoch hatten die moules frites Hochsaison gehabt… Hinter der Kaimauer zeigt sich, warum das winzige Dörfchen eine Hochburg des Strand- und Seafoodtourismus war. Vor uns breitete sich der Ästuar der Somme aus, als weite Landschaft mit Watt und Strand, Prielen und Watvögeln, die nach Würmer pickten.

In der Ferne sahen wir Schafe in großen Herden über die Salzwiesen und Niederungen ziehen. Frei und ungebunden durchquerten sie den weiten Fluss, weideten auf Wiesen, die im Wechselspiel der Tiden ganz natürlich mit Salz gewürzt wurde. Diese natürliche Salznote macht die Lämmer zu einer begehrten Spezialität der französischen Küche: l‚agneau présalé: köstlich!

Vor uns ließen  Väter ließen mit ihren Söhnen bunte Drachen steigen. Freundinnen saßen im Sand, klönten und lachen. Ein paar Jogger, ein paar Strandläufer, Mütter mit Kinderwagen, im Sand buddelnde Kinder – Szenen, wie gemalt. Und sehr französisch. Quel bonheur!

Inzwischen sind wir immer wieder hier vorbei gekommen, sind mal länger, mal kürzer beim Pendeln geblieben, Und haben einiges entdeckt, was hier jetzt ergänzt sei.

Ein Grand Site de France

Seit 2011 gehört auch die Mündungsbucht der Somme zu den Grands Sites de France. Den besten Einstieg bietet das Besucherzentrum Maison de la Baie de Somme, Es stellt die 250 Vogelarten, die im Mündungsgebiet der Somme rasten, nisten oder leben, in ihrer natürlichen Umgebung vorstellt.

Im Museumsshop gibt es regionale Produkte, das ganze Jahr hindurch die unterschiedlichsten Frührungen und Aktivität. Auch die Radrouten durch die vielen Salzmarschen und Wiesen, Fischerdörfer und Badeorte beginnen dort.

Richtig sportlich wird am 14. September an der Baie de la Somme gestrampelt, wenn Radprofis und Amateure in Abbéville zur Ronde Picarde durch Bucht starten – gegen die Uhr auf 191 und 128 km-Strecken. Oder ganz gemütlich bei der 50 km langen „Rando“.

Entspannung und Genuss verbinden jeden Sonnabend vom 21. April bis 21. September die Dîners auf der Schienen der Chemin de fer de la Baie de Somme. Seit 1887 rattert die Schmalspurbahn mit roter Dampflok und bunten Waggons von Cayeux-sur-Mer bis nach Le Crotoy einmal rund um die weite Bucht und eröffnet Ausblicke, die von der Straße, beim Wandern oder Radfahren nicht zu erleben sind.

Vögel kieken!

Am Leuchtturm von Le Hourdel starten „verrotières“, früher Fischer zu Fuß, heute als Naturführer zu Ausflügen, verraten, welche Pflanzen und Tiere Dünen und Watt bewohnen und lassen Legenden aufleben. An das Leben von einst Brandenten, Löffelreiher,

Graureiher und Schnepfen tummeln sich im 250 ha großen Parc Ornithologique du Marquenterre – bei Flut sind die Aussichten für Bird Spotter entlang der Lehrpfade und Beobachtungshütten im Vogelschutzgebiet am besten! Die Rückkehr der Zugvögel und den Beginn der Brut feiert seit 29 Jahren alljährlich im April das „Festival de l’oiseau et de la nature“.

Im Spiel des Lichts und der Gezeiten erfindet sich die amphibische Landschaft immer neu und lockte schon früh die Maler. Edgar Degas, Eugène Boudin und Georges Seurat logierten im mittelalterlichen Städtchen Saint-Valery-sur-Somme und malten Werke, die weltberühmt wurden.

Den Parfümeur Guerlain inspirierte die wechselnden Schattierung von Blau, Purpur und Violet, die in der Dämmerung die Bucht in magisches Licht tauchen, zu seinem berühmten Parfum „L’Heure Bleue“.

Mekka der Strandsegler

Wie sie damals die Somme-Bucht erlebt haben müssen, lässt das Musée Picarvie ahnen, das als Replik eines picardischen Dorfes aus dem 19. Jahrhundert 40 Berufe und Werkstätten vorstellt: Hier eine Schlosserei, dort die Schmiede, die Korbmacherei, die Schule mit ihren Holztischen, und auch das Café, in dem das Grammophon steht, fehlt nicht!

Le Crotoy ist das Mekka der Strandsegler, die bei Ebbe über den Meeresboden sausen. Das Meer ist das Lebenselexir des Ortes, in dem noch immer die Fischer mit ihren Kuttern hinausziehen. Nicht immer kehren sie sicher zurück.

Die Fête de la Mer, die Crotoy alljährlich Anfang August feiert, ist daher mehr als ein maritimes Volksfest mit Umzug und Parade, Markt und Ball. Sondern auch Fest, dass das Meer segnen, um Schutz für die Fischer bittet – und daher mit einer Messe beginnt. Die anschließende Prozession mit Gesang der Marseillaise am Denkmal der Seeleute endet im Hafen.

Dort dampft es bereits allerorten aus großen mobilen Töpfen und Pfannen. Mittagszeit mit „moules frites“ –die Miesmuscheln sind an der Somme-Bucht das Nationalgericht.

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