So viel Frankreich steckt in… Magdeburg

Magdeburg: Dom mit weißer Flotte
Blick über die Elbe auf Magdeburg mit dem Dom. Foto: MMKT/Andreas Lander

Groß war der Treck, sehr groß: Mehr als 1000 Menschen erreichten 1689 Magdeburg. Es waren Hugenotten, die vor den Franzosen aus Mannheim geflohen waren. 1685 hatte Kurfürst Friedrich Wilhelm das Potsdamer Edikt erlassen und ihnen Religionsfreiheit zugesichert. Heimlich als Flugblatt in Frankreich verteilt, war es weniger eine Geste der Toleranz als eine geschickte Anwerbe-Aktion: Brandenburg-Preußen benötigte dringend Fachkräfte, Unternehmer und Handwerker, um die Wirtschaft in Schwung zu bringen.

Es war verlockend, was der Kurfürst den Glaubensflüchtlingen versprach. Zehn Jahre Befreiung von der Steuer, kein Militärdienst und Fördergelder für Häuser und Werkstätten. Neun Städte wurden besonders für die Ansiedlung empfohlen. Mit dabei: Magdeburg – die Stadt an der Elbe wurde nach Berlin die bedeutendste und größte Kolonie.

Bereits am 27. Dezember 1685 traf der erste Trek mit 50 Hugenotten ein. Unter ihnen waren auch die Gruson, eine alten Familie aus Nord-Pas-de-Calais. Einer ihrer Nachfahren, Herman Gruson, begann 1860 eine exotische Pflanzensammlung unter Glas, die seit 1896 die Öffentlichkeit bestaunen kann: die Gruson-Gewächshäuser.

Eine Kolonie der Hugenotten

1703 lebten bereits fast 1400 Menschen in der Colonie Française de Magdebourg, einem abgesonderten Gemeinwesen unter dem Schutz des Kurfürsten. Angesiedelt im Bereich des Knattergebirges, war es  unabhängig von der Stadt – und verfügte über ein eigenes Rathaus, eine Verwaltung, Gericht genannt und auch über eine eigene Bürgergarde .

Willkommen waren die Fremden im lutherischen Magdeburg nicht. „Sie sind Kerzer“, sagten die Einheimische über die calvinistischen Neuankömmlinge  – und gewährten ihnen nicht, was zugesagt worden war… Freundlicher aufgenommen wurden drei Jahre später die aus der Pfalz eingewanderten Kolonisten, die so genannte Wallonische oder Pfälzer Kolonie1690 wurde die Wallonerkirche auf den Befehl des Kurfürsten an die Glaubensflüchtlinge übergeben.

Viele französische Hugenotten waren zunächst arm und ernährten sich nur mühsam mit Näharbeiten; auch waren die neu gegründeten Manufakturen anfangs kaum erfolgreich. Für Irritationen sorgte auch die Tatsache, das oft Frauen bei den Hugenotten die Haushaltsvorstände waren.

Hauptstadt des Département de l’Elbe

100 Jahre später ist es wieder Frankreich, dass die Geschichte der Stadt prägt. 1806 kapituliert Festungsgouverneur General von Kleist mit 20 Generälen, 800 Offizieren und über 20.000 Soldaten sowie mit 800 Kanonen nach fast dreiwöchiger Belagerung vor nur 7.000 Franzosen. Magdeburg wird dem Königreich Westfalen einverleibt und zur Hauptstadt des Département de l’Elbe bestimmt.

Bis 1814 dauert die französische Fremdherrschaft in Magdeburg. Ihre Spuren sind trotz der Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges erhalten. Die Luftangriffe der Briten hatten im  die Innenstadt zu 90 Prozent, die gesamte Stadt zu 60 Prozent zerstört. Im dritten Jahrtausend begann Magdeburg daher 2009 erste offizielle Kontakte mit einer Stadt, die ein ähnliches Schicksal erlitten hatte: Le Havre. Am 9. Mai 2011 wurden sie mit einer offiziellen Partnerschaft besiegelt.

Kultur verbindet

Seitdem gibt es Bürgeraustausche, Kontakte in Wirtschaft, Politik, Sport und Kultur – und  erstaunlich viele frankophile Veranstaltungen. Magdeburg war 2003 die erste Stadt in Sachsen-Anhalt, die Fête de la Musique feierte. 2007 folgte Halle/Saale, 2009 Quedlinburg. 2010 gründete sich das Netzwerk Fête de la musique Sachsen-Anhalt. Heute verbindet es elf sachsen-anhaltische Städte.

Dessau, Halle und Magdeburg feiern alljährlich im April gemeinsam die Französische Filmwochen Sachsen-Anhalt. Von Ende Juni bis Mitte Juli beherrscht die FRANKO.FOLIE das Geschehen im Kulturzentrum Moritzhof mit Musik, Konzerte, Filme, Theater, Literatur und Gastronomie. Abends könnt ihr bei Führungen zu Fuß die französische Spuren vonarnot, Gruson und Duvigneau in Magdeburg entdecken.

Frankreich prägt Leserunden und Märchenstunden, macht ein Jugendtheaterprojekt möglich, Fotowettbewerbe und Kongress – und ist Partner des Internationalen Figurenfestival Magdeburg Blickwechsel.

Unterstützt werden die Akteure nicht nur von Partner vor Ort, sondern auch von der Landesregierung und dem Institut français Sachsen-Anhalt, 2003 als Antenne Culturelle Sachsen-Anhalt zur Intensivierung der Beziehungen zwischen Frankreich und Sachsen-Anhalt auf kulturellem Gebiet gegründet und seitdem bei der Staatskanzlei in Magdeburg angesiedelt. 2011 erfolgte die Umbenennung ins Institut français. Sein Leiter ist seit März 2018 Benjamin Kurc. Er löste Damien Chapuis ab, der das Amt seit 2015 innehatte – und zuvor beim IF Dresden tätig gewesen war. Kurc, 30 Jahre jung aus Nancy, war nach dem Studium in Berlin, Madrid und Warschau Philosophie und Geschichte  u. a. für die Friedrich-Ebert-Stiftung in Warschau tätig gewesen. Bekannter ist er vielleicht als  Mitgründer der Organisation Vote&Vous.

Bildung zieht nach

Die Kultur war in Magdeburg der wichtigste Motor für den Aufbau und die Wiederbelebung der deutsch-französischen Beziehungen. In den letzten Jahren hat die Bildung nachgezogen. Seit 2016 hat das Hegel-Gymnasium das Lycée Porte Océane als Partnerschule in Le Havre, die Integrierte Gesamtschule (IGS) „Regine Hildebrandt“ ist mit dem dortigen Lycée Schuman-Perret verbandelt. Bereits eine langjährige Tradition ist der Austausch des Magdeburger Georg Philipp Telemann-Konservatoriums mit der Musikschule des Seine-Hafens. Über das ERASMUS-Programm der EU können Studenten der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg in Frankreich studieren.

Sportlicher Ehrenbotschafter

Eng verbunden mit der Landeshauptstadt an der Elbe ist auch ein französischer Handballspieler aus Martinique: Joël Marc Abati (* 25. April 1970 in Fort-de-France). Zehn Jahre lang – vom 1. Juli 1997 bis zum 30. Juni 2007 – verteidigte er als Rechtsaußen oder Rückraum rechts in der Handball-Bundesliga das Tor des SC-Magdeburg. Als er sich aus dem Profisport verabschiedete, wurde er zum Ehrenbotschafter der Elbestadt ernannt und im Dezember 2007 als siebter Spieler in die Ruhmeshalle des SC Magdeburg aufgenommen.

Frankreich & Magdeburg: Was für Verbindungen!

Association Le Havre – Magdebourg

Der Freundschaftsverein der französischen Partnerstadt Le Havre unterstützt aktiv vor allem den Austausch der Bürger.
• www.facebook.com/lehavremadgebourg

Au Clair de la Lune

„Mit einer zweiten Sprache schenken wir den Kindern eine zweite Sichtweise auf die Dinge und die selbstverständliche Gegenwart einer zweiten Kultur“, sagt die Elterninitiative, die 2001 die mehrsprachige Kindertagesstätte von Magdeburg gründete und seitdem ein Stück Europa an der Elbe lebt. Rund 80 Kinder von einem Jahr bis zur Einschulung werden dort betreut, hören deutsch wie französisch – und führen dann und wann ein kleines Theaterstück auf Französisch auf.
www.auclairdelalune.de

Deutsch-Französische-Gesellschaft Magdeburg

Die Deutsch-Französische Gesellschaft Magdeburg e. V. setzt sich für die Pflege der deutsch-französischen Beziehungen auf kulturellem, wirtschaftlichem und sozialem Gebiet ein. Dies geschieht durch regelmäßige Informations- und Begegnungsangebote, Kunst- und Kulturaustausch  und die Förderung der französischen Sprache. Besondere Aufmerksamkeit widmet die DFG der Veriefung der Kontakte zur französischen Partnerstadt Le Havre und der Association Le Havre – Magdebourg. Im Einewelthaus wird die Fête de la Chandeleur mit einem Crêpesessen gefeiert, am Turmpark trifft man sich zum Legen der Boules.
https://dfg-magdeburg.de

France-Italia

Pizza oder Flammkuchen, Kaninchenfilet mit Sauce Choron oder Kalbsleber alla veneziana? Die Speisekarte hält konsequent die Balance zwischen beiden Länderküchen, und führt neben typischen aus seltene Spezialitäten: Appetit auf Froschschenkel?
http://france-italia.de

Institut français de Magdeburg

Die Instituts français gehört seit 2011 zu den mehr als 200 Einrichtungen weltweit, die sich auf internationaler Ebene für die Verbreitung der französischen Sprache und Kultur sowie für die Weiterentwicklung des interkulturellen Austauschs einsetzen.
• https://sachsen-anhalt.institutfrancais.de

Pierre Trudeau-Grundschule

Sie hört zu den bisher fünf Schulen in Deutschland, die das vom französischen Bildungsministerium verliehene Qualitätslabel FrancEducation tragen.
www.ecole-stiftung.de


Wie viel Frankreich steckt in Deutschland? Das verrät euch meine neue Blogparade, die in Kooperation mit der Vereinigung der Deutsch-Französischen Gesellschaften für Europa (VDFG) das Jahr der Frankophonie 2018 begleitet. Alle bisherigen Beiträge findet ihr hier.

Ihr wollt, dass ich auch eure Stadt und ihre Verbindungen mit Frankreich vorstelle? Dann schreibt mit eine Mail! Ich freue mich auf ganz viele Tipps und Infos. Und sage: MERCI!

4 Kommentare

  1. Noch eine Ergänzung: Der französische Politiker und Wissenschaftler Lazare Carnot kam im Jahr 1816 als Emigrant aus Frankreich nach Magdeburg. Er war eine der berühmtesten Persönlichkeiten seines Heimatlandes, in Magdeburg befreundet mit Gruson, Melin und Nathasius, bekannt mit dem Philosophen Hegel. In Magdeburg war Lazare Carnot unter anderm auch Ratgeber in Festungsfragen. Bis zu seinem Tod im Jahr 1823 lebte er in Magdeburg und bereicherte die Stadt in vielerlei Hinsicht. Der Künstler Heinrich Apel schuf ihm eine Stele im Nordpark und auch in der Magdalenenkapelle wird Carnot bis heute durch eine Gedenktafel geehrt. Erfahren Sie mehr über Lazare Carnot in Magdeburg auf einem Stadtspaziergang. mit Gisela Opitz.

    Die Spurensuche beginnt am Nordpark/Ecke Pfälzer Platz und endet an der Magdalenenkapelle.

    Die Führung wird veranstaltet von der VHS Magdeburg. Kosten: 6 Euro

    Diese Führung wurde im letzten Jahr im Rahmen der Frankofolie in Magdeburg angeboten. Für dieses Jahr steht das Programm noch nicht.
    LG, Elke Kunze

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